Pädagogischer Umgang im Alltag mit traumatisierten weiblichen Jugendlichen in einer stationären Wohngruppe


Diplomarbeit, 2005

148 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. THEORIEBEZOGENER TEIL
1. Definitionen
1.1 Pädagogischer Umgang/ Pädagogisches Handeln
1.2 Alltag
1.3 Trauma
2. Arten von Traumata
3. Welche Erfahrungen können als Trauma bezeichnet werden?
3.1 Kindesmisshandlung
3.2 Sexuelle Gewalt
3.3 Körperliche Gewalt
3.4 Psychische Gewalt
3.5 Traumatische Trennung
3.6 Vernachlässigung/ Deprivation
3.7 Häusliche Gewalt
4. Exkurs: „Traumatisierte Kinder erziehungsunfähiger Eltern“
5. Folgen einer Traumatisierung
5.1 Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
5.2 Psychische und soziale Folgen
5.3 Körperliche und psychosomatische Folgen
5.4 Hirnorganische Schäden
5.5 Reviktimisierung
5.6 Reinszenierung
6. Abwehrmechanismen
6.1 Autoaggression
6.2 Sexualisiertes Verhalten bis hin zur Prostitution
6.3 Dissoziation
6.4 Autarkie
6.5 Hyperaktivität
6.6 Totstellreflex
7. Die Aufgaben der Pädagogik im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen
7.1 Vorausgehende Maßnahmen, um ein Trauma zu bearbeiten
7.1.1 Die Bedürfnispyramide nach Maslow
7.1.2 Eine umfassende Anamnese erstellen
7.1.3 Das Herstellen von Normalität
7.1.4 Konstante Bezugspersonen und Bezüge
7.2 Pädagogische Möglichkeiten, um ein Trauma zu bearbeiten
7.2.1 Aktives Zuhören
7.2.2 Die Selbstfindung unterstützen
7.2.3 Geschlechtsspezifische Arbeit
7.2.4 Elternarbeit
7.2.5 Biografiearbeit
7.2.6 Trauerarbeit
7.2.7 Sexualerziehung
7.2.8 Traumatische Übertragungen und Flashbacks vermeiden
7.2.9 Die sieben Schritte zur Bearbeitung
7.3 Das Zusammenspiel von Pädagogik und Therapie
7.4 Grundkompetenzen der PädagogInnen
7.5 Übungen
7.5.1 Übung „Innerer Garten“
7.5.2 Übung „An Erfolg denken“
7.5.3 Atemübung
7.5.4 Übung zur Muskelentspannung
7.5.5 Übung „Gepäck ablegen“
7.5.6 Übung „Achtsamkeit üben- Atmung spüren“
7.5.7 „Sinnlosigkeitsübung“
7.5.8 „Tresorübung“
7.5.9 Übung „Gefühlen eine Gestalt geben“

II. EMPIRISCHER TEIL
8. Die stationäre Wohngruppe Anne Frank
8.1 Die Anne Frank als Teil einer großen Jugendhilfeeinrichtung
8.2 Das Klientel
8.3 Der Tagesablauf
9. Untersuchung zum pädagogischen Umgang im Alltag mit traumatisierten
Mädchen in einer stationären Wohngruppe
9.1 Hypothesen
9.2 Die Forschungsmethoden
9.3 Die Aktenanalyse
9.3.1 Vorgehensweise
9.3.2 Ziel der Untersuchung
9.3.3 Qualität der Untersuchung
9.3.4 Darstellung der Ergebnisse
9.3.5 Auswertung der Ergebnisse
9.4 Das problemzentrierte Interview
9.4.1 Befragter Personenkreis
9.4.2 Begründung des Interviewleitfadens
9.4.3 Auswertungskategorien
9.4.4 Darstellung der Ergebnisse
9.4.5 Auswertung der Ergebnisse

III. SCHLUSSBETRACHTUNG

Glossar

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Ich arbeite in einer stationären Mädchenwohngruppe.

Dort habe ich bei einem meiner Nachtdienste vor ca. 4 Monaten zufällig ein Buch über Traumata in die Hände bekommen. Es ist von Wilma Weiß und heißt „Philipp sucht sein Ich- zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen“. Ich habe darin geblättert und bin auf Dinge gestoßen, genauer gesagt auf darin beschriebene Verhaltensweisen, die mir aus der Arbeit mit den Mädchen in der Wohngruppe bekannt vorkamen. Ich habe plötzlich manches Verhalten der Mädchen, das ich vorher als trotzig- pubertär abgetan hatte, besser verstanden und realisiert, dass es Auswirkungen eines Traumas sein könnten. Der enge Bezug zu meiner Arbeit in der stationären Wohngruppe hat mein Interesse für das Thema Trauma geweckt.

Natürlich gibt es in meiner Einrichtung eine Therapeutin, zu der jedes Mädchen einmal in der Woche geht und die Möglichkeit hat, über traumatische Erlebnisse oder sonstiges zu sprechen. Trotzdem sind meine Kolleginnen und ich es, die im Alltag mit den Mädchen zusammen sind, die Auswirkungen von Traumatisierung zu spüren bekommen, damit umgehen und Hilfestellung zu deren Bearbeitung geben müssen.

Das Wissen über die verschiedenen Arten von Traumata und der vielschichtigen Auswirkungen, sind eine Grundlage für eine angemessene Hilfe, bzw. eine angemessene Reaktion.

Pädagogischer Umgang im Alltag mit traumatisierten weiblichen Jugendlichen in einer stationären Wohngruppe- so lautet mein Thema für diese Arbeit.

Es handelt sich hierbei um eine Bestandsaufnahme. Ich möchte untersuchen, ob pädagogisches Handeln in Situationen, in denen die Auswirkungen einer Traumatisierung zu spüren sind im Gruppenalltag überhaupt möglich ist und wenn ja, wie und in wie weit.

Es zeigt sich bei diesem Thema auch eine Relevanz für unsere Gesellschaft.

Für den Großteil der Gesellschaft kommen nur „schwererziehbare“ Mädchen und Jungen ins Heim. Das ist eine stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibung, die nicht der Realität entspricht. In der Öffentlichkeit wird nicht wahrgenommen, dass Heimerziehung eine weitaus größere Bedeutung hat, als ihr zugeschrieben wird. Kinder und Jugendliche, die sexuelle, körperliche oder psychische Gewalt erfahren oder lebensbedrohlicher Vernachlässigung ausgesetzt sind, können nur im Rahmen der stationären Jugendhilfe geschützt werden.

Zudem sind die meisten Traumatisierungen von Menschen verursacht. Die traumatisierten Kinder und Jugendlichen sind also als Teilbereich der Gesellschaft ebenfalls Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Standards, „Produkte“ unserer Gesellschaft.

Meine Arbeit dient also unter anderem der Aufklärung und soll versuchen, Vorurteile und die gesellschaftliche Tabuisierung des Themas zu bekämpfen.

Momentan erfolgen immer mehr Kosteneinsparungen im sozialen Bereich, d.h. es werden zuerst alle Maßnahmen „probiert“, bevor Heimerziehung als Alternative in Erwägung gezogen wird.

Meine Arbeit soll zeigen, dass stationäre Jugendhilfemaßnahmen nicht wegzudenken sind und mehr in sie investiert werden sollte, denn wie oben schon erwähnt, können nur sie den Schutz von Kindern und Jugendlichen, die traumatische Gewalt in der Familie erfahren, gewähren.

Zu Beginn meiner Arbeit definiere ich die Begriffe „Pädagogischer Umgang“/ „Pädagogisches Handeln“, „Alltag“ und „Trauma“.

Danach möchte ich im 2. Kapitel klären, zwischen welchen Arten von Traumata unterschieden wird. Ich werde hierbei zwischen einmalig/ plötzlich, fortdauernd/ wiederholt und menschengemacht/ nicht menschengemacht unterscheiden.

Im 3. Kapitel erkläre ich, welche Erfahrungen als Trauma bezeichnet werden können. Ich werde hierbei nur auf die Erfahrungen ausführlich eingehen, die für meine Arbeit in der stationären Mädchenwohngruppe relevant sind. Die übrigen werde ich nur namentlich nennen.

Im Anschluss daran wird im Kapitel 4 ein Exkurs zum Thema „Erziehungsunfähige Eltern“ folgen, der Aufschluss darüber gibt, wieso manche Eltern an ihren Kindern traumatische Gewalt ausüben.

Kapitel 5 beschreibt die Folgen einer Traumatisierung. Ich werde auf die Posttraumatische Belastungsstörung, sowie auf verschiedene psychische und soziale, körperliche und psychosomatische Folgen und auf mögliche hirnorganische Schäden eingehen.

Im 6. Kapitel habe ich mich mit Abwehrmechanismen beschäftigt. Näher beschreiben werde ich die Abwehrmechanismen Autoaggression, sexualisiertes Verhalten, Dissoziation, Autarkie, Hyperaktivität und den Totstellreflex, die mir aus meiner Arbeit in der stationären Wohngruppe bereits bekannt sind.

Ab dem Kapitel 7, das die Aufgaben der Pädagogik im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen benennt, kommen wir zum Schwerpunkt meines theoriebezogenen Teils. Zunächst werde ich ausführlich darauf eingehen, welche Möglichkeiten und Methoden die Pädagogik im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen hat. Daran anschließen werden sich im Kapitel 7.3 etwas über die Zusammenarbeit der Pädagogik und der Therapie, im Kapitel 7.4 werden die Grundkompetenzen der PädagogInnen aufgeführt und zum Schluss folgen in 7.5 mehrere Übungen.

Im darauf folgenden empirischen Teil der Arbeit werden in Kapitel 8 zunächst die Jugendhilfeeinrichtung und die Wohngruppe vorgestellt, in der ich arbeite, sowie das Klientel und der Tagesablauf der Wohngruppe.

Anschließend werden in der Untersuchung zum pädagogischen Umgang im Alltag mit traumatisierten Mädchen in einer stationären Wohngruppe Hypothesen gebildet.

In Kapitel 9.2 werden die Forschungsmethoden der Untersuchung beschrieben. Hierbei werden die von mir gewählten Untersuchungsgegenstände begründet.

Anschließend werden zunächst die Ergebnisse der Aktenanalyse dargestellt und ausgewertet, danach folgt die Darstellung und Auswertung der Ergebnisse des Interviews.

In der Schlussbetrachtung folgen meine eigene Position zum Thema der Arbeit, sowie Verbesserungsvorschläge für die Arbeit mit traumatisierten Mädchen.

Am Ende der Arbeit steht ein Glossar, der zum besseren Verständnis einige Begriffe näher erläutert. Dieses Zeichen - weist auf solch eine Begriffserklärung hin.

I. Theoriebezogener Teil

Im Teil I der Arbeit möchte ich nun theoretische Grundlagen zur Thematik erläutern.

Der Einfachheit halber benutze ich hauptsächlich die männliche Ausdrucksform, z. B. Betroffener und nenne überwiegend den Begriff der Jugendlichen (was nicht bedeuten soll, dass nicht auch Kinder oder Erwachsene betroffen sein können), da in der Wohngruppe, in der ich arbeite, ausschließlich Jugendliche leben.

1. Definitionen

1.1 Pädagogischer Umgang/ Pädagogisches Handeln

Mit pädagogischem Umgang, bzw. Handeln ist ein Handeln gemeint, dass sich auf die (Sozial-) Pädagogik bezieht und sich an ihr orientiert. Beschrieben wird sie „als jene Praxis (…), in der tagtäglich sozialarbeiterische und sozialpädagogische Arbeit geleistet wird.“ (Vgl. FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2002, S. 842). (Sozial-) Pädagogik bedient sich den drei klassischen Methoden der Einzelfallhilfe, der Gruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit. „Sie begleitet, berät, unterstützt, pflegt und betreut Personen, die der

Hilfe bedürfen, sie versucht aber auch soziale Situationen bzw. die sozialen Bedingungen des Lebens zu verändern.“ (Vgl. FACHLEXIKON DER SOZAIELN ARBEIT 2002, S. 844)

1.2 Alltag

Gemeint ist hier der alltägliche Umgang mit den Mädchen in der Wohngruppe. Tag für Tag, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr- außer die Mädchen sind in der Schule oder in der Beurlaubung bei den Eltern.

Was mit Alltag gemeint ist, wird zusätzlich in Kapitel 9.3 deutlich, in dem der Tagesablauf in der Wohngruppe beschrieben wird, um die es in dieser Arbeit geht.

1.3 Trauma

Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im - ICD-10 (Klassifikationshandbuch psychischer Störungen):

Ein Trauma ist „ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaß (kurz- oder langanhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde.“ (Vgl. WEIß 2003, S. 19)

Definition nach dem Fremdwörterduden:

„1. Seelischer Schock, starke seelische Erschütterung, die einen Komplex bewirken

kann.

2. Wunde, Verletzung durch äußere Gewalteinwirkung.“ (Vgl. DUDEN 1990, S. 790)

Nach Scheuerer- Englisch:

„Es handelt sich um eine einmalige oder fortdauernde Erfahrung,

- die zu einer psychischen Verletzung führt und
- die für das Kind überwältigend und mit seinen psychischen und physischen

Möglichkeiten nicht kontrollierbar ist und

- die Todesangst und Angst vor Vernichtung des physischen Selbst auslöst und
- bei der das Kind in der Situation auf niemanden zurückgreifen kann, bei dem es

Schutz oder Hilfe erfährt.“ (Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html)

Allgemein lässt sich sagen, dass das Wort Trauma aus dem Griechischen kommt und schlicht „Verletzung“, „Wunde“ bedeutet. Es handelt sich hierbei um das psychische Trauma, das auch als seelische Verletzung bezeichnet werden kann.

Es wird hervorgerufen durch Ereignisse, bei denen das eigene Leben und die körperliche Gesundheit bedroht sind, und durch die die Anpassungsstrategien des Menschen überfordert werden, da weder Kampf noch Flucht (- Fight or Flight) möglich sind.

Das traumatische Erlebnis steht im Zusammenhang mit Gefühlen intensiver Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Machtlosigkeit, Entsetzen, Verwirrung und einem massiven

emotionalem Schockgefühl. Die eigene Person, andere Menschen, die Sinngebung und die Welt werden in Frage gestellt. Es kommt zu einer dauerhaften Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis. (Vgl. WEIß 2005, S. 19)

„Aufgrund ihrer Beschaffenheit und ihrer prägenden Wirkung auf die Persönlichkeit können traumatische Erfahrungen die Erwartungen in bezug auf die Welt, das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in zwischenmenschlichen Interaktionen und das persönliche Integritätsgefühl des Kindes verzerren.“ (Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 266)

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder Jugend haben Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentfaltung, sowie auf die moralische Entwicklung und den Übergang zum Jugend-, bzw. Erwachsenenalter. Es kann u.a. zu Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen, wie z. B. das - Borderline- Syndrom kommen, aber auch zu Identitätsstörungen (früher: multiple Persönlichkeitsstörung). Allgemein wird die Vulnerabilität eines Menschen erhöht. Das bedeutet, dass er für Schwierigkeiten empfänglicher wird. Ein Mensch entwickelt umso häufiger Probleme, je intensiver und langandauernder eine Traumatisierung stattgefunden hat. (Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 266)

Traumatische Ereignisse sind Grenzerfahrungen (Vgl. BUTOLLO 1999, S. 110). Die Auswirkungen des Traumas hängen von den intrapsychischen Bedingungen des Betroffenen ab. Auch sind die äußeren Umstände entscheidend, ob das Erlebnis langfristig gut verarbeitet werden kann oder nicht. (Vgl. FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2002, S. 981)

Ein und dasselbe Ereignis kann bei einer Person A zu einer Traumatisierung führen, während Person B das Ereignis zwar als traumatische Phase erlebt, es jedoch so weit verarbeitet, dass keine längerfristigen Folgen auftreten.

Das liegt an den Schutz- oder protektiven Faktoren, die zur Bewältigung beitragen. Dazu gehören z. B. Bezugspersonen, denen man sich anvertrauen kann, von denen man Zuwendung bekommt, die einem Glauben schenken, die das Erlebnis nicht tabuisieren, durch die man vor weiteren Erfahrungen dieser Art geschützt wird, sowie ein gesundes Selbstwertgefühl, und dass der Betroffene sich nicht selbst die Schuld für das Erlebnis gibt. (Vgl. KENNERLEY 2000, S. 22f)

Im Gegensatz dazu gibt es auch Risikofaktoren, die dazu führen können, dass eine Situation zu einer Traumatisierung führt. Dazu gehören u.a. eine instabile Persönlichkeit, kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und eine belastende Vorgeschichte. (Vgl. Skript TRAUMA 2004, S. 4f) Siehe dazu Tabelle 1 im Anhang.

Man spricht nur dann von einem Trauma, wenn die Auswirkungen, die im Kapitel 6 beschrieben werden, länger als einen Monat auftreten. (Vgl. Skript TRAUMA 2004, S. 1)

Typische Anzeichen für ein Trauma sind wiederkehrende Bilder und Erinnerungen an das traumatische Erlebnis, sowie eine erhöhte Aggressionsbereitschaft, kein Gefühl mehr für Grenzen zu haben und gefährliche Situationen zu provozieren, ein großer Verlust des Selbstwertes und –vertrauens, sowie der –kontrolle. (Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 427f) Durch die wiederkehrenden Erinnerungen bleiben traumatisierte Menschen auf die Vergangenheit fixiert und können sich den gegenwärtigen Geschehnissen nicht widmen. (Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 27)

2. Arten von Traumata

Man kann Traumata nach unterschiedlichen Kriterien kategorisieren:

- Menschengemacht:

dazu zählen z. B. Vergewaltigungen, körperliche und psychische Gewalt,

emotionale Verwahrlosung, aber auch Autounfälle, Mobbing und Folter

- Nicht menschengemacht:

dazu zählen z. B. Krankheiten, Naturkatastrophen und der plötzliche Tod von

vertrauten Menschen

- Einmalig/ plötzlich:

kurzfristige traumatische Einzelereignisse, wie z. B. eine einmalige

Vergewaltigung

- Fortdauernd/ wiederholt:

länger andauernde oder gehäufte Traumata, wie z. B. im Kontext eines

jahrelangen Missbrauchs

(Vgl. www.trauma-informations-zentrum.de)

Weiter wird unterschieden zwischen:

- Primärer Traumaerfahrung am eigenen Leib
- Sekundärer Traumaerfahrung als Beobachter
- Tertiärer Traumaerfahrung als empathischer Zuhörer

Letztlich wird unterschieden zwischen:

- Innerfamiliärer Verursachung
- Außerfamiliärer Verursachung

(Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 425)

Für diese Arbeit sind besonders die menschengemachten, primären Traumaerfahrungen durch innerfamiliäre Verursachung von großer Bedeutung.

3. Welche Erfahrungen können als Trauma bezeichnet werden?

Ich werde hier nur auf die Erfahrungen ausführlich eingehen, die für meine Arbeit in der Wohngruppe eine wichtige Rolle spielen. Die übrigen werde ich nur kurz benennen.

Die Reihenfolge der aufgeführten Erfahrungen sagt nichts über deren auftretende Häufigkeit aus.

3.1 Kindesmisshandlung

Kindesmisshandlung ist der Oberbegriff für die Subsumierung der verschiedenen Misshandlungsformen der körperlichen, psychischen und sexuellen Gewalt. Häufig treten mehrere Formen zeitgleich auf. (Vgl. EGLE 1997, S. 139)

3.2 Sexuelle Gewalt

Die sexuelle Gewalt beinhaltet verschiedene Erscheinungsformen.

Die intensivste Form ist der erzwungene orale, anale oder vaginale Geschlechtsverkehr durch Eltern, Verwandte, Bekannte, Freunde oder auch Fremde, und das orale Befriedigen des Täters durch das Opfer.

Zu den leichteren Formen des sexuellen Missbrauchs zählen Exhibitionismus, anzügliche Bemerkungen, das „Spannen“ oder Fotografieren beim Ausziehen oder Baden, gegen den Willen des Betroffenen und das Vorführen von Pornographie.

Zu den schwereren Missbrauchshandlungen gehören das Berühren oder Streicheln von intimen Körperteilen oder das Masturbieren vor einem anderen Menschen. (Vgl. EGLE 1997, S. 28)

Sexuelle Gewalt muss aber nicht zwingend zu einer Traumatisierung führen. Ob sie das tut, hängt wie oben bereits beschreiben von den Risiko- bzw. Schutzfaktoren ab. Schädigend wirkt sie aber auf jeden Fall, wenn:

- der Betroffene durch die Missachtung seines Willens, seiner Wünsche und

Bedürfnisse mit Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit konfrontiert wird, wodurch die eigene Kontrollfähigkeit untergraben wird

- die sexuelle Entwicklung des Betroffenen gestört wird, so dass sexuelle Normen

verwirrt werden, Sexualität mit Liebe gleichgesetzt wird, ein stark sexualisiertes Verhalten gezeigt wird oder auf Sexualität verzichtet werden muss

- die „Dynamik von zwei Welten“ (Vgl. WEIß 2003, S. 28) aufgebaut wird. Neben

der realen Alltagswelt, in der der Missbrauch existiert, gibt es eine geheime,

tabuisierte Welt, in der der Missbrauch verleugnet und verdrängt wird

- der Betroffene an seiner Wahrnehmung zweifelt, weil der Täter sich nach dem

Missbrauch gegenüber anderen so verhält, als gäbe es keinen Missbrauch. Der

Betroffene kann dann ein Sinnsystem erschaffen, das die Tat rechtfertigt, wie

z. B. die Überzeugung, böse zu sein und die Tat verdient zu haben

- der Betroffene entdecken muss, dass eine Person, an die er emotional gebunden

ist, ihm Schaden zufügt, der sein Vertrauen zutiefst erschüttert

- der Betroffene ein Stockholm- Syndrom entwickelt und sich allen anpasst und

alles mit sich machen lässt

- der Betroffene sich die Schuld an der Tat gibt

(Vgl. WEIß 2003, S. 28f)

Besonders dramatisch sind die Folgen der sexuellen Gewalt in der Adoleszenz. Es kann u. a. zu Depressionen, Suizidgefährdung, - Somatisierungen, sexualisiertem Verhalten, Weglaufen, Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch, Essstörungen,

- Borderline- Störungen und Panikattacken kommen.

Sexuelle Gewalt kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. (Vgl. EGLE 1997, S. 15 und S. 33)

3.3 Körperliche Gewalt

Zur körperlichen Gewalt zählen schlagen, treten, verbrennen, verbrühen, verätzen, schütteln, würgen, etc. (Vgl. EGLE 1997, S. 56f) Eine überforderte Mutter schüttelt ihren unaufhörlich schreienden Säugling, weil sie seine Schreie nicht mehr aushält. Andere Kinder werden geschlagen, weil sie wissbegierig nach Dingen fragen, oder weil sie als Sündenbock zur Abfuhr aggressiver Spannungen missbraucht werden. Dadurch entwickeln solche Kinder vermehrt Störungen im kognitiven und sprachlichen Bereich. Sie zeigen häufiger hyperaktives Verhalten als andere, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sind aggressiver und entwickeln einen - Chamäleoncharakter und/ oder das - Prinzip der gelernten Hilflosigkeit. Kinder, die körperliche Gewalt erfahren, neigen eher zur Straffälligkeit, als andere. (Vgl. WEIß 2003, S. 24 f) Auch die Flucht in die Autarkie (siehe dazu Kapitel 7.4) kann eine Folge der körperlichen Gewalt sein. Die emotionalen Bedürfnisse werden durch Leistung und Härte ersetzt. (Vgl. Skript TRAUMA 2004, S. 3)

3.4 Psychische Gewalt

Psychische Gewalt kann auch als seelische Misshandlung begriffen werden. Hierzu zählen emotionale Unerreichbarkeit, Zurückweisung, Erniedrigung, Verachtung bis hin zur Terrorisierung. Psychische Gewalt ist durch die Beziehungsqualität definiert, nicht durch die Tat. Eine Traumatisierung erfolgt dann, wenn die schädliche Interaktion normal für die Eltern- Kind- Beziehung ist. Mögliche Folgen sind dissoziales Verhalten, Aggressivität, ein geringes Selbstwertgefühl und selbstverletzendes Verhalten. (Vgl. EGLE 1997, S. 24)

3.5 Traumatische Trennung

Trennungen gibt es im Laufe eines Lebens immer wieder. Mit manchen von ihnen lernt der Mensch umzugehen und den damit verbundenen Schmerz zu verarbeiten. Aber es gibt auch Trennungen, die traumatisch verarbeitet werden und zu einem Entwicklungsstillstand oder sogar Rückschritt führen können. Zu Trennungen zählen u.a. Trennung von den Eltern, wenn der Jugendliche fremduntergebracht wird, die Trennung/ Scheidung der Eltern, aber auch der Verlust vertrauter Menschen durch den Tod. Ob ein Kind eine Trennung traumatisch verarbeitet wird, hängt von folgenden Faktoren ab:

- Wie stark das Kind von der betreffenden Person abhängig ist
- Wie intensiv die Beziehung zwischen dem Kind und der betreffenden Person ist
- Alter des Kindes
- Die Art und Weise der Trennung
- Die Plötzlichkeit des Ereignisses

Je jünger ein Mensch bei einer Trennung ist, desto größer ist die Gefahr, dass sie traumatisch erlebt wird. Denn kleine Kinder hängen sehr stark an ihren Bezugspersonen, sind von ihnen abhängig und haben am wenigsten Einflussmöglichkeiten auf das Geschehen.

Die Trennung von den Eltern ist in der Regel selbst dann schwer belastend, wenn eine Misshandlung vorliegt. Oft werden die Eltern idealisiert und in der Welt des Kindes zu Wunsch- Eltern gemacht. Hinter diesem idealisierten Bild steckt die Hoffnung des Kindes, dass die Eltern letztendlich doch „gut“ sind und zum anderen wird durch die Flucht in eine Scheinwelt der Trennungsschmerz gelindert. Denn die Kinder geben sich häufig selbst die Schuld an der Trennung.

Traumatische Trennungen haben Auswirkungen auf das Bindungsverhalten und können u.a. zu Beziehungslosigkeit, Beziehungssucht, Selbstverwahrlosung und verfrühter - Parentifizierung führen. (Vgl. HILWEG 1998, S. 103ff)

3.6 Vernachlässigung/ Deprivation

Vernachlässigung, bzw. Deprivation ist die häufigste Form der Kindesmisshandlung. Es geht hierbei um die Vernachlässigung der Grundbedürfnisse eines Kindes, wie z. B. Körperkontakt, Kommunikation, Nahrung, Schutz vor Gefahren und medizinische Versorgung. (Vgl. EGLE 1997, S. 65) Die Bedürfnisse der Kinder bleiben oft unbeachtet und unbeantwortet oder sie werden falsch eingeordnet und es wird unadäquat darauf reagiert. „Vernachlässigung wird häufig im Kontext extremer Armut und sozialer Randständigkeit beobachtet (…), aber auch psychische Erkrankungen (Depressionen), geistige Behinderung oder Alkohol- und Drogenprobleme der Eltern können dazu führen, dass Kinder vernachlässigt werden.“ (Vgl. EGLE 1997, S. 23) Ist eine Mutter drogensüchtig, so kommt es häufig vor, dass sie der Beschaffungskriminalität nachgeht (z.B. der Prostitution), um die Drogen finanzieren zu können, anstatt ihre Kinder zu versorgen. Solche Menschen wohnen meist in schwierigen Wohn- und Partnerschaftsverhältnissen. Sie bringen depressive Störungen mit sich, die der Grund dafür sind, dass sie ihren Kindern nicht genügend emotionalen Halt bieten können. Deprivierte Kinder weisen eine verzögerte Entwicklung, sowie schwere soziale, kognitive und emotionale Rückstände und einen geringen Selbstwert auf. Auch zeigen sich negative Auswirkungen auf das Bindungsverhalten der Kinder. Vernachlässigte Kinder neigen zu - desorganisiertem und - unsicher- vermeidendem Bindungsverhalten. (Vgl. EGLE 1997, S. 65ff)

3.7 Häusliche Gewalt

Mit häuslicher Gewalt ist die Gewalt zwischen (Ehe-) Partnern gemeint. Meistens sind die Kinder dabei anwesend und erleben alles mit. In einem Drittel der Familien werden die Kinder auch selbst der Gewalt ausgesetzt. Eine Folge davon ist, dass die Kinder ihre eigenen Bedürfnisse zurückhalten, um den misshandelten (Ehe-) Partner zu entlasten. Sie werden in Dreiecks- Spiele miteingebunden, indem sie als Schiedsrichter oder Schutzschild dienen. Auch kann es vorkommen, dass die Kinder durch Vergewaltigung gezeugt wurden, was das Mutter- Kind- Verhältnis stark beeinträchtigt.

Mädchen, die häusliche Gewalt miterleben, suchen sich später eher Partner, von denen sie geschlagen werden. Jungen, die häusliche Gewalt miterleben, werden später eher selbst zu Tätern. (Vgl. WEIß 2003, S. 26f)

Weitere Erfahrungen, die als Trauma bezeichnet werden können sind Kriegserfahrungen, Folter, Umweltkatastrophen und Entführung. Diese Formen der Traumatisierung sind für diese Arbeit jedoch nicht relevant.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Exkurs: „Traumatisierte Kinder erziehungsunfähiger Eltern“

In diesem Abschnitt möchte ich auf die Ursachen von Traumatisierung im Kindes- bzw. Jugendalter eingehen.

Um zu verstehen, wie es zu Traumatisierungen kommen kann, müssen wir uns mit der Biografie der Kinder auseinandersetzen, schauen, wie ihre Herkunftsfamilie aussieht und in welchen Lebenssituationen die Kinder gelebt haben. Viele mussten laut der Psychologin Alice Ebel aufgrund „erziehungsunfähiger“ Eltern negative Erfahrungen machen. Natürlich macht es keinen Sinn, die Eltern dafür zu verurteilen, aber der Blick auf die Herkunft der Kinder ist wichtig, um zu verstehen, warum Kinder sich so verhalten wie sie es tun. Nur so ist eine angemessene Hilfe möglich.

Doch was bedeutet „Erziehungsunfähigkeit“?

„Erziehungsunfähige“ Eltern waren zu 95% selbst traumatisierte Kinder, bei denen das Trauma nicht bearbeitet wurde. Dadurch sind psychische Probleme oder Störungen entstanden.

Es gibt hierzu eine 6- stufige Skala, in der die Störungen nach Schweregrad abgestuft sind. Die Übergänge sind z.T. fließend. (Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html)

An 1. Stelle stehen Neurosen. Eine Neurose ist eine „durch unverarbeitete seelische Konflikte mit der Umwelt entstandene, krankhafte, aber heilbare Verhaltensanomalie mit seelischen Ausnahmezuständen und verschiedenen körperlichen Funktionsstörungen ohne organische Ursache.“ (Vgl. DUDEN 1990, S. 532) Ein Beispiel hierfür ist der Waschzwang. (Vgl. FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2002, S. 668)

An 2. Stelle stehen psychosomatische Störungen. Hier drückt sich eine (schwere) neurotische Störung in körperlichen Beschwerden, wie z. B. Essstörungen oder Migräne aus.

An 3. Stelle stehen Persönlichkeitsstörungen. Das Problem hat Auswirkungen auf die gesamte Person eines Menschen. Die Person ist allgemein negativ orientiert und z.B. aggressiv oder depressiv. Auch Suchtverhalten fällt unter Persönlichkeitsstörungen.

Ist die Persönlichkeitsstörung stark ausgeprägt, so sprechen wir ab hier von „Erziehungsunfähigkeit“.

Persönlichkeitsstörungen lassen sich unterteilen in:

- Schizoide (diese Menschen sind in sich widersprüchlich)
- Hysterische (diese Menschen sind stark nach außen orientiert, aggressiv und
überaus nervös)
- Narzisstische (diese Menschen sind eigensüchtig und voller Selbstbewunderung)
An 4. Stelle stehen die schweren Persönlichkeitsstörungen. Kennzeichen hierfür sind:
- Das inkongruente Wechselspiel zwischen heftigem Streit und plötzlicher
Versöhnung (z.B. schlägt der Vater die Mutter und 30 Minuten später sitzen sie
zum Essen am Tisch, als wäre nichts geschehen.)
- Impulsives und primitives Gewaltverhalten
- Falsche Handlungen werden als normal angesehen (z.B. sexueller Missbrauch an
Kindern)
- Unreflektiertheit gegenüber dem eigenen Verhalten und den eigenen Fähigkeiten
(z.B. wird der Vater idealisiert, obwohl er seine Kinder missbraucht)
- Keinerlei Schuldgefühle

Häufig auftretende Kennzeichen solcher Familien sind u.a. das Halten von gefährlichen

Tieren (z.B. Kampfhunden, vor denen das Kind nicht geschützt wird), Vermüllung,

Verwahrlosung, übermäßige Fehlzeiten der Kinder im Kindergarten und in der Schule,

keine ausreichende ärztliche Versorgung, etc. Das entspricht in solchen Familien der

Normalität.

Zu den schweren Persönlichkeitsstörungen gehören:

- Die - Borderline- Störung: Patienten mit diesem Krankheitsbild haben starke
Gefühlsschwankungen, keine Standfestigkeit in ihrer eigenen Person, reagieren oft
unreflektiert und selbstschädigend durch Alkohol-, Drogen- oder
Medikamentenmissbrauch, sowie durch gestörtes Ess- oder Sexualverhalten. In der
Biografie dieser Patienten gibt es eine hohe Anzahl an traumatischen Erlebnissen.
(Vgl. FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2002, S. 162) Auch ist die
- Borderline- Störung durch Schwarz- Weiß- Denken gekennzeichnet.
- Schwere narzisstische Störungen: diese Art von Störungen treten häufiger bei
Männern auf. Die Ursachen dafür liegen in der Kindheit, in der sie keine Liebe erfahren haben. So verfahren sie nun auch mit ihren Kindern. Sie können sehr gewalttätig sein und realisieren nicht, dass sie dem Kind damit Schmerzen zufügen. Sie versuchen ihre Kinder genau so hart zu machen, wie sie es sind. Personen mit schweren narzisstischen Störungen sind beziehungsunfähig, kalt und innerlich leer. Sie haben sich vollkommen mit dem Tätersein identifiziert.
- Infantile Störungen: diese Art von Störungen treten häufiger bei Frauen auf. Sie
benehmen sich kindlich-naiv (bei normaler Intelligenz) und tendieren zu Partnern,
von denen sie gewalttätig behandelt werden. Diese Frauen sehen ihre Kinder eher
als Kumpels und können deren Bedürfnisse nicht gerecht werden.
- Psychosen: bei psychotischen Menschen ist der Realitätsbezug eingeschränkt. Sie
weisen wahnhafte Ideen bis hin zu Halluzinationen auf. Sie denken z.B. dass eine
höhere Macht ihnen Gedanken entzieht oder eingibt, etc. Aufgrund dieses Denkens haben sie eine mangelnde Fähigkeit zur sozialen Anpassung.
- Hirnorganische Syndrome und schwere geistige Behinderungen: diese Menschen
sind nicht aufgrund ihrer Erfahrungen, sondern aufgrund ihrer eingeschränkten
Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten erziehungsunfähig.

(Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html)

EGLE schreibt, dass Untersuchungsergebnisse ergaben, dass diese psychischen Störungen und Probleme jedoch nur auf 30% der früher misshandelnden Eltern zutreffen. Das ganze sollte also nicht überbewertet werden. (Vgl. EGLE 1997, S. 25)

Weitere Ursachen, wieso Kinder der Traumatisierung durch ihre Eltern ausgesetzt sind, sind die gesellschaftliche Zustimmung zu Gewalt in der Erziehung- wobei immer mehr darauf verzichtet wird, Kinder durch Schläge zu erziehen; die soziale Isolation von Familien, da dadurch keine Kontrolle durch staatliche Einrichtungen wie die Schule, der Kindergarten oder sonstiges stattfinden kann und die Emanzipation der Frau. Denn dadurch steht die Frau dem Mann sexuell nicht mehr „zur freien Verfügung“ und er sucht sich schwächere Familienmitglieder, die den Platz der Frau einnehmen. (Vgl. EGLE 1997, S. 83)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Folgen einer Traumatisierung

In diesem Kapitel werden die vielfältigen möglichen Folgen eines Traumas benannt. Sie sind unterteilt in

- Posttraumatische Belastungsstörung
- Psychische und soziale Folgen
- Körperliche und psychosomatische Folgen
- Hirnorganische Schäden
- Reviktimisierung
- Reinszenierung

5.1 Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die PTBS wird auch Posttraumatische Belastungsreaktion genannt. (Vgl. EGLE 1997, S. 189)

Das soll zeigen, dass manche Reaktionen auf Traumata keine krankmachende Wirkung haben, sondern als Überlebensstrategien, bzw. Abwehrmechanismen (siehe dazu Kapitel 7) gesehen werden können. Eine PTBS ist eine emotionale Störung als Antwort auf ein schweres traumatisches Erlebnis.

Symptome der PTBS liegen im körperlichen, sowie im psychischen Bereich und umfassen u.a.

- Alpträume
- - Flashbacks
- Depressionen
- Ängste
- Zwanghaftes Erinnern an das traumatische Erlebnis
- Schlafstörungen
- Übersteigerte Wachsamkeit
- Unruhe
- Konzentrationsstörungen
- Taubheitsgefühle, auch im emotionalen Bereich
- Schmerzen
- Suchtverhalten
- Dissoziation (siehe dazu Kapitel 7.3)
- Zwangsstörungen
- - Depersonalisation

(Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 428ff)

5.2 Psychische und soziale Folgen

Dieses Kapitel umfasst Folgen, die psychisch sehr belastend sein können und zu sozialen Problemen, wie z. B. gesellschaftlicher Ausgrenzung, Isolation und Stigmatisierung führen können.

Zu den psychischen und sozialen Folgen gehören

- Depressionen
- Alpträume
- Angststörungen
- Zwangsstörungen (z.B. Waschzwang)
- Das - Borderline- Syndrom sowie Multiple Persönlichkeitsstörungen
- Nähe- Distanz- Probleme
- Bindungs- und Beziehungsstörungen
- Lern- und Leistungsprobleme
- Niedrige Frustrationstoleranz sowie Ausdauer
- Keine Kritikfähigkeit
- Den Zwang im Mittelpunkt stehen zu wollen
- Macht über andere zu erzwingen
- Klauen
- Lügen
- Abgängig sein
- Andere Verhaltensauffälligkeiten

(Vgl. ROTH 1997, S. 74ff)

5.3 Körperliche und psychosomatische Folgen

In diesem Kapitel werden Folgen genannt, die sich am Körper erkennen lassen oder die sich durch die seelische Belastung des Erlebten in Krankheiten oder Störungen ausdrücken.

Zu den körperlichen und psychosomatischen Folgen gehören

- Verletzungen im Intimbereich sowie Geschlechtskrankheiten
- Bettnässen
- Schlafstörungen
- Numbing
- Schmerzen ohne organische Ursachen
- Anorexie sowie - Bulimie (diese Folgen zeigen sich meist bei Mädchen/ Frauen)
- Die Nichtakzeptanz des eigenen Körpers

(Vgl. ROTH 1997, S. 77)

5.4 Hirnorganische Schäden

Laut Alice Ebel können nach einer Traumatisierung besonders in jungen Jahren hirnorganische Schäden auftreten. Sie schreibt in ihrem Artikel von

- „Substanzverlust“
- „Mangelnder oder verzögerter - Myelinisierung“ der Nervenzellen, „was eine

schnelle und präzise Reizverarbeitung erschwert“

- „Verringerte Dicke (…) der Brücke zwischen rechter und linker Hemisphäre“ der

Gehirnhälften

- Einem „verringerten Volumen des Hippocampus und der Amyglada“
- Mangelnde Entwicklung der rechten Gehirnhälfte und
- einem „Defizit auf der Ebene der sensorischen Integrationsfähigkeit.“

Zudem sind die Gehirne der Kinder, die sehr früh traumatisiert wurden sehr „traumafixiert“. Das bedeutet, sie haben gelernt, zu überleben und Gefahren zu vermeiden, bzw. abzuwehren. (Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html)

In dieser Arbeit wird nicht näher auf die hirnorganischen Schäden eingegangen, da sie dafür nicht relevant sind.

5.5 Reviktimisierung

Menschen mit traumatischer Gewalterfahrung- besonders im sexuellen Bereich- neigen dazu, nochmals Opfer einer solchen traumatischen Erfahrung zu werden. Statistisch gesehen sind diese Menschen häufiger von erneuten sexuellen Übergriffen betroffen und geraten öfter an Ehepartner, Bekannte oder Chefs, die sie missbrauchen. (Vgl. ROTH 1997, S. 89)

5.6 Reinszenierung

„Wenn man ein Trauma nicht realisiert, dann ist man gezwungen, es zu wiederholen oder zu reinszenieren.“ (Vgl. HUBER II 2003, S. 132)

Die traumatische Situation wird re-inszeniert, das bedeutet, sie wird immer und immer wieder durchlebt. Entweder als erneutes Opfer, das auf einen günstigeren Ausgang der re-inszenierten Situation hofft oder dieses Mal als Täter. Die Reinszenierung kann auch so verlaufen, dass Opfer nun zu Tätern werden und das anderen Menschen antun, was sie selbst durchlebt haben. (Vgl. WEIß 2003, S. 48f) Reinszenierungen dienen der Verarbeitung des Traumas. Zuerst wird immer wieder dasselbe wiederholt und danach wird das Geschehene in verschiedenen Variationen wiederholt. Diese Variationen zeigen, dass die Verarbeitung der traumatischen Geschehnisse in Gang gesetzt wurde. (Vgl. NIENSTEDT 1989, S. 97)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

6. Abwehrmechanismen

Die Folgen einer Traumatisierung werden nach neustem Verständnis nicht mehr als Verhaltensauffälligkeiten betrachtet, sondern als Überlebens- bzw. Abwehrmechanismen. „Der Begriff ‚Überleben’ stellt Widerstand, Überlebenswillen und die Suche nach Bewältigung einer für viele Mädchen aussichtslos erscheinenden Situation in den Vordergrund: (…) Überlebensstrategien (…) dokumentieren (…) in erster Linie den Versuch, die eigene Handlungsfähigkeit und persönliche Integrität zu erhalten.“ (Vgl. GÜNTHER 1993, S. 126)

Die Betroffenen „entwickeln (…) heimliche Widerstandformen. Nur so können sie den Missbrauch überleben. Ihre Überlebensstrategien sind u.a. Rückzug auf sich selbst, Rückzug in Krankheiten, Abtöten von Gefühlen und Wahrnehmungen, Suchtverhalten und Flucht (…). Auch andere Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen können solche Widerstandsformen oder Überlebensstrategien sein.“ (Vgl. STEINHAGE 1991b, S. 104)

Daher sollten die gezeigten Verhaltensauffälligkeiten nicht abgewertet werden, sondern als Abwehrmechanismen gesehen und geachtet werden. (Vgl. ROTH 1997, S. 76)

Diese Widerstandsformen sind gelernt und bestimmen auch noch lange Zeit nach dem Missbrauch das Leben der Betroffenen. (Vgl. ROTH 1997, S. 89f)

Zu den Abwehrmechanismen zählen u.a.

- Autoaggression
- Stark sexualisiertes Verhalten
- Dissoziation
- Autarkie
- Hyperaktivität
- und der Totstellreflex

(Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html)

6.1 Autoaggression

Aggression, bzw. Aggressivität dient häufig dem Durchsetzungsvermögen, bzw. der Verteidigung. Die Theorie der Psychoanalyse nach - Freud nimmt z. B. an, dass Aggressionen zum Trieb, bzw. Instinkt des Menschen gehören. Die - sozialen Lerntheorien dagegen gehen davon aus, dass es sich bei Aggressivität um ein gelerntes Verhalten handelt. Beide Theorien zusammen ergeben, dass Aggressionen zwar zur Grundausstattung des Menschen gehören, die Art und Häufigkeit des Vorkommens jedoch gelernt sind.

Sind nun Person A und B gleichrangig, so führt dies zu keinen Schwierigkeiten. Haben wir aber einen Täter und ein Opfer, so hat das Opfer keine Möglichkeit, seine Aggressionen zu entladen. Entweder das Opfer sucht sich nun ebenfalls einen Schwächeren dazu oder richtet die Aggressionen gegen sich selbst. Bei letzterem spricht man von Autoaggression. (Vgl. FACHLEXIKON DER SOZIALEN ARBEIT 2002, S. 9)

Zur Autoaggression zählen beispielsweise

- Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch
- Selbstmordversuche und
- die Selbstverletzung.

Zu selbstverletzendem Verhalten gehören u.a. das Ritzen der Haut mit spitzen Gegenständen, wie z. B. Glasscherben, Rasierklingen und Nadeln, das Verbrennen der Haut mit einer Zigarette und das Offenhalten oder Verunreinigen von Wunden. (Vgl. ROTH 1997, S. 188f) Die Selbstverletzung geht meist mit Dissoziation einher (siehe Kapitel 6.3). Der Betroffene fühlt sich tot, spürt seinen Körper nicht mehr und versucht nun durch das selbstverletzende Verhalten zu spüren, dass er noch am Leben ist, wobei sein Schmerzempfinden stark herabgesetzt ist. (Vgl. VAN DER KOLK 2000, S. 176) „Ich blute, also bin ich.“ (Vgl. HUBER I 2003, S. 165)

Es gibt aber noch andere Gründe für selbstverletzendes Verhalten. Durch den selbst zugefügten Schmerz wird die traumatische Situation wiedererlebt. Das dient oftmals der Selbstbestrafung, da besonders Opfer von sexueller Gewalt sich die Schuld an dem Geschehenen geben.

Selbstverletzendes Verhalten kann aber als Kommunikation mit dem eigenen Körper gesehen werden. Viele Traumatisierte haben eine gestörte Körperwahrnehmung und durch die Selbstverletzung können sie ihren Körper erleben und spüren.

Auch der Wunsch nach Aufmerksamkeit kann ein Motiv sein.

Oftmals ist das selbstverletzende Verhalten auf die Ursprungsfamilie ausgerichtet. Das heißt, ein kleines Kind hat gelernt, sich aus dem Hochstuhl fallen zu lassen, weil es nur so von seiner Mutter Aufmerksamkeit bekommen hat. Dieses Verhalten wird beibehalten, auch wenn das Kind aus der Familie herausgenommen wurde. Um Verhalten verstehen zu können, ist es wichtig, die Vorgeschichte der Kinder zu kennen (siehe auch Kapitel 7.2.5 zum Thema Biografiearbeit).

Selbstverletzendes Verhalten tritt oft auf, wenn Kinder abends allein im Bett liegen und die Nachtruhe begonnen hat. Durch die Stille kommen Ängste und Erinnerungen hoch, die tagsüber beiseite geschoben werden. (Vgl. MÜLLER- SCHLOTMANN 2000, S. 224ff)

Durch den Substanzmittelmissbrauch versuchen Betroffene, die traumatischen Ereignisse zu verdrängen, bzw. zu betäuben, wohingegen der Selbstmord als letzter Ausweg gesehen wird, dem Schmerz zu entkommen, wenn nichts anderes mehr hilft. Wobei hinter Selbstmordversuchen in den meisten Fällen keine Tötungsabsicht steckt. Sie sind eher ein Hilfeschrei. (Vgl. ROTH 1997, S. 188f)

6.2 Sexualisiertes Verhalten bis hin zur Prostitution

Zum sexualisierten Verhalten gehören sexualisiertes Aussehen, sexualisierte Sprache bis hin zur Prostitution. Mädchen, die sexuell missbraucht wurden, zeigen häufig diese Symptome. Sie verhalten sich locker, was die Sexualität angeht, ja sogar distanzlos, kleiden und schminken sich nicht altersgemäß, oft auch nuttig. Diese Mädchen definieren sich häufig nur über ihre Sexualität. Sie haben gelernt, dass sie ihre Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit nur befriedigen können, indem sie sich Männern gegenüber gefügig verhalten. Solche Mädchen haben häufig wechselnde Männerbekanntschaften und/ oder sind von diesen Beziehungen abhängig, auch wenn sie noch so negative Auswirkungen mit sich bringen. Den Mädchen fällt es schwer, „Nein“ zu sagen, denn in ihrem bisherigen Leben wurde ein Nein nicht akzeptiert. Natürlich bezeichnen sich die Betroffenen nicht als Prostituierte, dennoch rutschen sie leicht in diese Kategorie hinein. Sie schlafen mit Männern, weil sie nicht ablehnen können und bekommen hin und wieder Geld, Zigaretten oder sonstiges dafür. Das ist der Beginn der Prostitution. Die Übergänge verlaufen meist fließend. (Vgl. ROTH 1997, S. 197ff)

6.3 Dissoziation

Dissoziation ist die „krankhafte Entwicklung, in deren Verlauf zusammengehörende Denk-, Handlungs- oder Verhaltensabläufe in Einzelheiten zerfallen, wobei deren Auftreten weitgehend der Kontrolle des einzelnen entzogen bleibt (…)“ (Vgl. DUDEN 1990, S. 193)

Dissoziieren ist das Gegenteil von assoziieren. Assoziieren bedeutet zusammenfügen, dissoziieren bedeutet getrennt wahrnehmen, spalten bzw. verdrängen. Dissoziiert werden vom menschlichen Organismus Dinge, die als unwichtig (z. B. im Alltag) oder als zu schmerzhaft empfunden werden. Dissoziation dient somit u.a. dem Schutz bzw. der Abwehr. Sinn der Dissoziation während traumatischer Erlebnisse ist es, dem Betroffenen das Handeln zu ermöglichen bzw. die schreckliche Situation zu überleben, dem Schmerz und der tiefen Demütigung zu entfliehen Bestimme Sinneseindrücke werden „weggedrückt“ und sind dem Bewusstsein nicht zugänglich. So kann es passieren, dass sich der Betroffene nach dem traumatischen Erlebnis nur an einzelne Dinge erinnern kann und z. B. nicht mehr weiß, wie der Peiniger aussah oder ob während der Tat Schmerzen empfunden wurden. Das Geschehene wird oft so erlebt, als wäre man selbst nicht betroffen, sondern würde lediglich von außen zusehen. Man kann sich das wie einen zersprungenen Spiegel vorstellen. Bruchteile davon werden im Hippocampus gespeichert, der dem Bewusstsein zugänglich ist und das Erlebte relativ gefühllos verarbeitet. Die restlichen Teile des Spiegels werden in der Amyglada gespeichert. Sie ist dem Bewusstsein nicht zugänglich und enthält die dissoziierten Anteile des Geschehens, die meist stark emotional belastet sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese traumatischen Erinnerungen vergessen sind. Sie sind lediglich verdrängt, können aber unbewusst durch sogenannte - Trigger aktiviert werden. So kann es passieren, dass harmlose Worte, Gerüche oder Handlungen traumatische Erinnerungen in der Amyglada freisetzten und eine heftige und unangemessene Reaktion auslösen. Für die Betroffenen wird die traumatische Situation nochmals durchlebt als würde sie im Hier und Jetzt geschehen. Sie erkennen nicht, dass das Erlebte vorbei ist und sie in Sicherheit sind.

Eine Folge solcher - Trigger kann selbstverletzendes Verhalten wie z. B. das Ritzen sein. Die Betroffenen ritzen sich so lange, bis der Schmerz sie ins Hier und Jetzt zurückholt. (Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html)

6.4 Autarkie

Autark bedeutet „wirtschaftlich unabhängig, sich selbst versorgend, auf niemanden angewiesen.“ (Vgl. DUDEN 1990, S. 94)

Autarkie kann ein Abwehrmechanismus sein, z. B. wenn beide Eltern Alkoholiker sind und das Kind darauf angewiesen ist, sich selbst oder jüngere Geschwister zu versorgen, weil die Eltern nicht dazu in der Lage sind. (Vgl. Skript TRAUMA 2004, S. 3)

6.5 Hyperaktivität

Auch Hyperaktivität gilt als möglicher Abwehrmechanismus.

Hyperaktivität ist eine Verhaltensauffälligkeit, die sich in starker Unruhe und Aggressivität ausdrückt. Hyperaktive Kinder weisen häufig das Aufmerksamkeitsdefizit- hyperaktivitätsyndrom (ADHS) auf. Die Behandlung erfolgt durch Psychostimulantien, wie z. B. das Ritalin. Dadurch können sich die Kinder besser konzentrieren, werden ruhiger und aufmerksamer. (Vgl. OTTO 1995, S. 129f)

Traumatisierte Kinder versuchen sich durch das ständige in- Aktion- sein abzulenken. Hyperaktivität kann also eine Form der Flucht sein. (Vgl. http://www.agsp.de/html/a43.html) Oder die Kinder versuchen, durch hyperaktives Verhalten aufzufallen, sich in den Mittelpunkt zu stellen, damit ihre Probleme wahrgenommen werden. (Vgl. Skript TRAUMA 2004, S. 3)

6.6 Totstellreflex

Dieser Abwehrmechanismus tritt häufig bei sexueller Gewalt auf, aber nicht nur dort. Mit dem Totstellreflex ist das Erstarren gemeint. Er kann während der Missbrauchshandlung auftreten, aber auch noch danach, sobald Gefahr droht. Viele Opfer versuchen, dadurch unsichtbar zu sein und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. (Vgl. Skript TRAUMA 2004, S. 5f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7. Die Aufgaben der Pädagogik im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen

Auf Kapitel 7 liegt der Fokus des theoretischen Teils der Arbeit. Hier wird die Theorie zum Thema Trauma mit dem pädagogischen Umgang mit traumatisierten Menschen in Zusammenhang gesetzt. In diesem Kapitel werden pädagogische Möglichkeiten beschrieben, wie man mit traumatisierten Menschen arbeiten kann.

Die Pädagogik kann die Bearbeitung traumatischer Erfahrungen wesentlich unterstützen. PädagogInnen können den Jugendlichen helfen, falsche Selbstwahrnehmungen und Verhaltensweisen zu verändern, ihre Vergangenheit besser zu verstehen und somit zu einer selbstbestimmten Zukunft verhelfen. „Es geht um pädagogische Interventionen, die der psychischen und sozialen Stabilisierung traumatisierter Kinder dienen, ihre Eigeninitiative fördern, Isolation aufheben und ihnen den Zugang zu Bildung ermöglichen.“ (Vgl. WEIß 2003, S. 65)

Im Rahmen der stationären Unterbringung treffen PädagogInnen immer wieder auf schwerst traumatisierte Kinder und Jugendliche. Meistens handelt es sich bei den traumatischen Erlebnissen um familiäre Gewalterfahrungen durch primäre Bezugspersonen im körperlichen und/ oder sexuellen Bereich, oft spielt zusätzlich Verwahrlosung eine Rolle. Häufig beginnen die traumatischen Erlebnisse in sehr jungen Jahren und wiederholen sich über einen längeren Zeitraum. Wenn ein Jugendlicher stationär untergebracht wird, wissen die PädagogInnen häufig wenig über dessen Vorgeschichte und es ist meist unklar, ob dieser Jugendliche traumatisiert worden ist. Daher ist Biografiearbeit ein wichtiges Element der pädagogischen Methoden, um das Verhalten der Kinder besser verstehen und angemessene Hilfe leisten zu können. (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/2004, S. 101)

Der Zugang zu traumatisierten Jugendlichen ist meist schwierig. Häufig wird zuerst jede gut gemeinte Hilfe abgelehnt und mit aggressivem Verhalten seitens der Jugendlichen beantwortet. Wichtig für PädagogInnen ist es zu wissen, dass das Verhalten der Jugendlichen nicht persönlich auf die PädagogInnen bezogen ist, sondern traumatisierte Menschen „Kontakt und menschliche Nähe als Bedrohung erleben können.“ (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/2004, S. 101) Dennoch ist es wichtig, einzugreifen, denn traumatisierte Menschen gefährden sich meistens selbst.

Unter einem traumatischen Ereignis leidet das Selbstbewusstsein sehr stark und geht z. T. ganz verloren. Häufig treten Depressionen, Ohnmachtgefühle, Hilflosigkeit und Suizidgedanken auf. Das Leben wird nicht mehr als positiv empfunden. Dadurch ist es wichtig, in der Jugendhilfe intensive Hilfen zur Selbstwertgefühlsteigerung anzubieten, die durch Maßnahmen wie z. B. soziales Lernen in der Gruppe, Reittherapie, erlebnispädagogische Projekte etc. geleistet werden. (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/2004, S. 104)

Der pädagogische Umgang im Alltag mit traumatisierten Jugendlichen ist sehr anstrengend. Durch bestimmte Dinge wie z. B. Gerüche, Geräusche, Worte, etc. die bei den Jugendlichen als - Trigger wirken, beginnt ein innerer Film abzulaufen, auf den sie keinen Einfluss nehmen können. Es handelt sich hierbei um eine Retraumatisierung und PädagogInnen sollten unbedingt versuchen, durch bestimmte Interventionen, diesen Film zu unterbrechen (siehe dazu Kapitel 7.5.7, 7.5.8, 7.5.9) Eine gezielte Pädagogik kann neue negative Erfahrungen minimieren, in dem sie eine heilsame Gruppenatmosphäre schafft, in der positive Erfahrungen möglich sind, und in dem sie traumatische Übertragungen und mögliche - Flashbacks vermeidet. (Vgl. WEIß 2003, S. 114ff)

Traumatisierte Jugendliche versuchen häufig, sich selbst zu heilen. Diese Selbstheilungsversuche laufen oft dramatisch ab. Z. B. haben sexuell missbrauchte Mädchen schnell wechselnde Sexualpartner. Sie versuchen damit, dem bisher Erlebten ein besseres Ende zu geben, die neue Partnerschaft positiver zu gestalten. Sie suchen nach Männern, von denen sie nicht nur ausgenutzt bzw. benutzt werden. Meist geht dies jedoch schief und sie landen wieder bei der Sorte Männer, von der sie bereits missbraucht wurden. (Siehe dazu Kapitel 6.2) Ein anderer Selbstheilungsversuch ist der Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch. Traumatisierte Jugendliche versuchen damit, ihre schlechten Gefühle zu verdrängen und Erinnerungen zu vergessen. Auch das Ritzen dient demselben Grund. (Siehe dazu Kapitel 6.1) Oft beobachtet man bei traumatisierten Jugendlichen auch das sogenannte „Helfersyndrom“. Sie versuchen, anderen Jugendlichen bei der Bearbeitung ihres Traumas zu helfen, um dadurch von sich abzulenken, denn es ist einfacher, sich mit den Problemen anderer zu beschäftigen, als mit den eigenen. Auch dies wird als Selbstheilungsversuch bewertet. (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/2004, S. 102)

Traumaarbeit ist ein langer und harter Weg, der viel Geduld und Zeit braucht, bis von den Jugendlichen überhaupt Hilfe angenommen werden kann. Das bringt viele gestörte Sozialbeziehungen und Missverständnisse mit sich. Kommt ein Jugendlicher in eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung, müssen sich die PädagogInnen auch um diese gestörten Beziehungen kümmern. Viele Eltern wissen nicht mehr weiter, sind frustriert und wütend. Doch egal, was zu Hause bisher abgelaufen ist, die Jugendlichen hängen meist sehr an ihren Eltern und idealisieren sie zum Teil sogar. Daher ist Elternarbeit ein sehr wichtiger Aspekt. (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/2004, S. 102)

Bevor jedoch mit der Arbeit an dem Trauma begonnen werden kann, müssen zuerst einmal die Grundbedürfnisse des Jugendlichen befriedigt werden. Dazu bietet die Bedürfnispyramide nach Maslow eine Orientierung. Danach sollte eine - Anamnese des Jugendlichen erstellt werden. Anschließend ist es wichtig, dass wieder Normalität in das Leben des Jugendlichen kommt und zum Schluss sollte eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Jugendlichem und Pädagogen aufgebaut werden. Da die Jugendlichen häufig Enttäuschungen erleben mussten, wenn es um Beziehungen geht, wird die Beziehung zu den PädagogInnen immer wieder ausgetestet. Die Jugendlichen verhalten sich schwierig, zeigen sich von ihrer schlechtesten Seite und wollen damit sehen, ob die Beziehung dem standhält. Es ist wichtig, den Jugendlichen zu signalisieren, dass die Beziehung bestehen bleibt, dass sie im Rahmen der Jugendhilfe konstante Bezugspersonen und Bezüge erfahren können, egal, wie unmöglich und anstrengend sie sich verhalten. Auch ist es notwendig, den Jugendlichen zu zeigen, dass man bereit ist, zuzuhören und zwar zu dem Zeitpunkt, zu dem die Jugendlichen bereit sind, darüber zu sprechen. (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/ 2004, S. 103)

„Für eine gute Traumatherapie braucht man mehr als nur einen Traumatherapeuten.“ (Vgl. EVANGELISCHE JUGENDHILFE 2/ 2004, S. 101)

7.1 Vorausgehende Maßnahmen, um ein Trauma zu bearbeiten

7.1.1 Die Bedürfnispyramide nach Maslow

Bevor Jugendliche sich der Bearbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen und einer neuen Sinngebung für ihr Leben stellen können, brauchen manche zuerst die Befriedigung von grundlegenden Bedürfnissen.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow ist in den 70-er Jahren entstanden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Bedürfnispyramide hat 7 Stufen, die von unten nach oben beginnen.

Zu Stufe 1; physiologische Bedürfnisse:

Jugendliche, die einer Traumatisierung in der Familie zum Opfer gefallen sind, haben meistens eine schwere Kindheit hinter sich, in der Primärbedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Bewegung nicht befriedigt wurden. Kommen diese Jugendlichen nun in eine Jugendhilfemaßnahme, so ist es wichtig, zuerst einmal die Basisfunktionen des Körpers wieder zu aktivieren und die physiologischen Bedürfnisse zu befriedigen, bevor die Jugendlichen dazu übergehen können, an der Bearbeitung ihrer seelischen Probleme zu arbeiten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 148 Seiten

Details

Titel
Pädagogischer Umgang im Alltag mit traumatisierten weiblichen Jugendlichen in einer stationären Wohngruppe
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
148
Katalognummer
V59492
ISBN (eBook)
9783638534123
ISBN (Buch)
9783640213405
Dateigröße
916 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogischer, Umgang, Alltag, Jugendlichen, Wohngruppe
Arbeit zitieren
Christiane Klein (Autor), 2005, Pädagogischer Umgang im Alltag mit traumatisierten weiblichen Jugendlichen in einer stationären Wohngruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59492

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