Der Terroranschlag in Madrid 2004. Eine vergleichende Analyse der internationalen Berichterstattung


Diplomarbeit, 2005

146 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1:Terrorismus als soziales Problem
1.1 Soziale Probleme als Zustand
1.2 Die Konstruktion sozialer Probleme

Kapitel 2: Was ist Terrorismus?

Kapitel 3: Die Bewegung des islamischen Fundamentalismus
3.1 Politologische und soziologische Antworten auf das Phänomen des islamischen Fundamentalismus
3.2 Der islamische Fundamentalismus in Europa
3.3 Warum Spanien?
3.4 Terrorismus und islamischer Terrorismus – eine Zusammenfassung der bisherigen Diskussion

Kapitel 4: Massenmedien und Nachrichtenselektion
4.1 Massenmedien und die Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit
4.2 Die Nachrichtenselektion
4.3 Die Nachrichtenwerttheorie

Kapitel 5: Die Darstellung von Terrorismus in den Massenmedien

Kapitel 6: Methodisches Vorgehen
6.1 Die Methode der Inhaltsanalyse
6.2 Die hier verwendeten Verfahren der Inhaltsanalyse
6.3 Stichprobe und Grundgesamtheit in der vorliegenden Inhaltsanalyse
6.4 Beobachtungszeitraum und Auswahlkriterien
6.5 Die Ziehung der Stichprobe
6.6 Die untersuchten Tagezeitungen
6.7 Hypothesen und Kategorien

Kapitel 7: Ergebnisse
7.1 Umfang und Darstellungsformen
7.2 Nachrichtenagenturen
7.3 Fotos und graphische Darstellungen
7.4 Die Thematisierung der spanischen Regierungswahlen
7.5 “war on terrorism”
7.6 Umfang der Berichterstattung
7.7 Personalisierung
7.8 Parteienbias in der deutschen Presse?
7.9 Negativismus
7.10 Motive und Ursachen bezüglich des Anschlags
7.11 Links-Rechts-Berichterstattung in der deutschen Presse?
7.12 ‘Affective labeling’
7.13 Anonyme Quellen in der Berichterstattung
7.14 Zusammenfassung der Ergebnisse

Kapitel 8: Zusammenfassung und Diskussion

Literatur

Anhang 1: Kodierbuch
Anhang 2: Kodieranweisungen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Typologisierung der Täterbezeichnungen

Tabelle 2: Typologisierung der Tatbezeichnungen

Tabelle 3: Typologisierung der erhobenen Adjektive

Tabelle 4: Die Hypothesen im Überblick

Tabelle 5: Umfang der Berichterstattung (Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 6: Themenbezüge * journalistische Darstellungsformen (Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 7: Anteil des Themenbezugs "Opfer" an den journalistischen Darstellungsformen

Tabelle 8: Varianzanalyse bezüglich der Anzahl der verwendeten Illustrationen (Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 9: Indikatoren bezüglich des 'war on terrorism'- newsframes I,
Mittelwertvergleiche der Variablen 40 und 45 (gruppiert nach Tageszeitungen, Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 10: Regressionsmodelle bezüglich des Umfangs der Berichterstattung

Tabelle 11: Varianzanalyse bezüglich der Indikatoren für ‚Personalisierung’
(Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 12: Nennung der Namen deutscher Politiker in FAZ und FR (Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 14: Häufigkeiten von Erklärungsansätzen bzgl. Terrorismus in der Bericht-
erstattung (Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 15: Varianzanalysen der 'affective labeling'-Scores (Faktor: Tageszeitung;
Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 16: Häufigkeit der Nennung anonymer Quellen in der Berichterstattung
(Quelle: eigene Erhebung)

Tabelle 17: Varianzanalyse bezüglich der Nennung anonymer Quellen
(Faktor: Tageszeitung; Quelle: eigene Erhebung)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Journalistische Darstellungsformen

Abbildung 2: Anteile der Agenturnachrichten an der Berichterstattung

Abbildung 3: Summe der täglich verwendeten Illustrationen im Zeitverlauf

Abbildung 4: ‚Rangliste’ der Themenbezüge in der Gesamtberichterstattung

Abbildung 5: Indikatoren bezüglich des 'war on terrorism'-newsframes II

Abbildung 6: Umfang der Berichterstattung (Boxplot)

Abbildung 7: Umfang der Gesamtberichterstattung im Zeitverlauf

Abbildung 8: Anteil der Artikel, in der eine Anzahl der Getöteten angegeben wird

Abbildung 9: Anteil der Artikel, die Erklärungen bzgl. von Terrorismus und / oder des Attentats beinhalten

Abbildung 10: Bezeichnung der Tat in der Überschrift (in Prozent der Berichterstattung)

Abbildung 11: Bezeichnung der Täter in der Überschrift

Abbildung 12: Journalistisches 'affective labeling' der Tat im Zeitverlauf

Abbildung 13: Journalistisches 'affective labeling' der Täter im Zeitverlauf

Abbildung 14: Gesamtüberblick über 'affective labeling' im Zeitverlauf

Einleitung

Am Morgen des 11. März 2004 detonierten in Madrid nahezu gleichzeitig Sprengladungen in vier Pendlerzügen, die zu dieser Zeit in den Bahnhöfen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia Halt machten. Dabei kamen 191 Menschen ums Leben, weitere 1400 wurden verletzt. Das Attentat wird gegenwärtig der ‚Marokkanischen Islamischen Kampfgruppe’ zugerechnet, die wiederum mit dem Terrornetzwerk ‚Al Qaida’ in Verbindung gebracht wird[1].

Nach dem 11. September 2001 war das Attentat von Madrid der erste schwere, islamischen Fundamentalisten zugerechnete, Anschlag auf ‚westlichem’ Boden und überdies die erste ernsthafte Manifestation der stets ernst genommenen ‚islamistischen’ Bedrohung in Europa. Wie kein anderer Terroranschlag hatte der amerikanische ‘9/11’ zuvor das Gedächtnis der Öffentlichkeit geprägt (vgl. Waldmann 2002, 7). Im Zuge der massenmedialen und wissen­schaftlichen Perzeption des Anschlags von New York kam es dementsprechend zu einer „wahren Publikationsflut“ (Imbusch 2002b, 143). Inwiefern hat sich diese intensive Ausei­nandersetzung mit den Hintergründen des 11. September auf die nachfolgende massenmediale Informierung der Öffentlichkeit bezüglich terroristischer Machenschaften ausgewirkt?

Ziel dieser Studie ist es, anhand der Inhaltsanalyse ausgewählter Textmerkmale von Zeitungs­artikeln über das Attentat von Madrid einen Ausschnitt der printmedialen (Re)Konstruktion des Ereignisses zu beleuchten und somit eine Antwort auf oben gestellte Frage geben zu kön­nen. Auf welche Ereignisaspekte konzentriert sich die Berichterstattung? Zeigen sich Unter­schiede im Vergleich der untersuchten Tageszeitungen? Wenn ja, woher rühren diese?

In dieser Arbeit erfolgt zuerst aus einer soziologischen und historischen Perspektive heraus eine Darstellung des Problems des (islamistischen) Terrorismus. Die so entwickelte Problem­skizze soll im Anschluss anhand meines entwickelten inhaltsanalytischen Instruments mit der printmedialen Darstellung der Ereignisse des 11. März verglichen werden.

Zunächst werde ich in Kapitel 1 meine Entscheidung darlegen, Terrorismus als soziales Problem zu charakterisieren. Bezüglich der Definition des Begriffs ‚soziales Prob­lem’ werde ich zwei Forschungstraditionen berücksichtigen: So diskutiere ich sowohl die objektivistische als auch die konstruktionistische Perspektive auf soziale Probleme, wobei sich beide Ansätze als fruchtbar für die vorliegende Arbeit erweisen.

Die Bestimmung des Begriffs ‚Terrorismus’ ist das Thema von Kapitel 2. Dabei nähere ich mich dem Phänomen aus einer historischen, psychologischen und soziologischen Perspektive heraus an. Es soll deutlich werden, dass es derzeit weder eine einheitliche und unstrittige Begriffsdefinition gibt, noch dass es eine Theorie des Terrorismus gibt, die in der Lage ist, alle als ‚Terrorismus’ bezeichneten Phänomene zu integrieren. Deshalb werde ich – dieses Kapitel abschließend – meine Entscheidung darlegen, Terrorismus als ‚modus operandi’ – als Kampfmethode – zu verstehen.

An diesen Entschluss anknüpfend beschreibe ich in Kapitel 3 die soziale Bewegung, in deren Händen die im vorigen Kapitel charakterisierte Kampfmethode am 11. März 2004 ihre grausame Wirkung entfaltet hat. Wie und wann entstand die Bewegung des islamischen Fun­damentalismus, aus deren Reihen sowohl die Terroristen des 11. September 2001 als auch des 11. März 2004 hervorgingen? Bezüglich dieser Frage werde ich sowohl historische, sozial­psychologische als auch strukturelle Erklärungsansätze und Theorien beleuchten. Des Weiteren soll dieses Kapitel Aufschluss darüber geben, wie verbreitet das Phänomen des islamischen Fundamentalismus in Europa ist und warum Spanien Zielscheibe des Terrors war.

In Kapitel 4 werde ich erläutern, welcher Begriff von Massenmedien in dieser Arbeit Verwendung findet. Sodann rücken die Kriterien der journalistischen Nachrichtenselektion in den Vordergrund. Wann wird ein Ereignis zur Nachricht?

Nachdem ich im Rahmen der Nachrichtenwerttheorie die allgemeinen Nachrichtenfaktoren skizziert habe, wird Kapitel 5 auf den konkreteren Fall ‚Terrorismus in den Massenmedien’ eingehen. Was macht überhaupt –zynisch gefragt– einen Terroranschlag berichtenswert? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Anzahl und Qualität von terroristischen Attentaten und massenmedialer Berichterstattung? Und, im Rahmen dieser Arbeit besonders hervorzuheben: Welche Aspekte des Problems Terrorismus rücken in den Fokus der Massenmedien?

Kapitel 6 legt die Methodologie der hier durchgeführten Inhaltsanalyse dar. Einem generellen Abriss der möglichen und verwendeten inhaltsanalytischen Verfahren folgt die Beschreibung der gezogenen Stichprobe von Zeitungsartikeln. Im Anschluss stelle ich die generierten Forschungshypothesen vor, die an die vorher diskutierten theoretischen Überle­gungen anknüpfen.

Finden die formulierten Hypothesen empirische Erhärtung? Wie homogen erweist sich die Berichterstattung über den 11. März, sowohl intra medial als auch inter medial? Darauf soll die Auswertung der erhobenen Daten in Kapitel 7 Aufschluss geben.

Kapitel 8 schließlich fasst die wichtigsten Ergebnisse dieser Inhaltsanalyse zusammen und diskutiert diese kritisch.

Kapitel 1:Terrorismus als soziales Problem

Die Tatsache, dass beim Bombenattentat in Madrid am 11. März 2004 191 Menschen getötet wurden, kann vorschnell zu der Annahme führen, dass es sich dabei zwangsläufig um ein ‚Problem’ handeln muss. Einige nicht-soziologisch informierte Leser werden sich nun wahr­scheinlich fragen, was es mit dieser –scheinbar– zynischen Aussage auf sich hat. Allein die Bemühung des quantitativen Arguments reicht hier jedoch nicht aus, denn ich möchte zu be­denken geben, dass in vielen autoritären Regimes deutlich mehr Menschen den Tod in Gefängnissen und Konzentrationslagern finden bzw. fanden, ohne dass diese Tatbestände in den betroffenen Ländern öffentlich thematisiert und problematisiert werden/wurden. Die Frage ist also, was ein soziales Problem ist und wer bestimmt, welche Phänomene in derartiger Weise zu bezeichnen sind.

Diesbezügliche wissenschaftliche Ansätze lassen sich hinsichtlich ihrer Definition von sozialen Problemen in sehr generalisierender Weise in zwei ‚Lager’ aufteilen: In diejenigen, die soziale Probleme als Zustände behandeln (‚Objektivisten’), und in solche, die soziale Probleme als Resultate von Konstruktionsprozessen (‚Konstruktionisten’) auffassen.

1.1 Soziale Probleme als Zustand

In dieser Perspektive erscheint ein soziales Problem “[as] some ‘thing’ that may be studied, measured, and, in one way or another, manipulated or changed” (Hartjen 1977, 6). Ein solcher Ansatz erlaubt, neben der Möglichkeit der deskriptiven Erfassung der ‚Problemlage’, die Er­forschung von Ursachen und Lösungsmöglichkeiten. Außerdem steht bei dieser Sichtweise auch stets die Frage im Vordergrund, wie sich ein –womöglich latentes– soziales Problem von einem ‚Nichtproblem’ oder einem Scheinproblem unterscheiden lässt. In der Tradition Fuller/ Myers’ lässt sich diese Unterscheidung treffen, indem man fragt, ob der ins Auge gefasste ‚Zustand’ “defined by a considerable number of persons as a deviation from some social norms which they cherish” (Fuller/ Myers 1941, 320) ist. Erst dann könne von einem sozialen Problem die Rede sein. Fraglich bleibt aber, was es bedeutet, wenn die Autoren von einer bedeutenden Anzahl von Personen reden.

Die meisten Ansätze dieser Forschungstradition verstehen unter dem Begriff ‚soziales Problem’ also die Erfassung eines objektiven Problemzustands und dessen subjektive Defini­tion in der Gesellschaft. Hinsichtlich der Frage, wer die Identifikation des jeweiligen ‚objektiv’ problematischen Sachverhalts leisten kann, divergieren die Auffassungen beträchtlich. Fuller/ Myers verweisen dabei z.B. auf einen „unparteiischen und geschulten Beobachter“ (zit. nach Albrecht 1977, 146). Am weitesten geht dabei wohl Manis, der der Wissenschaft eine herausragende Rolle bezüglich der Identifikation von sozialen Problemen zuschreibt: “Social problems are those social conditions identified by scientific inquiry and values as detrimental to human well-being” (1976, 25).

Manis’ Vorschlag macht somit eine Richtlinie möglich, die es erlaubt, Schein probleme von tatsächlichen zu unterscheiden. Des Weiteren entlässt eine derartige Perspektive die Wissen­schaftler aus ihrer –limitierten– „Rolle als ‚Diagnostiker“ (Albrecht 1977, 157). Zweifelsohne bieten Ansätze, die soziale Probleme als Zustände betrachten, den Vorteil kausaler Problem­analysen. Von der Annahme ausgehend, dass islamistische Terroristen tatsächlich für die Madrider Attentate verantwortlich zeichnen, werde ich deshalb später das soziale Problem des islamischen Fundamentalismus beleuchten, in dessen ‚Dunstkreis’ islamistische Terrororgani­sationen entstehen. Damit werde ich sozusagen den Problem-‚Zustand’ beschreiben, wie ihn ausgewählte Historiker, Religionswissenschaftler und Soziologen als gegeben betrachten.

Hingegen eignen sich für die hier vorgestellte Inhaltsanalyse Ansätze, die soziale Probleme als Zustände verstehen, weniger gut als die nachfolgend dargestellten konstruktionistischen Perspektiven. Diese Überlegung erklärt sich insbesondere aus Manis’ Forschungsperspektive: Einrichtungen der Massenmedien operieren eben nicht mit dem Code des Wissenschaftssystems[2]. Nach Manis aber können Nachrichten und Magazine nur dazu beitragen, von der Wissenschaft bereits identifizierte soziale Probleme aufzugreifen, zumin­dest solange es sich dabei um tatsächliche soziale Probleme handelt.

Obschon ich mir bewusst bin, dass ich mit Manis den in dieser Hinsicht ‚strengsten’ der ‚Objektivisten’ für meine Argumentation bemühe, denke ich, dass die Dringlichkeit der Analyse von massenmedialen Thematisierungs prozessen und -routinen augenfällig ist. Denn ob es sich bei den dort dargestellten Sachverhalten um tatsächliche oder um scheinbare Probleme handelt, ist egal, solange das Publikum die massenmedial mitgeteilten Informationen nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vergleicht. Bevor ich dazu später auf die Nachrichtenselektion im Journalismus eingehe, möchte ich mich im Folgenden kon­struktionistischen Ansätzen in der Soziologie sozialer Probleme zuwenden.

1.2 Die Konstruktion sozialer Probleme

Die Schwierigkeiten der oben genannten Perspektiven auf soziale Probleme bestehen darin, dass die Soziologie sozialer Probleme in der Gefahr ist, „unhinterfragt entweder normative Standards zu übernehmen oder diese willkürlich zu setzen“ (Groenemeyer 2001, 6). Kon­struktionistische Forschungsansätze blenden deshalb die Wertideen, die Konflikten zwischen Gruppen mit verschiedenen Werten und Ideen zugrunde liegen, bei ihrer Analyse der Prob­lem karrieren aus (ebd., 7).

In einem gemäßigten konstruktionistischen Ansatz kann man sich nun fragen, auf welche Formen institutionalisierten Handelns das jeweils zu analysierende Problem zurückzuführen ist (vgl. z.B. Berger/ Luckmann 2003). Noch ergibt sich hier eine Schnittstelle zu oben ge­nannten Perspektiven, die soziale Probleme als Zustände beschreiben. Dieser Bezug lässt sich anhand einer Aussage Durkheims vergegenwärtigen: „Tatbestände [frz. faits] einer gewissen Ordnung wie Dinge [ frz. ‚choses’] zu behandeln, bedeutet also nicht, sie in diese oder jene Kategorie des Seienden einzureihen, es bedeutet nur, dass man ihnen gegenüber eine bestimmte geistige Haltung einnimmt“ (Durkheim 1976, 90; Hinzufügungen J.M.). Das be­trachtete ‚Problem’, ein soziologischer Tatbestand in diesem Sinne, ist in der Lage, „auf den einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben“ (ebd., 114). Dieser Erkenntnis tragen auch die meisten ‚Objektivisten’ Rechnung, vor allem, wenn sie sich im Rahmen der empirischen Sozialforschung mit den „sehr realen Folgen“ soziologischer Tatbestände beschäftigen, „die man nicht beliebig wegdefinieren kann“ (Albrecht 2001, 143).

In der vorliegenden Analyse beziehe ich mich jedoch auf den weniger gemäßigten Ansatz Schetsches. Seine Definition eines sozialen Problems umfasst „alles, was von kollektiven Akteuren, der Öffentlichkeit oder dem Wohlfahrtsstaat als solches angesehen und bezeichnet“[3] wird (nach Groenemeyer 1999, 17). Schetsche nennt acht Typen kollektiver Ak­teure: Betroffene, Advokaten, Experten/ Professionelle, Problemnutzer (Verbände, Parteien, Interessengruppen), soziale Bewegungen, Moralunternehmer, Massenmedien und den (Wohl­fahrts-)Staat. Den Massenmedien sowie den sozialen Bewegungen misst Schetsche jeweils die größte Bedeutung hinsichtlich ihrer Definitionsmacht bei (nach Groenemeyer 1999, 19). Ich möchte betonen, dass ich Schetsches Definition sozialer Probleme lediglich verwende, um mich deren massenmedialen Konstruktionen zuwenden zu können.

Diese Perspektive lenkt also den Blick auf die Definitionsprozesse bzw. Diskurse, die darüber entscheiden, ob ein soziales Problem vorliegt, wie gravierend es ist und was sich daraus als Konsequenz ergibt. Soziale Probleme sind für Konstruktionisten mithin “claims-making activities“ (J. Best, zitiert nach Albrecht 2001, 120).

Gleichwohl sollte hier sorgfältig zwischen dem strikten und dem so genannten kontextuellen Konstruktionismus unterschieden werden. Vertreter des erstgenannten Ansatzes (z.B. Ibarra/ Kitsuse) gehen davon aus, dass es der Wissenschaft weder möglich ist, ‚objektive’ Aussagen darüber zu treffen, ob ein Sachverhalt (tatsächlich) problematisch ist, noch dass es möglich ist, die soziale Bedingtheit von Problemdefinitionen zu untersuchen. In dieser Sichtweise inte­ressiert den Forscher also nicht, wer etwas sagt, noch was er (worüber) sagt sondern aus­schließlich wie etwas gesagt wird (vgl. Albrecht 2001, 119 ff.).

Diese Arbeit richtet, soweit nicht durch die quantitative Herangehensweise eingeschränkt, ihr Augenmerk hingegen auf Ansätze des kontextuellen Konstruktionismus. Wenn auch hier die „Definitionsleistungen der Teilnehmer von Problematisierungsprozessen“ (Albrecht 2001, 119) der Hauptuntersuchungsgegenstand bleiben, so unterscheidet sich dieser Ansatz vom oben diskutierten dahingehend, als dass nun in Frage gestellt wird, in welchen sozialen Kon­texten Akteure die Existenz eines sozialen Problems „unterstellen“ (ebd.).

Mit Hilfe der später diskutierten Nachrichtenwerttheorie sowie der Berücksichtigung der unterschiedlichen Organisationsprofile der drei Presseorgane möchte ich diesen einen Typ von Teilnehmer im Problematisierungsprozess, nämlich die Massenmedien, näher untersu­chen. Welche Kriterien entscheiden dort darüber, ob ein (‚virtueller’ oder ‚realer’) Sachver­halt als soziales Problem konstruiert wird? Diese Frage soll meine spätere Auseinandersetzung mit dem System der Massenmedien und der Nachrichtenselektion leiten.

Zunächst setzte ich mich jedoch –ganz ‚objektivistisch’– mit dem Phänomen des Terrorismus und dem des islamischen Fundamentalismus auseinander.

Kapitel 2: Was ist Terrorismus?

Die für die Ereignisse von Madrid Verantwortlichen werden als ‚Terroristen’ bezeichnet. Zieht man den Fremdwörter-Duden (1990) zu Rate, erfährt man, dass ein ‚Terrorist’ jemand ist, der „Terroranschläge plant und ausführt.“ Weiterhin findet man die Begriffe ‚Terror’ ([ lat. ] Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen) und ‚Terrorismus’ ([ lat.-fr.-nlat.] Schreckensherrschaft). Unter welchen Umständen kann ein schweres Verbrechen wie der Madrider Massenmord dem Terrorismus zugerechnet werden?

Wie andere –ismen verweist der Begriff Terrorismus auf eine Abstraktion und nicht auf ein konkretes soziales System (Simon 2002, 12). Jedoch bereitet dieser Begriff denjenigen größte ‚Kopfschmerzen’, die diskutieren, welche Phänomene darunter zu fassen seien. Daher möchte ich zuvörderst darauf eingehen, was unter ‚Terror’ zu verstehen ist.

In politischen Kontexten erst seit der Französischen Revolution im Gebrauch, bezeichnet ‚Terror’ eine „plötzliche und schlagartige Enttäuschung eines Erwartungsmusters [...], die individuell oder kollektiv mit dem Erleben von Gefahr verbunden ist“ (Simon 2002, 14). Freilich kann nach dieser Definition nicht jeder Terror Terroristen zugerechnet werden. Simon verweist dazu auf das Erleben von Naturkatastrophen oder auf Amokläufe von so genannten ‚Psychopathen’: Auch bei diesen Fällen dürfte ein Beobachter mit der Bezeichnung ‚Terror’ im oben gemeinten Sinne richtig liegen. Terror als Element von Terrorismus liegt erst dann vor, wenn er systematisch – das heißt vor allem: nicht einmalig – auftritt. Etwas schizophren ausgedrückt kann man erst dann von Terrorismus sprechen (ohne ihn damit zu definieren), wenn der unerwartete Terror erwartbar wird, ohne berechenbar zu werden (vgl. Simon 2002, 17 f.).

Ohne das Phänomen verharmlosen zu wollen, möchte ich diesen „erwartbaren Terror“ mit dem Kinobesuch eines gutgemachten Horrorfilms vergleichen: Ein jeder Besucher weiß, dass ihn der gezeigt Film einen ordentlichen Schrecken einjagen wird. Wann genau dies der Fall ist, ist in den meisten Fällen jedoch nicht klar.[4]

Die bereits diskutierten Elemente des Terrorismus rücken vor allem das Erleben von Terror in den Vordergrund. Tatsächlich fällt bei der Sichtung der Literatur zum Thema auf, dass der Begriff vorwiegend verwendet wird, um „aus der Opferperspektive die Urheber physischer oder psychischer Gewalt zu bezeichnen“ (vgl. Büttner 2002, 21). ‚Terror’, ‚Terrorist’ und ‚Terrorismus’ sind in fast allen Fällen Fremdbezeichnungen. Welches Mitglied der ETA oder der IRA würde sich beispielsweise selbst so bezeichnen?

Eine weitergehende Beschäftigung mit dem Begriff ‚Terrorismus’ zeigt, dass die Fachleute Schwierigkeiten haben, alle Phänomene, die seitens verschiedener Akteure der Gattung ‚Ter­rorismus’ zugerechnet werden, in eine umfassende Theorie aufnehmen zu können. Die Schwierigkeiten fangen hier schon bei der theoretischen Deskription an.

„Die meisten Autoren stimmen darin überein, dass Terrorismus die Anwendung oder Androhung von Gewalt, eine Kampfmethode oder eine Strategie zur Durchsetzung bestimmter Ziele sei; er ziele darauf ab, sein Opfer in einen Angstzustand zu versetzen; er sei grausam, nicht mit humanitären Maßstäben vereinbar, und Publizität sei ein zentraler Be­standteil seiner Strategie. Alle weitergehenden Definitionen divergieren erheblich.“ (Laqueur 1987, 183)

Gibt es, das ist die entscheidende Frage bei der Beschäftigung mit Terrorismus, Anlass dazu, Verallgemeinerungen über Gruppen anzustellen, die als ‚Terroristen’ bezeichnet werden? Die soziologische Betrachtung des Phänomens befasst sich einerseits konkret mit den so genann­ten Terroristen (Zusammensetzung der Gruppe, Motive, Psychen der Täter) und andererseits mit der Frage, warum und mit welchen Folgen Akteure bestimmte Phänomene als Terroris­mus bezeichnen und was dies für ein gegebenes Publikum bedeutet. Da ich auf den letztge­nannten Punkt in der Beschreibung der massenmedialen Thematisierung von Terrorismus ohnehin eingehen werde, will ich im Folgenden erstgenannte Ansätze diskutieren.

In zahlreichen Untersuchungen wurde immer wieder nach pathologischen Gemeinsamkeiten von Terroristen gesucht. Mittlerweile gibt es zahlreiche Befunde, die darauf schließen lassen, dass es so etwas wie eine „terroristische Persönlichkeit“ nicht gibt (vgl. Büttner 2002; Waldmann 1993, 8)[5]. „Vielmehr muss man davon ausgehen, dass es eine Vielzahl von Lebens­umständen und –situationen sind, die einen bis dato normalen, intelligenten und unauf­fälligen Menschen zum Gewalttäter werden lassen“ (Büttner 2002, 24).

In diesem Sinne ist terroristisches Verhalten also ein erlerntes und rationales Verhalten, da Büttner den Idealtyp des ‚normalen’ Menschen bemüht. Soziologisch bzw. sozialpsycholo­gisch gewendet stehen in dieser Perspektive die Prozesse der Sozialisation oder andere Prozesse, die ein Individuum den Weg des Terroristen einschlagen lassen, im Vordergrund. Die Versuche der vergleichenden Terrorismusforschung, strukturelle Gemeinsamkeiten der terroristischen Organisationen oder der Ursachen für die Entstehung von Terrorismus zu finden, zeugen davon. Zunächst möchte ich dazu die ‚Organisationsziele’ von Terroristen in den Vordergrund rücken.

Münkler schlägt vor, nur dann von Terrorismus zu sprechen, wenn „dieser als gewalttätige Durchsetzungsform eines politischen Willens identifiziert werden kann, das heißt, wenn sich eine instrumentelle Beziehung zu den Absichten und Zielen politischer Akteure angeben lässt“ (2003, 176). Damit bewegt sich Münkler im vom Laqueur vorgegebenen Rahmen des breiteren Konsenses über den Terrorismus. Demnach sehen sich Terroristen also als Vertreter einer bestimmten politischen Gesinnung. Terrororganisationen wird von Seiten der Sympathi­santen dieser politischen Gesinnung Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteil, bei der ETA z.B. in Form von Spenden oder Stimmen für die nahe stehende (mittlerweile verbotene) Partei Batasuna. Diese Feststellung findet sich wieder in der viel zitierten Aussage “one person’s terrorist is another person’s freedom fighter“ (z.B. Oberschall 2004, 26[6]).

Spricht man vom Terrorismus als Form kollektiver Gewalt mit politischer Absicht, so ist es notwendig, das Phänomen vom Tun von Partisanen oder Guerillas abzugrenzen. Dazu möchte ich noch einmal das Element ‚Terror’ hervorheben. Terroristen, so der nahezu einmütige Tenor der Terrorismusforscher, liegt viel an der Verbreitung von Angst und Schrecken. Die (angedrohte) Gewaltanwendung von Terroristen soll im Wesentlichen über die indirekten Effekte der Gewalt Erfolge erringen. Wie aber kam es dazu, dass Mitglieder der RAF in den 70er Jahren seitens von Massenmedien auch als „Stadtguerillas“ bezeichnet worden sind? Ähnlichkeiten resultieren aus der oberflächlichen Betrachtung, dass Terroristen, Partisanen und Guerillakämpfer aus „einer Situation kräftemäßiger Unterlegenheit“ (Münkler 2003, 178) heraus agieren. Überraschende Angriffe aus dem Hinterhalt resultieren aus einer vermutlich wohlkalkulierten Abschätzung der Kräfteverhältnisse.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass ein Terrorist in der Stadt keineswegs ähnlich gute Voraussetzungen hat, unterzutauchen, wie ein Guerilla im Dschungel oder entlegenen Gebirgsregionen. Terroristische Einheiten sind daher wesentlich kleiner als die von Partisanen oder Guerillas, häufig bestehen sie nur aus drei bis fünf Mitgliedern (Laqueur 1987, 383 f.). Weiterhin besteht die Strategie von Guerillas in der Errichtung von Stützpunkten (‚Foci’), von der aus die Untergrundkämpfer einer gegebenen Staatsmacht entgegentreten. Dort gebärden sie sich als „Gegenregierung“, indem sie Propaganda betreiben, die Bevölkerung mobilisieren und eigene Institutionen aufbauen (Laqueur 2003, 353). Franz Wördemann fasst treffend zu­sammen: „Der [...] Guerilla besetzt tendenziell den Raum, um später das Denken gefangen zu nehmen – der Terrorist besetzt das Denken, da er den Raum nicht nehmen kann“ (zit. nach von Knop 2004, 49).

Für die vorliegende Arbeit ist es mir zudem wichtig hervorzuheben, dass das Label ‚Guerilla’ ein durchweg positiveres Image hat als das Label ‚Terrorist’ – mit seiner „normalen Fracht an Hass, Angst und Verdammung“ (Büttner 2002, 21). Man denke hier nur an die anhaltende Beliebtheit des Ernesto ‚Che’ Guevara, dessen Konterfei auf zahllosen Produkten zu sehen ist.

Bei der nachfolgenden Medienanalyse wird es dementsprechend wichtig sein, festzuhalten, wie Massenmedien die Ereignisse von Madrid und die darin verwickelten Personen bezeich­nen. Laqueur hält unnachgiebig fest, dass „der Begriff der ‚Stadtguerilla’ ein Widerspruch in sich [ist], und wer ihn benutzt, ignoriert entweder, was Terrorismus und Guerilla wirklich sind, oder er verwendet ihn absichtlich, um das Image der Terroristen aufzupolieren“ (2003, 354).

Strittig ist jedoch, wer genau ein Terrorist ist (vgl. Juergensmeyer 2003, 29). Ist es lediglich derjenige, der einen Terroranschlag verübt (der oder die so genannten „Drahtzieher“), oder sind es nicht vielmehr auch die direkten und indirekten Mittelsmänner? Welche Rolle spielen weiterhin die oft zahlreichen Sympathisanten der Terrororganisationen, die in den Augen der Drahtzieher die Attentate dadurch legitimieren, dass sie ‚Beifall klatschen’? Ich muss hier einräumen, dass ich derzeit keine Möglichkeit sehen, eine andere Definition des somit als unpräzise ‚gebrandmarkten’ Begriff zu finden.

Die Probleme bei der Definition des Begriffs ‚Terrorist’ lenken den Blick auf die jeweils ver­übten terroristischen Taten. So kommt immer wieder die Frage nach einer ‚Botschaft’ auf, die derlei Aktionen ‚transportieren’. Zum einen ist eine explizite Botschaft denkbar, so geschehen in Bekennerschreiben oder durch Informierung von Organisationen der Massenmedien seitens der Terroristen. Zum anderen kann beim Fehlen derlei Bekennerschreiben auch die Tat selbst als Botschaft verstanden werden, insbesondere, wenn es sich beim Zielobjekt der Terroristen um ein symbolträchtiges handelt. Gerade terroristische Anschläge, die religiös motiviert waren, wurden auf „Gebäude, Transportmittel, Strukturen oder Orte verübt, die symbolische Gewalt besaßen“ (Juergensmeyer 2003, 183). Die Al Qaida zugerechneten Anschläge auf das New Yorker World Trade Center und auf das US-Pentagon vom 11. September 2001 sind prominente Beispiele.

Adressat von terroristischen Aktionen ist nicht nur der Angegriffene, dem signalisiert wird, dass er bei „Aufrechterhaltung seines politischen Willens mit erheblichen Schädigungen und Verlusten, das heißt politischen Kosten, zu rechnen habe“ (Münkler 2003, 179). Adressat der Gewaltaktionen ist gleichzeitig stets der ‚interessierende Dritte’. Dabei handelt es sich um „denjenigen, für dessen Interessen die Terroristen zu kämpfen behaupten“ (Münkler 2003, 180). Jeder Terroranschlag ist mithin doppelt adressiert und enthält mit der Figur des jeweils interessierenden Dritten auch noch den Legitimitätsspender der terroristischen Organisatio­nen. Es entscheidet die konkrete Manifestation von Terrorismus, welche der beiden Seiten der Doppelbotschaft die wichtigere ist (ebd., 179 ff.). Im Hinblick auf die Geschehnisse in Madrid ist diese Frage (auch für die Massenmedien) eine sehr entscheidende: In Bezug auf religiös motivierten Terrorismus ist der interessierende Dritte hinfällig, denn „Legitimation und mög­licherweise sogar Adressat der Anschläge ist Gott oder das Göttliche, jedenfalls ein Bezug, der keinerlei politisches Kalkül bei der Begrenzung der Schäden und Opfer von Anschlägen erzwingt“ (ebd., 200).

Wo und unter welchen Bedingungen entsteht Terrorismus? Darüber herrscht beim gegenwär­tigen Forschungsstand keinerlei Klarheit. Vielmehr gibt es einen breiten Konsens darüber, wo Terrorismus nicht entsteht, nämlich „unter politischen Regimen, die in der Lage sind, mit un­eingeschränkter Gewalt gegen ihn vorzugehen [...]“ (Laqueur 2003, 20 f.; vgl. Münkler 2003, 192 sowie Lia/ Skjølberg 2004, 142 f.). Der Überblick von Lia/ Skjølberg (2004) bezüglich der Ursachen des Terrorismus bestätigt die Auffassung anderer Autoren, die sowohl die empirische als auch wissenschaftliche Untermauerung der Theorien als unzureichend beklagen (vgl. beispielsweise Japp 2003, 57; Bergesen/ Lizardo 2004, 38). Tatsächlich gibt es eine riesige Bandbreite unterschiedlichster Erklärungsansätze, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Phänomen auseinandersetzen. Eine leistungsfähige, allgemeine Theorie des Terrorismus muss erhebliche Variationen bei den Kategorien der Täter, der Organisationen, der Organisationsziele und bei der Qualität der jeweils verübten Taten be­rücksichtigen. Bisher ist es jedoch nicht gelungen, eine solche Theorie zu entwickeln, viel­mehr gibt es Theorien der Terroris men (vgl. Laqueur 1998, 101).

Wie soll eine Theorie des Terrorismus beispielsweise die Terrorgruppen ‚ETA’ (nationalistisch-ethnisch motivierter Terrorismus), ‚IRA’ (vorwiegend nationalistisch motivierter T. mit religiösen Bezügen), ‚Al Qaida’ (religiös motivierter T.) und die ‘Animal Liberation Front’ (‚ökologisch’ motivierter T.)[7] integrieren? Es divergieren sowohl die Ursachen, die zur Genese dieser Terrorgruppen führten, als auch deren Motive oder Ideologien. Zwecks einer Definition des Terrorismus ist es sicherlich nützlich, die Kampfme­thode als homogenes Merkmal der so genannten Terrororganisationen hervorzuheben (aus­führlicher: s.u.). Warum zu einem gegebenen Zeitpunkt jedoch eine Bewegung mit bestimmten Zielen und einer bestimmten Ideologie entsteht, darüber sagt eine derartige Terrorismustheorie nichts aus. Deshalb befasse ich mich im Folgenden ganz konkret mit der Entstehung der Bewegung des islamischen Fundamentalismus, aus dem der so genannte isla­mistische Terrorismus hervorgeht. Dabei unterstelle ich, dass die Täter des 11. März entspre­chend der Informationen der Massenmedien Terroristen mit islamistischem Hintergrund waren.

Unter dem Eindruck meiner bisherigen Diskussion des Phänomens ‚Terrorismus’ entscheide ich mich dazu, Terrorismus nicht als Gegner, sondern als „modus operandi“ bzw. Kampfme­thode zu verstehen (vgl. Sloterdijk 2002, 25). Gleichwohl gehe ich nicht davon aus, dass auch die Massenmedien das Phänomen dergestalt thematisieren. Begreift man Terrorismus als Kampfmethode, stellt sich die Frage, warum die Täter des 11. März einen derartigen Hass entwickelt haben, dass sie wohlüberlegt einen Massenmord begehen konnten.

Dazu stelle ich keine Überlegungen hinsichtlich der Täterprofile an, sondern versuche, sowohl aus einer soziologischen als auch aus einer historischen Sichtweise heraus ein Verständnis der Genese des islamistischen Terrorismus – manifestiert in der Organisation ‚Al Qaida’ – zu entwickeln. In der hier verwendeten Definition von Terrorismus spielt der Aspekt der kollek­tiven Gewalt eine entscheidende Rolle.[8] Um von Terrorismus in diesem Sinne sprechen zu können, müssen auf Seiten der potentiellen Terroristen vier Punkte als gegeben angesehen worden sein (vgl. Oberschall 2004, 28):

1. discontent
2. ideology-feeding grievances
3. capacity to organize
4. political opportunity

Woher rührt der islamische Fundamentalismus? Wie sind/ waren die Täter organisiert? Warum war Spanien ein Angriffsziel? Was ist das Ziel islamischer Fundamentalisten? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die massenmediale Thematisierung des Problems? Nachfolgend werde ich beim Versuch, Antworten auf diese Fragen zu finden, immer wieder Erkenntnisse der allgemeinen Terrorismusforschung in die Argumentation einfließen lassen.

Vor allem der viel proklamierte Zusammenhang zwischen Globalisierung und Terrorismus verdient eine genauere Betrachtung.

Kapitel 3: Die Bewegung des islamischen Fundamentalismus

Im vorherigen Kapitel habe ich dargestellt, wieso es sinnvoll sein kann, die Ereignisse des 11. März 2004 unter einem Terrorismus-Begriff zu fassen, der Terrorismus als Kampfmethode versteht. Unabhängig davon, wer eigentlich genau der Adressat der Terror-‚Botschaft’ war, sollen im Folgenden die Urheber der Bomben von Madrid in den Blickpunkt rücken.

Mittlerweile gilt es als annähernd sicher, dass es Täter mit fundamental-islamischem Hinter­grund waren, die für das Verbrechen verantwortlich zeichneten. Daher soll nun das Phänomen des islamischen Fundamentalismus im Mittelpunkt stehen. Zuerst möchte ich historisch darlegen, wie sich diese Terrorismus-Variante entwickelt hat. Danach werde ich auf die be­günstigenden Bedingungen und Ursachen für den „Erfolg“ dieser Bewegung eingehen.

Die Meinungen darüber, wie stark der Islam „an sich“ und die in seinem Namen verübten Gewalttaten zusammenhängen, divergieren beträchtlich. Oft scheint mir die diesbezügliche Meinungsbildung abhängig von Konfession, Nationalität und politischen Ansichten zu sein. Schreibt Laqueur (2003, 40) beispielsweise, dass der Fanatismus im Islam – für ihn eine der tolerantesten aller Religionen – erst in der Neuzeit eine Wiedergeburt erlebt habe, so dürfte er in Huntington einen Gegner finden. Dieser lässt die letzten 1400 Jahre Revue passieren und bezeichnet die Beziehungen zwischen Christentum und Islam in dieser Zeitspanne ausdrück­lich als „häufig stürmisch“. Die Phasen friedlicher Koexistenz währten kürzer als die heftiger Konflikte. „Sie [die beiden Religionen, d.V.] betrachten sich gegenseitig als den anderen“ (Huntington 2002, 335). In diesem Zusammenhang wendet er sich gegen das Argument, „der Westen“ habe es gegenwärtig nicht mit dem Islam, sondern mit gewalttätigen, islamistischen Fundamentalisten zu tun (ebd.).

Da ich mich in dieser Arbeit lediglich mit Terrorismus im Namen des Islam auseinandersetze, erscheint mir die Frage, ob es zum (viel zitierten) „Kampf der Kulturen“ in globalen Maßstäben kommen kann, im Kontext meiner Fragestellung nicht von zentraler Bedeutung zu sein. Ich benutze den Terminus „islamistischer Terrrorismus“ in dieser Arbeit fast synonym zu dem des „islamischen Fundamentalismus“, nur das ersterer zudem auf bereits ausgeführte oder zumindest geplante terroristische Aktionen schließen lässt. Fundamentalismus definiere ich nach Tibi als „Politisierung der Religion und Ideologie der Konfrontation im Zeitalter der Zivilisationskonflikte“ (Tibi 1999, 25).

Auch Huntington betont die hervorgehobene Stellung von ‚Kultur’ (im Original: “civilization“). Nach ihm prägen Kultur und die Identität von Kulturen „heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt“ (Huntington 2002, 19).

Wie bereits erwähnt, beginne ich mit einem kurzen Einblick in die Entstehungsgeschichte des islamischen Fundamentalismus, um mich im Anschluss mithilfe soziologischer Erklärungs­versuche konkreteren Teilphänomenen widmen zu können.

Es bedarf eines Rückblicks bis ans Ende des Osmanischen Reichs, welches die letzte islami­sche Ordnung der Weltgeschichte verkörperte, um den Bezugsrahmen für die weiteren Ereig­nisse zu setzen. Als Mustafa Kemal (‚Atatürk’) 1923 Staatspräsident der säkularen Republik Türkei wurde, war dies die Geburtsstunde der ersten laizistischen Ordnung im Islam (vgl. Tibi 1999). Gleichzeitig ließ das Ende des Osmanischen Reiches (militärische Niederlage 1918, ‚politisches’ Ende 1923) den Islam ohne Kernstaat zurück, „ein ausschlaggebender Faktor in den durchgängigen inneren und äußeren Konflikten, die den Islam kennzeichnen“ (Huntington 2002, 285). In Zentralasien, wo historisch gesehen nationale Identitäten „nicht existent“ (Huntington 2002, 280) waren, stellte der Islam mithin die wesentliche Quelle von Integration dar.

Dementsprechend ist es wenig verwunderlich, dass es Gruppen gab und gibt, die eine Sehn­sucht nach dem „Kalifat“ (Einheit von Religion und Staat) artikulieren. Der Wunsch nach einer islamischen Ordnung im Weltmaßstab, häufig geäußert von islamischen Fundamenta­listen, fällt zusammen mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches, welches bereits ab dem 19. Jahrhundert als „kranker Mann am Bosporus“ bezeichnet wurde (vgl. Alexander 2004, 89; Tibi 1999, 35).

Die erste fundamentalistische Bewegung in der Welt des Islam war die ‚Muslimbruderschaft’, die Hassan al-Banna 1928 in Ägypten in Opposition zur Politik der Säkularisierung Mustafa Kemals gründete[9] (Laqueur 2003, 46; Tibi 1999, 47). Der Gründer vertrat die Ansicht, der Islam sei sowohl eine Religion als auch ein Staat, der Koran und das Schwert seien untrenn­bar. Die Muslimbruderschaft „[setzte] die Zeichen für den politischen Islam [ein Synonym für den islamischen Fundamentalismus, d.V.] und seinen Anspruch auf Weltherrschaft“ (Tibi 1999, 47).

Mit der Gründung der „Spezialeinheit“ (auch „Geheimapparat“ genannt) griff die Muslimbruderschaft auch auf terroristische Methoden zurück: Aufgaben dieser Einheit waren der Einkauf von Waffen, Rekrutierung neuer Mitglieder in den Reihen der Armee und Polizei, Ermordung der Feinde der Bruderschaft sowie die Ausführung eines Staatsstreichs.

Die ideologische Grundlage der Bewegung lieferte später (1950er Jahre) insbesondere Sayyid Qutb, ein ehemaliger Lehrer und Literaturkritiker, der nach seinem USA-Aufenthalt (1948-50) der Bruderschaft beitrat. Seine Ausführungen stellen den Islam als einzig wahren Glauben dar, alle anderen Religionen und Zivilisationen seien demnach barbarisch, bösartig und tierisch, der Kontakt mit ihnen sei zu meiden. Frieden mit dem Westen könne es nicht geben. Nicht um Territorien gehe es in diesem Kampf, sondern um die einzig gültige, die Welt be­herrschende Wahrheit. Ähnlich stellen „westliche“ Beobachter wohl auch die Geistesauffassung des Al Qaida-Führers Osama bin Laden dar. Qutb fand später den Tod durch den Strang, figuriert jedoch noch heute als Held der Extremisten und gilt fundamenta­listischen Gruppen wie der „Gemeinschaft der Muslime“, „al-Dschihad“ und „Gama’a al-Islamija“ (Islamische Gruppe) als ideologischer Wegbereiter.

Nach einem versuchten Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Gamal Abd el-Nasser wurden rund 4000 Mitglieder der Bruderschaft verhaftet. Tausende flohen aus dem Land, einige wurden hingerichtet. 1964 gewährte Nasser allen Mitgliedern der Bruderschaft eine Generalamnestie; dies hielt die Gruppe jedoch nicht davon ab, die auf den Sturz der Regie­rung zielenden Aktivitäten wiederaufzunehmen.

Die fundamentalistische „Szene“ in Ägypten war ab dieser Zeit nicht mehr von der deutlich geschwächten Muslimbruderschaft dominiert, sondern wurde durch mehrere kleinere Gruppen geprägt. Die Iranische Revolution 1979 gab der fundamentalistischen Bewegung weiteren Auftrieb (Oberschall 2004, 30) In einer Gemeinschaftsaktion von Gama’a al-Islamija und al-Dschihad wurde 1981 der ägyptische Präsident Sadat ermordet – zu den Führern dieser Aktion gehörte auch der spätere Stellvertreter Osama bin Ladens, Ayman Mohammed al-Zawahiri. Die beiden Gruppen erhofften sich eine Revolution, in der die Republik Ägypten durch die Errichtung eines islamischen „Gottesstaats“ ersetzt werden würde. Die Hoffnungen der islamischen Fundamentalisten erfüllten sich jedoch nicht: die Revolution blieb aus.

In den 1980er setzte dann der „Export“ (Laqueur) des ägyptischen Terrorismus ein. In dieser Periode saßen zu jedem Zeitpunkt etwa 10 000 radikale Muslime, Terroristen und potenzielle Terroristen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern Ägyptens ein. Nach Laqueur gibt es Annahmen, dass der Aufenthalt in den Gefängnissen und Lagern vielen späteren Terroristen als „Schule der Radikalisierung“ galt. Diese Annahmen decken sich mit Erkenntnissen aus der soziologischen Strafvollzugsforschung, wonach Gefängnisinsassen während der Haft einen Prozess der Akkulturation an ihr Leben in einer „totalen Institution“ durchlaufen. Dabei erlernen sie neue normative Erwartungsmuster, ein Prozess, der als ‚Prisonisierung’ bezeich­net wird (Harbordt 1972, 82). Zieht man weiterhin in Betracht, dass manche Häftlinge die Rolle von Insassenführern einnehmen und in dieser die Meinungen und das Verhalten der Mitinsassen beeinflussen (ebd., 63), erscheint es mir plausibel, dass ein Gefängnis-‚Aufent­halt’ auch die Entwicklung einer neuen, religiösen Identität begünstigen kann.

Um der Auslastung der Anstalten Herr zu werden, gestattete die ägyptische Regierung vielen der Häftlinge, nach Afghanistan auszureisen, um sich dort am Krieg der Mudschaheddin zu beteiligen. Nach dem Ende des ersten Afghanistankrieges waren viele ägyptische Kämpfer in ihrer Heimat nicht willkommen. So „schwemmte“ eine zweite Auswanderungswelle viele dieser Männer – zahlreiche mit terroristischem Hintergrund – zurück nach Afghanistan, in den Balkan oder nach Westeuropa (dort vor allem nach London, welches deshalb in einschlägigen Kreisen auch ‚Londonistan’ genannt wird). So hält Laqueur fest, dass „die ägyptische Regie­rung [...] eindeutig Schuld am Export ihres Terrorismusproblems nach Südostasien und West­europa“ (2003, 69) trug. Die Bekämpfung des internationalen Terrorismus wurde zudem schwierig, weil Zufluchtsländer immer wieder Auslieferungsbegehren der ägyptischen Regie­rung mit der Begründung abwiesen, es handele sich um politische Flüchtlinge.

Die 1990er Jahre zeichneten sich dadurch aus, dass die terroristischen Aktivitäten in Ägypten selbst eher unkoordiniert verliefen. Es gab jedoch zwei historische Zäsuren: Zum einen gab es 1995 den Versuch eines Mordanschlags auf Präsident Mubarak auf einer Konferenz in Addis Abeba. Zum anderen war dies 1997 die Ermordung von 50 westlichen Touristen in Luxor. Die Tat, verübt von einer kleinen Gruppe von Terroristen, rief in Ägypten und – mehr noch – im Ausland, Empörung hervor. Vor allem von der „westlichen“ Öffentlichkeit mit weitaus weniger Beachtung verfolgt wurde dagegen die Entwicklung, dass sich immer mehr islamische Fundamentalisten, vor allem führende Mitglieder von al-Dschihad und der neu belebten „Spezialeinheit“ der Muslimbruderschaft, nach Afghanistan absetzten.

Die heutige Abschwächung des terroristischen Trends in Ägypten selbst resultiert teilweise aus dem vorher Gesagten, zum anderen erklärt sie sich aus der erfolgreichen Politik der Isla­misierung „von unten“, die dort seit den 1980er Jahren vorangetrieben worden ist. Die Mus­limbruderschaft übernahm nämlich schrittweise in allen Gewerkschaften und Verbänden von Ingenieuren, Ärzten, Zahnärzten und Apothekern die Führung, später auch beim Anwaltsver­band. Der ägyptische Terrorismus fand 1999 sein Ende, als Islamistenführer Mustafa Hazan dazu aufrief, sämtliche Feindseligkeiten auf ägyptischem Boden einzustellen. Die Drohungen der Gama’a richten sich nunmehr nicht mehr gegen die muslimischen Glaubensgenossen, sondern gegen den „Zionismus“ und „den Westen“, insbesondere seitdem sich zum Teil in­haftierte Anführer dieser Gruppe beim ägyptischen Volk für die Gewalttaten entschuldigten. Der ägyptische Terrorismus „globalisierte“ also, während er in seinem Ursprungsland deutlich zurückging (vgl. Laqueur 2003).

3.1 Politologische und soziologische Antworten auf das Phänomen des islamischen Fundamentalismus

Die Bewegung der islamischen Fundamentalisten formierte sich folglich in Opposition zu den Säkularisierungsprozessen in der islamischen Welt. Der Erfolg dieser Bewegung scheint dem­entsprechend eng verbunden mit der Legitimitätskrise des Konzepts des Nationalstaats. So ist laut Tibi (1999, 92) die Demokratie für islamische Fundamentalisten eine importierte Lösung (Hall mustaurad). Woher nahm die Bewegung aber ihren Rückhalt? Hier gleicht die Bewe­gungen anderen revolutionär orientierten: Es waren nicht die Unterschichten, sondern viel­mehr die urbanisierten Mittelschichten, die die Masse der aktiven Mitglieder bildeten. An der Speerspitze der Bewegungen fanden sich, ähnlich zu den „westlichen“ Unruhen 1968 und anderen revolutionären Bewegungen, Studenten und Intellektuelle (vgl. Huntington 2002, 173 ff.).

Das Ziel dieser Bewegungen war und ist es, die jeweilige säkulare Ordnung des politischen Gemeinwesens durch eine „göttliche“ Ordnung, die Hakimiyyat Allah , zu ersetzen. „Diese wird nicht nur als neue lokale Ordnung, sondern als Grundlage einer neuen Weltordnung be­trachtet, die an die Stelle der existierenden treten soll. So gesehen, wird der islamische Fun­damentalismus zu einer ernsten Herausforderung heutiger Standards der Weltpolitik“ (Tibi 1999, 14).

Die Untersuchung terroristischer Aktivitäten im Namen des Islam sollte deshalb immer die Frage stellen, ob der jeweilige Anschlag von „hausgemachten“ Terroristen verübt wurde oder ob er von Terroristen anderer Nationalität zu verantworten ist. Meine bisherigen Ausführungen sollten die Ursprünge des islamischen Terrorismus in muslimisch geprägten Nationalstaaten mit Legimitationsproblemen deutlich machen. Woher aber rühren die Aktionen islamischer Fundamentalisten im jeweiligen Ausland ?

Die Globalisierung des islamischen Fundamentalismus, in seiner gewalttätigen Manifestation oft auch als Dschihad bezeichnet[10], geht auch auf die ‚universellen’ Ansprüche des Islam zurück, die seine fundamentalistischen Vertreter geltend machen[11]. Der „Zusammenprall der Zivilisationen“ (Huntington) ist nach Tibi ein „Zusammenprall zweier Universalismen – eines säkularen und eines göttlichen –, die beide weltweite Gültigkeit für sich beanspruchen“ (1999, 145). Eine derartige Perspektive bietet freilich der gegenwärtigen US-amerikanischen Regie­rung unter George W. Bush Argumente für den Krieg gegen die „Achse des Bösen.“

Andererseits verweisen auch Theorien, die die Ausbrüche des internationalen Terrorismus als “indicator of growing international instability“ (Bergesen/ Lizardo 2004, 49) betrachten, in eine ähnliche Richtung. Terroranschläge können demnach Schlüsselereignisse für einen “Great Power War“ sein. In dieser Sichtweise dominiert die Auffassung, die Zeit des Kalten Krieges sei eigentlich eine des “Great American Peace“ gewesen. Erst nach dem Fall der Sowjetunion sei die Hegemonie der einzigen Supermacht der Welt, nämlich der USA, in Frage gestellt worden. Die oft bemühte Zweiteilung der Welt in Ost und West greift demnach nicht mehr, da die Einheit des „Nichtwestens“ ein vom Westen erfundener Mythos sei. In dieser Perspektive muss man, so man denn von einem Konflikt sprechen will, vom viel zitierten “west against the rest“ sprechen (vgl. Huntington 2002, insbesondere 37 u. 439).

Terrorismus ist in dieser Sichtweise ein potenzieller Vorbote einer ‘Great Power competition’, die sich aus den reproduktiven Dynamiken der Weltökonomie ergibt (vgl. Bergesen/ Lizardo 2004, 49 f.; die Autoren beziehen sich wahrscheinlich auf Wallerstein, nach Imbusch 2002, 33). Die Autoren zeigen dabei anhand historischer Beispiele, inwiefern Terrorismus und Glo­balisierung als Parallelerscheinungen auftreten und –traten (vgl. dazu auch Bolz 2002, 85).[12] Mir erscheint es folgerichtig, zu diskutieren, inwiefern der islamische Fundamentalismus und Globalisierung bzw. Modernisierung zusammenhängen.

Noch einmal will ich hier die Koraninterpretationen von Sayyid Qutb als ideologische Grundlage vieler fundamental-islamischer Bewegungen in Erinnerung rufen. Der Islam „an sich“ ist, ebenso wie das Christentum und im Gegensatz zum Judentum und dem Hinduismus, eine ‚universelle’ Religion „und pflegt diese Ansprüche auch“ (Tibi 1999, 25). Außerdem ist er „nicht nationalstaatlich, aber auch nicht regional und ‚eigentlich’ auch nicht ethnisch orientiert“ (Japp 2003, 73).

Die Lehre des Islam unterstützt Gewalt nicht prinzipiell. So ist die wörtliche Übersetzung von dschihad „Bemühung“, eine Vokabel, die nur die wenigsten Beobachter mit Gewalt assoziieren. Ähnlich verhält es sich mit der Bezeichnung für die Religion selbst: „Das Wort islam ist etymologisch verwandt mit salam („Frieden“) und dem verwandten hebräischen shalom, und es beinhaltet eine Vision gesellschaftlicher Harmonie und religiöser Ruhe“ (Juergensmeyer 2003, 115 f.).

Die fundamentalistischen Ideologen legen ihre Interpretation des Korans hingegen so aus, dass die Verbreitung des Glaubens, wie in den christlichen Kreuzzügen, auch gewalttätig stattfinden darf und soll. Gewalttätige Operationen werden dann als Defensivtaktiken gerecht­fertigt (Juergensmeyer 2003, 115). Das fundamentalistische Gedankengut findet sich in der politisierten Auffassung der ‚Umma’ wieder: nämlich als „universelle, islamische Gemein­schaft“, wohingegen die ursprüngliche Idee der ‚Umma’ eine säkulare war (‚Umma’ als Na­tion) (Tibi 1999, 79).

Der von Huntington proklamierte Zusammenprall der Zivilisationen geht in dieser Sichtweise jedoch über staatliche und geographische Grenzen hinaus. Dies ergibt sich aus den vorher diskutierten Ansprüchen des Islam und den diesbezüglich radikalen Interpretation seitens der Fundamentalisten. Schließlich ist der Islam –bedingt durch Migration– längst im „Westen“ angekommen. Die Verwendung der Islam-Westen-Dichotomie ist somit unbrauchbar, eher muss man vom „Islam im Westen“ sprechen. Dies gilt für Europa mehr noch als für die USA.

Warum aber gibt es so viele Menschen, die sich für die Sache des islamischen Fundamentalismus und des Terrorismus in dessen Namen einspannen lassen?

Von soziologischer Seite aus lohnt es sich, potenzielle strukturelle Ursachen für das Problem zu suchen. Generell gibt es keine Ergebnisse, die auf einen Zusammenhang zwischen Armut und Terrorismus schließen lassen (vgl. Oberschall 2004, 35). Im Gegenteil, Terrorismus zieht die Mittelschicht an. Ein Terrorist, „der außerhalb seines Landes operiert, muss gebildet sein, über ein gewisses technisches Wissen verfügen und fähig sein, sich unauffällig in fremden Gesellschaften zu bewegen“ (Laqueur 2003, 22). Hier zeigen sich, wie bereits beschrieben, Ähnlichkeiten zu revolutionären Bewegungen, bei denen es auch selten die Unterschichten sind, aus denen sich die Masse der aktiven Mitglieder rekrutiert.

Strukturelle Gründe für die Radikalisierung in arabischen Ländern sind nach Auffassung der überwiegenden Mehrheit der Autoren im unkontrollierten demographischen Wachstum sowie in der hohen (Jugend-)Arbeitslosigkeit zu sehen. Weitere Faktoren, die insbesondere junge Menschen in die Arme von radikalen Gruppen treiben, seien die Schirmherrschaft der Islamisten über das Bildungswesen und das Fehlen von säkularen Unterhaltungsmöglichkeiten (vgl. z.B. Huntington 2002, 338; Laqueur 2003, 24).

Unter dem zweifellos unpräzisen Stichwort „Globalisierung“ lassen sich auch einige Ansätze zur Erklärung des Phänomens „islamischer Fundamentalismus“ finden. So werden „klassische“ Modernisierungselemente wie Urbanisierung, soziale Mobilisierung, Bildungs­expansion, Ausdifferenzierung der Massenmedien sowie erweiterte Interaktion mit westlichen und anderen Kulturen als Entwicklungen hervorgehoben, die traditionelle Bindungen an Dorf und Clan untergraben und damit Entfremdung und Identitätskrisen erzeugen (Huntington 2002, 179). Lewis fasst treffend zusammen, dass islamische Fundamentalisten diejenigen sind, “who believe the troubles of the Muslim world [...] are the result not of insufficient modernization but excessive modernization” (zit. nach Oberschall 2004, 32).

Nichtsdestotrotz bleibt die Terrorismusforschung eine präzise Antwort auf die Frage, wie es von einer passiv fundamentalistischen Handlungsform zu einer terroristischen kommt, schuldig. Bisher kann nur erklärt werden, welche Faktoren eine höhere Wahrscheinlichkeit eines derartigen Verhaltens begünstigen. Pointiert drückt Japp (2003, 68) aus, wie der ‚Mainstream’ der Soziologie den islamischen Terrorismus erklären will:

„Das sieht dann überwiegend so aus, dass den islamischen (Unterschicht-)Massen eine Art fundamentalistische Kollektivresignation, gepaart mit gelegentlichen Gewaltausbrüchen, zugerechnet wird und Teilen der neuen Mittelklasse der islamischen Regionen eine Neigung zu terroristischen Aktivitäten. Zwischen beiden Polen wird häufig eine Beziehung hergestellt, die eine gut ausgebildete, häufig auch wohlhabende Avantgarde mit einer größtenteils ver­elendeten und entsprechend eher passiven Massenbasis verbindet.“

Japp sieht die „Belastung“ für die Angehörigen des Islam in der „Doppelinklusion in Strukturen funktionaler Differenzierung einerseits und in die normativen Strukturen des Islam andererseits“ (2003, 74). Daraus resultiere die paradoxe Anforderung, sich gleichzeitig an kollektiver und an individueller Identität zu orientieren. Gleichwohl erklärt auch dies nicht , wie Japp selbst einräumt (ebd.), wie es zu einer „Kommunikation des politischen Extremismus“ kommt. Solange es der Terrorismusforschung nicht gelingt, eine präzise Ant­wort auf die Frage zu liefern, in welchen Prozessen es von einer passiven zu einer aktiven fundamentalistischen Handlungsform kommt, erscheint es mir sinnvoll, vorerst dem kritisier­ten ‚Mainstream’ zu folgen.

Bei der Darstellung der Annahmen und Theorien bezüglich der Ursachen des Terrorismus möchte ich des Weiteren auf Erklärungsversuche der Sozialpsychologie verweisen. Unter dem Stichwort „Lerntheorien“ finden sich Arbeiten, die den Erfolg der fundamentalistischen Be­wegungen zu einem großen Teil in Adoleszenzerfahrungen von deren Mitgliedern verorten. Die Erkenntnis des Milgram-Experiments, dass Bereitschaft zu Gewalt „ubiquitär“ (Büttner 2002, 24) vorhanden ist, ließ das Erkenntnisinteresse der Gewaltforschung mehr in Richtung der Ursachen von Gehorsamsbereitschaft tendieren. Die Ergebnisse bezüglich der Gruppen­integration von Terroristen zeigen deutliche Ähnlichkeiten zu denen der Sektenforschung auf. Letztere steht ebenso nach wie vor vor dem Rätsel, welche Faktoren es sind, die einen Eintritt in eine weltanschauliche Sondergemeinschaft (ein Terminus, der auf fundamentalistische Gruppen auch zutrifft) ‚verursachen’ (vgl. Wilson 1990, 178 ff.).

Die Integration von neu gewonnenen Mitgliedern fundamentalistischer Bewegungen fällt in der Entwicklungsphase Pubertät/ Adoleszenz leichter, da in dieser Zeit Bindungen an Menschen im unmittelbaren Lebensumfeld den Bindungen an Ideale, Überzeugungen und Werthaltungen weichen (Büttner 2002, 28). Berichte der Massenmedien, wonach in muslimi­schen Ländern radikale Priester neue Mitglieder lieber – langfristig – über Gespräche in Fuß­ballvereinen oder bei anderen Unterhaltungsmöglichkeiten rekrutieren als über direkte Missionierung, sowie die bereits beschriebene Situation der hohen Jugendarbeitslosigkeit in einigen islamischen Ländern, lassen mir diese Ansätze plausibel erscheinen. Insbesondere, da die fundamentalistische Handlungsform, die in ihrer krassesten Manifestation bis hin zum Terrorismus reichen kann, als erlernte Verhaltensweisen erklärt werden. In diesem Lichte ist der fundamentalistische Terrorist eben nicht jemand, der diese Identität von ‚heute auf morgen’ angenommen hat, sondern jemand, der sich die Fähigkeit, vorsätzlich einen Massenmord zu begehen, erst einmal mühsam ‚erarbeiten’ musste.

Insgesamt muss man einräumen, dass die soziologische Forschung Entwicklungen aufzeigen konnte, die den Erfolg des islamischen Fundamentalismus begünstigten, ohne jedoch beant­worten zu können, wieso sich (scheinbar) resignierte bzw. wütende Individuen dazu ent­schließen, Terroristen zu werden.

Der Terrorismus mit islamistischem Hintergrund zeigt aber, dass der islamische Fundamenta­lismus mehr ist als eine „intellektuelle, rhetorische Vorwärtsverteidigung einer von Modernisierungsprozessen ausgehöhlten Tradition“, wie Bolz (2002, 96) meint. Tibi warnt eindringlich davor, die Bewegung und ihre führenden Mitglieder auf bloße Rhetorik zu redu­zieren: „[...] Ihre [gemeint sind islamische Fundamentalisten, J.M.] Vision erschöpft sich nicht in Rhetorik, und sie sind heute bereits in der Lage, erhebliche Unordnung zu stiften“ (Tibi 1999, 76). Dabei möchte ich betonen, dass Tibi, im Gegensatz zu Bolz, seinen Text vor dem 11. September 2001 verfasst hat. Im übrigen scheint es nicht sinnvoll, beim Vergleich des Islams und des „Westens“ die Unterscheidung Tradition und Moderne zu bemühen, denn so entstünde der Eindruck, der Westen lebe in der Gegenwart und der Islam in der Vergan­genheit (Japp 2003, 62).

3.2 Der islamische Fundamentalismus in Europa

Die Marokkaner, die für den Madrider Anschlag verantwortlich gemacht werden, lebten größtenteils schon über einen längeren Zeitraum in Spanien. Einige von ihnen wandten sich erst in Spanien dem Fundamentalismus zu. Wie verläuft der Prozess der Radikalisierung muslimischer Einwanderer? Auch hier finden sich größtenteils strukturelle Erklärungsmuster wieder. In Deutschland beispielsweise sind türkische Einwanderer religiöser als die Mehrheit der türkischen Gesellschaft. Dies liegt zum Teil daran, dass viele Deutsch-Türken aus dem ländlichen Anatolien stammen, wo der Islam noch tief verwurzelt ist (vgl. Laqueur 2003). Ein gewisses Maß an Religiosität muss als Bedingung für eine fundamentalistische Werthaltung offensichtlich vorliegen. Auf der anderen Seite heben sich diese Bevölkerungsgruppen in Deutschland wie auch in anderen EU-Ländern durch hohe Raten der (Jugend-)Arbeitslosig­keit hervor. Dies ist wiederum der Tatsache geschuldet, dass viele Deutsch-Türken niedrige Bildungsniveaus aufweisen. Vor allem die mangelnde sprachliche Integration scheint für diese Entwicklungen verantwortlich zu zeichnen. Ein Grund für dieses Integrationsdefizit, das auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten ist, ist vermutlich darin zu sehen, dass die Gruppen eingewanderter Muslime zahlenmäßig sehr groß sind. So fällt es einem muslimischen Neu-Einwanderer sicher leicht, in einer im Einwanderungsland ansässigen muslimischen Gemeinschaft Fuß zu fassen. Gleichwohl kann dies die Bereitschaft, die neue Sprache zu erlernen, schmälern. Demgegenüber erschweren jedoch sicherlich auch Vorbe­halte der ‚einheimischen’ Bevölkerung die Integration der muslimischen Migranten.

Wie aber konnte die radikale Lehre der islamischen Fundamentalisten so schnell Verbreitung finden? In den 1980er Jahren setzte mit dem Zustrom junger und radikaler Prediger in die europäischen Einwanderungsländer ein Prozess der Radikalisierung ein. Den religiösen Wür­denträgern, hauptsächlich mit saudischem Geld bezahlt, gewährten die jeweiligen Regierungen zumeist problemlos eine Aufenthaltsgenehmigung. Diese fanden in den bestehenden muslimischen Gemeinschaften europaweit einen Nährboden für fundamentalistisches Gedankengut (vgl. Laqueur 2003, 314).

Neuere Erklärungsansätze berücksichtigen zudem mehr und mehr den Effekt der Selbstradi­kalisierung : Motivierte Individuen bedürfen heute keines „fanatischen“ Predigers mehr, um den Weg in eine fundamentalistische Gruppe zu finden, sondern sie selektieren gezielt Ange­bote wie Internetseiten fundamentalistischer Gruppen (vgl. Japp 2003, 65; Berichte des Ver­fassungsschutzes Brandenburg[13])

Außerdem nutzten Islamisten Europa immer wieder als sicheren Zufluchtsort und als Aus­gangsbasis für Operationen in anderen Länder (Laqueur 2003, 101) – so geschehen im Falle der an den Anschlägen vom 11. September 2001 beteiligten Mohammed Atta und Abdelghani Mzoudi, die sich von den Behörden unbehelligt in Deutschland aufgehalten hatten[14]. Auch Spanien galt als „sicherer Hafen“ (Laqueur). Vor allem, weil die spanische Polizei (und die spanische Politik gleichfalls) immerfort mit dem Kampf gegen die ETA beschäftigt war und somit weniger Ressourcen für die Überwachung mutmaßlicher Terroristen aus Nordafrika zur Verfügung standen.

3.3 Warum Spanien?

Die Zelle, die für die Anschläge in Madrid verantwortlich gemacht wird, scheint ein Ableger Al Qaidas zu sein. Nach Informationen spanischer Behörden lassen sich erste Verbindungen Al Qaidas nach Spanien bis ins Jahr 1994/95 zurückverfolgen. Die Zelle verfügte über Ver­bindungen zum lokalen Drogenhandel und Schmuggel (beide in marokkanischer Hand) und nutzte dieses Milieu, um – von den spanischen Behörden unbemerkt – operieren zu können. Auch hier gehen Nachrichtendienste davon aus, dass spanische und marokkanische Gefäng­nisse für “indoctrination, recruitment and networking” genutzt wurden (vgl. Jasparro 2004). Die Zelle schien jedoch relativ autonom agieren zu können, eine Tatsache, die die Frage auf­wirft, welche Funktion die „Zentrale“ Al Qaidas bei den Anschlägen überhaupt spielen konnte. Durch die Niederlage der Taliban gegen die USA wurde die ausbildungsrelevante und operationale Infrastruktur fast völlig zerstört. Die terroristische Organisation musste zwar einen Verlust von 60 bis 70 Prozent der Führungskapazitäten hinnehmen, kompensierte aber diese Verluste, „indem sich ihre Mitglieder zunehmend auf drei Dutzend islamistische Gruppen verlassen, die seit den 90igern von Al Qaida finanziert, trainiert, bewaffnet und ideologisiert wurden“ (von Knop 2004, 72).

Die Organisation mit ihren “relatively flat hierarchies, decentralization and delegation of decisionmaking authority” (zit. nach Arquilla et al., von Knop 2004, 110) lässt einen zynischen Beobachter leicht an eine Art ‚Franchise-Terrorismus’ denken: Die Geschäftsidee und Leitideologie ‚liefert’ bin Laden, der „Rest“ wird jeweils lokal ausgeführt und geplant. Die grundsätzliche Frage, wie viel Einfluss genau Al Qaida-Chef Osama bin Laden auf den Anschlag von Madrid hatte, bleibt somit offen.

Bestätigung findet jedoch mehr und mehr die These, dass die Terroristen vom 11. März den Zeitpunkt für den Anschlag auf die damals bevorstehenden Regierungswahlen ausrichteten (vgl. Lia/ Hegghammer 2004). So betreiben islamische Fundamentalisten offenbar –in Anlehnung an die Arbeit internationaler Geheimdienste– “Jihadi Strategic Studies”. Forscher fanden im wohl wichtigsten Internetportal islamischer Fundamentalisten – Global Islamic Media (GIM)– ein Dokument vom 10. Dezember 2003, “[that] stands out by its academic approach – the arguments are rationally constructed and organized, and the author makes ex­tensive use of sources from Western media and academia” (Lia/ Hegghammer 2004, 360). Dort wird Spanien als schwächstes Glied in der von der USA geführten Koalition (Großbri­tannien, Spanien, Polen) im Irak identifiziert: “the domino piece most likely to fall first” (Lia/ Hegghammer 2004, 368)[15]. Vor allem die Auffassung, dass Aznar und die PP überhaupt keine Mehrheit für den Krieg im Irak hinter sich wussten, wird beim GIM-Dokument als Schwach­punkt Spaniens ausgemacht. Weiterhin werden dort Gründe gesucht, warum die spanische Regierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht gestürzt worden war. Dafür finden sich nach der Auffassung der Fundamentalisten einige Gründe:

1. most of the rightist electorate are fanatical supporters of their party
2. the power of the group Opus Dei in the Popular Party
3. the lack of direct influence of the Iraq events on life in Spain
4. Spanish people have not reached the level of e.g. Britain in terms of holding its rulers accountable
5. the weakness of the leftist opposition

(Lia/ Hegghammer 2004, 369)

An dieser Stelle möchte ich jedoch einräumen, dass es keinerlei Bestätigung für einen Zu­sammenhang zwischen diesem Dokument und den Ereignissen des 11. März gibt. Jedoch sollte deutlich werden, warum es aus der Perspektive islamischer Fundamentalisten rational war, Spanien als Zielscheibe von Terroranschlägen auszuwählen. So gilt der Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak –eine der ersten Amtshandlungen des 2004 gewählten Mi­nisterpräsidenten Zapatero– vielen als Erfolg der Terroristen vom 11. März[16].

3.4 Terrorismus und islamischer Terrorismus – eine Zusammenfassung der bisherigen Diskussion

Der Begriff ‚Terrorismus’ verweist auf kein konkretes soziales System und ist in fast allen Fällen eine Fremdbezeichnung. Aufgrund dieser Tatsache gibt es eine Fülle von Definitionen des Phänomens, die jedoch allesamt besagen, dass der Terrorismus die Anwendung von Ge­walt sei, die das von den Terroristen gemeinte Opfer in einen Angstzustand versetzen soll (Element des Terrors). Den Anschlag von Madrid, für den islamistische Terroristen verant­wortlich gemacht werden, möchte ich weiterhin als “terrorism by [a] subnational or transnational nongovernmental group” betrachten. Bergesen/ Lizardo definieren diese Terrorismus-Variante als “premediated use of violence by a nonstate group to obtain a political, religious, or social objective through fear or initimidation directed at a larger audience” (2004, 38). Wie die spanische (und europäische) Bevölkerung zum „Publikum“ gemacht wurde, werde ich nachfolgend beleuchten.

Ich konnte anhand der Darstellung der Genese des islamischen Fundamentalismus sowie anhand der Diskussion eines Internetdokuments, veröffentlicht im Dezember 2003 bei Global Islamic Media , den gewalttätig durchzusetzenden, politischen Willen dieser Bewegung identi­fizieren. Dies war notwendig, um im Münklerschen Sinne bei den Anschlägen von Madrid überhaupt von Terrorismus sprechen zu können. So scheinen Massenmedien und Wissen­schaftler in diesem Punkt deckungsgleich bezüglich der Täterbezeichnung. Einen großen Teil dieses konkreten Terrorismusproblems – nämlich dass des globalen islamistischen Terrorismus – hat nach Laqueur die ägyptische Regierung zu verantworten. So wurden viele ägyptische Terroristen, die nach der Teilnahme am ersten Afghanistankrieg in ihr Heimatland zurückkehren wollten, abgewiesen. Afghanistan, der Balkan und Westeuropa waren das Hauptziel dieser ‚politischen Flüchtlinge’.

Des Weiteren habe ich mich mit den politologischen und soziologischen Erklärungsversuchen des Phänomens des islamischen Fundamentalismus auseinandergesetzt. Ein wesentlicher Grund für den Erfolg dieser Bewegung in überwiegend muslimischen Ländern scheint in den Legitimitätsproblemen des Konzepts des Nationalstaats begründet zu liegen. Die Analyse der Selbstbeschreibungen fundamentalistischer Gruppen zeigt, dass diese sich zumeist in Opposition zu Prozessen der Säkularisierung formieren.

[...]


[1] So das Fazit der in dieser Arbeit untersuchten Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , der Frankfurter Rundschau und der New York Times.

[2] Im Luhmannschen Sinne lässt sich sagen, dass die gesellschaftliche Funktion des Systems der Wissenschaft im Aufbau und in dem Gewinn neuer Erkenntnisse besteht, wobei das System vermittels des Kommunikationsmediums der Wahrheit operiert (vgl. Baraldi/ Corsi/ Esposito 1999, 211). Dahingegen ist der Code des Systems der Massenmedien die Unterscheidung von Information und Nichtinformation (Luhmann 1996, 36).

[3] Mir scheint nicht ganz klar, wieso Schetsche sich lediglich auf den Wohlfahrtsstaat bezieht.

[4] Die Analogie zum „Konsum“ von Horrorfilmen ist insbesondere dann Furcht einflößend, wenn man den Effekt der Gewöhnung an derlei Verbreitung von Schrecken berücksichtigt. Hier zeigen sich Parallelen zu einigen Theorien der Verquickung von Massenmedien und Terrorismus auf, wie ich später darstellen werde.

[5] Lia/ Skjølberg (2004, 124 f.) verweisen auf Literatur, die die psychopathologische Forschungstradition durchaus bejaht. Gleichwohl stehen die beiden Autorinnen den Ergebnissen kritisch gegenüber. Solcherlei Erklärungsansätze entpolitisierten den Terrorismus vollständig, so ihre Kritik. Des Weiteren hätten andere Studien gezeigt, dass das „herausragendste Merkmal der Terroristen [...] ihre Normalität zu sein scheint“ (ebd., 125).

[6] Oberschall (2004, 26) kritisiert diese Feststellung gleichwohl als zu “simple“.

[7] Dabei handelt es sich um militante ‚Ökologen’, die in den letzten Jahren mehrfach Gewalt gegen Pelzhändler, Laboranten u.a. Personen verübt haben, die in den Augen der Mitglieder der Animal Liberation Front an der systematischen ‚Auslöschung’ der Natur teilhaben (vgl. Laqueur 1998, 255 ff.).

[8] Terrorismus als spezifische Form kollektiver Gewalt macht dessen theoretische Erklärung jedoch nicht einfacher (vgl. de la Roche 2004, 1).

[9] Gleichwohl war die Muslimbruderschaft nicht die erste islamische Organisation, die sich terroristischer Methoden bediente. So führten Anhänger der sektenähnlichen Gemeinschaft der ‚Assassinen’ schon zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert politische Morde durch. Nicht selten waren diese Missionen Selbstmordattentate.

[10] Der von den Massenmedien oft zitierte, gewalttätige Dschihad ist der „al-Djihad al-akbar“ (der große Dschihad), wie ihn Hassan al-Banna interpretierte. Qutb verstand darunter die „islamische Weltrevolution“.

[11] Leider führt Tibi nicht an, was eine ‚universelle’ Religion auszeichnet. Vermutlich meint er damit, das der Islam ein Selbstverständnis als weltweit einzig wahre und anzuerkennende Religion hat. So unterscheidet der orthodoxe Islam bei Nichtmuslimen zwischen Dhimmi und Kafir. Zu den Dhimmi gehören die monotheistischen Juden und Christen. Diese werden geduldet, während die polytheistischen Kafir missioniert und auf Seiten des Islam gebracht werden sollen.

[12] Bergesen/ Lizardo (2004, 45 f.) vergleichen das Wirken Osama bin Ladens mit den Aufständen Mohammed Ahmeds im Sudan der 1890er Jahre. Globalisierung und Terrorismus als Parallelerscheinungen machen sie insbesondere in der Zeit von 1880 bis 1914 aus. Diese kennzeichnen sie als eine “period of assassination and bomb throwing from the Russian and Ottoman Empires to the east through the Austrian Empire and Western Europe to the United States in the west”. Ferner zeigen sie deutliche Parallelen zwischen den Organisationsformen der „Schwarzen Hand” und Al Qaidas auf.

[13] http://verfassungsschutz-brandenburg.de/oixcms/detail.php?id=633

[14] Mzoudi wurde jedoch am 9.6. 2005 vom deutschen Bundesgerichthof endgültig –aus Mangel an Beweisen–freigesprochen.

[15] Somit scheint es plausibel, dass die Terroranschläge auf das Londoner U-Bahnsystem vom 7.7. 2005 auch Tätern mit islamistischem Hintergrund zuzurechnen sind. Im zitierten GIM-Dokument wird Großbritannien aufgrund der im Vergleich zu Polen und Spanien stärkeren Antiterrormaßnahmen für einen möglichen terroristischen Akt noch als zu ‚unsicher’ charakterisiert. Zum Zeitpunkt der Abgabe dieser Diplomarbeit stand jedoch noch nicht fest, wer die Urheber der Anschläge in Großbritannien waren.

[16] Z.B. Scheffler 2004, 100: „Als es al-Qaida gelungen war, mit den Madrider Bombenanschlägen vom 11. März 2004 die Abwahl der pro-amerikanischen Regierung Aznar zu bewirken und der Chef der künftigen, sozialistischen, Regierung den bevorstehenden Abzug der spanischen Truppen aus Irak bekannt gab, erklärte sich Bin Ladin in einem al-Gazira zugespieltem Tonband bereit, die Kampfhandlungen gegen jeden europäischen Staat einzustellen, der sich verpflichte, die Muslime nicht mehr anzugreifen und sich nicht mehr in deren Angelegenheiten einzumischen“.

Ende der Leseprobe aus 146 Seiten

Details

Titel
Der Terroranschlag in Madrid 2004. Eine vergleichende Analyse der internationalen Berichterstattung
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
146
Katalognummer
V62050
ISBN (eBook)
9783638553711
ISBN (Buch)
9783638709866
Dateigröße
1118 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand einer empirischen Inhaltsanalyse aller 267 Artikel aus den Tageszeitungen 'New York Times', 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' und 'Frankfurter Rundschau', die im Zeitraum vom 12. März bis 11. Mai 2004 Bezug auf den Anschlag von Madrid genommen haben, beleuchtet die Arbeit die printmediale Konstruktion des aus europäischer Sicht einschneidendsten islamistischen Terroranschlags seit dem 11. September 2001.
Schlagworte
März, Madrid, Presse, Inhaltsanalyse, Berichterstattung, Terroranschlag, Printmedien, Zeitung, Terrorismus, Soziologie, FAZ, NYT, New York Times
Arbeit zitieren
Dipl.-Soz. Jan Mewes (Autor), 2005, Der Terroranschlag in Madrid 2004. Eine vergleichende Analyse der internationalen Berichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62050

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