Hartmann von Aue. Forschungsüberblick und sprachliche Befunderhebung in Hinblick auf Versmaß und rhetorischen Stilfiguren


Seminararbeit, 2006

20 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsüberblick
2.1 Die handschriftliche Überlieferung
2.2 Quellenforschung
2.2 Zum Autor
2.3 Inhalt des Romans

3. Sprachliche Befunderhebung
3.1 Welche Vers- und Reimtechnik wendet Hartmann an?
3.2 Welche rhetorischen Stilfiguren sind identifizierbar?

4. Schluss

5. Verwendete Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

In der gegenwärtigen Sekundärliteratur findet man eine Vielzahl von Arbeiten über Erec’s Minneverhalten, über seine besondere Stellung am Artushof und über die Liebe und Treue seiner Frau Enite. Ebenfalls existieren Arbeiten über Erec’s notwendige Aventiuren, womit seine verloren gegangene Ehre und das Ansehen in der höfischen Gesellschaft wieder hergestellt werden kann. Alles steht unter dem Aspekt, das rechte Maß an minne und êre zu finden, also der Anforderungen der Ritterschaft und der ehelichen Liebe gerecht zu werden. Außerdem wird über die ‚Doppelwegstruktur’, den Übertragungen des höfischen Romans (‚ roman courtois’) – der vor allem die Geschichten von König Artus und seiner Tafelrunde (‚ maitière de Bretagne’) erzählt –, den ritterlich-höfischen Aspekten sowie über einen Vergleich der deutschen Version mit ihrer altfranzösischen Vorlage diskutiert.

Von der Forschung vernachlässigt werden Aspekte der poetisch-rhetorischen Struktur der Hartmann’schen Reimpaarverse im Erec und ebenso dessen Metrik. Nur durch die Auseinandersetzung mit dem kunstsprachlichen und poetischen Charakter kann der Erec aber erst als sprachliches Meisterstück erhoben werden. Während sich für das älteste und wohl sprachlich am besten untersuchteste Werk von Hartmanns Iwein mehrere Beiträge über die Reimdichtung, die rhetorischen Stilfiguren und anderen sprachlichen Aspekten finden lassen, ist im Hinblick auf die sprachkünstlerische Durchformung des Erec erstaunlich wenig Literatur verfügbar. Ein möglicher Grund dafür wäre zu nennen, dass der Erec als Hartmanns Erstlings- und somit auch als Einsteigerwerk gilt und folglich das sprachliche Material darin noch nicht völlig ausgeschöpft werden konnte. Auffallend sind nämlich besonders stilistische und sprachliche Unterschiede zu Hartmanns Folgewerken, insbesondere dem Iwein und dem Armen Heinrich, sodass für eine sprachliche Untersuchung wohl eher die Nachfolgewerke dem Erec vorgezogen wurden.

Deshalb habe ich mich in dieser Arbeit auch für eine textimmanente Werkinterpretation, im Hinblick auf Sprache, Form und Stil entschieden, um diese Lücke in der Forschung – zumindest nur ansatzweise – zu füllen. Anhand ausgewählter Textstellen wird die sprachartistische Durchformung analysiert: es wird hinterfragt welche Verstechnik Hartmann anwendet und welche rhetorischen Stilfiguren zum Einsatz kommen. Neben dem sprachlichen Schwerpunkt gebe ich einen kurzen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung und den Inhalt des Erec wider. Zum Schluss gelange ich zu der Erkenntnis, dass Hartmanns kunstvolle Sprache, seine reichhaltigen Redefiguren, die ungezwungenen Reime und die melodischen Verse auf einen meisterhaft-poetischen Rhetoriker schließen lassen können.

2. Forschungsüberblick

2.1 Die handschriftliche Überlieferung

Der Erec, ein Epos von über 10000 Versen, entstand etwa um 1180/85 und wurde – trotz seines hohen Bekanntheitsgrades nach seiner Entstehung – nur in einer einzigen, annähernd vollständigen Handschrift überliefert (der Iwein in fast zwanzig!). Die Handschrift stammt aus der Sammlung des Erzherzogs Ferdinand von Tirol (1529 – 1595) und wurde in der Klosterbibliothek auf Schloss Ambras bei Innsbruck gefunden. Die Handschrift erhielt deshalb auch den Namen der Fundstätte in Ambras (A, Ambraser Heldenbuch). Heute wird die Sammelhandschrift in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt (Wien, Cod. Vind., Ser. nova 2663). Das Ambraser Heldenbuch wurde zwischen 1504 und 1526 von Hans Ried, Zöllner am Eisack bei Bozen, in einem bairischen Frühneuhochdeutsch für Kaiser Maximilian I angefertigt.[1] Die Forschung geht davon aus, dass Ried eine überdurchschnittlich gute Vorlage besaß, und somit keine allzu große Textverderbnis in Kauf genommen werden muss. Das Ambraser Heldenbuch enthält eine umfangreiche Sammlung von Texten aus dem 12. bis 13. Jahrhundert. Insgesamt wurden darin 25 verschiedene Texte überliefert, 15 davon werden als Unikate angesehen, da sie außer im Ambraser Heldenbuch an keiner anderen Stelle mehr überliefert wurden. Der Inhalt der Ambraser Handschrift überliefert somit bedeutende, literaturhistorische Werke; unter ihnen weitere Heldenepen (z.B. Nibelungenlied, Biterolf, Wolfdietrich, Kudrun) sowie höfische Epen und Verserzählungen (z.B. Hartmanns Iwein, Strickers Frauenlob, Wernhers Meier Helmbrecht und Eschenbachs Titurel).

Die Handschrift ist jedoch, wie bereits eingangs erwähnt, nicht gänzlich vollständig und wirft in der Forschung einige Probleme auf. Zum einen fehlen die einleitenden Eingangsverse, ebenso 78 Verszeilen nach Vers 4628 sowie vereinzelt Verse im Text selbst, sodass die Forschung an einigen Stellen auf unsichere Vermutungen angewiesen ist. Zum anderen ist die Handschrift relativ ‚jung’, d.h. der Zeitabstand zwischen der Entstehung der Vorlage (etwa 1. Hälfte des 13. Jhdts.) und der Abschrift Rieds (Anfang 16. Jahrhundert) ist sehr groß und daher fehleranfällig. Mertens geht davon aus, dass der Verfasser Hans Ried aufgrund des Zeitunterschiedes „nicht alles richtig verstanden hat und vor allem die Namen vielfach entstellt [hat, K.E.].“[2] Nach Mertens hat Hans Ried aus der Not eine Tugend gemacht und einfach die Verse des Mantels vorangestellt. So finden sich anstatt der Eingangsverse 900 Verse von Heinrich von Türlins Mantel, der „abbricht und nahtlos in die ersten erhaltenen ‚Erec’-Verse übergeht, wohl weil Hans Ried wegen Blattverlusts in seiner Vorlage die Bruchstelle und Nichtidentität der Texte übersah.“[3] Nach Cormeau und Störmer hat Hans Ried (wohl eher sein Schreiber) somit nicht gemerkt, dass das erste Blatt des Erec fehlte und aus Unwissenheit den Mantel angefügt. Was dafür sprechen könnte, ist die Tatsache, dass der erste Vers ohne abzusetzen in die erste Zeile des Erec übergeht. Da der Mantel eine arthurische Kurzerzählung war, die etwas später als der Erec (ca. 1240/50) entstand, war auch eine gewisse thematische Ähnlichkeit zum Erec gegeben, womit der Blattverlust vom Schreiber als solcher wahrscheinlich nicht identifiziert werden konnte. Es kann aber auch möglich sein, dass Ried eine thematische Verbindung zum Erec bewusst herstellen wollte, da er den Blattverlust sehr wohl bemerkt hatte. Jedoch konnte dadurch keine erzählerisch-inhaltliche Konformität mit dem Erec hergestellt werden.

Außerdem sind Fragmente von zwei (mit dem neuen Zwettler-Bruchstück drei) Handschriften bekannt. Das erste Fragment ist das Wolfenbütteler Bruchstück (W) aus dem 13. Jahrhundert, das nach seinem Fundort im Wolfenbüttel benannt wurde. Dabei wirft das Fragment weitere Probleme auf, da vor allem die reimtechnischen Unterschiede zu A erheblich sind. Während in der Handschrift A die zu der Zeit sonst üblichen vier paarweise gereimten Langzeilen vorkommen, sind es im Wolfenbütteler Fragment Dreierreime wie im Wigalois von Wirnt von Gravenberg.[4] Der Name des Franzosen Crétien de Troyes wird auch nur in W genannt, doch ist es möglich, dass eine dementsprechende Stelle im verloren gegangenen Prolog der Handschrift A vorhanden gewesen ist. Durch das Wolfenbütteler Bruchstück konnten zumindest weitere Lücken der unvollständigen Ambraser Handschrift gefüllt werden. Ob die vor kurzem in Zwettl entdeckten Fragmente zu W gehören kann erst nach der Veröffentlichung einer Faksimileausgabe bestimmt werden. Fest steht jedoch bereits, dass das Zwettl-Fragment noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts anzusiedeln ist und sehr wahrscheinlich in einem thüringisch-hessischen Dialekt verfasst wurde.

Daneben gibt es das Doppelblatt einer Handschrift aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus Koblenz (K), sowie ein Fragment aus dem 14. Jahrhundert (V) in einem bairisch-österreichischem Dialekt, das von Vancsa 1948 erstmals veröffentlicht wurde. Außerdem sind noch weitere zwei weitere Hs. urkundlich bezeugt, jedoch nicht überliefert.

2.2 Quellenforschung

Im Mittelalter war es üblich, dass nicht die göttliche Eingebung oder Originalität des Dichters der Ursprung für ein literarisches Werk war. Der Autor galt vielmehr als Handwerker und Techniker, der, weil er meist die Fähigkeiten des Schreibens und Lesens erlernt hatte, für seine Auftraggeber und Gönner Literatur schafft. So war es üblich, dass die Verfasser ihre Werke von einer, meist bekannten, lateinischen oder französischen Vorlage abschrieben. Dabei ging es den Verfassern darum, die Gestaltung des Werkes ihrer Vorgänger bestmöglich zu übertreffen. Als Quelle für Erec beruft sich Hartmann im Wolfenbütteler-Bruchstück (W) auf die altfranzösische Vorlage von Crétien de Troyes mit dem Titel: Érec et Enide. Diese Vorlage entstand etwa um 1170, wahrscheinlich am Hof von Crétiens Gönnerin, der Gräfin Marie de Champagne, oder aber am Königshof von Heinrich II von England. Wie Hartmanns Erec, ist auch Érec et Enide der erste Artusroman seines Landes. Hartmann führt mit dem Erec und dem Iwein den Artusroman erstmals in Deutschland ein. So schreibt Bumke: „Dank der überragenden künstlerischen Bearbeitung der Epen von Crétien de Troyes [...] und ihrer deutschen Bearbeitung durch Hartmann von Aue [...] ist dieser Erzähltyp zur Hauptform des höfischen Romans in Frankreich und Deutschland geworden.“[5]

Die Literaturforschung stellte fest, dass Hartmann, obwohl er sich relativ genau an der Erzählkonstruktion seiner französischen Vorlage orientierte, den Erec dennoch mit eigenen Akzenten versah. So führte er tief greifende inhaltliche Änderungen und Zusätze in seiner Fassung ein. Die Übersetzung der französischen Version fiel somit, im Vergleich zu Hartmanns anderen Übersetzungen (z.B. Iwein), ungewohnt frei aus. Viele Forscher bezweifeln darum, dass Hartmann nur das Werk von Crétien zur Vorlage hatte und gehen davon aus, dass noch zusätzlich eine mündliche Erzähltradition als Vorlage gedient haben könnte. „Das Durchscheinen einer mündlichen Tradition neben Crétien ist [...] nicht ganz von der Hand zu weisen.“[6] Die inhaltlichen Änderungen, die Hartmann in seine Fassung integrierte, sind, nach dem neuesten Stand der Forschung, wohl auf eine mündliche Überlieferungsquelle zurückzuführen.

Besonders auffallend ist auch die Differenz des Umfanges beider Werke. So ist Hartmanns Erec beinahe doppelt so lang wie die altfranzösische Fassung. Überwiegend ergibt sich diese Erweiterung aus den Zusätzen Hartmanns, insbesondere den „Beschreibungen und der Ausweitung rhetorisch ergiebiger Stellen.“[7] So kürzte Hartmann manche Textpassagen nach seinem Ermessen, überwiegend schmückte er jedoch andere Stellen, die Crétien nur kurz anführte, aber nicht kunstvoll beschrieb, inhaltlich weiter aus. Außergewöhnlich ist hier die bei Hartmann besonders ausführliche Beschreibung des Reitpferdes von Enite (500 Verse), die in der französischen Vorlage gerade mal auf 137 Verszeilen (V. 5268 – 5305) abgehandelt wird. Auch ist die so genannte ‚Witwenklage’ Enites (V. 5774 – 6061) bei Hartmann sechs Mal so lange als bei Crétien. Ebenfalls wurde der Auszug der 80 Witwen von Joie de la court an den Artushof, ohne inhaltliche Entsprechung in der Vorlage, von Hartmann eingeführt.

[...]


[1] Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen., hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle. 2., überarb. Aufl. – Stuttgart: Metzler, 1990. Seite 193.

[2] Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman. – Stuttgart: Reclam 1998. (UB 17609, Literaturstudium). Seite 51.

[3] Cormeau, Christoph/Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. 2., neubearb. Aufl. –München: C. H. Beck 1993. S. 18.

[4] Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman. – Stuttgart: Reclam 1998. (UB 17609, Literaturstudium). Seite 51.

[5] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Bd. 2, 6. Aufl. – München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1992. Seite: 549.

[6] Cormeau, Christoph/Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. 2., neubearb. Aufl. –München: C. H. Beck 1993. S. 169.

[7] Cormeau, Christoph/Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. 2., neubearb. Aufl, München: C. H. Beck 1998. S. 171.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Hartmann von Aue. Forschungsüberblick und sprachliche Befunderhebung in Hinblick auf Versmaß und rhetorischen Stilfiguren
Hochschule
Universität Wien
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V60816
ISBN (eBook)
9783638543965
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann, Forschungsüberblick, Befunderhebung, Hinblick, Versmaß, Stilfiguren
Arbeit zitieren
Mag.phil. Karoline Ehrlich, MIB (Autor), 2006, Hartmann von Aue. Forschungsüberblick und sprachliche Befunderhebung in Hinblick auf Versmaß und rhetorischen Stilfiguren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60816

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