Vielschichtige Ursachen rechtsextremer Alltagshegemonie in Ostdeutschland erfordern systemisch-sozialräumliche Technologien zur Demokratieentwicklung


Hausarbeit, 2006

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

0. EINLEITUNG

1. ALLGEMEINE SYSTEMTHEORIE
1.1 GRUNDLEGENDE UNTERSCHIEDE DER SYSTEMTHEORETISCHEN ANSÄTZE NACH LUHMANN UND BUNGE
1.2 GRUNDZÜGE DER SYSTEMTHEORIE BEI M. BUNGE

2. SYSTEMTHEORIE UND SOZIALE ARBEIT
2.1 SOZIALE ARBEIT ALS SYSTEMISTISCHE HANDLUNGSWISSENSCHAFT SOZIALER PROBLEME (OBRECHT/STAUB-BERNASCONI)

3. HABITUS UND SOZIALRÄUMLICHE DIFFERENZIERUNG NACH PIERRE BOURDIEU
3.1 SOZIALER RAUM
3. 2 HABITUS
3. 3 KAPITALFORMEN
3. 3. 1 Ökonomisches Kapital
3. 3. 2 Kulturelles Kapital
3. 4 SOZIALE MILIEUS ALS MACHTZENTREN IM SOZIALEN FELD
3. 4. 1 Soziale Klassen
3. 4. 2 Wertewandel und Prestigepositionen sozialer Milieus im sozialen Feld

4. VERBREITUNG RECHTSEXTREMER EINSTELLUNGEN IN DER BEVÖLKERUNG DER BRD
4.1 ERKLÄRUNGSANSÄTZE
4.1.1 Sozialisationstheoretische Ansätze
4.1.2 Gesellschaftliche Einflüsse
4.1.3 Desintegration, Standort und Globalisierung
4.1.4 Rechtsextremismus als Erbe der DDR
4.1.4.1 Objektorientiert: DDR-Alltagskultur - nationalistischer Diskurs im antifaschistischen Gewand
4.1.4.2 Subjektorientiert: „Der Untertan“ - seine realsozialistischen Sozialisationsinstanzen und das kurze Aufleuchten einer anderen Identität
4.2 INTEGRATIVER ERKLÄRUNGSANSATZ: SOZIALRÄUMLICHE MILIEUSTUDIEN
4.2.1 Typisierung und sozialräumliche Darstellung der BRD nach Bourdieu - Dispositionen für rechtsextreme Werteorientierungen
4. 2. 2 Das national-konservative Block: rechtsextreme sozio-kulturelle Werte
4. 2. 3 subjektorientierte rechtsextreme Praktiken: die Schaffung individueller Angsträume (No-Go-Areas)
4. 2. 4 objektorientierte rechtsextreme Praktiken: Zerstörung der Zivilgesellschaft

5. (SYMBOLISCHE) MACHT ALS STRATEGISCHE RESSOURCE IM KAMPF UND DEUTUNGSHOHEIT IM ÖFFENTLICHEN (SOZIAL-)RAUM = ZIVILGESELLSCHAFT
5.1 LEGITIME UND ILLEGITIME MACHTAUSÜBUNG IN DER SOZIALPROFESSIONELLEN ARBEIT: DAS SPANNUNGSFELD ZWISCHEN MACHT UND BEDÜRFNISSEN
5. 2 MACHTDISPOSITIONEN (RESSOURCEN) UND IHRE ANALYSE: DIE PROZESSUAL-SYSTEMISCHE DENKFIGUR (PSD) NACH STAUB-BERNASCONI
5. 3 DIE DURCHSETZUNG DER MENSCHENRECHTE FÜR JEDERMENSCH IM ALLTAG
5. 4 KULTURELLE HEGEMONIE DEMOKRATISCHER UND HUMANISTISCHER WERTE - WAS IST DAS?

6. AUSBLICK: SYSTEMISCH-SOZIALRÄUMLICHE TECHNOLOGIEN ZUR (SOZIOKULTURELLEN) DEMOKRATISCHEN GEMEINWESENENTWICKLUNG IM VERSUCHSFELD OSTDEUTSCHLAND

7. LITERATUR

0. Einleitung

Damit die Profession Soziale Arbeit - entsprechend ihrer Definition - am Schnittpunkt zwi- schen Individuum und Gesellschaft intervenieren kann1 benötigt sie eine wissenschaftlich begründete Erklärungsbasis und darauf aufbauende Handlungskonzepte. Die von professio- neller Sozialer Arbeit angestrebte Veränderung sozialer Wirklichkeit findet Ausdruck im Selbstverständnis der Disziplin Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft. Neben der An- forderung eine Theorie des Handelns zu entwickeln besteht demnach für Sozialprofessionel- le die Notwendigkeit, Wissen zu generieren, das die Struktur und Dynamik des Handlungs- feldes, als einer klar definierten Sphäre zwischen Individuum, seinen Zusammenschlüssen (Familie, Peergroup, Arbeitskollektiv, etc.) und der es umgebenden (Welt-)Gesellschaft) er- klärt. Soziale Arbeit, die sich zum Ziel setzt, planvoll sozialen und damit gesellschaftlichen Wandel herbeiführen zu können,2 muss notwendiger Weise auch Erklärungs- und Hand- lungswissen für alle Systemebenen bis hin zu interregionalen und internationalen Systeme, ein Bild gesellschaftlicher Strukturen bis hin zur Weltgesellschaft anbieten.

In dieser Arbeit will ich beschreiben, warum und in welcher Wiese rechtsextreme Werteein- stellungen und Orientierungen in ostdeutschen Regionen ein soziales und gesellschaftliches Problem darstellen und somit ein für die Profession und Praxis Sozialer Arbeit relevantes Handlungsfeld sind. Dabei ist es ein Anliegen von mir, die angestrebte nachhaltige Verände- rungsabsicht sozialer Wirklichkeit transparent zu machen und zu begründen und somit erste Handlungsempfehlungen für sozialprofessionelles Handeln zu geben. Um diesen Anspruch erfüllen zu können, benötige ich transdiziplinäres wissenschaftliches Bezugswissen, mit dem ich einerseits die Struktur und Dynamik gesellschaftlicher Wirklichkeit analysieren und be- schreiben kann. Hierzu nehme ich Bezug auf systemtheoretische Überlegungen von Sylvia STAUB-BERNASCONI, die sich ihrerseits an Mario BUNGEs „emergentistischem Syste- mismus“ orientiert, der im Folgenden näher vorgestellt und mit den ethnologisch/soziologisch gespeisten milieutheoretischen Überlegungen BOURDIEUs in Zusammenhang gestellt wer- den soll. So gewinne ich ein Verständnis der Dynamik und der Interaktionsprozesse von Individuen und Gruppen innerhalb von Gesellschaften. Drittens benötige ich für eine für So- ziale Arbeit notwendige Beschreibung von Veränderungsperspektiven und gesellschaftli- chem Wandel ein Verständnis von Macht und Machtquellen bzw. Ressourcen im Sozialen Raum. Auch hier beziehe ich mich auf STAUB-BERNASCONI, erweitere Aber die Auseinan- dersetzung mit dem analytischen Begriff Macht um die kulturpolitische Perspektive Antonio GRAMSCIs um schließlich in einer Zusammenfassung Handlungsperspektiven für Soziale Arbeit in rechtsextrem dominierten Sozialräumen aufzeichnen zu können.

Diese Arbeit legt ihren Schwerpunkt auf die Theorielage und die notwendige Verknüpfung der beschriebenen wissenschaftlichen Paradigmen und bleibt in den handlungstheoretischen Aussagen knapp. Für eine intensivere Auseinandersetzung mit handlungstheoretischen Perspektiven Sozialer Arbeit in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremen Dominanzerscheinungen verweise ich auf meine Ausführungen andernorts.3

1. allgemeine Systemtheorie

MILLER beschreibt die Ursprünge der Systemtheorie als grundlegende Änderung der kau- salanalytischen Denkweise in den Naturwissenschaften (besonders der Physik) durch die Relativitätstheorie von Einstein und der sich daraus entwickelnden Quantentheorie. Das mechanistische Weltbild, in dem man davon ausging, dass alles in seine Teile zerlegt und in Wenn-Dann-Aussagen erklärt werden kann, veränderte sich durch die Fragestellung, wie einzelne Teile in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen sind, „... in welcher Beziehung sie zueinander stehen und welche Eigenschaften sie aufweisen".4 Dabei relativierten sich die Gesetzmäßigkeiten, weil zum ersten Mal die „... Zyklen, Schwankungen, Kontingenzen (Unbestimmtheiten), Unregelmäßigkeiten und Wahrscheinlichkeiten zugrundegelegt" wur- den.5 Systemtheoretiker) betrachten einen bestimmten Wirklichkeitsbereich unter den oben genannten Gesichtspunkten. Lexika beschreiben den Begriff „System" (wörtlich das Gebilde, Zusammengestellte) als ein Gebilde, dessen wesentliche Elemente so aufeinander bezogen sind, dass sie eine Einheit abgeben. Systeme organisieren und erhalten sich durch Strukturen. ‚Struktur’ bezeichnet das Muster der Systemelemente und ihrer Beziehungsgeflechte, durch die ein System funktioniert (entsteht und sich erhält).6

Der Begriff dient zur Bezeichnung beliebiger Gegenstände; es wird von Gedankens., Theories., sozialem S., psychischem S. usf. gesprochen. Dabei handelt es sich stets um theoretische Konstruktionen. Etwas als ein S. aufzufassen bedeutet nicht mehr, als sich dem jeweiligen Gegenstand mit bestimmten Begriffen und unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu nähern (nämlich die Elemente und ihre Beziehungen, etwa ihre Interaktion, mit der Umwelt zu verknüpfen).7

Um von einem System sprechen zu können, müssen ihm Eigenschaften zuge- schrieben werden, die es von anderen Gegenständen oder auch anderen Systemen unter- scheidet.

Die Grundidee der Systemtheorie ist, alles als System zu betrachten, d.h. unter dem Aspekt seiner inneren Or- ganisation und seiner Interaktion mit der Umwelt zu analysieren. Der jeweils interessierende Gegenstand wird mit Hilfe einer besonderen Methode als System rekonstruiert und bestimmten Analyseverfahren unterworfen. Wesentlich für die Methode der S. ist das Analogieprinzip, nämlich die Vergleichbarkeit von Prozessen in ver- schiedenen Materialien. Darüber hinaus beharrt die S. auf der Analyse von Einzelbeziehungen unter dem As- pekt ihrer Funktionen für das umfassende Ganze. Ihre Erklärungsmodelle sind daher oft nicht kausal, sondern teleologisch konstruiert, meist durch Angabe der Bedingungen des Systemgleichgewichts. [...].8

Der soziologische Systembegriff geht auf Talcott PARSONS zurück. PARSONS betrachtet dabei Handlungen als konstitutive Elemente sozialer Systeme. Er prägte den Begriff der strukturell-funktionalen Systemtheorie. Der Begriff Struktur bezieht sich dabei auf diejenigen Systemelemente, die von kurzfristigen Schwankungen im System-Umwelt-Verhältnis unab- hängig sind. Funktion dagegen bezeichnet den dynamischen Aspekt eines sozialen Sys- tems, also diejenigen sozialen Prozesse, die die Stabilität der Systemstrukturen in einer sich ändernden Umwelt gewährleisten sollen. Die strukturell-funktionale Theorie beschreibt also den Rahmen, der Handlungsprozesse steuert. Ist die Struktur eines Systems bekannt, kann in funktionalen Analysen angegeben werden, welche Handlungen für die Systemstabilisie- rung funktional oder dysfunktional sind. Handlungen werden also nicht isoliert betrachtet, sondern im Kontext der strukturellen und funktionalen Aspekte des jeweiligen Sozialsystems.

LUHMANN (1927-1998) ist der bekannteste Vertreter der Systemtheorie. Er erweiterte sein Theoriegebäude Mitte der 80er Jahre und entwickelte so eine wissenschaftliche Theorie über soziale Systeme. Seine beiden zentralen Thesen lauten, dass soziale Systeme aus- schließlich aus Kommunikation bestehen (nicht aus Subjekten bzw. Akteuren) und sich in einem ständigen, nicht zielgerichteten autokatalytischen Prozess quasi aus sich selbst heraus erschaffen. Daher bezeichnet Luhmann Systeme als autopoietisch.

"Ein soziales System kommt zustande, wann immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen oder Handlungen, sondern aus Kommunikationen."9

Kommunikation verläuft, LUHMANN zufolge, in sozialen Systemen wie bei der Selbstrepro- duktion lebender Organismen: wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnähmen, die für ihre Selbstreproduktion relevant seien, nähmen auch Kommunikationssysteme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem "Thema passe", was an den Sinn der bisherigen Kommunikation "anschlussfähig" ist. "Sinn" ist für LUHMANN ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexi- tät: In der unendlich komplexen Umwelt wird nach bestimmten Kriterien nur ein kleiner Teil herausgefiltert; die Grenze eines sozialen Systems markiert somit eine Komplexitätsdifferenz von außen nach innen. Die Kommunikation bezieht sich nur scheinbar direkt auf die Umwelt. Tatsächlich bezieht sie sich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenom- mene innere Abbildung der Umwelt, also letztlich auf sich selbst. Diese Selbstbezüglichkeit (Selbstreferenzialität) betrachtet LUHMANN als typisch für jede Kommunikation und analog zum Phänomen der Autopoiesis in der Biologie. Die Begriffe selbstreferenzielles System und autopoietisches System sind daher in den meisten Fällen austauschbar.

In der Folge definiert LUHMANN soziale Systeme - anders als PARSONS - nicht als mit ihrer Umwelt in Austausch stehend, sondern als "autopoietisch geschlossen". Es kann seine selektive Wahrnehmungsweise der Umwelt nicht ändern, ohne seine spezifische Identität zu verlieren. Eingriffs- bzw. Steuerungsversuche eines Systems in ein anderes sind demnach kaum möglich: Die Wirtschaft kann von der Politik nur sehr bedingt gesteuert werden; die Moral kann die Politik nur bedingt steuern usw. Das Gesetz der Autopoiesis setzt laut LUHMANN den Bemühungen einer rationalen, ethisch gerechten Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse enge Grenzen - daher gilt Luhmann im Vergleich zu HABERMAS, BECK oder Werner OBRECHT als politisch konservativ.

1.1 Grundlegende Unterschiede der systemtheoretischen Ansätze nach Luhmann und Bunge

In den Sozialwissenschaften tobt ein Theoriestreit über soziale Systeme. Der Begriff Systemtheorie als theoretischer Bezugsrahmen garantiert KLASSEN zu Folge „nicht einmal eine Einheit der Fragestellungen, geschweige denn die der Antworten".10 Dabei stellen die Ansätze von LUHMANN und der auf BUNGE bezogene Ansatz von OBRECHT und STAUB-BERNASCONI die beiden Pole des Diskurses dar.

Während BUNGE von der Vorstellung ausgeht, „es gebe die real existierende Welt, ohne dass man sie beobachtet und man könne diese demnach auch explorieren11 postuliert LUH- MANN entgegengesetzt, „es gebe zwar eine reale Welt, ihre Existenz könne jedoch niemand eindeutig beweisen“ und folglich bestünde keine Notwendigkeit, seine Theorie empirisch zu überprüfen“12. Demnach versteht LUHMANN Wahrheit lediglich als symbolisch generalisier- tes Kommunikationsmedium während BUNGE ‚Wahrheit’ als psychobiologische Erkenntnis- theorie und „annähernde Korrespondenz zwischen Fakten und Aussagen über Fakten“ (fak- tische Wahrheiten) begreift, welche niemals vollständig ist, deren Wahrheitsgehalt aber durch weiteres (empirisches) Forschen und die Korrektur von Fehlerquellen stetig gesteigert werden könne.13 Im BUNGEschen Ansatz ist Wissen ein Produkt von reellen Erkenntnispro- zessen.

BUNGE zufolge sind soziale Systeme Ergebnis konkreter Handlungen menschlicher Indivi- duen, werden durch sie in Gang gehalten, verändert oder zerstört, wobei diese Handlungen durch konkrete emotio-kognitive Prozesse angetrieben werden. Die Befriedigung biologi- scher, (bio)psy-chischer oder (biopsycho)sozialer Bedürfnisse bzw. deren Gefährdung (durch äußere Gegebenheiten) sind Auslöser für solche Prozesse. Demgegenüber definiert Luhmann:

„Soziale Systeme bestehen aus Kommunikation und aus nichts als Kommunikation - nicht aus menschlichen Individuen, nicht aus bewussten mentalen Zuständen, nicht aus Rollen und nicht einmal aus Handlungen.“ Solche Systeme „produzieren Kommunikation durch sinnhafte Referenz auf Kommunikation“.14

1.2 Grundzüge der Systemtheorie bei M. Bunge

„Ein System ist ein komplexes Objekt, dessen Teile oder Komponenten derart miteinander verbunden sind, dass das Objekt sich in mancher Hinsicht wie eine Einheit verhält und nicht, als sei es nur eine Menge von Elementen".15 Ein System besteht demnach aus mehreren Komponenten die derart miteinander verbunden sind, dass sie von der Art der Verbindung zu Komponenten der Umwelt, unterscheidbar sind. Schließlich beeinflusst die Art der Verbindungen der Komponenten das Verhalten des Systems. Darin sind drei wichtige Begriffe über Systeme enthalten: Komponenten, Umwelt und Struktur. Jedes Sys- tem besteht aus mindestens zwei Komponenten, die sich selbst zu einem System verei- nigen. Die Eigenschaften dieser Komponenten werden als submergente Eigenschaften bezeichnet. Jedes System bildet jedoch auch systemspezifische (emergente) Eigenschaf- ten aus, die nur das System, nicht aber die einzelnen Komponenten besitzen und die nur in diesem System vorkommen. Als resultante Eigenschaften werden gemeinsame Eigen- schaften des Systems und der Komponenten bezeichnet. Zwischen all diesen Eigenschaften bestehen konstante Relationen, die BUNGE als Gesetze bezeichnet.16 Systeme entstehen und verhalten sich nach diesen Gesetzmäßigkeiten. Die Menge der Relationen, die die Komponenten eines Systems untereinander unterhalten und derjenigen, die Systemkom- ponenten mit Komponenten ihrer Umwelt unterhalten, bestimmt die Struktur des Systems. Systeme ändern also ihr Verhalten, wenn sich ihre Komponenten ändern.

Systeme sind über ihre Komponenten mit der Umwelt verbunden. Als Umwelt wird die Men- ge konkreter Dinge bezeichnet, die sich von den Systemkomponenten unterscheidet, aber mit ihnen verbunden ist.17 Es bestehen sowohl einseitige als auch wechselseitige Beziehun- gen zwischen System- und Umweltkomponenten. Systeme haben unterschiedliche Gra- de von Offenheit gegenüber ihrer Umwelt, die die möglichen Beziehungen zur Umwelt ein- schränken. BUNGE unterscheidet Physiosysteme, Chemosysteme, Biosysteme, Sozio- systeme und Technosysteme. Alle diese Systemarten gehen auseinander hervor und bilden gleichzeitig unterschiedliche Organisationsebenen. Soziosysteme haben Biosysteme als Komponenten, diese wiederum Chemosysteme und diese bestehen aus Physio- systemen. Soziosysteme stehen auf der höchsten Organisationsebene, weil sie Systeme aller anderen Organisationsebenen beinhalten. Der Mensch ist ein Biosystem, verfügt aber über mit seinem komplexen Nervensystem (lernfähige Informations- und Entscheidungssys- teme18 ) über Eigenschaften, die ihn zu einem „selbstwissensfähigen Biosystem" machen.19

„Eine Gesellschaft ist (...) ein System von untereinander verbundenen Individuen".20 Dabei kann die Gesellschaft nicht auf ihre Individuen einwirken. Nur die Individuen als solche können dies. Individuen haben eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft, die neben der genetischen Ausstattung hauptsächlich ihr Handeln bestimmt. Eine Funktion ist immer an einen Funktionsträger gebunden. „Die spezifische Funktion von X ist die Menge der Aktivi- täten von X, die keine Einheit ausführen kann, die nicht zur selben Klasse gehört wie X".21 In ihrer spezifischen Funktion interagieren Individuen einer Gesellschaft mit Individuen einer anderen Gesellschaft. Soziales Handeln ist demnach hauptsächlich durch die Funktion bestimmt. Da Individuen Komponenten eines Gesellschaftssystems sind, löst eine individuelle Veränderung in jedem Fall eine soziale Veränderung aus. Beispielsweise ändert sich das Gruppenverhalten, wenn zu einer bestehenden Gruppe neue Mitglieder hinzukommen. BUNGE spricht von Subsystemen (juristisches System/Bildungssystem), wenn ein System in Zusammensetzung, Umwelt und Struktur im übergeordneten System enthalten ist.22 Sub- systeme erfüllen eine bestimmte gesellschaftliche Funktion, „die wichtigsten sind das öko- nomische, das kulturelle und das politische. Alle übrigen sind Komponenten von diesen23 ". Menschen gehören gleichzeitig mehreren ihrer Subsysteme an.

2. Systemtheorie und soziale Arbeit

In den 90er Jahren fanden systemtheoretische Ansätze Eingang in die Debatte um eine ei- genständige, auf wissenschaftlicher Basis professionell agierende Soziale Arbeit (z.B. Lüssi 1992, Hollstein-Brinkmann 1993, Baecker 1994, Staub-Bernasconi 1995, Merten/Sommer- feld/Koditek 1996, Kleve 1999, Miller 1999, Merten 2000). Durch das abstrakte Theoriege- bäude der Systemtheorie sollte die komplexe Wirklichkeit der verschiedenartigen Sachver- halte menschlichen Lebens und gesellschaftlicher Strukturen besser erklärt werden können.

Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft verfolgt das Ziel, aufgrund von Fakten und be- schreibenden oder erklärenden Theorien Technologien zu entwickeln um soziale Probleme zu lösen (soziale Systeme zu beeinflussen und zu verändern). Damit sind die drei Erkennt- nisbereiche einer Handlungswissenschaft erwähnt: zunächst die Grundlagenforschung zur Herstellung von Theorien, die in Kombination mit Faktenwissen - dem zweiten Erkenntnis- bereich - erklären „wie die Welt ist und weshalb sie ist“.24 Dieses Wissen wird dem Ziel ge- recht, wahre Aussagen treffen zu können und ist Inhalt von wissenschaftlichen Theorien. Diese beiden Gegenstände Sozialer Arbeit im weiteren Sinn umfassen einerseits Aussagen über konkrete Problemlagen von Menschen (Subjekt) und andererseits über die diesbezügli- chen Erklärungen, Werte und Zielsetzungen Sozialer Arbeit (Objekt). Als Spezifikum der Handlungswissenschaft kommt - als dritter relevanter Erkenntnisbereich - die Frage hinzu: „Wie muss jemand was tun, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen und was braucht er/sie dafür?“25 Hier stellt sich die Frage nach den für soziales Handeln notwendigen verände- rungswilligen (und unwilligen) Akteuren, deren Ressourcen und die zur Veränderung hilfrei- chen Methoden sozialer Arbeit.26 Es geht also darum, mittels spezifischer Technologien den Bezug zum Handeln auf wissenschaftlicher Ebene herzustellen. Technologien oder Handlungs- bzw. Interventionswissen ermöglichen es, „in bezug auf eine spezifische Klasse von Dingen in bestimmten Situationen ganz bestimmte Ziele [zu] erreichen“.27

2.1 Soziale Arbeit als systemistische Handlungswissenschaft sozialer Probleme (Obrecht/Staub-Bernasconi)

Für OBRECHT ist Soziale Arbeit „Praxis, die sich auf menschliche Individuen als Kompo- nenten sozialer Systeme" bezieht, bei der also der Mensch mit seinem Umfeld im Mittel- punkt steht.28 „Kognition, affektive Bewer- tung, Motivation und Handeln sind drei eng ineinandergreifende Prozesse. Sie und ihr Zusammenspiel sind von grund- legender Bedeutung für eine Theorie der Sozialen Arbeit und die Soziale Arbeit als Profession".29 Kognition ist, nach der oben dargestellten Systemtheorie BUN- GEs ein Prozess, der allein das mensch- liche Individuum auszeichnet und immer mit Affekten einhergeht. Zu den Affekten zählen Triebe, Emotionen, Gefühle und moralische Empfindungen. OBRECHT bezieht sich mit den Begriffen Kogni- tion, affektive Bewertung, Motivation und Handeln auf BUNGE, entwickelt dessen Theorie aber mit der Einführung

1. biologische Bedürfnisse im engeren Sinne:

- nach physischer Integrität
- nach den für die Autopoiese erforderlichen Austauschstoffen
- nach sexueller Aktivität und nach Fortpflanzung
- nach Regenerierung

2. biopsychische Bedürfnisse

- nach wahrnehmungsgerechter sensorischer Stimulation
- nach schönen Formen in spezifischen Bereichen des Erlebens
- nach Abwechslung/Stimulation
- nach assimilierbarer orientierungs- und handlungsrelevanter Infor- mation
- nach subjektiv relevanten (affektiv besetzten) Zielen und Hoffnung auf Erfüllung
- nach effektiven Fertigkeiten (Skills), Regeln und (sozialen) Normen zur Bewältigung von (wiederkehrenden) Situationen in Abhängigkeit der subjektiv relevanten Ziele

3. biopsychosoziale Bedürfnisse - nach emotionaler Zuwendung

- nach spontaner Hilfe
- nach sozial(kulturell)er Zugehörigkeit durch Teilnahme im Sinne einer Funktion (Rolle) innerhalb eines sozialen Systems
- nach Unverwechselbarkeit
- nach Autonomie
- nach sozialer Anerkennung
- nach (Austausch-)Gerechtigkeit

des Bedürfnisbegriffs, der die Funktion der Affekte Abb 1.: menschl. Bedürfnisse nach OBRECHT erklärt, weiter. Dem Menschen werden (aufgrund seiner Evolution) drei Gruppen von Bedürfnissen zugeordnet: biologische, biopsychische und biopsychosoziale. OBRECHT benennt siebzehn menschliche Bedürfnisse.30 Alle Orga- nismen streben danach, in bestimmten Zuständen zu sein (Homöostase) und ein Abwei- chen davon auszugleichen oder zu vermeiden. OBRECHT zufolge ist ein soziales Problem

a) ein praktisches Problem, das
b) ein sozialer Akteur
c) mit seiner interaktiven Einbindung und Position (Rollenstatus)

in die sozialen Systeme hat, deren Mitglied er faktisch ist. Ein soziales Problem äußert sich als Spannungszustand (=Bedürfnis) innerhalb des Nervensystems als Folge der Differenz zwischen einem im Organismus registrierten ISTwert in Form eines Bildes/ internen Modells des Individuums in seiner jeweiligen Situation und einem organismisch repräsentierten SOLLwert (Bedürfnisbefriedigung), die mit den verfügbaren internen (kulturelles Kapital) und externen (ökonomisches und symbolisches Kapital) Ressourcen nicht ausgeglichen werden kann.31 „Bedürfnisse sind mit anderen W orten der dynamische Ausdruck der Existenz organismischer Werte" und daher universell.32

3. Habitus und sozialräumliche Differenzierung nach Pierre BOURDIEU

Mit Milieutheorie und Habituskonzept entwirft BOURDIEU ein sozialräumliches Analysein- strumentarium in dessen Fokus die strukturelle und symbolische Reproduktion sozialer Un- gleichheit und die Frage der aktiven Einbindung von Individuen in diesen Reproduktionspro- zess stehen. Diesem gesellschaftsanalytischen Modell gelingt es in beindruckender Weise, komplexe empirische Phänomene zu beschreiben und dadurch den wissenschaftlichen An- sprüchen einer Sozialen Arbeit an eine Erklärungsbasis bezüglich Aufbau, Funktion und Veränderung von Gesellschaft auf individueller wie auf (welt)gesell-schaftlicher Ebene ge- recht zu werden. Die Auseinandersetzung mit Macht bzw. der Reproduktion von Macht stellt den Hintergrund seiner Milieutheorie dar und kann somit die Basis für fundierte sozialpäda- gogische Interventionen innerhalb von Sozialräumen und sozialen Systemen sein. Kultur ist für BOURDIEU wichtiger Ansatzpunkt zur Erklärung einer vertikal gegliederten Gesellschaft.

3.1 Sozialer Raum

Für die Darstellung der Sozialstruktur benutzt Bourdieu den ‚sozialen Raum’ als Folie, auf der sich der Raum der sozialen Positionen und der Raum der Lebensstile abbildet. Der sozi- ale Raum ist demnach ein Rahmen, in dem erstens gesellschaftliche Positionen der Indivi- duen und zweitens ihre Lebensstile verortet werden. Doch genaugenommen ist der soziale Raum kein Rahmen, da er nicht geschlossen, sondern offen ist. Er ist nicht zwei-, sondern dreidimensional und hebt sich so von anderen Modellen ab, die Gesellschaft z.B. mit Hilfe des Bildes einer Pyramide, einer Zwiebel33 oder eines Hauses fassen wollen.34 Für die Kon- struktion des sozialen Raums sind zwei Kapitalarten, das ökonomische und das kulturelle Kapital, von entscheidender Bedeutung.

Abb. 2: Der soziale Raum35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

"Der soziale Raum ist so konstruiert, dass die Verteilung der Akteure oder Gruppen in ihm der Position entspricht, die sich aus ihrer statistischen Verteilung nach zwei Unterscheidungsprinzipien ergibt, (...), nämlich das ökonomische Kapital und das kulturelle Kapital.“36

In der vertikalen Dimension ist der soziale Raum durch das Gesamtvolumen an kulturellem und ökonomischem Kapital bestimmt. In der horizontalen Dimension wird eine Differenzierung nach der Zusammensetzung des Kapitals vorgenommen, was einen intellektuellen und einen ökonomischen Pol des sozialen Raums nach sich zieht. Mit einer dritten Dimension berücksichtigt BOURDIEU eine zeitliche Komponente, die in Abb. 1 vernachlässigt wird, auf die aber im nächsten Abschnitt zurückgekommen wird.

In BOURDIEUs Sozialraummodell steht der Begriffs ‚Relation’ zentral: Eine Position ist durch ihr Verhältnis zu allen anderen, d.h. durch Relationen von Nähe bzw. Entfernung bestimmt.37

Individuen mit räumlicher Nähe haben mehr Umgang miteinander, haben ähnliche Vorlieben, weisen ähnliche Sozialisationsverläufe auf und sind sich demnach vertrauter. Deshalb ist für BOURDIEU eine Annäherung oder ein Zusammenschluss der Individuen mit geringer räumlicher Entfernung am wahrscheinlichsten, jedoch nicht zwingend notwendig, da die Annäherung der Fernsten nicht unmöglich ist.

Durch die quantitative wie qualitative Kapitalbestimmung lassen sich die Positionen der Individuen im sozialen Raum ableiten. In einem weiteren, für die Bourdieusche Theorie zentralen Schritt werden soziale Positionen in Beziehung zu sozialen Praxen gesetzt: Dem Raum der sozialen Positionen entspricht ein Raum von Lebensstilen (Milieus).

„Der soziale Raum und die in ihm sich ´spontan´ abzeichnenden Differenzen funktionieren auf der symbolischen Ebene als Raum von Lebensstilen.“38

Es darf dabei jedoch nicht von einem mechanistischen Verhältnis von Position und Lebens- stil ausgegangen werden, etwa: „Kenne ich die soziale Position einer Person, dann kenne ich ihr Hobby, ihren Speiseplan usw.“ Die Vermittlung von sozialer Position und Praxis über- nimmt der Habitus. Die Strukturen des sozialen Raumes haben BOURDIEU zufolge zwei, miteinander in Beziehung stehende, Dimensionen.39 Sie existieren einerseits in der „Objekti- vität erster Ordnung“, dem sozialen Feld, das durch die Akkumulation und Distribution mate- rieller Ressourcen (ökonomisches und soziales Kapital) gekennzeichnet ist. Die „Objektivität zweiter Ordnung“ ist der Habitus. Er wird aus den mentalen und körperlichen Ressourcen (kulturelles und symbolisches Kapital) der sozialen Akteure gebildet. Sie fungieren als sym- bolische Matrix des praktischen Handelns.

MARX zufolge drückt „die Gesellschaft [...] die Summe der Beziehungen, Verhältnisse der Individuen zueinander [...]“ aus.40 BOURDIEU folgt dieser Auffassung mit methodischer Strenge und versteht seine beiden zentralen Begriffe ‚Habitus‘ und ‚Feld‘ als Bündelung von Relationen.41 Mikrosoziologie und Makrosoziologie, Strukturalismus oder Konstruktivismus, Objektivismus oder Subjektivismus sind für Bourdieu keine unverbindbaren Pole mehr. „Die Theorie der Praxis als Praxis erinnert gegen den positivistischen Materialismus daran, dass Objekte der Erkenntnis konstruiert und nicht passiv registriert werden, und gegen den intel- lektualistischen Idealismus, dass diese Konstruktionen auf dem System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen beruht, das in der Praxis gebildet wird und stets auf prak- tische Funktionen ausgerichtet ist.“42 Die Dualität von sozialem Feld und Habitus zeigt einer- seits die verschiedenen Machtgeflechte und die für den Kampf um kulturelle Hegemonie zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen. Hier lehnt sich BOURDIEU stark an MARX an. Andererseits untersucht er die spezifischen Voraussetzungen und kulturellen sowie his- torischen Hintergründe, auf deren Basis die in den sozialen Feldern agierenden Akteure denken und handeln. Das beweist eine starke Affinität zu Max WEBER. In dieser Verknüp- fung gelingt ihm ein sehr detaillierter Blick auf den sozialen Raum.

3. 2 Habitus

BOURDIEU konzeptualisiert seinen Habitus-Begriff in der Bedeutung von Anlage, Haltung, Erscheinungsbild, Gewohnheit oder Lebensweise. „Durch transformierende Verinnerlichung der (klassenspezifisch verteilten) materiellen und kulturellen Existenzbedingungen entstan- den, stellt der Habitus ein dauerhaft wirksames System dar, das sowohl den Praxisformen sozialer Akteure, als auch den mit dieser Praxis verbundenen alltäglichen Wahrnehmungen konstitutiv zugrunde liegt.“43 So vermittelt der Habitus Rationalität im alltäglichen Handeln zur Entwicklung von Handlungsstrategien und Verhaltensweisen. Der Habitus erzeugt Formen des Verhaltens (Praktiken) und der Wertung (Geschmacksvorstellungen/Ästhetik) und ist ein Mechanismus, der in den Akteuren wirkt, obwohl er das Verhalten nicht völlig determiniert. BOURDIEU hebt in den Anteil des alltagspraktischen Handelns sozialer Akteure an der kontinuierlichen (Re-)Produktion der Gesellschaft hervor.

Wichtig am Habitus-Modell ist die Einbeziehung der historischen Dimension, des Lernens aus den Erfahrungen der Generationen vor uns. Sozialisation, aber auch Machtverteilung und Status, werden nicht nur in ihrer Bedeutung für die Interaktionen zwischen Individuen erkannt, sondern auch als Aneignungsprozess:

„Als Produkt der Geschichte produziert der Habitus individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte, nach den von der Geschichte erzeugten Schemata; er gewährleistet die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata niederschlagen und die Übereinstimmung und Konstanz der Praktiken im Zeitverlauf viel sicherer als alle formalen Regeln und expliziten Normen zu gewährleisten suchen.“44

Das Habituskonzept beruht auf vier Eckpfeilern: es repräsentiert ein Stück verinnerlichter Gesellschaft, deren Strukturen über die Sozialisation einverleibt werden (Inkorporation). Als ein System von Dispositionen leitet er unbewusst spezifische Praxisstrategien an( Unbewusstheit). Obgleich unbewusst, folgen die Individuen ihren eigenen Interessen (Strategie). Die in der primären Sozialisation erworbenen Dispositionen bleiben über die Zeit hinaus stabil und leiten die individuellen Praxisstrategien auch dann noch, wenn sie zur Struktur einer sozial gewandelten Umwelt nicht mehr passen (Stabilität/Trägheit).45

3. 3 Kapitalformen

Die den Habitus sozialer Akteure erzeugenden Eigenschaften nennt BOURDIEU Kapital im Sinne von Ressource oder Vermögen. Er unterscheidet vier Kapitalformen: Das soziale Ka- pital bezeichnet „die Summe der aktuellen oder virtuellen Ressourcen, die einem Individuum oder einer Gruppe aufgrund der Tatsache zukommen, dass sie über ein dauerhaftes Netz von Beziehungen, einer - mehr oder weniger institutionalisierten - wechselseitigen Erkennt- nis und Anerkenntnis verfügen; es ist also die Summe allen Kapitals und aller Macht, die über ein solches Netz mobilisierbar sind.“46 Die beiden für unseren Zusammenhang wichti- gen Kapitalformen, die die Milieus des sozialen Raumes bilden, sind das kulturelle und das ökonomische Kapital. Zu diesen drei Sorten kommt noch das symbolische Kapital hinzu, das die Form ist, die eine dieser Kapitalsorten annimmt, wenn sie über Kategorien wahrgenom- men wird, die seine spezifische Logik anerkennen.47 So hat kulturelles Kapital bspw. für Menschen in intellektuellen Milieus einen hohen Symbolgehalt, also ein hohes symbolisches Kapital, während ökonomisches Kapital hier nicht so hoch eingestuft wird.

3. 3. 1 Ökonomisches Kapital

Die ökonomische Dimension gesellschaftlichen Kapitals umfaßt alle Elemente, die sich in Geld ausdrücken bzw. mit Geld erwerben lassen. Diese Kapitalform, ihre Akkumulationsfor- men und Wirkungsweisen sind eingehend von MARX beschrieben worden. Als Kriterium zur Bestimmung von Klassen sieht BOURDIEU nicht ausschließlich die Verfügungsmacht über materielles Eigentum, sondern ebenso über das kulturelle Kapital. Dabei entwickelt er einen Kapitalbegriff der weit über das ökonomistische Modell der meisten, materialistisch gepräg- ten, GeisteswissenschaftlerInnen hinausgeht. „Die Wirtschaftstheorie hat sich (nämlich, d.V.) ihren Kapitalbegriff von einer ökonomischen Praxis aufzwingen lassen, die eine historische Erfindung des Kapitalismus ist. Dieser wirtschaftswissenschaftliche Kapitalbegriff reduziert die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen Warenaus- tausch, der objektiv und subjektiv auf Profitmaximierung ausgerichtet und vom (ökonomi- schen) Eigennutz geleitet ist. Damit erklärt die Wirtschaftstheorie implizit alle anderen For- men sozialen Austausches zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen.“48

3. 3. 2 Kulturelles Kapital

Kulturelles Kapital nennt BOURDIEU diejenigen Kapitalformen, die sich nicht unmittelbar in Geld ausdrücken bzw. erwerben lassen. Kulturelles Kapital existiert in drei Formen:

A.) Verinnerlichter Zustand, in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus:

Die Akkumulation von Kultur setzt einen Lernprozeß voraus, der Zeit kostet. Diese Zeit muß vom ‚In- vestor‘ persönlich investiert werden; ein Delegationsprinzip ist hier ausgeschlossen.49 Mensch bezahlt quasi mit seiner Person in Form von Zeit, aber auch von „sozial konstituierter Libido“ (Geduld, Aus- dauer, Fleiß, etc.). „Inkorporiertes Kulturkapital ist ein Besitztum, das zu einem festen Bestandteil der Person, zum Habitus geworden ist; aus Haben ist Sein geworden.“50 Oder anders ausgedrückt: „Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man.“51 Verinnerlichtes kulturelles Kapital kann deshalb, anders als Geld, Besitz oder Adelstitel, nicht verschenkt, vererbt oder durch Tausch kurzfristig weitergegeben werden. Der Besitz kulturellen Kapi- tals hat trotzdem großen Prestigewert. Er wird jedoch weit diffiziler wahrgenommen und gebraucht als ökonomisches Kapital.

B.) Objektivierter Zustand:

Objektiviertes Kulturkapital sind käufliche Ergebnisse inkorporierten Kulturkapitals wie beispielsweise Bücher, Gemälde, Maschinen, Instrumente etc.52 Übertragbar ist hier das juristische Eigentum, nicht aber die Voraussetzung zur Aneignung des objektivierten Kapitals, das Verfügen über die kulturellen Fähigkeiten zu deren Gebrauch (etwa dem Genuß der Buchlektüre oder dem Gebrauch der Maschine). Kulturelle Güter können demzufolge materiell angeeignet werden, was ökonomisches Kapital voraussetzt. Sie können aber auch symbolisch angeeignet werden (Buchlektüre, Ausstellungsbesuch), was inkorporiertes Kulturkapital voraussetzt.

C.) Institutionalisierter Zustand:

Durch den (schulischen oder akademischen) Titel wird dem von einer bestimmten Person inkorporierten kulturellen Kapital institutionelle Anerkennung verliehen. Durch den Titel wird eine Wertbestimmung kulturellen Kapitals möglich, die sich auch in ökonomischem Kapital messen läßt. Der Titel ist somit das Produkt einer Umwandlung von kulturellem in ökonomisches Kapital. Der Wert eines Titelinhabers ist „im Vergleich zu anderen unauflöslich mit dem Geldwert verbunden, für den er auf dem Arbeitsmarkt getauscht werden kann.“53

3. 4 Soziale Milieus als Machtzentren im sozialen Feld

Eng mit dem Kapitalbegriff verbunden ist das soziologische Konzept des ‚Feldes‘. Es erin- nert daran, dass die „vom Habitus generierte Praxis [...] nicht in einem neutralen Raum, ei- nem unorganisierten Vakuum stattfindet, sondern in einem strukturierten Rahmen“.54 Das soziale Feld ist ein mehrdimensionaler Raum von Positionen. Demgemäss verteilen sich die Milieus sozialer „Akteure auf der ersten Raumdimension je nach Gesamtumfang an Kapital, über das sie verfügen; auf der zweiten Dimension je nach Zusammensetzung dieses Kapi- tals, dass heißt je nach dem spezifischen Gewicht einzelner Kapitalsorten, bezogen auf das Gesamtvolumen.“55 Das soziale Feld ist der Raum, in dem Konflikte und Konkurrenzen56 ausgetragen werden.

[...]


1 vgl. Definition Soziale Arbeit der IFSW, http://www.ifsw.org/en/p38000409.html (eingesehen am: 10.1. 2006)

2 vgl. ebd.

3 vgl. dazu Bringt/Korgel 2004 In: Borrmann 2004, oder Bringt 2004 In Bilke, N.: Der Wind weht nach Rechts“ http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/6/0,1872,2183110,00.html (aufgefunden: 5. 1. 2006)

4 Miller 1999: 26

5 e.b.d.

6 vgl. Internetlexikon „wikipedia“: http://de.wikipedia.org/wiki/System (aufgefunden am 31. 1. 2006)

7 Lexikon zur Soziologie 1994: 661

8 e.b.d.: 666

9 Luhmann 1986: 269

10 e.b.d.: 12f.

11 e.b.d.: 13

12 e.b.d.: „Luhmanns Projekt der Gesellschaftstheorie [...] mit einer Laufzeit von 30 Jahren sah keine empirische Forschung vor: „Ich versu- che, die empirischen Methoden durch Milieukenntnis zu ergänzen [...]. Was plausibel ist oder nicht, sehe ich, wenn ich mich erinnere, oder wenn ich mitmache’ (Luhmann in: Hoster: 1997, 35)“ (zit. In Wobbe: 2000, 56)

13 vgl. Klassen 2004 : 53

14 Luhmann, 1987b: 113

15 Bunge 1983: 83

16 vgl. Bunge 1983: 90

17 vgl. Bunge 1983: 84

18 vgl. Obrecht 1996: 134

19 Obrecht 1996: 132

20 Bunge 1983: 153

21 Bunge 1983: 95

22 vgl. Bunge 1983: 159

23 Bunge 1983: 160

24 Obrecht 1996: 141

25 Sommerfeld 1996: 33

26 vgl. Staub-Bernasconi 1995: 173-193 und Geiser 2000

27 Obrecht 1996: 141 In: Arnegger/Moser, 2004, 25

28 Obrecht, 1996, 123

29 Obrecht, 1996, 134

30 vgl. Obrecht, 1996, 144 und Textrahmen auf dieser Seite

31 Obrecht, 2001: 63f.

32 Obrecht, 1996, 142

33 vgl. Bolte, Kappe, Neidhardt 1967: 316

34 vgl. Dahrendorf 1965: 105, aktuellerer Versuch bei Geißler 1996: 84

35 Quelle: Vereinfachtes und verkürztes Schema aus Bourdieu 1982a: 212 f.

36 Bourdieu 1998: 18

37 Bourdieu verdeutlicht seine Idee des sozialen Raums mitunter durch einen Vergleich zur Geographie (vgl. z.B. Bourdieu 1982b: 35 f.). Deutschland kann in einen Norden und einen Süden eingeteilt werden, der Süden kann wiederum weiter in Regionen aufgeteilt werden. Aus dieser geographischen Struktur ergeben sich räumliche Nähen, Nachbarschaftsverhältnisse, die entscheidenden Einfluss auf soziale Interaktionsprozesse haben.

38 Bourdieu 1985: 21

39 vgl. Bourdieu/Wacquant 1992: 24f.

40 e.b.d. : 36

41 vgl. das.: 34f.

42 Bourdieu 1985a: 97

43 Schwingel 1998: 67

44 Bourdieu 1985a: 101f.

45 Müller 1992: 257

46 Bourdieu/Wacquant 1992: 151/152

47 vgl. e.b.d.

48 Steinrücke 1992: 50f.

49 vgl. Steinrücke 1992: 52ff.

50 e.b.d.: 56

51 Bourdieu 1987: 135

52 vgl. das.: 59f.

53 e.b.d.: 62

54 Schwingel 1998: 77

55 Bourdieu 1985a: 11

56 vgl. Bourdieu/Wacquant 1992: 38f.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Vielschichtige Ursachen rechtsextremer Alltagshegemonie in Ostdeutschland erfordern systemisch-sozialräumliche Technologien zur Demokratieentwicklung
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin  (ZPSA Berlin)
Veranstaltung
Individuum und Weltgesellschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
44
Katalognummer
V61191
ISBN (eBook)
9783638546997
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vielschichtige, Ursachen, Alltagshegemonie, Ostdeutschland, Technologien, Demokratieentwicklung, Individuum, Weltgesellschaft
Arbeit zitieren
Dipl. Soz.Päd. (FH) Friedemann Bringt (Autor), 2006, Vielschichtige Ursachen rechtsextremer Alltagshegemonie in Ostdeutschland erfordern systemisch-sozialräumliche Technologien zur Demokratieentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61191

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