Vom Fan zum Akademiker: Rezeptionsmöglichkeiten der Filme von Quentin Tarantino


Hausarbeit, 2006
23 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fan und der Akademiker

3. Quentin Tarantino: der Fan

4. Lücken im Hypertext. Postmoderne Elemente und Popkultur in Quentin Tarantinos Filmen
4.1. Intertextualität und Zitate
4.2 Affinität der Filme zum Internet
4.3 Rezeptionsmöglichkeiten der Filme von Quentin Tarantino

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

In der Geschichte des Filmes ist Quentin Tarantino wahrscheinlich der einzige Regisseur, der einen Status erreicht hat, der nur mit dem Status eines Popstars vergleichbar ist. Eine schnelle Suche im Internet nach den letzten Nachrichten zum Thema „Quentin Tarantino“ bringt nicht nur Informationen zu seinen Filmprojekten zutage, sondern auch Neuigkeiten, die man normalerweise nicht in Filmzeitschriften, sondern in der Klatschpresse wieder findet. Mit Schlagzeilen der Form: „Kennen Sie die Verbindung von Quentin Tarantino und Britney Spears?[1] “ wird nur er konfrontiert, und dies auch, weil er offen mit der Presse umgeht, und jede Gelegenheit nutzt, um auf sich und seine Filme aufmerksam zu machen, mehr noch als mancher Schauspieler, von denen diese Form der Öffentlichkeitsarbeit erwartet wird.

Doch nicht die Bindung der Fans zu der öffentlichen Person Quentin Tarantino soll Thema dieser Hausarbeit sein, sondern das Fantum, das sich um sein Werk herausgebildet hat. Die Frage, die diese Hausarbeit beantworten will, ist, was Quentin Tarantinos Filme für ihre Fans interessant macht, welche Elemente hauptsächlich die Produktivität seiner Anhänger hervorrufen, auch wenn die Filme, die stark als Autorenfilme vermarktet werden, nicht gänzlich von der Person des Regisseurs getrennt werden können. Gleichzeitig möchte ich auch nach Elementen suchen, die sein Werk für Filmkritiker und das akademisch gebildete Publikum ansprechend machen, denn vor ihm ist es vielleicht nur noch Alfred Hitchcock gelungen, sowohl den Kritiker als auch den normalen Zuschauer zu überzeugen und zu begeistern.

Um darauf eine Antwort geben zu können, möchte ich zunächst klären, was Fans sind, was sie und das Fantum (das Fan-Sein) kennzeichnet und was sie von dem Rest des Publikums, insbesondre dem akademisch gebildeten, denjenigen, die die kulturelle und ökonomische Macht besitzen, unterscheidet. Ausgehend vom Konzept des „populären Textes“ von John Fiske möchte ich der Frage nachgehen, was einen Text zum Fantext macht, welche intrinsischen Eigenschaften ein Text besitzen muss, um die Produktivität der Fans anzuregen. Quentin Tarantino als Fan, seine Vorlieben und wie er diese in seinen Filmen verarbeitet sollen dabei auch erwähnt werden.

Der folgende Teil der Arbeit beschäftigt sich dann mit den Filmen von Quentin Tarantino (und vor allen Dingen mit denen, bei denen er selbst Regie geführt hat). Dabei möchte ich drei verschiedene Ansatzpunkte der Fanproduktivität präsentieren, aber auch die Elemente der Postmoderne, die diese Filme künstlerisch wertvoll machen.

Der erste Teil bezieht sich auf die Zitate und Intertextualität, die in den Filmen enthalten sind, Elemente der Popkultur und Anspielungen auf andere filmische Werke, die wir in seinen Werken wieder finden.

Der zweite Teil versucht die Verbindungen zwischen den Filmen und dem Internet bzw. Computer herauszustellen, und so eine Antwort auf die Frage zu erbringen, weshalb so viele Internetseiten dem Regisseur und seinen Werken gewidmet sind.

Der dritte Ansatzpunkt ist der der Struktur der Filme. In wie weit können die Filme mit Umberto Ecos Modell des „offenen Kunstwerks“ bzw. des „Kunstwerks in Bewegung“ beschrieben werden und wie Werke rezipiert werden. Die Frage soll geklärt werden, ob die Filme nur für ein Fanpublikum interessant sind, oder ob seine Filme einen Sinn ergeben und genossen werden können, auch ohne genaue Kenntnis der verwendeten Intertextualitäten zu haben.

2. Der Fan und der Akademiker

Laut dem „großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ des Dudenverlages ist ein Fan, gekürzt aus dem englischen Wort „fanatic“ ein „begeisterter Anhänger, begeisterte Anhängerin von jemandem, etwas[2] “. Diese Definition ist kurz, verständlich, doch sie kann das Problem nicht umfassend umschreiben (was wir von einer Definition dieser Art auch nicht unbedingt erwarten können). Um den Terminus des „Fans“ und des „Fantum“ besser zu beleuchten und ihn auch von dem akademischen Leser zu unterscheiden, möchte ich zunächst einige theoretische Einblicke liefern.

John Fiske betrachtet in seinem Essay „The Cultural Economy of Fandom“ das Fantum als im Gegensatz zu der offiziellen Kultur stehend. Fans sind dieser Sichtweise nach (und er stützt sich auf eine Theorie von Pierre Bordieu), in den Reihen derjenigen zu finden, die keine offizielle Macht haben, sei es wegen ihres Geschlechts, Alters, der sozialen Klasse oder Rasse, der sie angehören[3]. Was Fiske bei Bordieu vermisst, ist eine genaue Betrachtung dieser Gruppe, die es schafft, sich auf Basis der Pop- und Massenkultur ihr eigenes kulturelles Kapital zu schaffen:

Fans in particular, are active producers and users of such cultural capital and, at the level of fan organizations begin to reproduce equivalents of the formal institutions of official culture.[4]

Damit ein Text zum populären Text und damit zur Grundlage von Fantum wird, muss er laut Fiske “produzierbar” sein, er muss sowohl über die Geschlossenheit eines lesbaren als auch die Offenheit eines schreibbaren Textes verfügen. Der produzierbare Text „hat lose Enden, die sich seiner Kontrolle entziehen, sein Bedeutungspotential übertrifft seine eigene Fähigkeit, diese zu disziplinieren, seine Lücken sind groß genug, um ganze neue Texte in diesen entstehen zu lassen – er befindet sich, im ureigensten Sinne des Wortes, jenseits seiner eigenen Kontrolle.[5] “ Er setzt auf einen „skandalösen, undisziplinierten Gebrauch von Sprache“, auf das Wortspiel, er spielt mit dem Exzess und der Offensichtlichkeit, um sich gegen die ideologischen Hiebe zur Wehr und über die Normen der patriarchalischen Gesellschaft hinwegzusetzen. „Nichts ist dabei hintergründig oder feinsinnig, aber ein typisches Muster ist vorzufinden, eine Anziehungskraft, ein Merkmal populärkulturellen Vergnügens.[6]

Der populäre Text, so Fiske, ist ein Mittler und eine Ressource, kein Objekt, er ist nur in seiner intertextuellen Bedeutung zu verstehen, allein wäre er unvollkommen. Alle diese hier präsentierten Charakteristiken, werden wir sehen, finden sich in den Filmen Tarantinos wieder.

Doch was macht Fans aus?

Die Trennlinie zwischen Fans und dem Rest des Publikums wird (von beiden Seiten) scharf gezogen. Fans unterscheiden genau zwischen denen, die sie in ihren Kreis aufnehmen, und denen, die in ihren Augen keine echten Fans sind[7]. Fans wenden sich meist gegen die offizielle Hochkultur.

Ein wichtiges Merkmal ist die Produktivität der Fans. Diese ist nicht nur semiotisch (neue Bedeutungen erschaffend), enunziativ (über das Fanobjekt wird in bestimmten Kreisen gesprochen, Fansein bedeutet immer auch irgendwo dazuzugehören) aber auch textuell (Fans erschaffen ihre eigenen Texte, die in der Fangemeinschaft – und meist nur da – zirkulieren). Die Fangemeinschaft ist ein Ort des Rückzugs, eine andere Realität, weg von der des unvollkommenen Alltags[8].

Da Fanobjekte Produkte der Massenkultur sind, gibt es ein ständiges Ringen zwischen der Industrie, die sie als Massenware hervorbringt, und den Fans. Die Industrie versucht, diese zielgenau auf ein spezielles Publikum auszurichten; allzu „fabrizierte“ Texte werden jedoch von den Fans erkannt und abgelehnt. In seiner Analyse von Kult-Fans stellt Hill dar, dass es gewisse Elemente gibt, die diesen Texten gemein sind, andere jedoch liegen außerhalb des Textes und können nicht erfasst werden:

The processes by which fans choose to poach one thing and not another are complex and still not very well understood, but this choise obviously must involve factors both in the text and in the individual. All texts are not equally susceptible to this Process of poaching, although the text itself cannot exclusively determine whether or not it will be poached.[9]

Das Phänomen ist nicht neu, schon Susan Sontag bemerkt 1964 in ihren „Notes on „Camp”“, dass die naive, ungewollte Art von Camp der gewollt produzierten vorzuziehen ist, und das letztere ihr Ziel oft nicht erreicht[10].

Ein weiterer Gegensatz, in dem Fangemeinschaften und das Fantum im Allgemeinen befinden, ist der zu den Akademikern, den universitär Gelehrten. Die erst in den letzten Jahren mit dem Aufstreben der Kulturwissenschaften begonnenen Fanstudien gehen meist davon aus, dass Fans einen Mangel an Macht und Bildung aufweisen, den sie kompensieren. Doch es sind eher Vorurteile, auf die diese Arbeiten sich beziehen. Fans und Kritiker beschuldigen sich gegenseitig; Akademiker werfen den Fans fehlendes Abstraktionsvermögen vor, Fans akzeptieren zu weiten Teilen die akademischen Auslegungen nicht, da diese, ihrer Meinung nach, das Nahe liegende meist übersehen[11]. Dieser Gegensatz kann aber nicht aufrecht erhalten werden, da auch der Autor akademischer Texte über einen Fan-Hintergrund verfügt, von dem er bei aller Rationalität nicht vollkommen abstrahieren kann, während Fangemeinschaften ein wissenschaftsähnliches Vokabular aufbauen, mit dessen Hilfe sie ihre Lieblingstexte analysieren und bewerten. Hill beschreibt auch die Existenz von zwei Zwischenkategorien, den „scholar-fan“, der Teil des universitären Systems ist, sich aber explizit in seiner Arbeit nicht vom Fan-Sein freispricht, und den „fan-scholar“, dem gebildeten Anhänger, der sich dem Text von der Seite des Fans nähert, aber meist über eine akademische Bildung verfügt. Beide müssen sich aber, um Anerkennung von ihrem jeweiligen Publikum für ihre Arbeit zu erhalten, für eine Seite entscheiden.

[...]


[1] Die Schlagzeile entstammt der Netzzeitung (www.netzzeitung.de) und ist zufällig ausgewählt (wegen ihrer sehr reißerischer Aufmachung, und weil sie eine Verbindung schafft zwischen zwei Größen der Popkultur) und bezieht sich auf eine Nacht, die der Regisseur in Las Vegas mit Shar Jackson verbracht hat, eine Nachricht, die, von der Illustrierten US Weekly am 07.07.2005 zunächst veröffentlicht, auch von Illustrierten wie People, aber auch von der dpa übernommen wurde

[2] Duden: „Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden“, 1999, S. 1171

[3] Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen Fiske, John: The Cultural Economy of Fandom 1992, und Fiske, John: Populäre Texte. Sprache und Alltagskultur,

[4] Fiske, John: The Cultural Economy of Fandom 1992, S. 33

[5] Fiske, John: Populäre Texte. Sprache und Alltagskultur, S. 68

[6] Ibidem, S.77

[7] Fans teilen sich auch selber in „normale“ und „hardcore“ Fans und belegen dies oft mit religiösen Termini, vergleiche hierzu auch Matt Hills: Fan Cultures, 2002

[8] Vgl. hierzu auch Henry Jenkins: „In My Weekend-Only World…“: Reconsidering Fandom, 2000 bzw. Matt Hill: Fan Cultures, 2002

[9] Smith, G.M. To Waste More Time, Please Click Here Again, 1999, zit. nach Hill.

[10] Sontag, Susan: Notes on „Camp“, 1964

[11] Vgl. hierzu Hill

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Vom Fan zum Akademiker: Rezeptionsmöglichkeiten der Filme von Quentin Tarantino
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Oberseminar: Quentin Tarantino. "Die Postmoderne im Kino"
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V59796
ISBN (eBook)
9783638536349
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Akademiker, Rezeptionsmöglichkeiten, Filme, Quentin, Tarantino, Oberseminar, Postmoderne, Kino
Arbeit zitieren
Hilke Dahinten (Autor), 2006, Vom Fan zum Akademiker: Rezeptionsmöglichkeiten der Filme von Quentin Tarantino, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59796

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