Interaktionen online in starken Beziehungen: Ein Medienvergleich


Seminararbeit, 2002

36 Seiten, Note: Gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Fragestellung: ersetzt oder ergänzt soziale Kommunikation online alte Kommunikations- und Beziehungsmuster?

2. Theorien computervermittelter Kommunikation
2.1 Die traditionelle Sicht: Technikdeterminismus
2.2. Die interpersonale Vermittlung des „Sozialen“: Soziale Kommunikation als medienvermittelte Bezugnahme auf andere
2.3. Das Modell Interpersonaler Medienwahl nach Höflich
2.3.1. Kommunikation im Kontext der sozialen Beziehung: Bedeutungsinterpretationen formen die Verständigung
2.3.2. Beziehungsentwicklung : geprägt durch interpersonale Kommunikation
2.3.3. Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation

3. Der soziale Kommunikationsalltag: intensiv geführte, starke Beziehungen als Fokus und Messbereich für „soziale Kommunikation“
3.1. Online-Medien als Träger neuer sozialer Netze: lockere, fragile Bindungen anstelle intensiver und dauerhafter Beziehungen?
3.2. Empirie: Ergänzung statt Ersatz des sozialen Netzwerkes durch Online-Medien

4. Ergebnisse: Stellenwert sozialer Kommunikation mittels Online-Medien
4.1. Bedeutung computervermittelter Kommunikation in häufig kontaktierten, starken Beziehungen
4.2. Werden Online-Kommunikationsmedien oft als Medien für die Alltagskommunikation gewählt?

5. Rekapitulation der theoretischen Ausführungen und Diskussion

6. Bibliografie

7. Anhang
7.1. Grundgesamtheit und Stichprobe
7.2. Stichprobe: Rücklaufquote

1. Einleitung

Dass zwischenmenschliche Interaktion mittels computervermittelter Kommunikation neue kommunikative Fertigkeiten verlangt, darüber ist man sich einig. Hingegen wie diese neuen Interaktionsstile mit Beziehungen im echten Leben (Real Life RL) zusammenhängen, und was für längerfristige Konsequenzen diese neuen Arten des Kommunizierens für die Ausgestaltung von Beziehungen und das soziale Beziehungsnetz haben können, über diese Fragen wird sehr kontrovers argumentiert (vgl. Döring 1999, S. 30f.). Es zeigt sich eine Polarisierung der wissenschaftlichen Diskussion in die beiden Seiten der „Optimisten“ oder „Enthusiasten“ und der eher „Konservativen“ oder „Technologiekritischen“. Wie dies bei anderen technischen Neuerungen wie dem Fernsehen auch der Fall war, bürgt die Diskussion mit dem gesellschaftlich noch wenig erschlossenen Thema auch die Gefahr der Überhöhung von Problemen und Potenzialen. Nicola Döring vermerkt, dass deshalb die wissenschaftlich-empirische Auseinandersetzung mit dem Thema von grosser Bedeutung ist:

„Ob und inwieweit wir es beim Internet-Gebrauch (auch) mit reziproken zwischenmenschlichen Verständigungsprozessen, mit Kontaktanbahnung und Beziehungsvertiefung, mit Gruppenbildung und Gemeinschaftsgefühl zu tun haben, ist eine empirische Frage. Die interpersonale Bedeutung und Verbindlichkeit der Netzkommunikation sollte also von vornherein nicht überhöht, aber auch nicht marginalisiert werden“ (Döring 1999, S. 89).

Die zentralen theoretischen Modelle und – bisweilen sehr individualistisch geführten – Erhebungen konzentrieren sich oftmals auf die Online-Nutzung innerhalb einzelner Interaktionsfelder (bspw. Multi-User Dungeons MUDs), was häufig auf Kosten einer integrierenden Gesamtbetrachtung von CMC-Medien geht. Diese Beschränkung auf bestimmte Online-Plattformen ist nicht zuletzt auch damit verbunden, dass es den Aufwand einer wissenschaftlichen Studie übersteigen würde, die Möglichkeiten des Individuums vor dem Hintergrund seiner bisweilen stark individualisierten realen Nutzungsstrukturen integrierend zu betrachten – die ganzheitliche Forschung über den Stellenwert von Online-Kommunikation in unserem medialen Kommunikationsalltag fehlt weitgehend. Ralf Taprogge konstatiert: „Der Forschungszweig der sogenannten Computer Mediated Communication (CMC) beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren vor allem mit einzelnen Aspekten interpersonaler Kommunikation.“ (Taprogge 1996).

Eine Annäherung an den alltäglichen Umgang mit diesen Medien, und vor allem eine Eingrenzung der kommunikativen Hauptfunktionen, droht so jedoch aus dem Blick zu geraten. Nutzungszahlen oder vertiefende Untersuchungen einzelner Anwendungen sind nur sehr vage Indikatoren, um die wirklichen Nutzungsintentionen und sozialen Funktionen der computervermittelten sozialen Kommunikation zu erklären. Hauptproblem bei der nutzergerechten Analyse sind dabei die vielfältig möglichen Konstellationen bei Online-Interaktionen und die damit verbundene Optionalität der gewählten Anwendungen (vgl. zur Optionalität: Thiedeke 2000, S. 25ff.). Auch ist die Kommunikation durch ein Medium vermittelt, also translokal und oftmals zeitlich flexibel (asynchron), und die Zugangsmöglichkeiten variieren darüberhinaus stark (bspw. Zugang zuhause vs. Zugang im Geschäft), was wiederum die situativen Möglichkeiten der Kommunikation erhöht. Auch mit genauen Daten zur Nutzung einzelner Kommunikationsplattformen wären für die Analyse der Alltagskommunikation genauso die Interpretationsleistungen zu untersuchen – diese sind stark von den in Kommunikation tretenden Nutzern, also den Kommunikationsfähigkeiten und der konkreten Konstellation und Beziehungssituation abhängig.

Die Nutzerinnen und Nutzer sind vor dem Kommunizieren online also mit vielen Möglichkeiten konfrontiert, die Nutzungssituation ist stets von einer hohen Kontingenz geprägt – nicht nur technologisch, sondern auch personell. Formen technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation, die wir aus dem Real Life (RL), also der Offline-Welt, kennen, sind über das Internet vielfältig kombinierbar. So lassen sich Sender-Rezipient-Beziehungen sowohl von einer Person zu einer anderen (one-to-one), von einer zu mehreren (one-to-few), von einer zu vielen (one-to-many als massenmediale Kommunikation) alle übers Internet etablieren, wobei die Kommunikation bislang mittels keinem Medium so vielfältig kombinierbar war. Dabei sind schon die Ausprägungen der one-to-one-Konstellationen vielfältig: so erlaubt Online-Kommunikation sowohl die synchrone textbasierte Kommunikationsform, als auch asynchrone Kommunikationsformen, und dabei könnten noch weitere integrierbare Medientypen (Video, Audio etc.) berücksichtigt werden. Diese werden in Zukunft weiter zu den Wahlmöglichkeiten und zur Vielfalt der Kommunikationsplattformen (Medienanwendungen) beitragen.

Als Wissensbasis bezüglich der formalen Nutzung muss man sich mit Befunden über die Nutzungsfrequenz einzelner Anwendungen als solche begnügen, ohne mehr über die Konstellationen der Kommunikation innerhalb dieser Anwendungen erfahren zu können. Zuvorderst bei den interaktiven Online-Medien stehen gemäss Horst Stipp, der die Nutzung von Online-Medien in den USA untersuchte, die Anwendungen E-mail und Chat (Stipp 2000, S. 132). Als Nutzungsschwerpunkt nimmt vor allem das Interaktionsmedium E-mail vor allen weiteren Online-Anwendungen deutlich den ersten Rang ein (Stipp 2000, S.132, van Eimeren et al. 1998, S. 428). Diese Alltäglichkeit im Umgang vor allem mit E-mail hat, zumindest empirisch gesehen, soziale Implikationen im Sinne einer Wirkung auf das soziale Mediennutzungsverhalten: Der rückgekoppelten sozialen Kommunikation mittels solchen Medien wird ein immer höherer Stellenwert als interaktives Medium eingeräumt – sie sind zur gesellschaftsfähigen sozialen Kommunikationsplattform geworden. Ethnografische Studien, welche sich Fragestellungen wie der Identitätskonstruktion in MUD-Welten oder der Bildung virtueller Gruppen widmen (vgl. Turkle 1995, Baym 2000), können nicht über die Prädominanz sozial stärker genutzter Medien wie dem E-mail hinwegtäuschen – dies jedenfalls lassen Nutzungszahlen vermuten.

Zwischenmenschliche interaktive Kommunikation ist aber genausowenig an eine einzelne Online-Plattform wie an die Lokalität (die physische Präsenz) der Kommunikationspartner gebunden. Nutzungszahlen sind ein Indikator, welche die sozialen Implikationen der Online-Kommunikationsanwendungen wie E-mail im weitesten Sinne transparent machen können. Allerdings ist die technisch vermittelte interpersonale Kommunikation so individuell gestaltbar, gerade weil so viele Variationen des Gebrauchs bestehen und die technische Vermittlung eben je länger, je weniger eine Determiniertheit im Umgang vorgibt – zu den schon bestehenden textuellen, bisweilen auditiven und visuellen, nach Gruppengrösse modifizierbaren Kommunikationskonstellationen und –varianten werden sich weitere gesellen. Taprogge meinte schon 1996 hinsichtlich der kommunikativen Freiheiten: „Der Gestaltungsspielraum ist sehr groß, so daß der konkreten Motivation und den formalen Bedingungen der Nutzung eine besondere Bedeutung zufällt“ (Taprogge 1996). Somit ist davon auszugehen, dass die Rolle des aktiven Nutzers, der sich über die Wahlmöglichkeiten bewusst sein muss, immer wichtiger wird. Auch eine Analyse des Medienumganges darf mithin die Vielfalt der Medienwahlmöglichkeiten nicht reduktiv auf einzelne (Online-) Medien beschränken, und Medien als integrale Bestandteile des Kommunikationsalltages integrierend und nach deren Hauptfunktionen vergleichend untersuchen.

Eine weitere Begrenzung der Handlungsmöglichkeiten – neben der technologischen und derjenigen des Zugangs – setzt bei computervermittelter interpersonaler Kommunikation der Kommunikationspartner, der ein Verhalten erwartet. Taprogge fasst zusammen:

„Eine der Grenzen setzt die technologische Determinierung, die jedoch beim Internet weit gesteckt ist, daher aber auch weitreichende Kenntnisse praktischer und formaler Gebrauchsweisen erfordert. Als eine weitere Grenze kann die Notwendigkeit der [...] Aktivität anderer Nutzer benannt werden. Eine letzte wichtige Grenze besteht darin, daß als Grundvoraussetzung für die Nutzung ein Zugang zum Internet verfügbar sein muß. Ist dieser Zugang vorhanden, so muß technologisch zwischen sehr unterschiedlichen Qualitäten des Zugangs differenziert werden“ (Taprogge 1996).

Hier wird die Bedeutung als von den interagierenden Nutzern selber konstruierte Bedeutung angetönt. Ein Nutzungseffekt wird also nicht als allein vom Medium ausgehend erwartet – das mit grossem Aktivitätspotential ausgestattete Individuum gestaltet sich eher die interpersonale Kommunikation online den eigenen Kommunikationszwecken entsprechend, als dass es sie „konsumiert“. Tendenziell werden auch die Zugangshürden, um die Möglichkeiten des Internet vollumfänglich auszuschöpfen, zunehmend kleiner, sind doch heute viele Haushalte schon mit einem Online-Anschluss ausgestattet.

1.1. Fragestellung: ersetzt oder ergänzt soziale Kommunikation online alte Kommunikations- und Beziehungsmuster?

Bei der Online-Kommunikation wird also die Gestaltung der Kommunikation stärker als bei herkömmlichen Medien – bspw. dem Telefon, wo nur one-to-one und mittels einem Kanal kommuniziert wird –, aber auch durch die breitgefächerte Angebotsauswahl, in die Hände der Kommunizierenden gelegt. Das Erleben der Kommunikation bei interaktiven Online-Medien ist also in verstärktem Masse individuell gestaltbar. Der Gebrauch dieser neuen technikvermittelten Online-Kommunikationsformen ist darüber hinaus nicht statisch, sondern ständig im Wandel. Viele Verwendungsmöglichkeiten liegen vor, und das Netz ist ständig am Expandieren, so dass dadurch viele neue interpersonal bedeutsame Prozesse und Kommunikationsnetzwerke entstehen. Der Umgang mit einem Medium dürfte vor dem Hintergrund individueller Ziele und Bedürfnisse somit erst im Kontext der Kontaktmuster und Kommunikationssituationen zu erforschen sein. Um feststellen zu können, welche sozialen Nutzungsmuster sich herausbilden, müssen Medien, um sie als stark vertretene Alltagsmedien auszuweisen, immer auch universellen Kriterien der sozialen Nutzung genügen, und sich so einem Vergleich unterziehen. Die Fragestellung in der vorliegenden Arbeit bezieht sich denn im Sinne der obigen Ausführungen auf die Auswirkungen von neuen Handlungsmöglichkeiten und vermeintlichen – wissenschaftlich umstrittenen – Bedeutungsverlusten bei der sozialen Online-Kommunikation auf die Ausgestaltung und das Ausleben von Beziehungen – wobei einzelne starke Beziehungen als Inbegriff des Sozialen betrachtet werden. Die medial vermittelte Beziehungskommunikation und damit: die Alltagskommunikation mittels Medien, soll anhand eines Medienvergleichs empirisch eruiert werden. Es soll – im Sinne technikdeterministisch argumentierender Kritiker – herausgefunden werden, inwiefern computervermittelte Kommunikation als neue Form technisch vermittelter Kommunikation neue Beziehungsformen fördert, welche dann im engeren Sinne nicht als soziale Beziehungen bezeichnet werden können. Die Forschungsfragen dieser Arbeit lauten somit:

Haben neue Online-Kommunikationsformen wie E-mail, aber auch andere Möglichkeiten der (zeitgleichen oder zeitverschobenen) Kommunikation in sozialen Interaktionen einen hohen Stellenwert, so dass sie als soziale Vermittler von Bedeutung angesehen werden können, und anderen alltäglich benutzten Medien in dieser Hinsicht ebenbürtig sind?

Hat die „Bandbreite“ von Online-Medien generell längerfristige Auswirkungen auf die Sozialität des Menschen, indem die Bekanntschaften durch die Einflüsse der Technik von anderen Merkmalen geprägt sind oder auch ganz neue Bekanntschaftstypen dominante soziale Bedeutung erhalten, die ohne Online-Kommunikation gar nicht möglich wären?

Diese Fragestellung bezieht sich somit auf die Beziehungsebene und deren Zentralität für die Empfindung „sozialer Kommunikation“: Welcher soziale Stellenwert kann welchen Medien empirisch eingeräumt werden, und wie „technisch“ bedingt sind die Kommunikationserfolge letztlich: gibt es in diesem Sinne soziale „Effekte“, die allein vom Medium ausgehen, und nicht von den Sinn übermittelnden Kommunizierenden selber, so dass neue soziale Kommunikationsnetzwerke u.v.a. Beziehungsmuster entstehen? Entstehen also in anderen Worten soziale interpersonale Online-Nutzungsmuster, die durch die Verwendung der jeweiligen Technologie ein Abweichen von der alltäglichen sozialen Kommunikation in Beziehungen fördern würden?

Der Frage nach der Bedeutung von empirisch starken Formen, computervermittelt sozial zu interagieren, soll somit zentrale Aufmerksamkeit geschenkt werden, um die „Sozialität“ von Online-Medien im Vergleich zu anderen Medien beurteilen zu können. Auf die damit aufgeworfenen Fragen geben traditionelle CMC-Modelle nicht oder nur ansatzweise Antwort. Sie gehen davon aus, dass interpersonale Kommunikation bei Verwendung eines Mediums nicht beliebig gestaltbar ist. Medienvermittelte Interaktionen sind dergestalt von unterschiedlicher Vielfalt der verwendbaren Kanäle geprägt, dass ihnen aus sozialpsychologischer Sicht oft eine unterschiedlich starke „Bedeutungsreduktion“ gegenüber der Face-to-Face-Kommunikation eingeräumt wird. Solche traditionellen CMC-Modelle verwenden ein Kommunikationskonzept, das die Kommunikation als qualitativ abhängig von den dabei einbezogenen Kommunikations- und Sinneskanälen macht. Als Standard der „idealen“ Kommunikation wird die Face-to-Face-Situation gesehen, und diese „wahre“ Kommunikation wird nun je nach zwischengeschaltetem Medium – wie dies beim Telefon, aber auch bei CMC der Fall ist – gemäss solchen Konzepten in ihrer Übertragungskraft reduziert. Es kommt zu einer Reduktion insbesondere der nonverbalen Kanäle, welche als Reduktion der Freiheit kommunikativen Ausdrucks und der Bedeutungsübermittlung gesehen wird.

2. Theorien computervermittelter Kommunikation

Die technisch vermittelte Kommunikation wird in der Literatur, wie dies schon angedeutet wurde, insbesondere unter Gesichtspunkten der möglichen Restriktionen bei der Bedeutungsübermittlung in sozialen Beziehungen, aufgegriffen. Ein Überblick über die theoretischen Modelle computervermittelter Kommunikation soll darüber Aufschluss geben, wo seit den 80er Jahren die Schwerpunkte lagen bei der sozialwissenschaftlichen Forschung über interpersonale Online-Kommunikation. Nach einem Aufriss der gängigsten Modelle soll ein Modell vorgestellt werden, welches personelle Faktoren mitberücksichtigt und als eigentlichen Dreh- und Wendepunkt gelungener und sozialer Online-Kommunikation beschreibt – ganz entgegen der technikdeterministischen Sichtweise, welche ich im folgenden nachzeichnen möchte.

2.1 Die traditionelle Sicht: Technikdeterminismus

Da sich CMC-Theorien durchgehend mit der Frage beschäftigen, welche Besonderheiten die computervermittelte Kommunikation aufweist, wie diese Besonderheiten zustandekommen und welche kurz- und langfristigen Konsequenzen sie haben, überschneiden sie sich in ihren Kernthesen und bilden ein eigentliches Paradigma technikkritischer Theorie: Sie lassen sich als technikdeterministische Sichtweise zusammenfassen. Als Ausgangpunkt der theoretischen Diskussion und als Quelle für viele technikdeterministische Modelle ist zunächst das Kanalreduktionsmodell zu erwähnen (Döring 1999, S. 241). Wie der Name schon sagt, bewertet dieses Modell die Kommunikation über verschiedene Medien durch die Anzahl Kanäle, welche den Kommunizierenden zugänglich sind. Als Standard gilt die Face-to-Face-Situation, wo alle Kanäle vorhanden sind, um Emotionen und Intimität bspw. zu kommunizieren. Warum allerdings getippter Text nicht geeignet sein sollte, Gefühle zu kommunizieren, Intimität herzustellen oder sinnliche Eindrücke zu erzeugen, ist theoretisch bei diesem Modell unklar, und wird pauschal als „Ent-Sinnlichung“ und „Ent-Menschlichung“ abgetan. Anhänger dieses Modells sind überzeugt, dass Face-to-Face-Kommunikation per se einen ganzheitlicheren, menschlicheren, und restriktionsfreieren Austausch garantiert – und somit bei CMC eine Reduktion der Sinneseindrücke durch die Substitute der Textkommunikation, durch deren zeitliche und räumliche Ungebundenheit automatisch der Fall sein muss. Unterschiedliche Kommunikationsanlässe und –bedürfnisse werden kaum differenziert (Döring 1999, S. 210ff.).

Auf der Grundidee des Kanalreduktionsmodelles aufbauend, beschreiben Filter-Modelle die Kommunikation allgemein als je nach Anzahl zugänglicher Kommunikationskanäle unterschiedlich informativ – in anderen Worten: es geschieht ein Herausfiltern von „sozialen Hinweisreizen“: mit einer Verringerung der Kommunikationskanäle ist ein Informationsverlust verbunden, der die Wahrnehmung des Gegenübers und damit auch die Einschätzung desselben verändert. Weil der Kontext der Kommunizierenden bei textvermittelter Kommunikation wenig klargemacht werden kann, man also wenig darüber weiss, lässt sich die Beziehung zu einer anderen Person im Gegensatz zum RL durch einen Nivellierungseffekt beschreiben. Die Anonymität durch die Abwesenheit von sozialen Hinweisreizen oder –dimensionen (Alter, Aussehen, Bildung, Status, Vermögen, Gestik und andere nonverbale Ausdrucksformen) macht die Kommunikation zu einem enthemmten, wenig realitätsbezogenen Prozess. Die Reduktion nonverbaler Kanäle wirkt sich also negativ auf das soziale Verhalten aus- durch die Reduktion der Kanäle und die Frustration und Disinhibition schaffende Zeitverzögerung ist dann „dereguliertes“ und extremes („antinormatives“) Verhalten Folge dieser „Deindividuierung“ und Vereinheitlichung der Ausdrucksmittel (Spears et al. S.13ff.). Filter-Modelle bauen also auf der These der Egalisierung und der daraus resultierenden Provokation feindlichen, anomischen, normverletzenden und antisozialen Verhaltens auf (Döring 1999, S. 214ff.).

Ebenfalls auf den Grundannahmen der Theorie der Kanalreduktion bauen die Konzepte der medialen Reichhaltigkeit und der sozialen Präsenz auf. Im Modell der sozialen Präsenz (Fulk et al. 1990) wird der Anspruch erhoben aufzuzeigen, wie bei medialer Vermittlung interpersonale Kommunikation aus subjektiver Sicht verarmt, weil in dem Grade die sozialen Faktoren Wärme, Persönlichkeit, Sensibilität und Geselligkeit abnehmen, in dem die „natürlichen“ Kanäle reduziert werden. Die soziale Präsenz ist also ein subjektiver Eindruck beim Mediengebrauch. Bei der „Information Richness Theory“ oder eben: Theorie der medialen Reichhaltigkeit (Daft / Lengel 1986 in: Lee 1994, S.144) unterscheidet man die verschiedenen Kommunikationsmedien hinsichtlich ihrem Potenzial, erfolgreich Bedeutungen innerhalb einer gewissen Zeit zu übermitteln. Dabei lassen sich die Medien anhand dieses Kriteriums folgendermassen hierarchisch klassifizieren:

1. Face-to-face Kommunikation
2. Telefon
3. Persönliche Dokumente wie Briefe oder Memos (handschriftlicher Text)
4. Unpersönliche geschriebene Dokumente (maschinengeschriebener Text) und
5. Numerische Dokumente (ebd.).

Zumal E-mail und Chats oder IRCs, wenn auch je länger desto weniger (Stichwort: Video Conferencing, Voice-Mail, Video-Mail), so doch vorwiegend mittels alphanumerischen Codes übermittelt werden, müssen sie der vierten und somit informationsbezogen fast der niedrigsten Kategorie zugeordnet werden.

Als Gründe für genau diese Unterteilung geben Vertreter des Ansatzes der medialen Reichhaltigkeit an, dass es 1. auf die unterschiedlichen Kapazitäten für unmittelbares Feedback, 2. auf die Anzahl kommunikativ wirksamer Dimensionen (cues) und Kanäle, 3. auf die Möglichkeiten der Personalisierung, und 4. auf die Möglichkeit zur Variation der Sprache (Ton, Länge) ankomme, um die potenzielle Informationsleistung eines Mediums zu klassifizieren. Allen S. Lee beschreibt die Dimensionen des informationsbezogen „kargen“ Mediums E-mail, welche wegen der fehlenden Feedback-Möglichkeiten in ihrem Informationspotenzial gar tiefer eingeschätzt werden müsste als Chats (die ja synchron vonstatten gehen):

„[...] according to information richness theory, a document (such as e-mail) is a lean medium because it lacks the capability for immediate feedback, uses only a single channel, filters out significant cues, tends to be impersonal, and incurs a reduction in language variety“ (Lee 1994, S.145).

Bei diesen Modellen, die allgemeingültige Konzepte für eine „rationale Medienwahl“ formulieren, sind die subjektiven Rangreihen, die Menschen im Zusammenhang mit Medien bilden, hierarchisch an einem Ideal orientiert, welches durch ein „Maximum an persönlicher Nähe“ beschreibbar ist (Döring 1999, S. 217).

Es kann in der Gesamtbetrachtung der angeführten Modelle die gemeinsame Betonung der Tatsache hervorgehoben werden, dass etablierte Face-to-Face-Kommunikation mit einer Person von grösserer Bandbreite und Gestaltungsfreiraum gekennzeichnet ist wie jene online. Solche technikkritischen/ technikdeterministischen CMC-Modelle gehen von einem Ideal der Kommunikation aus, welches in der Face-to-Face-Situation gesehen wird. Um dagegen zu argumentieren, lässt sich natürlich nicht bestreiten, dass faktisch ein Medium benutzt wird, dass die Kommunikation in diesem Sinne also nicht „unmittelbar“ ist, und dass somit immer auch die Ebenen der Bedeutungsübermittlung davon betroffen sind. Allerdings kann sich dieses Empfinden psychologischer Unvermitteltheit zwischen unterschiedlichen Kommunizierenden stark unterscheiden – und die Bedingungen für diese Unterschiede der empfundenen Kommunikation gilt es zu untersuchen. Darüber hinaus muss auch berücksichtigt werden, dass sich Perzeptionen medialer Kommunikationssituationen im Zeitablauf und insbesondere in Verbindung mit einer erworbenen Medienpraxis und –kompetenz ändern. Eine Sichtweise, welche pauschal die Übermittlungskraft und Einschränkungen bei der Bedeutungsübermittlung behauptet, ist also nicht angebracht. Es muss immer auch gesehen werden, dass sich im Falle neuer Formen technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation die Regularien bei jedem Nutzer auch intrapersonal ausbilden müssen, und diese dann auch situationsadäquat in interpersonaler Kommunikation gehandhabt werden müssen – die Verwendung eines Online-Mediums ist wie schon erwähnt als stark individualisiert bezeichenbar. Als entscheidenden Faktor dabei für die Optimierung der Verwendungsmöglichkeiten nennt der Kommunikationswissenschaftler Joachim Höflich die Zeit: mit zunehmender Medienerfahrung werden die Möglichkeiten eines Mediums und dessen Beschränkungen auch besser verstanden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Medienkompetenz. Es ist in diesem Sinne also davon auszugehen, dass ein

„... an den technischen Eigenschaften festgemachter Medienbegriff [...] hierbei nicht [ausreicht]. Medien werden vielmehr durch die soziale und kulturelle Rahmung des Kommunikationsprozesses zu „bedeutungsvollen“ Objekten im Kontext der interpersonalen Kommunikation. Dabei stellt sich zugleich die Frage: Welche – individuelle, kommunikative, soziale – „Bedeutung“ hat es, wenn ein (technisches) Medium zur Realisierung von Kommunikationsabsichten genutzt respektive in den Prozess der interpersonalen Kommunikation eingeführt wird? Kommunikationswissenschaftlich interessiert dabei nicht die Technik oder das Technische per se, d.h. nicht wie eine Sache technisch, sondern wie sie sozial „funktioniert““ (Höflich 1996, S.60).

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Interaktionen online in starken Beziehungen: Ein Medienvergleich
Hochschule
Universität Zürich  (Soziologisches Institut)
Note
Gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
36
Katalognummer
V6060
ISBN (eBook)
9783638137393
Dateigröße
839 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vergleichende Analyse des Stellenwertes sozialer Interaktionen online und Ausblick auf die mögliche Entwicklung sozialer Netzwerke. Sehr dichte Arbeit.
Schlagworte
Online, Medienvergleich, Neue Medien, Online, Onlinekommunikation
Arbeit zitieren
Mark Gasser (Autor), 2002, Interaktionen online in starken Beziehungen: Ein Medienvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6060

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