Die Urbanisierung der römischen Provinz Britannia


Hausarbeit, 2006

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die prärömische Situation

Die Entwicklung der Städte – coloniae, municipia und civitas-Hauptorte

Die Entwicklung der vici

Die Entwicklung der Villen

Zusammenfassung

Verweise

Literaturverzeichnis

Anhänge

Einleitung

Grundlage des Römischen Reiches war die Stadt, das Imperium nur der Überbau.

Das Prinzip fußt darauf, die lokale Verwaltung weitestgehend autonom und von der Hauptstadt unabhängig abzuwickeln und die Rolle des Staates auf jene des Schutzherrn zu beschränken, dem Abgaben und kultische Verehrung entrichtet wurden. In dieser Verehrung orientalischen Vorbilds verschmolzen Kaiser und Staatsidee zu einem Kultobjekt, zu dem einzelne Städte quasi eine „Vertragsbeziehung“ eingehen konnten, denn freiwillige Unterwerfung bzw. die Errichtung eines Altars der Roma und des Augustus zogen oft kaiserliche Anerkennung in Form euergetischer Schenkungen nach sich.

Diese Idee der bei Anerkennung des übergeordneten staatlichen Prinzips nach innen politisch autonomen Stadt war auch einer der bedeutendsten Eckpfeiler der pax romana – boten sich den Eliten unterworfener Stadtstaaten und Königreiche doch auch weiterhin lohnende politische und ökonomische Perspektiven.

Seit dem Wiederaufbau Milets durch Hippodamos im 5. Jhd. v.Chr. steht auch das architektonische Erscheinungsbild der politischen Stadt fest: Rund um ein öffentliches aus Agora/Forum bestehendes Zentrum mit Markthallen und mehr oder weniger bedeutenden Heiligtümern gruppieren sich die teils mit Unterzentren versehenen Wohnviertel, während über allem ein schachbrettartiger Straßenplan liegt.

Diese im ganzen Mittelmeerraum – in Italien, den griechischen Kolonien des Westens, wie auch den Königreichen der Antigoniden und Seleukiden vorhandenen politischen und architektonischen Prinzipien bildeten also die Grundfesten römischer Herrschaft und Machtsicherung bis in die Zeit Caesars und Augustus, die sich mit ihrem Ausgriff nach Norden neuen Tatsachen gegenüber sahen.

Die keltischen und germanischen Gemeinschaften des europäischen Nordens waren in den meisten Fällen weder in staatlichen Verbänden, noch in städtischen Zentren organisiert. Was im mediterranen Raum also schon vorhanden und nur noch am laufen belassen werden musste, war hier völlig neu zu erschaffen: Städtische Infrastruktur sowie eine stark institutionalisierte Verwaltung der Magistrate. Zweifelsohne verfehlten die zivilisatorischen Angebote der Römer, auch die neuen politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, ihre befriedende Wirkung auf die alten Stammeseliten nicht.

Ob die darüber einsetzende Urbanisierung dieser bisher weitgehend städtelosen Gebiete allerdings römische Vorbilder einfach adaptierte, oder aber eigene Lösungen und Modelle hervorbrachte, sollen die folgenden Seiten über die entsprechende Entwicklung der römischen Provinz Britannien zum Inhalt haben.

Die prärömische Situation

Will man die Urbanisierungsvorgänge in der Britannia untersuchen, kommt man um eine Betrachtung der gesellschaftlichen Situation vor der römischen Okkupation nicht herum.

Die keltische Gesellschaftspyramide setzte sich zusammen aus einem König an der Spitze, einer aus Priestern und nobiles bestehenden Aristokratie und einer relativ breiten Schicht der Freien unter denen wiederum die Unfreien standen. Basis der eher sakral geprägten und durch Wahl legitimierten Königherrschaft waren weitgespannte Klientelsysteme, während die wahre Macht beim Adel lag.

Seit dem 7.Jhd. v.Chr. sind von Befestigungsanlagen umgebene Höhensiedlungen für Britannien nachweisbar, deren Hochzeit zwischen dem 5. und späten 2. Jhd. vor Chr. lag., wobei auch später noch einige entstanden.

Diese Zentren ackerbaulich genutzter Regionen dienten wahrscheinlich nicht nur der Verteidigung, sondern auch der Vorratshaltung, und als Versammlungsplatz bei sozialen und religiösen Anlässen ; für die häufig ins Spiel gebrachte Rolle der Höhensiedlungen als Herrschersitze gibt es hingegen bis heute keine stichhaltigen Beweise.

Clywd, Crickley Hill, Danebury – drei Beispiele solcher Festungen – präsentieren sich als hoch entwickelte und dicht bebaute Siedlungen mit rechteckigen, quadratischen und runden Gebäudegrundrissen und Hinweisen auf basilikale Hallen, was ihnen aber keinen urbanen Charakter bescheinigt. Vielmehr handelte es sich hier um Gemeinschaftsprojekte der jeweiligen Stämme, die den oben genannten Zwecken dienten und in keinster Weise um sich selbst verwaltende politische Einheiten, wie der Mittelmeerraum sie hervorbrachte.

Hielten sich diese gesellschaftlichen Zustände in Wales, Cornwall und Nordengland bis zum Beginn der römischen Okkupation bzw. darüber hinaus, so fand im Südosten Britanniens bedingt durch langjährige Kontakte mit dem bereits römisch besetzen Gallien ab ca. 50 v.Chr. eine grundlegende Veränderung der Gesellschaftsordnung statt.

Über die Ursachen ist viel spekuliert worden. Vielleicht als direkte Folge eines im Zuge der Invasionsversuche Caesars 55/54 v. Chr. notwenig gewordenen Heerkönigtums, vielleicht auch ausgelöst durch einen die Einwanderung gallischer Belger im 1. Jhd. v.Chr. begleitenden Kulturtransfer, haben die alten Stammesverbände in den betreffenden Gebieten stammesübergreifenden Monarchien mit einer starken Position des Königs und einer weit bedeutenderen Gewichtung des privaten Landbesitzes Platz gemacht, die zahlreiche kleinere Stämme in sich aufsogen. Die Herrscher dieser neuen, weiträumigeren politischen Strukturen sandten nicht nur eigene Botschafter nach Rom, sondern ließen auch eigene Goldmünzen prägen, die eindeutig römische Vorbilder zeigen.1 Nicht nur diese in den jeweiligen Herrschaftsgebieten ab dem späten 1. Jhd. v.Chr. geprägten Münzen, sondern auch die in südbritannischen oppida gefundenen Überreste mediterraner Keramik – vor allem Weinamphoren2 – lassen auf starke kulturelle, wirtschaftliche und zeitweise politische Bindungen zum gallischen Nordosten schließen.

Eben diese letztgenannten oppida des britannischen Südens – die im Gegensatz zur bisherigen Vorgehensweise nicht als Höhensiedlungen angelegt wurden, sondern an strategisch wichtigen Flusspositionen entstanden - stellen eine wichtige Entwicklung dar, die gut in den Rahmen der im Süden der Insel vor sich gehenden Veränderungen passte. Die Entwicklung setzte ebenfalls im Verlauf des 1. Jhd. v.Chr. ein und führte zur Entstehung der Stammeszentren Camulodunum und Calleva, aber auch kleinerer Oppida wie der Dyke Hills, Dorchester, Salmonsbury oder Canterbury. Stets waren diese befestigten Siedlungen strategisch günstig in fruchtbaren Flusstälern, an Handels- und Kommunikationswegen platziert und besaßen damit einen weitaus größeren Einzugsbereich als ihre in den Bergen gelegenen Vorgänger.

Wichtigster Wirtschaftszweig in Südbritannien war seit der Eisenzeit der Ackerbau, wobei sogar ein Plus für den Export erwirtschaftet werden konnte. Mit der Entstehung der belgischen Monarchien nahm auch die Zahl der Einzelhöfe zu, die Bevölkerung wuchs und vorhandenes Ackerland wurde intensiver ausgebeutet, gehörte der Süden Britanniens doch zu den Regionen Europas, die jenseits des Mittelmeerraumes die besten landwirtschaftlichen Voraussetzungen boten. Sowohl Dörfer als auch isolierte Farmen waren wurden in diesem Zusammenhang ergraben. Guterhaltenes Beispiel für ländliche Ansiedlungen jener Zeit ist Little Woodbury3. Ein Damm und Graben umgaben die Siedlungen, manchmal auch eine Palisade oder beides. Im Inneren der Areale fanden sich meist ein Hauptgebäude, mehrere Nebengebäude und – wie es Ackerbau und Vorratswirtschaft erwarten lassen - viele Vorratsgruben. Bevorzugte Nutztiere waren Schafe und Rinder; an Getreide wurden vor allem Gerste, Weizen und Roggen angebaut. Die Bewohner mehrerer dieser Siedlungen trafen sich zu sozialen und religiösen Anlässen und wahrscheinlich auch wenn Bauvorhaben anstanden, die eine Gemeinde allein nicht zu bewältigen im Stande war.

Wie man sieht stellte sich die Ausgangssituation für eine Urbanisierung der Provinz Britannia vorteilhaft dar. Stammesübergreifende und von Rom als regna anerkannte politische Gebilde4, eine auf Ackerbau basierende Wirtschaft, protourbane soziale Zentren und die engen Kontakte zum Kontinent boten die Chance für einen raschen Anstieg des Handelsvolumens und die rasche Entwicklung von Städten als Zentren des Handels.

Zur Entwicklung der Städte

Claudius und Nero: Beginnende Urbanisierung

Die Entwicklung der britannischen Städtelandschaft verlief in drei Phasen und war abhängig von zwei Faktoren: Dem Wirken des Heeres und technischem „Entwicklungshelfer“ und Absatzmarkt, sowie der Einrichtung sich selbst verwaltender civitates der Einheimischen – „national“ definierter Stammesterritorien.

Die erste Phase begann mit der claudischen Invasion unter Aulus Plautius 42 n.Chr., die mit Eingliederung des britannischen Südostens ins Römische Reich und der Etablierung einer provisorischen Grenze entlang der Militärstraßen Fosse Way und Ermine Street ihren vorläufigen Abschluss fand. In diese Zeit fallen einerseits die Einrichtung der civiatates der Trinovantes, Catuvellauni und Regni mit ihren Hauptorten Camulodunum /Colchester, Verulamium /St. Albans und Durovernum /Canterbury, andererseits die Installierung des römischen Klienten Cogidubnus als König der Atrebaten, der seinen Herrschaftsbereich – offiziell außerhalb der Provinz gelegen – römischen Kultureinflüssen weit öffnete und den Stammeszentren Calleva /Silchester, Venta /Winchester und Noviomagus /Chichester mediterranes Gepräge verlieh. Eine rasche urbane Entwicklung setzte außerdem am Unterlauf der Themse am Ort des späteren London ein. Londinium war weder Hauptort einer civitas, noch Standort eines Forts, so dass seine rasche Entwicklung allein der für den Handel günstigen Lage zu danken ist. Allerdings begann wohl – nicht zuletzt wegen dieses Wachstums – schon vor der Boedicca-Revolte die Verlagerung administrativer Funktionen von der ersten Provinzhauptstadt Camulodunum an die Themse – in die bald größte Stadt Britanniens, deren rechtlicher Status allerdings bis heute nicht geklärt ist. Abgesehen von Camulodunum, das Stationierungsort der legio XX war, war die militärische Okkupation jener Gebiete nur von kurzer Dauer und mit der Gründung der colonia 49/50 endete die Militärpräsenz auch hier.

Parallel zur Konsolidierung des Südostens wurden in den Jahren 42-53 unter der militärischen Leitung von Aulus Plautius und Ostorius Scapula die Stämme der Dumnonii, Durtriges, Belgae und Dobunni unterworfen und die so „befriedeten“ Gebiete unter römische Militärverwaltung gestellt. Das so besetzte Areal erstreckte sich zwischen den Flüssen Hudson und Severn, wurde durch die limites Fosse Way und Ermine Street erschlossen und durch die Legionslager Glevum /Gloucester, Viroconium /Wroxeter und Lindum /Lincoln gesichert – zahlreiche 8-12ha große Vexillations- und Auxiliarforts, wie Longthorp, Newton-on-Trent oder Exeter, schlossen die Lücken.

Eine zivile Selbstverwaltung als Voraussetzung der Entwicklung von Städten nach mediterraner Vorstellung war im Militärland natürlich nicht möglich und auch die Entwicklung der Colonia Victricensis, sowie der bereits bestehenden civitas -Hauptorte hielt sich vor dem Aufstand der Boedicca in bescheidenen Grenzen.

Dies änderte sich mit der zweiten – rapiden – Urbanisierungsphase, die ab 77 dem weitflächigen Vordringen des Statthalters Gnaeus Iulius Agricola ins heutige Nordengland und Schottland folgte. Die Verlegung aller Legionen nach Norden erzeugte ein administratives Vakuum, das mit der Schaffung neuer civitates gefüllt werden musste. Nicht nur die flavischen Kaiser, sondern auch Agricola selbst betätigten sich in diesem Zusammenhang als freigiebige Euergeten und statteten die neuen civitas -Hauptorte mit Foren, Bädern und Amphitheatern aus. Eine Strategie, die darauf zielte die Stämme Südbritanniens mit Selbstverwaltung nach gallischem Vorbild und den Annehmlichkeiten südländischer Lebensart ruhig zu stellen und so den Truppen im Norden den Rücken freizuhalten. In diesen Jahren lagen unter anderem die Wurzeln der Städte Cirenchester, Dorchester, Caistor, Exeter und Leicester, sowie der beiden coloniae Gloucester und Lincoln.

Zu einer Einverleibung ganz Britanniens in den orbis romanum sollte es indes nicht kommen. Trotz Agricolas Sieg gegen die Caledonii in der Schlacht am Mons Graupius, ließ Domitian die Truppen bis an die Linie Clyde-Forth zurückziehen, Trajan sogar bis an den Tyne. Der Donauraum war zum primären militärischen Schwerpunk geworden und sollte es (neben Syrien) auch bis zum Anbruch des frühen Mittelalters bleiben.

Mit der Errichtung einer statischen Defensivgrenze entlang der Solway-Tyne-Linie unter Hadrian – dem Hadrianswall – ging eine dritte Gründungsphase administrativer Zentren einher – diesmal in Wales und im Norden. Auch bereits bestehende Orte wurden während der Regierungszeit diese Kaisers, der 122 selbst in Britannien weilte, prächtig ausgestaltet und – wenn man so sagen will – auf imperiales Niveau gehoben. Die Gründung der vierten der britannischen coloniaEboracum /York – fand allerdings nach bisherigem Kenntnisstand5 erst unter Septimius Severus statt. Urbanisierung und Romanisierung Britanniens sind mit diesen drei Phasen natürlich längst nicht abgeschlossen, wohl aber die entgültige Einrichtung der Kumulationspunkte des Wachstums – der Legionslager, Forts, administrativen- und Handelszentren, also quasi der Matrix, auf deren Grundlage sich das prosperierende Städtewesen des 2. und 3. Jahrhunderts entwickeln konnte.

Will man sich nach diesem kurzem Überblick der civitas - und Koloniegründungen den Anfängen römisch geprägter Urbanisierung in der Britannia zuwenden, so stößt man unweigerlich auf die bedeutende Rolle des Heeres für die wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung der Provinz.

Mit all den zum Bau eines Legionslagers wie Camulodunum oder Glevum notwendigen Techniken wie der Kalkherstellung, Ziegelbrennerei, Glasbläserei und nicht zuletzt dem Bauingenieurswesen wurde auch das zur Anlage fester Städte nötige technische Know-How in den Norden exportiert. Ein Großteil der Rohstoffförderung – Steinbrüche, Minen, oder Salinen - blieben in staatlicher Hand und auch deren Verarbeitung erfolgte zunächst – auch aus Ermangelung einheimischer Experten - durch Legionäre, die so auch außerhalb einer Feldzugssaison beschäftigt waren. Schon für das Jahr 49 wird für Somerset Bleiförderung unter Aufsicht des Militärs erwähnt.6 Die Legionsziegeleien und Töpferwerkstätten von Denbigshire bei Chester, Gloucester und Carlisle, sowie die Kalksteinbrüche Northamptonshires und Lincolnshires sind weitere Beispiele für solch militärische Produktionsstätten, deren Herstellungsmethoden bald von einheimischen Handwerkern übernommen wurden.

Ausgehend vom Südosten zeigten sich die Legionen auch verantwortlich für den Aufbau militärischer Kommunikations- und Versorgungswege, der römischen Heerstraßen, die anders als in Italien nicht gepflastert, sondern reine Schotterstraßen mit einem soliden Unterbau aus Bruchsteinen bzw. in Sumpfgebieten aus Holzknüppeln waren.

Während Ermine Street von London nach Norden mit Lincoln verband, erreichte der Fosse Way das selbe Ziel von Exeter ausgehend über Cirenchester und Leichester. Watling Street schließlich zog sich vom südöstlichen Canterbury über London und Verulamium nach Wroxeter im Westen. Diese drei wichtigsten Achsen des britannischen Überlandverkehrs entstanden bereits in der ersten Dekade römischer Herrschaft und geben direkt die Stoßrichtungen der Legionen wieder. Wie schon weiter oben erwähnt stellten die beiden erstgenannten Straßen vorübergehend auch die Grenzen zum barbaricum dar.

Nicht zuletzt bildeten die Garnisonen der neu errichteten Kastelle einen lukrativen Absatzmarkt, der erste canabae außerhalb der Lager entstehen ließ – Töpferwaren, landwirtschaftliche Erzeugnisse oder auch Prostituierte – hier bot die einheimische Bevölkerung (und auch Zugereiste aus anderen Teilen des Reiches) all das an, was die eigenen technischen Fähigkeiten hergaben und zur Versorgung des Heers notwendig war.

So agierte das römische Heer in Britannien nicht nur als eigener Produzent und Träger einer technischen – einer „industriellen“ – Revolution, sondern auch als größter Konsument Britanniens

Nun wirkte das ökonomische und technologische Potential der Truppen allerdings nicht als alleinige Kraft in einem ansonsten luftleeren Raum. Trotz dem die Gründung zu Städten heranwachsender vici in erster Linie vom Straßennetz und der Lage der Garnisonen abhängig war, lässt sich an vielen Orten eine Siedlungskontinuität im Vergleich zur späten Eisenzeit feststellen. Städte wie Canterbury, Rochester oder Silchester okkupierten die Orte früherer keltischer oppida; andere wie Verulamium, Chichester oder Dorchester entstanden neben ehem. keltischen Siedlungen. Wie bereits erwähnt waren diese oppida natürlich nicht mit einem mediterranen Stadtmodell zu vergleichen; die keltischen Monarchien kannten jedoch bereits – wie die Römer – das Bedürfnis strategisch wichtige Punkte der für die Absicherung der landwirtschaftlichen Versorgung, als Durchmarschrouten und Kommunikationswege wichtigen Flusstäler mit befestigten Zentren zu besetzen – daher die häufige Übereinstimmung der Positionen befestigter keltischer Zentren und römischer Forts.

Beginnend mit Verulamiums soll nun kurz die Entwicklung der südostbritannischen Städte römischen und latinischen Rechts zu claudisch-neronischer Zeit aufgezeigt werden.

Bis zum Jahre 42 und auch noch darüber hinaus existierte das oppidum Verlamion nahe dem Standort des späteren municipiums, der nach 42 nur sehr kurze Zeit von römischen Truppen okkupiert wurde. Schon im Verlauf der 40er erfolgte die Anlage eines rechtwinkligen Straßensystems auf dem Gelände des inzwischen aufgelassenen Forts, während sich für 49 die ersten Häuser nachweisen lassen, deren Bewohner von einer Mischung aus Landwirtschaft und dem Handel entlang der inzwischen geschaffenen Watling Street lebten.

Diese Gebäude lassen, wenn schon nicht die Hand, so doch zumindest den starken Einfluss des römischen Militärs erahnen, entspricht ihre Bauweise als verzapfte Fachwerkkonstruktion ohne Keller doch genau dem, was zu Tage kam, als das Legionsfort im niederländischen Valkenberg ausgegraben wurde – eine Bauweise übrigens, die sich auch in den Frühphasen zahlreicher anderer Städte der nordwestlichen Reichsprovinzen findet. Die Gebäude waren sehr schlicht gehalten; verfügten noch über keinen externen porticus.

Das Verulamium der 40er und 50er Jahre – vor der Revolte der Boedicca, in deren Verlauf es in Flammen aufging - scheint auch kein Forum besessen zu haben – jedenfalls fanden sich bisher keine Hinweise7. Dies kann allerdings auch damit zusammenhängen, dass das imperiale Leitbild des Basilika und Tempel vereinigenden städtischen Zentrums die Insel wahrscheinlich noch nicht erreicht hatte; Tempel und Markthalle daher vielleicht getrennt zu suchen sind. Trotz dieser bescheidenen Anfänge muss die Siedlung schon um 50 zum municipium erhoben worden sein – wie die Kolonie von Camulodunum sollte es als römische Modellstadt den civitates ein Vorbild sein.

[...]


1 So ließen sich die Atrebate Verica, sowie die catuvellaunischen Könige Tasciovanus und Cunobelin nach

Art der römischen Kaiser im Profil und mit römischer Kleidung und Haartracht darstellen.

Vgl. Malcolm Todd: Roman Britain, Oxford 1999, S. 32ff

2 Vgl. John Wacher: The towns of Roman Britain, , London/New York 1997(2), S. 272

3 bei Salisbury in der Grafschaft Wilshire

4 Zumindest die atrebatischen Könige Eppilus und Verica bekamen von Augustus den Titel rex zuerkannt.

Der Hilferuf jenes von den Catuvellaunen bedrängten Klienten Verica war es auch, der Claudius den Anlass

zur Invasion lieferte

5 Zwar lässt die Umsiedlung großer Teile der Brigantes unter Antoninus Pius eine Gründung der colonia

für die Mitte des 2.Jhds. vermuten, erstmals schriftlich erwähnt wird sie jedoch in einer Weihinschrift

des Jahres 237 in Bordeaux

6 Malcolm Todd: Roman Britain, S.111; solche Minen blieben stets in Staatshand, wurden jedoch

nach Abschluss der ersten Phase der Eroberung häufig an Unternehmer verpachtet

7 Ausgrabungen am Ort des steinernen Forums flavischer Zeit brachten 1972 keinen hölzernen Vorgänger zum

Vorschein. Auch Hinweise an anderen Stellen sind zu vage, um die Existenz eines claudischen Forums

anzunehmen; vgl. auch Wacher: The towns of Roman Britain, S. 223

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Urbanisierung der römischen Provinz Britannia
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar: Am Rande des Imperiums: Das römische Germanien
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V60966
ISBN (eBook)
9783638545259
Dateigröße
2565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit der urbanen Entwicklung Britanniens von der vorrömischen Eisenzeit bis ins 4. Jhd.
Schlagworte
Urbanisierung, Provinz, Britannia, Hauptseminar, Rande, Imperiums, Germanien
Arbeit zitieren
Konrad Reinhold (Autor), 2006, Die Urbanisierung der römischen Provinz Britannia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60966

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