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Ivan A. Goncarovs "Fregat Pallada": Wahrnehmung und Erzählen

Title: Ivan A. Goncarovs "Fregat Pallada": Wahrnehmung und Erzählen

Examination Thesis , 2006 , 98 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Tino Töpel (Author)

Russian / Slavic Languages
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Als einziger der großen Realisten der russischen Literatur des 19. Jahrhundert hat Ivan Alek-sandrovič Gončarov (1812 - 1892) eine Reise unternommen, die ihn über die Grenzen Europas hinweg führte. Er übernahm mehr aus Zufall den Sekretärsposten des Vizeadmirals Evfimij Putjatin, der von Zar Nikolaj I. 1852 beauftragt worden war, in geheimer Mission mit der Fregatte „Pallas“ nach Japan aufzubrechen, um Handelsbeziehungen mit dem ostasiatischen Land aufzunehmen. Gončarov begleitete zu jener Zeit den Rang eines Kollegienasses-sors in der Außenhandelsabteilung des russischen Finanzministeriums und war bereits als Autor des RomansОбыкновенная История(1847) und des FragmentsСон Обломова(1849) bekannt. Als das Expeditionskorps am 7.10.1852 von Kronštadt aus in See stach, wusste noch niemand, dass die Fahrt nach Japan schließlich über England, die Westküste Afrikas bis zum Kap der Guten Hoffnung und weiter durch den Indischen Ozean mit Stationen auf Java, in Singapur und Hongkong führen würde. Der 1853 einsetzende Krimkrieg erschwerte die Reise, da die Expedition nun gezwungen war, einer Konfrontation mit englischen und französischen Schiffen auszuweichen und zwischen Japan, China und den Philippinen zu manövrieren, bis sie schließlich im August 1854 den Hafen Ajan im Ochotskischen Meer erreichte, wo Gončarov an Land ging, um über Sibirien nach Westrussland zurückzukehren.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Eine Reise und ihre Texte

2. Forschungen

3. Zielstellung und Programm der Arbeit

II. (Sinn-) Strukturen des Textes

1. Erzählinstanzen

2. Titel

3. Äußere Struktur: Briefe

4. Kreisform des Textes und der Bewegung

5. Innere Struktur: drei mögliche Deutungen

III. Wahrnehmung und Darstellung des reiseliterarischen Raumes

1. Der erlebte Raum als Wahrnehmungsobjekt: Begriffe

a) Wahrnehmung

b) Der erlebte Raum

2. Das Schiff als erlebter und symbolischer Raum

3. Das Meer – eine Naturlandschaft

a) Das Meer in negativer Korrespondenz

b) Das Meer in positiver Korrespondenz

4. Landschaften als „картины“ oder: Raum und Kunst

a) Ankünfte in England und China

b) Insellandschaften: Madeira und Japan

c) Der locus amoenus oder: wie Wirklichkeit geboren wird

d) Sibirien: Rückkehr zur Wirklichkeit

IV. Wahrnehmung und Darstellung fremder Völker

1. Typische Wahrnehmungsobjekte

a) Sprache

b) Hautfarben

c) Augen

2. Der nationale Charakter: vom Massen- zum Einzelporträt

a) Der Engländer

b) Der Japaner

c) Asien und Europa

3. Frauen

V. Zusammenfassung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmungsprinzipien und Darstellungsweisen in Ivan A. Gončarovs Reisebericht „Фрегат Паллада“. Ziel ist es, die Konstruktion von Wirklichkeit im Text zu analysieren, indem der fundamentale Unterschied zwischen der erlebten, konstruierten Wahrnehmung des erzählten Ich und der narrativen Darstellung durch das erzählende Ich methodisch herausgearbeitet wird.

  • Strukturanalyse des Textes (Paratexte, Kreisform, Briefform).
  • Wahrnehmungstheoretische Untersuchung des Raumes (Schiff, Meer, Landschaften).
  • Analyse der sozialen Dimension und der Wahrnehmung fremder Völker.
  • Intertextuelle Bezüge und die Rolle des „Bildes“ (картина) im Text.
  • Diskussion der poetologischen Konzepte von Realismus und Fiktionalität.

Auszug aus dem Buch

1. Erzählinstanzen

Für die Fragestellung von Wahrnehmung und Erzählen sind eindeutige Begrifflichkeiten bezüglich der Erzählinstanzen des Reisetextes von großer Wichtigkeit, da auf ihnen die zu untersuchenden Ebenen basieren. Es gibt in der Fachliteratur der unterschiedlichen Philologien verschiedene Termini für diese Instanzen (z.B. „Reiseschreiber“ bei Alfred Opitz, „Reiseschriftsteller“ bei Friedrich Wolfenzettel, „путешественник“ bei B. Ėngel’gardt), die jeweils verschiedene Aspekte des am häufigsten in Reisetexten auftretenden autodiegetischen Erzählers erfassen. Die vorliegende Arbeit orientiert sich an den Termini, die in der aktuellen Potsdamer Romanistik verwendet werden, weil sie die Instanzen in ihrer Verständlichkeit für den Leser und ihrer Funktionalität eindeutig voneinander abgrenzen. Es handelt sich im Wesentlichen um zwei textimmanente Instanzen: das erzählte Ich und das erzählende Ich, die zwei unterschiedliche Facetten des textexternen, empirischen Reisenden, in dem vorliegenden Falle Ivan A. Gončarov, darstellen.

Das erzählte Ich ist die im Reisebericht konstruierte literarische Figur, die vor (Reise)Ort ist und durch ihr unmittelbares Sehen und Erleben der Beglaubigung des Geschriebenen dient. Es handelt auf der Ebene der erzählten Zeit. Das erzählende Ich dagegen übt eine vermittelnde Funktion aus, indem es dem Leser Informationen übermittelt und diese mit den schon als vorhanden vermuteten Wissensbeständen abstimmt (vgl. Ette 2001:45f.). Ein sehr deutliches Beispiel Gončarovscher Reflexion einer „Abstimmung mit vermuteten Wissensbeständen“ findet sich gleich im ersten Brief aus England als Antwort auf ein Schreiben aus Sankt Petersburg:

„Сам я только что собрался обещать вам – не писать об Англии, а вы требуете, чтоб я писал, сердитесь, что до сих пор не сказал о ней ни слова. Странная претензия! Ужели вам не наскучило слышать и читать, что пишут о Европе и из Европы, особенно о Франции и Англии? Прикажете повторить, что туннель под Темзой очень . . . не знаю, что сказать о нем: скажу – бесполезен, что церков св. Павла изящна и громадна, что Лондон многолюден […]“ (Gončarov 1997:38).

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Genese des Textes ein, ordnet ihn forschungsgeschichtlich ein und definiert die methodische Zielsetzung der Arbeit.

II. (Sinn-) Strukturen des Textes: Dieses Kapitel arbeitet die textimmanenten Erzählinstanzen, die Bedeutung des Titels, die Briefform sowie die zirkuläre Komposition des Werkes heraus.

III. Wahrnehmung und Darstellung des reiseliterarischen Raumes: Der Abschnitt untersucht das Schiff, das Meer und diverse Landschaften als phänomenologische und ästhetische Wahrnehmungsobjekte.

IV. Wahrnehmung und Darstellung fremder Völker: Hier werden die Wahrnehmung von Sprache, Hautfarbe und Augen analysiert, um die sozialen Kategorien und Nationalcharakterisierungen im Reisebericht zu erörtern.

V. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die Konstruktion von Wirklichkeit und die intertextuellen Dimensionen des Reiseberichts.

Schlüsselwörter

Wahrnehmung, Darstellung, Reisebericht, Ivan A. Gončarov, Фрегат Паллада, Erzählinstanzen, Narratologie, intertextuelles Feld, ästhetische Wahrnehmung, Raumtheorie, Nationalcharakter, Kolonialismus, Realismus, Fremdwahrnehmung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Wahrnehmungsprinzipien und die narrative Darstellung in Ivan A. Gončarovs Reisebericht „Фрегат Паллада“ (Fregatte Pallas).

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zentral sind die Differenz zwischen dem erlebten Raum und der textuellen Konstruktion, die ästhetischen Wahrnehmungsmodi sowie die soziale Dimension des Berichts inklusive der Darstellung fremder Völker.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Autor durch die Hierarchie zwischen Wahrnehmung und Darstellung eine spezifische Wirklichkeit konstruiert und sich von traditionellen Reiseliteratur-Mustern absetzt.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor der Arbeit?

Die Analyse stützt sich auf erzähltheoretische Ansätze, wahrnehmungsphilosophische Modelle (insbesondere von Martin Seel und Gernot Böhme) sowie intertextuelle Untersuchungen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Sinnstrukturen des Textes, die Analyse des reiseliterarischen Raumes (Schiff, Meer, Landschaften) und die Betrachtung der sozialen Dimension (Wahrnehmung fremder Völker).

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Zu den Schlüsselbegriffen gehören „erzähltes Ich“, „erzählendes Ich“, „ästhetische Wahrnehmung“, „Raumkonstruktion“, „Fiktionalität“ und „Intertextualität“.

Welche Rolle spielt das Schiff „Pallas“ in der Arbeit?

Das Schiff wird sowohl als physischer Ort, als „Zuhause“ des Reisenden als auch als symbolisches Zentrum der Wahrnehmung und als intertextueller Verbindungspunkt aller Textteile gedeutet.

Wie interpretiert der Autor das Bild der „картина“ (Gemälde/Bild)?

Die „картина“ wird als Indikator für eine imaginative Wahrnehmung des Raumes verstanden, mit der das erzählte Ich eine statische und artikulierte Darstellung anstrebt, um das Gesehene zu ordnen.

Wie verändert sich die Wahrnehmung des „Anderen“ im Verlauf der Reise?

Die Arbeit zeigt einen Wandel auf: Von der anfänglichen stereotypen Betrachtung hin zu einem komplexeren Bild, bei dem der Reisende in Asien sein eigenes Selbstverständnis zunehmend als „Europäer“ konstruiert.

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Details

Title
Ivan A. Goncarovs "Fregat Pallada": Wahrnehmung und Erzählen
College
University of Potsdam  (Institut für Slavistik)
Grade
1,0
Author
Tino Töpel (Author)
Publication Year
2006
Pages
98
Catalog Number
V60828
ISBN (eBook)
9783638544061
ISBN (Book)
9783656380733
Language
German
Tags
Ivan Goncarovs Fregat Pallada Wahrnehmung Erzählen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Tino Töpel (Author), 2006, Ivan A. Goncarovs "Fregat Pallada": Wahrnehmung und Erzählen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60828
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