Entwicklung der Biographik vom 18. Jh. bis heute am Beispiel ausgewählter Mozartbiographien


Seminararbeit, 2006

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Versuch einer Definition der Gattung Biographie

3. Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis heute
3.1. Überblick: Traditionelle vs. Moderne Biographik
3.2. Biographien im 18. Jahrhundert
3.3. Biographien im 19. Jahrhundert
3.4. Biographien im 20. Jahrhundert

4. Die Entwicklung der Biographie am Beispiel der drei Mozartbiographien
4.1. Niemetscheks „Leben des K.K. Kapellmeisters Wolfgang Gottlieb Mozart“ im ausgehenden 18. Jahrhundert31
4.2. Die Mozartbiographie von Otto Jahn im 19. Jahrhundert32
4.3. Die Mozartbiographie von Dirk Böttger im 20. Jahrhundert33

5. Zusammenfassung

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Biographie hat in den letzten Jahrzehnten eine wahre Konjunktur erlebt. Allerdings gibt es noch immer keine einheitlich anerkannte theoretische Grundlage bzw. eine allgemein gültige Definition. Dies erschwert zum einen den Umgang mit Biographien. Andererseits wurde die Biographik im wissenschaftlichen Diskurs lange Zeit vernachlässigt, so dass es im theoretischen und praktischen Bereich viel aufzuarbeiten gibt.

In der folgenden Arbeit werde ich kurz die Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis heute darstellen und versuchen diese Entwicklung und die damit einhergegangenen Veränderungen an drei Mozartbiographien aufzuzeigen. Die von mir ausgewählten Biographien sind Franz Xaver Niemetschek „Leben des K.K. Kapellmeisters Wolfgang Gottlieb Mozart“ (1798), Otto Jahn „W. A. Mozart“ (1856-1859) und Dirk Böttger „Wolfgang Amadeus Mozart“ (2003).

2. Versuch einer Definition der Gattung Biographie

Eine allseits anerkannte Definition der Biographie ist bisher noch nicht geglückt. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei der Biographie um keine eigenständige literarische Form handelt. Sie bewegt sich im Grenzgebiet zwischen der Geschichtsschreibung (Wissenschaft) und der Dichtung (Kunst).1 Des weiteren lässt sich die Biographie auch nicht einer der drei klassischen Gattungen (Epik, Lyrik oder Dramatik) zuordnen.2 Daher wird in der Regel eine negative Abgrenzung der Biographie vorgenommen und insbesondere die den meisten Biographien innewohnenden Merkmale als Ersatz für eine Definition aufgeführt. Zum einen handelt es sich in der Regel um nicht-fiktive Literatur, da der Stoff durch den bekannten Lebenslauf vorgegeben ist. Des weiteren ist jede Biographie vergangenheitsorientiert. Da der Biograph ein fremdes Objekt darzustellen versucht, erhebt er einen Anspruch auf Objektivität und meistens auch einen Anspruch auf teilweise Richtigkeit seiner Ausführungen.

Der Biograph will einen Lebenslauf dem Vergessen und der Vergangenheit entreißen, und er ist der Meinung, dass dieses Leben auch ein Denkmal verdient. Aus diesem Grunde versucht er das Leben als kompakte Einheit darzustellen, wobei viel Wert gelegt wird auf „Geradlinigkeit“, Kontinuitäten und innere Konsequenzen. Als ein weiteres Merkmal ist hier die Tatsache aufzuführen, dass Biographen das Leben dynamisch verstehen und deswegen ihrem Objekt „Entwicklungsmöglichkeiten“ zugestehen. Als letztes Merkmal sei an dieser Stelle angeführt, dass sich die Biographie in der Regel nicht mit Zustimmungen und kritischen Urteilen begnügt, sondern außerdem noch einen deutenden und hinweisenden (d. h. durch Beispiele zeigenden) Charakter hat.3

Einige dieser Merkmale zusammengefasst findet man in dem vorläufigen Definitionsversuch von Christian Klein, der selbst angibt, dass dies keine endgültige Fassung sein kann.

Die Biographie ist ein „rückblickender (Prosa-) Text, der wesentliche Lebensabschnitte oder -bereiche einer tatsächlichen Person darstellt, dabei einen Ähnlichkeitsanspruch erhebt und die Betonung auf die individuelle Geschichte der Person legt, wobei der Verfasser mit einem Erzähler identisch sein kann, nicht aber mit dem zentralen Objekt der Darstellung.“4

3. Entwicklung der Biographik vom 18. Jahrhundert bis heute

3.1. Überblick: Traditionelle vs. Moderne Biographik

Das wiederkehrende Interesse an der Biographie ist einer erneuerten Biographie zu verdanken und nicht dem Aufschwung der traditionellen Biographie.5 Deshalb werde ich im folgenden Abschnitt die traditionelle und die moderne Biographik gegenüberstellen. Dabei sollen die grundlegenden Unterschiede und Veränderungen deutlich werden.

Schon im Bereich des Erkenntnisinteresses lässt sich ein Unterschied finden. Orientiert sich die traditionelle Biographik noch an den großen und bedeutenden historischen Persönlichkeiten6, so weitet die moderne Biographik ihr Interesse an anderen historischen Akteuren (z.B. Müller, Bauern und Glasermeister) aus7. Dabei heroisiert und verklärt die erste die untersuchten Subjekte. Dadurch wird die Lebensgeschichte und ihr vermeintlicher Zusammenhang unreflektiert nacherzählt. Es wurde von einer lebensgeschichtlichen Kontinuität ausgegangen8und damit die untersuchte Person als ein individueller, in sich geschlossener Mikrokosmos konzipiert, der unabhängig von der Welt existiert.9 Diese Vorstellung von einer konsistenten und kohärenten Ganzheit der Subjekte und ihrer Lebensentwürfe lässt sich auch in der interpretatorisch und chronologisch geordneten Narration wiederfinden.10Im Gegensatz dazu erkennt die moderne Biographik die Komplexität der historischen Person und die Inkohärenz des Lebenslaufes an.11 Sie bindet das untersuchte Subjekt in die sozialen, kulturellen und politischen Strukturen und Zusammenhänge ein, und begreift das Individuum als eine individuierte soziale Struktur, die sowohl von der Gesellschaft geprägt wird, als auch andererseits selbst auf diese wirkt.12 Diese Ansicht führte wohl auch zu neuen Biographieformen, wie z. B. thematisch statt chronologisch geordneten Biographien.13

In der traditionellen Biographik werden also Persönlichkeit und soziale Strukturen als Gegensatz und einander ausschließende Alternativen verstanden, wo hingegen die moderne Biographie das interdependente Verhältnis dieser beiden Alternativen in ihrer Arbeit anerkennt und berücksichtigt.14Die Aufgabe des Biographen bestand im Rahmen der traditionellen Biographik darin, einen Lebensweg nachzuzeichnen und sich in seinen Helden hineinzuversetzen, um eine Unmittelbarkeit zum Helden herzustellen.15Der moderne Biograph muss darüber hinaus den Handlungskontext rekonstruieren, Gruppen bzw. Klassen und ihre Interaktionsmuster unter dem Einfluss sozialer Strukturen und Mentalitäten analysieren, den geschichtlichen Kontext einbeziehen16und beachten, dass der so genannte Lebensweg vom untersuchten Individuum zum Teil inszeniert und konstruiert wurde17.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschichte der Biographik wohl untrennbar mit der Sozialgeschichte der Individuation verbunden ist, und dass das biographische Schreiben als Spiegel der jeweils herrschenden Individualitätsauffassung begriffen werden könnte.18

3.2. Biographien im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert kam es zu der Herausbildung eines Bürgerbewusstseins. Maßgebend für die Entwicklung der Biographie in dieser Zeit war die Äußerung von Johann Gottfried von Herder, dass die Biographie bei der historischen und geistigen Selbstvergewisserung des bürgerlichen Individuums mitwirken könne. Als anstrebenswertes Ideal der Biographik sieht Herder das Gleichgewicht von Ich und Welt. Die Denkart und die Taten des Biographierten stehen zwar im Zentrum des Interesses, aber dennoch gibt es eine enge Verbindung von Individuum und Gesellschaft, da der Einzelne von seinem Zeitalter geprägt wird.19Daran ist ein Drang zur öffentlichen Wirksamkeit und eine Abwehr bisheriger Innerlichkeit zu erkennen.20 Der Bürger soll sich mit der Geschichte identifizieren können und sich gar für sie engagieren.21 Formal betrachtet ist im 18. Jh. in der Biographik vorrangig die literarische Kleinform, die „Charakteristik“, die „Skizze“ und der biographische Abriss in Werkausgaben und Lexika beliebt.22

3.3. Biographien im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert führte die These, dass die Geschichte von den großen Männern gemacht würde, zu dem endgültigen Durchbruch der Individualbiographie.23 Als Beginn der Blütezeit der Biographik wird das Jahr 1848 angesehen.24 Mit dem unbefriedigendem Ausgang der Märzrevolution gehen Enttäuschungen innerhalb des Bürgertums einher und es kam zu einem „Verlust an geschichtlicher Sinnimmanenz und einer Ausrichtung auf eine „höhere Welt“ (=eine Welt, die auf Geist gründet). Damit konzentrieren sich die biographischen Arbeiten auf die geistige Entwicklung der untersuchten Person.

Es können im 19. Jahrhundert zwei Strömungen unterschieden werden: politische Biographien und Künstler- bzw. Gelehrtenbiographien.

Der mit dieser Entwicklung aufgekommene Wunsch nach Einheit und Harmonie wurde auf zweierlei Art und Weise versucht zu befriedigen. Zum einen wurde ein Sprachduktus verwandt, der Ruhe und Überlegenheit vermitteln sollte. Zum anderen wurde der untersuchte Lebenslauf chronologisch dargestellt und eine Dreiteilung des Lebens in Kinder- und Jugendzeit, Studium und Herausbildung der Persönlichkeit und Beginn der eigentlichen schöpferischen Phase diente als Grundlage.

[...]


1 Vgl. H. Koopmann: Die Biographie. 1985, S.45

2 Vgl. H. Scheuer: Biographie. Überlegungen zu einer Gattungsbeschreibung. 1982, S. 9

3 Vgl. H. Koopmann: Die Biographie. 1985, S.48 ff.

4 C. Klein: Grundlagen der Biographik. 2002, S. 20

5 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 16

6 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 12

7 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 23

8 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 14

9 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 19 f.

10 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 24 f.

11 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 24

12 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 20 f.

13 Vgl. C. Klein: Grundlagen der Biographik. 2002, S. 13

14 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 21

15 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 31

16 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 28 f.

17 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 35

18 Vgl. H. E. Bödeker: Biographie schreiben. 2003, S. 30

19 Vgl. C. Klein: Grundlagen der Biographik. 2002, S. 6

20 Vgl. H. Scheuer: Biographie. 1979, S. 12

21 Vgl. H. Scheuer: Biographie. 1979, S. 19

22 Vgl. H. Scheuer. Biographie. 1979, S. 54

23 Vgl. C. Klein: Grundlagen der Biographik. 2002, S. 6

24 Vgl. H. Scheuer: Biographie. 1979, S. 55

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der Biographik vom 18. Jh. bis heute am Beispiel ausgewählter Mozartbiographien
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Diskurs Mozart
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V60611
ISBN (eBook)
9783638542463
ISBN (Buch)
9783638667517
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Biographik, Beispiel, Mozartbiographien, Diskurs, Mozart
Arbeit zitieren
Katja Schulz (Autor), 2006, Entwicklung der Biographik vom 18. Jh. bis heute am Beispiel ausgewählter Mozartbiographien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60611

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