Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen


Hausarbeit, 2006

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Schuld und Kollektivschuld
2.2 Verantwortung
2.3 Rechtsextremismus und jugendlicher Rechtsextremismus

3. Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen
3.1 Was ist akzeptierende Jugendarbeit?
3.2 Grundlagen akzeptierender Jugendarbeit
3.2.1 Cliquenarbeit
3.2.2 Angebot sozialer Räume
3.2.3 Beziehungsarbeit
3.3 Kritik an der akzeptierenden Jugendarbeit
3.3.1 Defizite des Konzepts „akzeptierende Jugendarbeit“
3.3.2 Verständnis- und Umsetzungsprobleme in der Praxis
3.3.3 Entpolitisierung der Debatte um den Rechtsextremismus

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Der Holocaust ist das größte Verbrechen der Geschichte. Über sechs Millionen Juden sowie zahllose Kriegsgefangene, Sinti und Roma, Homosexuelle und andere wurden von Deutschen systematisch ermordet.“[1]

Oft stellen wir uns daher heute noch die Frage: Tragen wir – als die Nachfahren der Verbrecher des Nationalsozialismus- noch eine Schuld am Holocaust? Sind wir als Angehörige des deutschen Volkes heute noch schuldig?

Unter diesen Fragestellungen möchte ich herausarbeiten, dass für uns als Deutsche eine moralische Verantwortung aus den Verbrechen der Vergangenheit erwächst. Es handelt sich hierbei um die Verantwortung für die Verhinderung von Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Deutschland, damit ein solch beispiellos grausames Verbrechen wie der Holocaust nie wieder geschehen kann.

Diese „deutsche“ Verantwortung kann auf verschiedenste Weisen wahrgenommen werden. Auch der Sozialarbeit als Handlungswissenschaft kommt hinsichtlich der Verhinderung antisemitischer, rassistischer, fremdenfeindlicher und besonders rechtsextremer Tendenzen eine große Rolle zu. Neben einer Primärprävention rechtsextremer Tendenzen im Kindes- und Jugendalter muss natürlich auch Sekundärprävention stattfinden für Jugendliche, die bereits durch rechtsextremes Verhalten aufgefallen sind.

Hier ist insbesondere die Jugendarbeit gefragt, welche unterschiedliche Konzepte, Herangehensweisen und Interventionen aus sozialarbeiterischer Sicht anbietet. Dazu zählen beispielsweise erlebnispädagogische Jugendarbeit, kulturpädagogische Jugendarbeit und akzeptierende Jugendarbeit, um nur einige zu nennen.

Ich möchte die Fragestellung nach der Verantwortung Deutschlands und ihre Aspekten aufgreifen und sie im Hinblick auf das Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit als Reaktion auf jugendlichen Rechtsextremismus diskutieren.

Genauer möchte ich mich der Frage widmen:

Werden wir unserer Verantwortung als Deutsche gerecht, wenn wir das Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen anwenden?

Darf Deutschland mit seinem geschichtlichen Hintergrund, egal unter welchem erzieherischen oder sozialpädagogischen Ansatz überhaupt eine Akzeptanz von Rechtsextremismus zulassen?

Zur Verdeutlichung der Aktualität und Brisanz der Frage nach Schuld und Verantwortung der Deutschen, möchte ich einige Zitate aus dem Stern[2] jeweils am Anfang einzelner Punkte einfügen. Auch an anderen Stellen möchte ich- zum Zweck der Verdeutlichung des nachfolgenden Inhalts einzelner Punkte- prägnante Zitate vor den Text setzen.

Es wird mir im Rahmen der Hausarbeit leider nicht möglich sein, die geschichtlichen Geschehnisse im Hinblick auf den Nationalsozialismus und den Holocaust nochmals genau aufzuarbeiten.

Ich werde mich nur auf das Phänomen Rechtsextremismus beziehen, psychologische und sozialisatorische Gründe für jugendlichen Rechtsextremismus möchte ich außer Acht lassen.

Auch hinsichtlich der Verantwortung Deutschlands möchte ich außenpolitische Betrachtungsweisen, wie zum Beispiel die Verantwortung Deutschlands gegenüber dem Staat Israel, ausklammern.

Im zweiten Kapitel möchte ich mich zum besseren Verständnis mit den Begriffen Schuld, Verantwortung und Rechtsextremismus beschäftigen. Es soll geklärt werden – Was bedeuten die Begriffe Schuld und Kollektivschuld überhaupt? Was ist Verantwortung und wie kann sie in Bezug auf Deutschlands Geschichte wahrgenommen werden? Was genau heißt Rechtsextremismus heute?

Im dritten Punkt möchte ich dann auf den Ansatz der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextremistischen Jugendlichen eingehen und erklären, was genau akzeptierende Jugendarbeit ist (Punkt 3.1), welche Grundlagen die akzeptierende Jugendarbeit hat (Punkt 3.2.) und welche Kritik an ihr geübt wird (Punkt 3.3).

Ich hoffe herausstellen zu können, ob und inwiefern akzeptierende Jugendarbeit zu einem verantwortlichen Umgang mit der deutschen Geschichte beitragen kann oder ob sie trotz guter Ausgangspunkte eine Gefahr für die Bekämpfung des Rechtsextremismus in Deutschland darstellt.

2. Begriffsklärung

2.1 Schuld und Kollektivschuld

„Ja, es gibt Dinge, die nicht aus der Geschichte gelöscht werden
können. Deutschland unternimmt große Anstrengungen,
um die Opfer zu entschädigen und Israel zu stärken. (…)

Gleichzeitig kann Deutschland niemals vergeben werden,

was es den Juden angetan hat.“

Ariel Eldad, Israelischer Abgeordneter

Jeder fünfte Deutsche beantwortete die Frage „Müssen wir uns heute noch für Auschwitz schuldig fühlen?“ laut einer Forsa-Umfrage mit einem „Ja“[3].

Doch müssen wir das wirklich?

Um zu erfragen, ob wir noch Schuld tragen an den Verbrechen unserer Vorfahren, müssen wir uns zuerst die Frage stellen, was Schuld ist und wer schuldig sein kann. Die Annäherung an diesen abstrakten Begriff ist nicht einfach.

Schuld ist ein Zustand, in dem sich ein Individuum oder eine Gruppe befinden kann. Wenn sich eine Gruppe in diesem Zustand befindet, sprechen wir von Kollektivschuld. Die Schuld einer Tat wird hier nicht dem einzelnen Täter zugeordnet, sondern einem Kollektiv. Dieses Kollektiv (Angehörige einer bestimmten Gruppe) kann eine Familie, eine Organisation oder ein Volk sein[4].

Oft wird diskutiert, inwiefern das gesamte deutsche Volk auch heute noch schuldig ist an den Verbrechen, die in der Zeit des Nationalsozialismus begangen worden sind. Die Meinungen sind einhellig, dass es keine Kollektivschuld gibt. „Schuld kann nur persönliche Schuld sein – Schuld für das, was einer selbst getan oder auch gelassen hat, was er zu tun verabsäumt hat.“ (vgl. Aschoff 2006[5] ; zit. n. Frankl 1985) sagte Viktor Frankl, ein Überlebender des Konzentrationslagers Türkheim. Er warnte gleichzeitig, dass das Feststellen einer Kollektivschuld eine nationalsozialistische Denkweise ist. Denn nur diese stellt ganze Familien und Gruppen kollektiv unter Schuld (vgl. ebd.).

Schuld ist also immer individuell. Eine Kollektivschuld tragen wir nicht. Vor dem Hintergrund, dass sich aber die Schrecken des Nationalsozialismus in Deutschland abgespielt haben, tragen wir für die Zukunft eine immerwährende Verantwortung.

2.2 Verantwortung

„Die Generation der Kinder und Kindeskinder muss sich nicht schuldig,

aber noch heute verantwortlich dafür fühlen,

dass sich Auschwitz nicht wiederholt.

Die Fragen: Wie konnte der Mord an den Juden geschehen?

Warum hat niemand Einhalt geboten? (…)“

Jutta Limbach, Präsidentin der Goethe-Institute

Verantwortung heißt, die Folgen von eigenen oder fremden Handlungen zu tragen[6].

Welche Verantwortung Deutschland heute hat, zeichnet sich bereits im oben angeführten Zitat Jutta Limbachs ab.

Die Verantwortung heißt: „Auschwitz“, welches stellvertretend für den Antisemitismus und die Verbrechen des Nationalsozialismus steht, darf sich niemals wiederholen (vgl. Merkel 2005[7]).

Genauer formulierte es Roman Herzog (auch 1997, S. 266) in seiner Ansprache am 27. April 1995 während einer Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen:

„Unsere Verantwortung ist es (…) nie mehr zuzulassen, dass ein Mensch abhängig gemacht wird von Rasse oder Herkunft, von Überzeugung oder Glauben, von Gesundheit oder Leistungsfähigkeit.“

Aus welchem Grund ist die Wahrnehmung dieser Verantwortung für uns heute so wichtig?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil der Holocaust jederzeit Zeit wieder passieren kann, wenn wir es nicht verhindern, denn auch damals spielte sich der Holocaust „(…) inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Menschen (…)“ ab (Adorno 1971, S. 100).

Herzog (1997, S. 266) hierzu:

„Der Völkermord, den das nationalsozialistische Regime beging, war (...) so einzigartig und beispiellos, dass man glauben könnte, er könne sich nicht wiederholen. Aber (…) das wäre ein gefährlicher Trugschluss. (…) es kann neue Formen von Ausschluss und Gleichschaltung, von Selektion und Totalitarismus geben, die wir heute vielleicht noch nicht einmal ahnen.“

Wie aber gestaltet sich die Verantwortung, welche die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte haben genau? Aus der Literatur ergeben sich folgende Antworten:

1. Gedenken

Viele stellen sich heute die Frage, warum man die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen könne und wie lange, wie viel, wie oft und wie intensiv noch über den Nationalsozialismus und den Holocaust geredet werden müsse (vgl. Abendroth 1997, S. 214).

Jedoch ist dieses Gedenken als Erinnerung an die Realität des Holocausts eine wichtige Voraussetzung, damit die Vergangenheit nicht zu einer neuen Gegenwärtigkeit werden kann (vgl. ebd. S. 212).

Auch Herzog (vgl. 1997, S. 265) fordert, dass nicht verdrängt oder vergessen werden darf, um der Verantwortung, dass sich der Holocaust nicht wiederholt, gerecht zu werden. Nur dadurch könnten Gefahren für die Zukunft gebannt werden. Da es jedoch so ist, dass die Generation der Zeitzeugen zu Ende geht, rückt das Grauen in irreale Ferne, da es bald niemanden mehr gibt, der den Holocaust durch seine Erzählungen bezeugen könne (vgl. auch Abendroth 1997, S. 213). Herzog (vgl. 1997, S. 265), fordert eine neue Form des Erinnerns und Gedenkens, die für die Zukunft zuverlässig sein wird. Die „neue“ Generation darf die Erfahrungen nicht nur als Geschichte betrachten, sondern auch als Auftrag.

Besonders für die Nachkriegsgenerationen ist das Gedenken also eine besondere Verpflichtung. Dieser Verpflichtung muss mit Feinfühligkeit und Empfindungsvermögen nachgekommen werden, da die Nachkriegsgenerationen wie erwähnt keine direkten Zeugen der Tragödie „Holocaust“ waren (vgl. Weiler 2006[8]).

Herzog (vgl. 1997, S. 266) benennt daher besonders die ewige Wachsamkeit als Verpflichtung und Aufgabe im Kampf gegen Wiederholung. Immer noch gibt es Antisemitismus, Hass, Intoleranz, Aussonderung und Diskriminierung wegen Herkunft und Glauben. Es passiert heute, dass europäische Moscheen brennen, jüdische Gräber geschändet werden und nationalsozialistische Parolen propagiert werden. Dies zeigt, wie sehr wir auf der Hut sein müssen (vgl. Weiler 2006[9]).

[...]


[1] http://kriegsende.ard.de/pages_idx_lib/0,3276,SPM6392,00.html

[2] http://www.stern.de/politik/historie/535750.html?eid=535451

[3] vgl. http://www.netzeitung.de/deutschland/322826.html

[4] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schuld; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kollektivschuld

[5] vgl. http://www.gge-online.de/files/download/Aschoff_Holocaustgedenken.pdf

[6] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Verantwortung

[7] vgl. http://www.stern.de/politik/historie/535750.html?eid=535451

[8] vgl. http://www.chd.lu/servlet/GetCR?doc=119&fn=CR007_S022.pdf

[9] vgl. http://www.chd.lu/servlet/GetCR?doc=119&fn=CR007_S022.pdf

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena  (Fachbereich Sozialwesen)
Veranstaltung
Erziehung nach Auschwitz
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V62524
ISBN (eBook)
9783638557474
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Deutschland heute hat eine Verantwortung - dass ein Verbrechen wie der Holocaust nie wieder stattfinden kann. Diese Verantwortung bezieht sich auf viele Bereiche, auch auf die Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen. Für diese gibt es verschiedenste Konzepte. In der Hausarbeit habe ich versucht herauszustellen, ob das Konzept "akzeptierende Jugendarbeit" der Verantwortung Deutschlands heute gerecht wird und wo seine Probleme und Grenzen angesiedelt sind.
Schlagworte
Akzeptierende, Jugendarbeit, Jugendlichen, Erziehung, Auschwitz
Arbeit zitieren
Christine Schlapa (Autor), 2006, Akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62524

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