Beratung im Kontext der Humanistischen Psychologie


Hausarbeit, 2002

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Die Humanistische Psychologie

3. Die Ansätze Carl Ransom Rogers‘

4. Die klientenzentrierte Beratung
a) Beraterische Bedingungen
b) Die Beziehung zwischen Berater und Klient
c) Der Prozess der klientenzentrierten Beratung
d) Ziele der klientenzentrierten Beratung

5. Schlussbemerkung

1. Einführung

Die soziale Beratung ist ein komplexes und kompliziertes Gefüge, auf das verschiedenste Disziplinen, wie Psychologie, Pädagogik, Philosophie und Soziologie, Einfluss nehmen. Die „dritte Kraft“ in der Psychologie, die Humanistische Psychologie, hat die Beratung um den klientenzentrierten Ansatz bereichert. Seit Jahrzehnten ist dieser Ansatz richtungsweisend für die Beratung. Im folgenden werden nun die grundlegenden Aussagen der Humanistischen Psychologie und der klientenzentrierte Ansatz erläutert, um einen Zusammenhang zwischen Humanistischer Psychologie und Beratung herzustellen.

2. Die Humanistische Psychologie

Die Gründung der „Association for Humanistic Psychology“ Anfang der sechziger Jahre durch C. Bühler, A. Maslow, K. Goldstein, R. May, C. Rogers war der Grundstein für eine damals neue Richtung der amerikanischen Persönlichkeitspsychologie. Die „Association for Humanistic Psychology“ gab die Zeitschrift „Journal of Humanistic Psychology“ heraus, um ihre neuen Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen. Und somit war die Humanistische Psychologie „geboren“.

Sie baut auf den Prinzipien des Kognitivismus auf und ihre Urheber schafften mit ihr eine „dritte Kraft“ neben den in Amerika etablierten Psychologien des Behaviorismus und der Psychoanalyse. Die Humanistische Psychologie geht über das behavioristische und psychoanalytische Verständnis vom Menschen hinaus und soll ein Gegengewicht zu diesen beiden Psychologiekonzepten bieten.1 1962 verabschiedeten die Urheber ein Manifest, in dem sie ihre Grundthesen darlegten:

- Primäres Phänomen beim Studium des Menschen ist sein Erleben, zweitrangig sind theoretische Erklärungen und sichtbares Verhalten.
- Die Fähigkeit zu Wählen, Kreativität, Wertsetzung und Selbstverwirklichung sollen Augenmerk für die Psychologie sein.
- Forschungsmethoden sollen nach Maßgabe der Sinnhaftigkeit gewählt werden und nicht nach Objektivität der Forschung auf Kosten des Sinns.
- Wert, Würde und Entwicklung der jedem Menschen innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten sollen aufrechterhalten werden, im Mittelpunkt steht der Mensch in der Entdeckung seiner Selbst, in seiner Beziehung zu anderen und zu sozialen Gruppen.2

Die Humanistische Psychologie geht von einem optimistischen Menschenbild aus: die Natur des Menschen ist weder böse noch neutral, sondern grundsätzlich gut. Unsoziales Handeln und Aggressionen werden durch seine Umweltbedingungen forciert. Der Mensch ist als eine integrierte Ganzheit konzipiert und strebt nach Selbstverwirklichung. Ein unverstelltes Selbstbewusstsein ist zur vollen Entfaltung seines Potentials notwendig.3 Die Humanistische Psychologie fordert, dass psychologische Aussagen nicht wertfrei sind, sondern dem Menschen Orientierungen für sein Verhalten bieten. Zusammenfassend sind vier Prinzipien der Humanistischen Psychologie zu nennen: Ganzheitlichkeit, Selbstverwirklichung, Bewusstheit und Verantwortung im Hier und Jetzt.4

3. Die Ansätze Carl Ransom Rogers‘

Carl Ransom Rogers (1902-1987) war amerikanischer Psychologe und einer der Urheber der Humanistischen Psychologie. Angeregt durch das Gedankengut des Psychoanalytikers O. Rank und aus Unzufriedenheit über das Inventar an diagnostischen und therapeutischen Methoden entwickelte er die älteste humanistische Therapie: die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie bzw. Beratung.

Ausgangspunkt dafür ist die, von ihm entwickelte, Selbsttheorie: Nach Rogers ist jeder Mensch mit einer angeborenen Aktualisierungstendenz ausgestattet, die nach einer grösstmöglichen Selbstverwirklichung strebt und Grundmotiv der Persönlichkeitsentwicklung ist. Ausserdem lässt sich der Mensch von zwei Wertesystemen beeinflussen: dem organismischen Wertsystem, das angeboren ist, und den Werten anderer (der Eltern, der Umwelt), die erlernt werden. Jeder Mensch hat darüber hinaus ein Bild von sich: das Selbstkonzept, das sich nicht am organismischen Wertsystem orientiert, sondern an Werten anderer.5 Somit unterliegt das Selbstkonzept einem ewigen Lernprozess aus Erfahrungen, die der Mensch mit sich und seiner Umwelt macht. Die Beziehung zwischen Selbstkonzept und organismischen Wertesystem ist gekennzeichnet durch Kongruenz und Inkongruenz. Wenn die organismische Beurteilung einer Selbsterfahrung im Einklang ist mit der Bewertung anderer dieser Selbsterfahrung, dann ist eine Person kongruent. Sie ist inkongruent wenn eine Diskrepanz zwischen dem organismischen Selbst, das nach Aktualisierung strebt, und dem Selbstkonzept besteht.6 Für Rogers ist der Kongruenzbegriff Schlüssel zur Erklärung von Verhaltensproblemen. Sie entstehen wenn die organismische Bewertung von Selbsterfahrungen mit der äußeren oder verinnerlichten Bewertung von Selbsterfahrungen inkongruent ist. Die Bewältigung dieses Konflikts geschieht durch Abwehrhaltungen, das heisst die inkongruente Person verneint die Bewusstheit einer Erfahrung oder sie verzerrt diese.7 Dies führt zu Angst und Spannungen, da die Erfahrungen nicht in das individuelle Selbstkonzept passen.8

„Ziel der Humanistischen Psychotherapie ist es, (...) durch eine einfühlende, Anteil nehmende Gesprächsführung des Therapeuten, die Diskrepanz zwischen idealem und realem Selbstbild abzubauen und so das Selbstverstehen des Klienten zu stützen.“9

Mit der Humanistischen Psychotherapie ist ebenso die nicht- oder non-direktive Beratung, die personenzentrierte/ klientenzentrierte Gesprächsführung und die Gesprächspsychotherapie gemeint, da es für dieses Beratungskonzept eine Vielzahl von Bezeichnungen gibt. Bei Rogers‘ klientenzentrierter Beratung wird das Erleben des Klienten in den Mittelpunkt der Beratung gestellt, Unbewusstes wird nicht gedeutet und das Bewusstwerden muss der Klient selbst vollziehen.10 Es geht es also darum Bedingungen herzustellen, um die Aktualisierungstendenz des Klienten zu aktivieren und zu entfalten, was nach Rogers durch die Beziehung zwischen Therapeut und Klient geschieht. Diese therapeutische Beziehung wird von drei Grundhaltungen getragen: Echtheit, positive Wertschätzung und Empathie. In dieser Beziehung soll der Klient ihn bedrückende Probleme selbst bewältigen, wobei der Therapeut während des Prozesses lediglich eine Stütze ist.11 Es wird dann davon ausgegangen, dass es dem Klienten im freien Gespräch besser als dem, notwendig immer außen stehenden, Berater gelingt, die Zusammenhänge zwischen seinem Verhalten und den zugrunde liegenden Gefühlen zu verstehen. Der Therapieverlauf ist also ein Reifeprozess, für den der Klient selbst verantwortlich ist.12

Nicht nur in der Humanistischen Psychologie, sondern auch in der sozial-kognitiv orientierten Verhaltenspsychologie und der Psychoanalyse wird dieses psychotherapeutische Verfahren angewandt. Die Humanistische Psychologie stellt eben genannte Prinzip allerdings in den Mittelpunkt der Therapie und hat deshalb die spezifischen therapeutischen Grundhaltungen der klientenzentrierten Beratung entwickelt.13

4. Die klientenzentrierte Beratung

a) Beraterische Bedingungen

In der klientenzentrierten Beratung sind Helfer (Berater/Therapeut) und Hilfesuchender (Ratsuchender/Klient) Interaktionspartner, wobei das unmittelbare Erleben und Erfahren dieser einmaligen Beziehung im Zentrum des Heilungsprozesses steht. Im Idealfall verläuft diese Therapeut-Klient-Beziehung wechselseitig komplementär. Der Berater hilft dem Klienten auf dem Weg zu grösserer Selbstakzeptanz, indem er sich auf den Klienten einlässt und die Inhalte seines Geäusserten in differenzierter Form verbalisiert und Zusammenhänge aufzudecken versucht. Um diese Beratungsatmosphäre zu ermöglichen, formulierte Rogers ein Beziehungskonzept zwischen dem Berater und dem Ratsuchenden, in dem er drei grundlegende Merkmale als Bedingung für eine konstruktive Beratung herausstellte: die Empathie, die positive Wertschätzung und die Kongruenz.14 Diese drei Beratervariablen sollen im folgenden erklärt werden.

Rogers umschreibt das Merkmal Kongruenz/ Echtheit folgendermassen: „Echt sein bedeutet, in einer Beziehung ich selbst zu sein, die Person, die ich bin, ohne Fassade, und der anderen Person meine gefühlsmässigen Wahrnehmungen mitzuteilen, aus meinem eigenen Erlebnisprozess heraus zu reagieren, um meinem Klienten die Suche nach gefühlten Bedeutungen zu erleichtern.“15 Das heisst einerseits, dass der Berater eigene emotionale Erlebnisinhalte wahrnehmen muss und andererseits, dass er diese ausdrücken kann. Vom Berater wird also eine Kongruenz zwischen Erleben, Bewusstsein und Kommunikation verlangt. Dies ist auch die Basis für die Wirkung der anderen beiden Beratermerkmale (Empathie und positive Wertschätzung), denn der Klient bemerkt an nonverbalen Signalen wenn der Berater seine Gefühle zurückdrängt, das irritiert ihn und er fühlt sich missverstanden. Allerdings ist Kongruenz nicht mit spontanen Gefühlsausbrüchen zu verwechseln, die bedrohlich für die Beziehung sind. Der Berater sollte auf Dauer zwar nichts verbergen, aber Gefühle wie Ablehnung, Langeweile und Ärger müssen in adäquater Weise mit dem Klienten geklärt werden, z. B. indem der Berater nicht „sie ängstigen, langweilen, verärgern mich“ sagt, sondern eher Aussagen wie „ein Gefühl von Ärger steigt in mir auf, wie geht es Ihnen, wenn ich so etwas sage?“ benutzt. Nach Rogers ist die kongruente Haltung des Beraters förderlich, denn die Rückmeldung des Beraters, wie er das Verhalten des Klienten erlebt, und die selbstexplorative Äußerung des Beraters ermutigen den Klienten zur Selbstauseinandersetzung, was ein Ziel in der klientenzentrierten Beratung ist. Aber ohne Empathie und positive Wertschätzung wirkt das kongruente Veralten des Beraters nicht.16 Rogers versteht unter Empathie, „dass der Therapeut ein präzises einfühlendes Verstehen für die persönliche Welt des Klienten entwickelt, und dass er fähig ist, von den Fragmenten des so Verstandenen einiges Wesentliche mitzuteilen. Die innere Welt des Klienten mit ihren ganz persönlichen Bedeutungen so zu verspüren, als wäre sie die eigene (doch ohne die Qualität des „als ob“ zu verlieren) (...)“.17 Empathie heisst also, dass sich der Berater in das Erleben des Klienten einfühlt. Die Empfindungen und Gefühle des Klienten sollen aus dessen Sicht verstanden und diese emotionalen Erlebnisinhalte dann vom Berater verbalisiert werden. Wichtig dabei ist, dass nicht nur Emotionen, die dem Klienten bewusst sind, sondern auch Inhalte, die er vielleicht spürt, aber nicht in Worte fassen kann, vom Berater zum Ausdruck gebracht werden. Das Ziel hierbei ist, dass der Klient einen Konflikt nicht mehr nur subjektiv wahrnimmt, sondern, durch das Verbalisieren seiner Empfindungen seitens des Beraters, den Konflikt aus einer gewissen Distanz beurteilen kann. Das Verbalisieren der emotionalen Erlebnisinhalte darf aber nicht als Feststellung, sondern nur als Angebot, ausgesprochen werden, denn der Klient soll sich frei mit seinen Schwierigkeiten auseinandersetzen und er muss die Wahl haben, ob er das Verbalisierte annimmt oder nicht.18 Durch die empathische Haltung des Beraters spürt der Klient, dass er trotz seiner Unzulänglichkeiten verstanden, ernst und angenommen wird.

[...]


1 Brem-Gräser, Luitgard: Handbuch der Beratung für helfende Berufe, Band 3, Ernst Reinhardt Verlag München-Basel 1993, S. 33

2 Schönpflug/ Schönpflug: Psychologie, Allgemeine Psychologie und ihre Verzweigungen in die Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie, 2.Auflage, Psychologie Verlagsunion, München 1989, S. 37

3 Vierecke, Andreas: Humanistische Psychologie, Microsoft ® Encarta ® 98 Enzyclopädie ©. 1993-1997 Microsoft Corporation

4 Grjasnow/ Schindewolf/ Ludwig: Psychologie, Studienbrief Fernstudiengang Pflege, März 1997, S. 54

5 Weinberger, Sabine: Klientenzentrierte Gesprächsführung: eine Lern- und Praxisanleitung für helfende Berufe, 6. Überarb. und erw. Auflage, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1994, S. 97ff

6 Langfeldt, Hans Peter: Studienbücher für soziale Berufe: Psychologie. Grundlagen und Perspektiven, Neuwied, Berlin, Kriftel: Luchterhand 1993, S. 152f

7 vgl. Grjasnow/ Schindewolf/ Ludwig, 1997, S. 57f

8 vgl. Weinberger, Sabine: 1994, S. 97ff

9 vgl. Andreas Vierecke: ... Encarta

10 Geschwinder, Sabine: Klientenzentrierte Beratung ohne System? Systemische Beratung ohne Klient?: Eine vergleichende Betrachtung, 1. Auflage, Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin, 1999, S.27

11 vgl. Weinberger, Sabine: 1994, S. 30

12 vgl. Vierecke, Andreas: ... Encarta

13 vgl. Grjasnow/ Schindewolf/ Ludwig, 1997, S. 60

14 vgl. Brem-Gräser, Luitgard: 1993, S. 82 - 84

15 Rogers, C. R.: Therapeut und Klient. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie, München 1997, S. 132

16 vgl. Geschwinder, Sabine: 1999, S. 30f

17 vgl. Rogers, C. R.: 1997, S. 184

18 vgl. Weinberger, Sabine: 1994, S. 56f

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Beratung im Kontext der Humanistischen Psychologie
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Veranstaltung
Beratung
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V60375
ISBN (eBook)
9783638540735
ISBN (Buch)
9783638826907
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beratung, Kontext, Humanistischen, Psychologie, Beratung
Arbeit zitieren
Tina von Berg (Autor:in), 2002, Beratung im Kontext der Humanistischen Psychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60375

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