Die Sexualität der Frau als Argument im Kulturkampf


Seminararbeit, 2006

28 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Traktat Georgs – Ein Reisebericht
2.1 Warnungen vor dem übermächtigen, verschlagenen Feind
2.2 Worte des Lobes

3. Die Intention des Autors
3.1 Autobiographische Beweggründe
3.2 Das Argumentationsschema

4. Mittelalterliche Diskurse
4.1 Der Diskurs zur Türkengefahr
4.2 Der theologische Diskurs zur Sexualität

5. Bemerkungen

6. Literaturverzeichnis
6.1 Quelle
6.1 Sekundärliteratur

„Polizei des Sexes: das ist nicht das strikte Verbot, sondern die Notwendigkeit, den Sex durch nützliche und öffentliche Diskurse zu regeln.“[1]

1. Einleitung

Der in der internationalen Presse einstimmig propagierte ‚Karikaturen-Streit’ scheint der düsteren Theorie des Kulturdarwinismus nun endlich die ihr gebührende reale Existenz zu verleihen. Der westlichen Kultur droht, so der Tenor, durch die verstärkte islamische Migration eine Unterwanderung ihrer Grundwerte und schliesslich der Untergang insgesamt.

Blickt man auf die abendländische Geschichte, erinnert die momentane Rhetorik stark an die mittelalterliche Polemik gegenüber dem sich ausbreitenden osmanischen Reich. Mit der Einnahme Konstantinopels 1453 durch die Osmanen setzte im abendländischen Europa eine ungeheure Schrifttätigkeit über die sogenannte ‚Türkengefahr’ ein.[2] Begünstig durch das neue Medium des Buchdrucks und im Zusammenhang mit der christlichen Heilsgeschichte, entstand ein mächtiger Diskurs der sich dem Gegensatzpaar ‚Christen-Türken’ widmete.[3] Sind es heute die Werte der Aufklärung die man in Gefahr wähnt, sah man damals die gesamte Christenheit einem Ansturm der muslimischen Türken ausgesetzt – man befürchtete den Untergang des gesamten Christentums. Die Deutungen der Geschehnisse gingen soweit, dass man die osmanische Expansion als Zeichen für die Ankunft des Antichristen wertete.

Neben der Notwendigkeit sich Informationen über den scheinbar übermächtigen Feind anzueignen, waren es oftmals auch persönliche Erfahrungsberichte, die Eingang in den Wissenskorpus über die Türken fanden – immer gekoppelt mit der Forderung sich des Feindes zu erwehren.

Einer dieser Berichte, das ‚Tractatus de moribus, condictionibus et nequicia Turcorum’ welches Georg von Ungarn zugeschrieben wird, soll bei der vorliegenden Arbeit als Quelle dienen. Ziel ist es den Umstand darzulegen, wieso bei der Beschreibung der ‚islamischen Kultur’ die Komponente der weiblichen Sexualität eine herausragende Rolle spielt. Scheint eine Analyse derselben Tendenz heutiger Texte, vor dem Hintergrund moderner Werte wie der weiblichen Emanzipation vergleichsweise einfach, ist man beim vorliegenden Text von Georg gezwungen verschiedene Aspekte in die Auswertung mit einzubeziehen.

Um diesem Anspruch zu genügen, werde ich zuerst über den Inhalt des Traktats informieren, um in einem zweiten Teil näher auf Georgs Motivation und Beweggründe einzugehen, die ihn zu diesem Text verleitet haben müssen. Dies führt zur Frage der Wahrnehmung seines Textes und im Speziellen zu jenen Stellen die sich mit der Sexualität der Türkinnen befassen, dazu ist es unerlässlich einen kurzen Abriss über ‚die Sexualität’ aus der Sicht ‚der Kirche’ im okzidentalen Mittelalter zu geben. Damit sollte sich der informative Kreis schliessen, und es sollte möglich sein, die dieser Arbeit zugrunde liegende Frage zu klären.

2. Das Traktat Georgs – Ein Reisebericht

2.1 Warnungen vor dem übermächtigen, verschlagenen Feind

Georg beginnt sein Traktat mit einer fulminanten Vorrede in der er mit aller Dringlichkeit auf die der ganzen Christenheit drohende Gefahr hinweist:

„Oder sehen wir denn nicht jene blutrünstige Bestie, den Feind des Kreuzes Christi, den grausamen Drachen – ich meine den sektiererischen Haufen der ungläubigen Türken? Zuerst hat er alle Länder des Orients zugrunde gerichtet [...] und nun nähert er sich den Grenzen Italiens und giert mit aller Gewalt danach, die römische Kirche zu Fall zu bringen, die er als einzige noch verschont hatte.“[4]

Dabei spricht Georg nicht von einem Feind der sich mit seiner Gewalt gegen den menschlichen Körper richtet, sondern vielmehr sieht er die christlichen Seelen in Gefahr. Die Türken würden es darauf anlegen, den Christen ihren Glauben zu nehmen um somit ihre Seelen zu töten. Georg, der die hinterlistigen Machenschaften der Türken am eigenen Leib erfahren hat, sieht sein Traktat denn auch als Hilfestellung für jedermanns persönlichen Kampf, sollte er jemals in Machtbereich der Osmanen geraten:

„... all das, was ich durch eigene Erfahrung über die Taten, die Lebensverhältnisse, die Sitten und die Arglist der Türken gelernt habe, schriftlich niederzulegen und festzuhalten, damit ich mich, falls ich auf meine alten Tage nochmals in ihre Gefangenschaft geraten sollte [...] vor ihren Irrlehren besser zu schützen vermag als in meiner Jugend. Und ich glaube auch, dass es jedem Gläubigen von grossem Nutzen sein kann, wenn er sich in diesen Zeiten daran macht, solche Dinge zu hören, zu studieren und zu lesen.“[5]

Um der von Georg angesprochen Dringlichkeit noch mehr Gewicht zu verleihen, schliesst er dem Vorwort eine Vorrede an, in der er auf sehr dramatische Weise sein eigenes Schicksal mit einbringt, und damit ein anschauliches Beispiel liefert, wie es möglich sein kann, unverhofft in den Einflussbereich der Türken zu geraten.

Das eigentliche Traktat, welches 23 Kapitel umfasst, zeichnet sich durch einen ständigen Wechsel des beschriebenen Inhalts aus. Es finden sich historische Abrisse über den Aufstieg des osmanischen Reiches, Erklärungen woher der Begriff des Türken stammt und immer wieder Warnungen vor der Gefährlichkeit dieser ‚Sekte’. Darin eingesponnen sind theologische Erörterungen zur christlichen Heilslehre. Diese präsentieren sich wie eine Gebrauchsanweisung, wie es möglich ist dem heidnischen Glauben zu verfallen, und wie man es schafft ihm schliesslich wieder zu entgehen. Damit nimmt Georg sehr starken Bezug auf seinen eigenen Werdegang während seiner 20 jährigen Gefangenschaft.[6]

Mit in diesen Leitfaden eingeschlossen sind jedoch auch sehr versöhnliche Töne über die Türken, ja sogar Worte des Lobes über den verhassten Feind. Mag dieses Lob, wie wir noch sehen werden, im vorliegenden Fall Kalkül haben, so sind es genau jene ‚ethnologischen’ Beschreibungen die bei der vorliegenden Analyse im Zentrum stehen müssen und eher losgelöst betrachtet werden sollten.

2.2 Worte des Lobes

Nach den zu Beginn sehr harschen Tönen, setzt mit Georgs Beschreibungen über die Sitten und Lebensgewohnheiten der Türken unverhofft eine Wende ein. Anfangs prangert er zwar den Hang der Türken zur Sklavenhaltung auf schärfste an, die positiven Töne überwiegen jedoch insgesamt. Georg ist in vielerlei Hinsicht stark beeindruckt von dem was er sieht.

Zu allererst kommt er auf die überaus schlichte Kleidung zu sprechen, welche die Türken zu tragen pflegen:

„Denn in höchst ehrbarer, ja geradezu geistlicher Art kleiden sich Mann und Frau, hoch und nieder, Höflinge, Bauern und Dörfler, und mit einer so durchgängigen Schlichtheit, dass auch nicht die leiseste Spur von Ungehörigkeit, Unehrbarkeit, Üppigkeit, Extravaganz oder Leichtfertigkeit an ihnen zu finden oder festzustellen ist. Was soll ich aber erst von denen sagen, die als besonders fromm und gottesfürchtig gelten?“[7]

Dieser Schlichtheit scheinen sich alle verschrieben zu haben, so finde man Prunk weder bei den Reitern im Heer, die bei Sätteln und Zaumzeug auf jede Extravaganz verzichten würden, noch bei Würdenträgern und Fürsten. Selbst der Sultan der Osmanen verzichtet auf jeglichen Zierrat.[8]

Dieser Hang zum Einfachen kommt auch in ihren Bauten zum Ausdruck. Diese seien durchgängig aus Holz und Lehm erstellt, und man finde nur selten Häuser aus Stein.

„Sie haben überhaupt kein Vergnügen daran, Gebäude oder Häuser zu erbauen und zu errichten, und wenn sich noch so reich sind an Gold und Silber und an Geld, so verabscheuen sie doch jeden Luxus und jede Extravaganz so sehr, dass man meinen könnte, sie hätten das Armutsgelübde abgelegt.“[9]

Beeindruckt ist Georg auch von den Herdenbesitzern, die obwohl sie so reich seien, dass es ihnen jederzeit möglich sei ein ganzes Heer aufzustellen, doch in ihren armseligen Zelten und Jurten leben würden, um damit anzuzeigen, dass sie nicht Bewohner dieser Welt seien. Zudem würden sie jede Art von Bildern und plastischen Darstellungen verabscheuen, da diese nur Götzen wären.[10]

Die Schlichtheit der Türken zeigt sich gemäss Georg aber auch in dem von den Türken verwendeten Mobiliar. Sie würden ganz auf Stühle und Tische verzichten und ein jeder wäre sich nicht zu schade sich auf den Boden zu setzen. Als Unterlage dienen Lederdecken und nur im Falle eines schmutzigen oder feuchten Untergrundes, würden sie sich einfachen, über dem Boden angebrachten Bretten bedienen.[11]

Neben der Schlichtheit, welche sich in allen Lebensbereichen zeigt, ist es die gelebte Reinlichkeit die dem gläubigen Christen besonders auffällt:

„Denn in allem Äusseren legen die Türken eine solche Reinlichkeitsliebe an den Tag, dass beinahe jeder Gegenstand des täglichen Gebrauchs bei Ihnen in den Verdacht der Unreinheit gerät.“[12]

Dies hat zur Folge, dass sie eine Vielzahl von Geboten haben, die es einzuhalten gilt. Dabei erwähnt Georg vor allem zwei Bereiche die strengen Regeln unterworfen sind. Zum einen das Essen, d.h. was die Türken essen dürfen und in welcher weise. So dürfen sie nur geschächtetes Fleisch essen, Schweinefleisch und Wein sind verboten, und es gilt als unrein, Tiere in der Nähe des Kochplatzes oder des Essensgeschirrs zu halten. Zum anderen finden sich sehr ausführliche Beschreibungen über die ‚rituellen Waschungen’ denen sich die Türken unterziehen müssen. Das Waschen geniesst eine so hohe Priorität, dass drei verschiedene Arten von Waschungen unterschieden werden. Wie ausführlich Georg die Reinheitsvorschriften beschreibt, aber auch wie weit die Reglementierung geht, zeigt folgendes Beispiel:

„Man vermeidet auch nach jedem Samenerguss strikt, mit jemandem zu reden, und möglichst auch, von jemandem gesehen zu werden, bevor man nicht den ganzen Körper im Wasser untergetaucht oder mit Wasser übergossen hat.“[13]

Es gibt einen weiteren Bereich, dem Georg ausserordentliches Lob zukommen lässt, welcher gerade das Kernthema dieser Arbeit sein soll – die weibliche Sexualität.[14] Dieser widmet er ein eigenes Kapitel, welches den Titel „Von der Ehrbarkeit der türkischen Frauen“ trägt. Parallel zu Schmähungen über die Verhältnisse in der christlichen Welt, findet sich eine ganze Aufzählung von positiven Eigenschaften wie sie sich bei den Türkinnen präsentieren. Ganz zentral ist das Auftreten der Türkinnen. Wie die übrige Gesellschaft weisen sie eine sehr schlichte Kleidung auf. Besonders hervorgehoben wird dabei das Tragen eines Kopftuchs, womit sie Haare und Hals vor den Blicken anderer Männer verdecken können. Dazu kommt ein Schleier, der es ihnen ermöglicht, jederzeit das Gesicht, bis auf die Augen zu verdecken. Frauen von hohen Würdenträgern verhüllen ihr Gesicht ständig mit einem seidenen Schleier. Zum, in Georgs Augen, positiven Auftreten, gehört auch, dass sie sich nicht an Orten sehen lassen, die Männern vorbehalten sind:

„Niemals wagt eine Frau in einer Männerversammlung zu erscheinen, und dass eine Frau auf dem Markt geht und etwas verkauft oder kauft, ist bei ihnen völlig ausgeschlossen. In der Hauptkirche haben die Frauen einen weit von den Männern entfernten besonderen Bereich, der so abgetrennt ist, dass niemand hineinschauen oder etwa hineinkommen kann. [...] Dass Mann und Frau in der Öffentlichkeit miteinander reden, kommt so selten vor, dass du es kaum einmal erleben könntest, wenn du auch ein ganzes Jahr bei ihnen wärst.“[15]

[...]


[1] Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt am Main 1977, S. 31

[2] Der Begriff ‘Türkengefahr’ ist eine Erfindung des 19Jh. Siehe dazu: Almut Höfert, Den Feind beschreiben, Frankfurt am Main, 2003, S.51

[3] Ebd., S. 57

[4] Georg von Ungarn, Tractatus de moribus, condictionibus et nequicia Turcorum, Herausgegeben von Reinhard Klockow, Köln, Weimar, Wien 1993, S. 145ff

[5] Ebd., S. 148ff

[6] Der genaue Zusammenhang zwischen Inhalt und der Biographie Georgs wird in Abschnitt 2 erläutert.

[7] Ebd., S. 223

[8] Ebd., S. 225ff

[9] Ebd., S. 229ff

[10] Ebd., S. 231ff

[11] Ebd., S. 235

[12] Ebd., S. 227

[13] Ebd., S. 229

[14] Eine klärende Definition von ‘Sexualität’ findet sich in Abschnitt 3, an dieser Stelle sollte die Auflistung der von Georg angesprochenen Bereiche genügen.

[15] Ebd., S. 251

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Sexualität der Frau als Argument im Kulturkampf
Hochschule
Universität Luzern
Veranstaltung
Sexualität im Mittelalter
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V60875
ISBN (eBook)
9783638544467
ISBN (Buch)
9783638742153
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kulturkampf und Kopftuch neu betrachtet...
Schlagworte
Sexualität, Frau, Argument, Kulturkampf, Mittelalter
Arbeit zitieren
B.A. Philosophie David Egli (Autor), 2006, Die Sexualität der Frau als Argument im Kulturkampf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60875

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