Die Darstellung des Fremden in Aldous Huxleys Roman Brave New World


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

I. Einführung

Utopische Literatur: Utopie und Antiutopie

„ Jede Gesellschaft, die nicht statisch-traditional ist, lebt von utopischer Phantasie im weitesten Sinne“.[1]

Die Utopie ist die literarische Reflektion des Widerspruchs zwischen Wunsch und Wirklichkeit,[2] die narrative Entfaltung eines idealen funktionierenden Gesellschaftsmodells. Im weiteren Sinn ein auf Wirklichkeitsveränderung zum Idealzustand zielendes Denken.[3]

Der Begriff „Utopie“ wurde 1516 von dem englischen Politiker und Juristen Thomas More geprägt. Sein Werk ist eine philosophische Reiseerzählung über eine Insel namens Utopia und gilt als der erste utopische Staatsroman. Der Begriff „Utopia“ setzt sich in der griechischen Sprache aus ou (= nicht) und topos (= Ort) zusammen, was also „Nicht-Ort“ meint, grammatikalisch aber nicht korrekt ist und somit eine Worterfindung darstellt. Im Englischen wird „ou“ wie „eu“ ausgesprochen und Eutopia wiederum heißt „Gut-Ort“. Diese Doppelbedeutung kennzeichnet die Geschichte der Utopie.

An der Utopie scheiden sich die Geister. Besonders in der Nachkriegszeit (1945- 1965) ist eine ausgesprochene Utopiefeindschaft festzustellen. Philosoph Popper identifiziert 1945 gar die utopischen Systemplaner als die gefährlichsten Feinde der „offenen Gesellschaft“ d.h. der pluralistischen Gesellschaften des Westens. In den Augen seiner Kritiker ist Utopia ein großes Gefängnis dass in den totalitären Systemen der 30er und 40er Jahre, sowie in der UDSSR verwirklicht worden ist. Auch Utopisten selbst wie H.G. Wells kritisieren die geschlossene geometrische und moralische Ordnung der Utopie, die eine private Dimension nicht kennen und der Prozeßhaftigkeit des Lebens nicht Rechnung tragen.

Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, wie Oscar Wilde, die in dem Verlust jeglicher Wunschvorstellungen einen Verlust gesellschaftlicher Vitalität sehen.[4]

Die Utopie nimmt unter den Gattungen eine Sonderstellung ein weil sie nicht von vornherein etwas rein Literarisches ist.[5] Es wäre zu eng gegriffen, unter den Begriff Utopie lediglich „literarische Fiktion“ zu subsumieren. Platons „Politeia“, welche das große Vorbild für Morus war, spricht über den gerechten Staat nur im Modus des Sollens und erfüllt somit die Forderung einer „literarischen Fiktion“ nicht.[6] Auch aus der politischen Sprache ist die Bezeichnung nicht mehr wegzudenken.[7]

Um die Wende zum 20Jh. ist die positive Utopie mit H.G. Wells an einen vorläufigen Endpunkt gekommen: “Das positive Ideal der Utopie erscheint [nun] als totalitäre Ordnung und [...] die negative Utopie rückt das Individuum in den Vordergrund, das sich dem totalitären Übergriff ausgesetzt sieht.“[8]

„Anti-Utopie“ ist nur als „Anti-Eutopie“ sinnvoll interpretierbar. Der Begriff ist problematisch, da er die Vorstellung einer pauschalen Negation utopischen Veränderungsdenkens erweckt. Aber tatsächlich richtet sich die Anti-Utopie gegen konkrete historische Varianten utopischen Denkens, nicht gegen die Utopie schlechthin. Eine Anti-Utopie setzt eine Utopie voraus und impliziert eine Andere, die häufig realistischer ist, wie „Brave New World“ von Aldous Huxley zeigt.[9] Denn „ Nicht in der positiven Bestimmung dessen, was sie will, sondern in der Negation dessen, was sie nicht will, konkretisiert sich die utopische Intention am genauesten.“[10]

Bei literarischen Utopien zeigt sich am deutlichsten, dass die Bedeutung von literarischen Texten mit dem historisch bedingten Wahrnehmungsvermögen der Leser zusammenhängt. Es hängt entscheidend vom politischen und historischen Standpunkt des Lesers ab, ob eine Utopie als positiv oder negativ betrachtet wird. Das utopische Werk muss daher als Teil eines konkret- historischen Kommunikationsvorganges zwischen Autor und Publikum gesehen werden.[11]

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ markiert einen Schlusspunkt einer Tradition der literarischn Utopie, die bis in das frühe 20. Jh. maßgeblich von englischsprachigen Autoren geprägt worden war. Gegen Ende des 19.Jh. entstand vor dem Hintergrund der sich rasant verändernden machtpolitischen Verhältnisse in Europa die moderne politische und sozialkritische Utopie. H.G. Wells führte die literarische Utopie in ein neues Zeitalter. Sein Fortschrittsoptimismus wurde für Autoren wie Huxley zur Herausforderung. In seiner Anti-Utopie distanziert er sich von Wells Fortschrittsgläubigkeit.[12]

Ich möchte im Folgenden die von Huxley in seinem Roman „Brave New World“ konstituierte Genese von Fremdheit aufzeigen. Dabei werde ich zuerst das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum zueinander untersuchen um den Zusammenhang zwischen systeminterner- und externer Fremdheit zu beleuchten. Im Anschluss daran werde ich die Problematik von Individualität in der dargestellten Gesellschaft untersuchen und dann auf die Außenseiterfiguren John und Bernard eingehen. Im Ausblick werde ich das sich hieraus ergebende Verständnis von „Fremdheit“ reflektieren.

II. Der Begriff des „Fremden“ in Brave New World

Systeminterne- und – externe Fremdheit

a) Gesellschaftlich erzeugte Fremdheit

Huxley sieht die Erscheinungsformen der Anpassung, Entindividualisierung, Vergesellschaftung und Vereinseitigung des Einzelmenschen nicht in der Technologie der Brave New World bedingt, sondern die Technologie als Instrument in diesem Prozeß. Die Erscheinung des reduzierten Menschen ist auf Strukturen zurückzuführen, die diese Welt steuern.[13]

Die utopische Gesellschaft basiert auf Stabilität. Um diese sicherzustellen, ist die Berechenbarkeit des Indivuduums nötig und somit seine Statik. Die revolutionäre Idee der Freiheit des Individuums ist vom Gedanken der Stabilität des Systems abgelöst worden. Die widersprüchlichen Kräfte, die das System in Bewegung versetzen könnten, sind unterdrückt worden, zusammen mit dem Bewusstsein davon, dass der Mensch durch das System zu einem Mangelwesen degradiert wurde. Da diese Mechanismen nicht reflektiert werden, sondern nur die oberflächliche Kopplung von Glück und Kollektiv registriert wird, erscheint die Kollektivität als Bedingung des Glücks. An die Stelle der Werte von Wahrheit und Schönheit sind Komfort und Glück getreten.[14]

Die schöne neue Welt hat einen Endzustand erreicht, einen geschichtlichen und kulturellen Stillstand. Da sie sich als vollkommen betrachtet, ist das einzige noch erstrebenswerte Ziel die Aufrechterhaltung.

Somit ist Fremdheit im Normalfall nicht mehr existent und muss vermieden werden. In der schönen neuen Welt gibt es daher auch kein wirkliches Mitgefühl mehr, geschweige denn, dass dieses einen Wert an sich darstelle. Denn Mitgefühl kann sich nur in einer heterogenen Gesellschaft ausbilden, wo es unerlässlich ist. Doch für die Menschen in Brave New World ist es nicht notwendig, Andersartiges zu verstehen. Die schöne neue Welt erzeugt durch ihre Normierung ein radikales Gefühl von Fremdheit und tatsächliche Fremdheit gegenüber (unplanmäßig) auftretender Andersartigkeit. Und da es sich zudem um eine Gesellschaft handelt, die völlig konfliktfrei ist, kann diese Fremdheit auch nicht überwunden werden.

An Bernard zeigt sich, wie die gesellschaftliche Normung Fremdheit konstituiert:

„The mockery made him feel an outsider; and feeling an outsider he behaved like one, which increased the prejudice against him and intensified the contempt and hostility aroused by his physical defects. Which in turn increased his sense of being alien and alone.”[15]

Die gefühlte Andersartigkeit des Individuums und die ablehnende Befremdlichkeit der Gesellschaft bestärken sich gegenseitig in einem Kreislauf. Und dieses aufgebaute Gefühl von Fremdheit bestärkt wiederum die Homogenität der Gemeinschaft.

[...]


[1] Klaus L. BERGHAHN, Hans Ulrich SEEBER: Literarische Utopien von Morus bis zur

Gegenwart. Königstein. Athenäum.1983.S.16 (ab jetzt abgekürzt: BERGHAHN).

[2] Vgl. BERGHAHN: S.5.

[3] Vgl. G.BRAUNGART/ H.FRICKE: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin/

New York.2003. S.739.

[4] Vgl. BERGHAHN. a.a.O. S.7f.

[5] Vgl. Ebenda. S.16.

[6] Vgl. Ebenda. S.11.

[7] Vgl. Ebenda. S.7.

[8] G.BRAUNGART/H.FRICKE: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S.741.

[9] Vgl. BERGHAHN. 163ff.

[10] zitiert in: ebd., S.168.

[11] Vgl. BERGHAHN. S. 170.

[12] Vgl. Reiner POPPE: Königserläuterungen. Schöne neue Welt. 2.Auflage. Hollfeld.

Bange Verlag.2003. S.20. (ab jetzt abgekürzt: POPPE).

[13] Vgl. BERGHAHN. S.208.

[14] Vgl. BERGHAHN. S. 211f.

[15] BNW. S.90.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Fremden in Aldous Huxleys Roman Brave New World
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Kulturelle Fremderfahrung im Spiegel der Literatur
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V59899
ISBN (eBook)
9783638537063
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Fremden, Aldous, Huxleys, Roman, Brave, World, Kulturelle, Fremderfahrung, Spiegel, Literatur
Arbeit zitieren
Anita Gäbert (Autor), 2004, Die Darstellung des Fremden in Aldous Huxleys Roman Brave New World, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59899

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