„Abschied ist die innigste Weise menschlichen Zusammenseins“. Dieser Darstellung inniger körperlicher Zuneigung beim Abschied von der heimlichen Liebe möchte ich mich in der folgenden Ausführung zuwenden. Anhand der Themen Erotik, dem Verhältnis zwischen Mann und Frau und dem Verständnis von Sexualität, Sinnlichkeit und Körperlichkeit im Mittelalter möchte ich in der vorliegenden Arbeit Wolfram von Eschenbachs Tageliedsîne klâwen entlang der Entwicklung vom Morgengrauen bis hin zum Abschied analysieren. Ziel der Seminararbeit soll es sein, die Darstellung erotischer Liebe unter Berücksichtigung des historischen Kontextes möglichst umfassend zu deuten.
Hierzu möchte ich zunächst einen kurzen Exkurs auf die Stellung der Sexualität im höfischen System des Mittelalters geben, da dies dem Verständnis der weiteren Ausarbeitung dient. Das darauffolgende Kapitel werde ich dann eingehend der Gattung Tagelied widmen und den Versuch unternehmen, diese unter erotischen Gesichtspunkten auf ihre besondere Stellung im Minnesang zu untersuchen und zum Ausgangspunkt der Interpretation des ausgewählten Tageliedes machen. Der vierte Abschnitt umfasst die inhaltliche Analyse von Wolfram von Eschenbachssîne klâwen,welches aufgrund der zahlreichen Aspekte bezüglich Erotik und Sexualität exemplarisch ausgewählt wurde. Der Inhalt muss dabei als bekannt vorausgesetzt werden, da im Rahmen dieser Hausarbeit kein Abdruck des Liedes oder einer vollständigen Übersetzung erfolgen kann. Lediglich die für die Analyse wichtigen Passagen werden im Verlauf der Ausführung wiedergegeben und übersetzt. Abschließend möchte ich im letzten Teil ein kurzes Resümee über die gewonnenen Erkenntnisse ziehen. Da nur sehr vage Quellen über das Leben Wolfram von Eschenbachs existieren, möchte ich auf biographische Spekulationen verzichten und meine Ausarbeitung weitgehend textimmanent auf die erotischen Aspekte beschränken. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle lediglich, dass Wolfram von Eschenbach vermutlich von ca. 1190 bis 1220 n. Chr. in Mittelfranken lebte. Herkunft und Stellung sind, bis auf die Tatsache, dass er ein relativ unvermögender Ritter war, nicht vollständig geklärt. Mit seinen Epen „Parzival“, „Willehalm“ und „Titurel“ sowie seinen neun überlieferten Liedern, von denen fünf der Gattung des Tageliedes zugeordnet werden können, zählt er zu den „zwölf alten Meistern“ des Minnesangs.
Inhaltsverzeichnis
2.Einleitung
3.Sexualität, Ehe und Geschlechterdiskurs im Mittelalter
4.Erotische Elemente in der Hohen Minne – Die besondere Stellung des Tageliedes im Minnesang
5.Erotische Momente in Wolfram von Eschenbachs Tagelied sîne klâwen
6.Schlussgedanke
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Darstellung erotischer Liebe im Tagelied „sîne klâwen“ von Wolfram von Eschenbach unter Berücksichtigung des historischen Kontextes und der Gattungsspezifik des Minnesangs zu untersuchen und zu deuten.
- Historischer Kontext von Sexualität, Ehe und Geschlechterrollen im Mittelalter
- Die gattungsspezifische Bedeutung des Tageliedes innerhalb des Minnesangs
- Analyse erotischer Nomenklatur und Symbolik bei Wolfram von Eschenbach
- Der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Normen (Tag) und individueller Leidenschaft (Nacht)
- Interpretation der Abschiedsphasen in Anlehnung an Sterbestadien
Auszug aus dem Buch
Erotische Momente in Wolfram von Eschenbachs Tagelied sîne klâwen
Bereits im ersten Vers des Tageliedes sîne klâwen wird das Tagmotiv als Symbol gesellschaftlicher Normen, Vernunft und schmerzhafter Trennung (den tac, der im geselleschaft / Erwenden will, Tagelied IV; I,6 f) explizit eingeführt und die Nacht somit als Symbol der Minne, der Erotik und der Freude zelebriert.
Die bedrohliche und zerstörerische Darstellung des Tagesanbruchs, hier sogar mit animalischen Zügen (sîne klâwen / durch die wolken sint geslagen, Tagelied IV; I,1 f), ist auch in anderen Liedern zu finden (z.B. Der tac mit kraft al durch diu venster dranc, Tagelied III; II,1). Die Konnotationen der Begriffe tac und naht werden entgegen ihrer mittelalterlichen Entsprechung umgekehrt. Die Nacht erhält den schützenden positiven Charakter, der Tag den bedrohlichen, negativen Charakter.
Beginnend mit der zweiten Strophe wird die Trauer der Frau geschildert. Dabei sind die Satzglieder vreude nimt und mêret [...] klage (Tagelied IV; II,2 f) in einem Chiasmus angeordnet.
Zusammenfassung der Kapitel
2.Einleitung: Die Einleitung steckt den thematischen Rahmen ab, definiert das Ziel der Arbeit, die erotische Liebe in Wolframs Tagelied zu analysieren, und gibt einen Überblick über den Aufbau der Untersuchung.
3.Sexualität, Ehe und Geschlechterdiskurs im Mittelalter: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Hintergrund, insbesondere die kirchlichen und gesellschaftlichen Normen bezüglich Sexualität, Ehe und der Stellung der Frau.
4.Erotische Elemente in der Hohen Minne – Die besondere Stellung des Tageliedes im Minnesang: Der Abschnitt ordnet das Tagelied in den Minnesang ein und diskutiert das Spannungsfeld zwischen sinnlicher Erotik und dem höfischen Minneideal.
5.Erotische Momente in Wolfram von Eschenbachs Tagelied sîne klâwen: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, in dem das spezifische Lied einer detaillierten Analyse hinsichtlich erotischer Symbolik, der Rollen von Mann und Frau sowie der Darstellung des Abschieds unterzogen wird.
6.Schlussgedanke: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Auseinandersetzung mit dem Tagelied als künstlerische Sublimierung geschlechtlichen Triebverhaltens.
Schlüsselwörter
Tagelied, Wolfram von Eschenbach, sîne klâwen, Minnesang, Erotik, Sexualität, Mittelalter, Geschlechterdiskurs, Hohe Minne, Abschied, Körperlichkeit, Triebkontrolle, Literaturanalyse, Sinnlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung von Erotik und Sexualität im mittelalterlichen Tagelied, exemplarisch aufgezeigt anhand des Werkes „sîne klâwen“ von Wolfram von Eschenbach.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der historische Umgang mit Sexualität und Ehe im Mittelalter, die Einordnung des Tageliedes in den Kontext des Minnesangs sowie die Analyse erotischer Symbole in Wolframs Dichtung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die erotische Liebe in Wolframs Tagelied unter Berücksichtigung des historischen Kontextes und des höfischen Regelsystems möglichst umfassend zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen textimmanenten Analyseansatz und bezieht dabei kulturhistorische sowie literaturwissenschaftliche Kontexte, wie etwa antike Naturphilosophie oder psychologische Phasenmodelle, mit ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Untersuchung der Strophen von „sîne klâwen“, wobei insbesondere die Umkehrung der Konnotationen von Tag und Nacht sowie die erotische „Nomenklatur“ Wolframs herausgearbeitet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Tagelied, Minnesang, Erotik, Sexualität, Hohe Minne und die spezifische Interpretation der Geschlechterrollen im mittelalterlichen Kontext.
Wie interpretiert die Autorin das Verhalten der Frau in dem Lied?
Die Autorin sieht in dem trotzigen und irrationalen Verhalten der Frau eine Entsprechung zum weiblichen Prinzip, das bei aufflammender Leidenschaft dominiert, und zieht Parallelen zu biblischen oder naturphilosophischen Mustern.
Welcher Bezug wird zwischen dem Abschied im Lied und Sterbestadien hergestellt?
Die Autorin wendet das von der Sterbeforscherin Kübler-Ross beschriebene Phasenmodell (Nicht-Wahrhabenwollen, Zorn, Verhandeln, Depression) auf die Abschiedsszenen im Tagelied an, um die Emotionen der Liebenden zu verdeutlichen.
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- Sabrina Dahlheimer (Author), 2006, Erotik im Tagelied - Eine exemplarische Darstellung anhand Wolframs von Eschenbach sine klawen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60853