Die Basarökonomie-These von Hans-Werner Sinn im Meinungsstreit


Seminararbeit, 2006

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Verzeichnis der Abkürzungen

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen

3. Argumentationskette nach Sinn
3.1 Der Problemfall Deutschland
3.2 Zweifelhafte Erfolge im Export
3.3 Der deutsche Arbeitsmarkt und Sozialstaat
3.4 Die deutsche Binnenkonjunktur
3.5 Deutschland als Sonderfall

4. Kritische Punkte zur Basar-Ökonomie-These
4.1 Basar-Ökonomie als Ursache der deutschen Probleme?
4.2 Schafft die Flucht ins Ausland Arbeitsplätze?
4.3 Basar oder Globalisierung?
4.4 Lohnkosten oder Lohnstückkosten?
4.5 Die Diskussion um die Binnennachfrage
4.6 Der Außenbeitrag - Indikator für Handelsgewinne oder Kapitalflucht?
4.7 Ist Deutschland wirklich ein Sonderfall?
4.8 Allgemeine Kritik an Sinns These der Basar-Ökonomie

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Abbildung 1: Exportvolumen und Importvolumen 2004

Abbildung 2: Die Komponenten der Zunahme der Industrieproduktion (Verarbeitendes Gewerbe 1995 - 2004)

Abbildung 3: Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit Deutschland 1999 - 2005

Abbildung 4: Stundenlohnkosten der Industriearbeiter

Abbildung 5: Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten bis 2004

Abbildung 6: Ältere Arbeitskräfte im europäischen Vergleich

Abbildung 7: Wachstumsraten im internationalen Vergleich zum 04.03.2006

Abbildung 8: Deutsche Direktinvestitionen im Ausland 2003

Abbildung 9: Lohnstückkosten im internationalen Vergleich 1995 - 2004

Abbildung 10: Wachstumsraten Deutschland von 1951 bis 2005

Abbildung 11: Verfügbares Einkommen der privaten Haushalte

Abbildung 12: Sparquote der privaten Haushalte

Abbildung 13: Anteil der importinduzierten Vorleistungen an den Exporten

Abbildung 14: Anteil der exportinduzierten importierten Vorleistungen an den Exporten

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Solange sich Deutschlands Exporte weiterhin stürmisch entwickeln, können die Löhne nicht zu hoch sein. Es fehlt im Gegenteil an Binnennachfrage, weil die Löhne nicht hoch genug sind.“1

Ansichten wie diese, veranlassten Hans-Werner Sinn, seit 1999 Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München, seine Theorie der Basar-Ökonomie, insbesondere bezogen auf die deutsche Wirtschaft, zu veröffentlichen. In seiner „Deutsche Rede. Der kranke Mann Europas: Diagnose und Therapie eines Kathe- dersozialisten“ im Jahre 2003 verwendete Sinn den Begriff Basar-Ökonomie das ers- te Mal2. Seither reißen die öffentlichen Diskussionen um dieses Thema nicht ab.

Diese Seminararbeit behandelt die Theorie der Basar-Ökonomie im Meinungsstreit und die Frage darüber, wie der Wirtschaftsstandort Deutschland mit der fortschreitenden Globalisierung und den damit verbundenen Herausforderungen zurecht kommt. Dabei dürfen die prekäre wirtschaftliche Situation und die offensichtlichen Strukturprobleme unseres Landes nicht außer Acht gelassen werden. Nach einer Definition der Basar-Ökonomie-Theorie und damit verbundenen Begriffen in Kapitel 2, wird Sinns Argumentationskette in Kapitel 3 detailliert dargestellt, um seine These in ihren Kernaussagen zu verstehen. Dies sehen wir als Voraussetzung dafür, sich mit den Kritikern Sinns auseinanderzusetzen, die in Kapitel 4 behandelt werden. Am Schluss der Arbeit kommen wir zu einem kurzen Fazit.

2. Begriffsdefinitionen

Zu Beginn der Arbeit, werden einige grundlegenden Begriffe geklärt, die im Zusam- menhang mit dem Thema Basar-Ökonomie in der Literatur vorkommen. Sinn beschäftigt sich in seinem Buch „Die Basar-Ökonomie“ mit den Strukturproble- men Deutschlands und möchte mit seiner Theorie eine Erklärung für das Nebenein- ander von Wirtschaftskrise und Exportboom bieten. Die Kernaussage der Basar- Ökonomie-Theorie selbst besteht darin, dass „der Anteil der inländischen Wertschöp- fung in der Industrieproduktion immer weiter zurückgeht, und im Gegenzug der Anteil der aus dem Ausland bezogenen Vorleistungen zunimmt. Dies wird als Folge einer sich verringernden Fertigungstiefe im Inland interpretiert, das heißt, immer größere Teile der Wertschöpfungskette werden ins Ausland verlagert.“3

In Ergänzung dazu steht die These des pathologischen Exportbooms, nach der der Export nicht trotz, sondern gerade wegen der hohen Löhne überdurchschnittlich schnell wächst.4 Sinn nennt als Kennzeichen einer pathologischen Reaktion auf die Globalisierung, hervorgerufen durch starre Löhne, das Auftreten von Arbeitslosigkeit, Basar-Effekt, steigende Wertschöpfung im Außenhandel sowie gleichzeitige Rekorde bei den Exporten.5 Als Basar-Effekt bezeichnet er die Spezialisierung auf die kapital- intensiven Endstufen der Produktion im verarbeitenden Gewerbe während vorgela- gerte, arbeitsintensive Teile der Wertschöpfungskette in Niedriglohnländer verlagert werden. Diese Verlagerung wird durch unflexible und hohe Löhne noch weiter for- ciert.6

Bei der Verlagerung von Arbeitsplätzen spricht Sinn von zwei Ausprägungen: Outsourcing und Offshoring. Unter Outsourcing versteht Sinn die Verlagerung von Arbeitsplätzen auf meist ausländische Zulieferer. Als Offshoring bezeichnet Sinn die Verlagerung von Betriebsteilen in eigene ausländische Niederlassungen.7 Immer mehr Anteile der Wertschöpfungskette werden also ins Ausland verlagert und somit müsste der Titel Exportweltmeister8, den Deutschland nun schon seit einigen Jahren für sich in Anspruch nimmt9, überdacht werden.

In seinem Buch „Die Basar-Ökonomie, Deutschland: Exportweltmeister oder Schlusslicht“, das als Grundlage für diese Seminararbeit diente, legt Sinn seine Ar- gumentationskette ausführlich dar - Kapitel 3 dieser Arbeit befasst sich eingehend mit diesem Thema.

3. Argumentationskette nach Sinn

Sinns Aussagen werden im Folgenden grundlegend zusammengefasst. Darüber hin- aus werden empirische Fakten und Statistiken dargestellt, die die zentrale Argumen- tationskette Sinns belegen sollen. Zu Beginn folgt eine kurze Darstellung des Prob- lemfalls Deutschland, anschließend wird untersucht, in wie weit der Basar in der deutschen Volkswirtschaft fortgeschritten ist und auf welche Fakten Sinn seine Behauptung stützt. Danach werden die einzelnen Problembereiche Arbeitsmarkt und die Binnenkonjunktur im Hinblick auf eine Basar-Ökonomie genau betrachtet.

3.1 Der Problemfall Deutschland

Im Kontext der Globalisierung sehen sich die Volkswirtschaften der Welt immer neu- en und komplexeren Herausforderungen gegenüber. Dies beschäftigt nicht nur die Wirtschaftswissenschaftler sondern ist auch in der Politik ein viel diskutiertes Thema. Vor allem die aktuelle wirtschaftliche Situation Deutschlands mit Massenarbeitslosig- keit und einem unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent im Jah- re 200510 lässt an der Wettbewerbsfähigkeit und der Standortqualität Deutschlands zweifeln. Doch gerade die deutschen Politiker haben laut Sinn diese Situation noch nicht erkannt und litten an einem so genannten Erkenntnisproblem.11 Sie wollen nicht erkennen, dass Deutschlands Position als Exportweltmeister erst durch die die Ver- lagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer erreicht werden konnte und eben in dieser Verlagerung vor allem im Bereich der geringqualifizierten Arbeit die Gründe für Deutschlands Arbeitslosigkeit und Wachstumsschwäche liegen.12

Viel eher wird in der Politik damit argumentiert, dass Deutschland mit der Globalisie- rung wunderbar zurecht komme und Löhne sowie Unternehmen wettbewerbsfähig seien, solange Deutschland noch immer Exportweltmeister ist.13 Sinn sieht im Ge- gensatz dazu den deutschen Exportboom und die deutsche Wirtschaftsschwäche als eng verknüpfte Ereignisse, die die Entkoppelung der Wettbewerbsfähigkeit der Un- ternehmen von der Wettbewerbesfähigkeit der Arbeitnehmer zur Folge haben. Zu dieser Entkoppelung kommt es nach Sinn auf Grund der fortschreitenden Globalisie- rung wodurch ein verbesserter Zugang zu Billiglohnländern vor allem im Osten Euro- pas ermöglicht wird, als auch durch die Lohnersatzleistungen des deutschen Sozial- staats. Durch die Produktion in Billiglohnländern können deutsche Produkte günsti- ger hergestellt werden, wodurch sie weltweit wettbewerbsfähig bleiben. Durch Lohn- ersatzleistungen wie die Sozialhilfe wird der natürliche Mechanismus der Lohnan- passung verhindert und somit bleiben die deutschen Löhne auf einem weitaus höhe- ren Niveau im Vergleich zu den Löhnen in anderen Industrieländern - somit sind deutsche Arbeitnehmer nicht mehr wettbewerbsfähig.14

In der Öffentlichkeit werden zwei verschieden Erklärungsansätze für die lahmende Binnenkonjunktur diskutiert. Die Vertreter des Keynesianismus sehen die Ursachen für die momentan schlechte Situation in Deutschland in einem Defizit der gesamt- wirtschaftlichen Nachfrage begründet. Ihr Lösungsansatz bietet zum einen Lohnsen- kungen für attraktivere Standortbedingungen15, auf der anderen Seite eine schulden- finanzierte Stimulation der Binnennachfrage und sogar Lohnerhöhungen.16

Sinn, ein Vertreter des Neoliberalismus, sieht das Hauptproblem der deutschen Mi- sere jedoch in überhöhten Löhnen und der Unflexibilität des Arbeitsmarktes, die die Abwanderung von Unternehmen ins billige Ausland unterstützen.17 Er führt der key- nesianischen Meinung zwei Gegenargumente vor Augen. Zum einen erlebte Deutschland bei der Wiedervereinigung eine schuldenfinanzierte Nachfragestimulati- on wie sie eine Volkswirtschaft noch nie erlebte. Durch Transferzahlungen an die neuen Bundesländer, stiegen die Staatsschulden um 980 Milliarden Euro auf 1.452 Milliarden Euro bis Ende des Jahres 2005.18 Als zweites Argument sieht Sinn die langfristige Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland, die trotz Hartz IV über- proportional ansteigt. Historischen Trends zufolge, stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland immer in Zyklen, die ca. zehn Jahre umfassten, danach kam es jeweils zu einem Absinken der Arbeitslosigkeit. Seit Mitte der Siebziger Jahre jedoch sind in konjunkturellen Hochphasen die Arbeitslosenzahlen nicht mehr auf das vorherge- hende Niveau herabgesunken. Die so genannte Sockelarbeitslosigkeit ist immer wei- ter gestiegen und es lässt sich auch in der momentanen Situation keinen Trend hin zu einer anderen Entwicklung erkennen.19

Vor allem angesichts der Tatsache einer boomenden Weltwirtschaft im Jahre 2004 mit einem realen Wachstum des BIP von 5,1 Prozent, sieht sich Sinn in seiner Mei- nung bestätigt, dass Deutschland nicht nur unter einem Konjunkturproblem leiden kann. Der weltwirtschaftliche Boom hat sich nicht auf die deutsche Binnennachfrage übertragen, wie es in den letzten Jahrzehnten eigentlich immer der Fall war.20

3.2 Zweifelhafte Erfolge im Export

Bei der Betrachtung von Abbildung 1 im Anhang (Import-Export-Volumen) stellt sich die Frage, was Hans-Werner Sinn an Deutschlands Position als Exportweltmeister zweifeln lässt.21 Selbst, wenn man die Importe von den Exporten abzieht, steht Deutschland noch immer an der Spitze der Export-Länder.22 Noch immer ist der Wert der exportierten Güter größer als der Wert der importierten Güter, sprich, die Brutto- wertschöpfung im Land ist positiv.23 Allerdings ist es mit einem Vergleich der tatsäch- lichen Ein- und Ausfuhren nicht getan. Beim Vergleich der beiden Wachstumsraten des realen Produktionswerts24 (Industrieproduktion) mit dem Wachstum der realen Wertschöpfung25, zeigt sich, dass der reale Produktionswert mit einer Wachstumsra- te von 26 Prozent, 17 Prozentpunkte über dem Wachstum der realen Wertschöpfung (9 Prozent) liegt.26 Die Differenz von 17 Prozentpunkten wird also nicht durch reale Produktion in der Industrie erreicht, sondern lässt eine Tendenz in Richtung Outsour- cing und Offshoring erkennen.27 Genauer kann man dies in Abbildung 2 im Anhang erkennen, die den Zuwachs der realen Vorleistungen28 aus anderen inländischen Sektoren sowie Importe aus dem Ausland darstellt. Mit einem Zuwachs von 29 Pro- zent liegen sie nur wenig über der Wachstumsrate des realen Produktionswertes. Allerdings zeigt der aus dem Ausland importierte Anteil der Vorleistungen einen sig- nifikanten Zuwachs von knapp 50 Prozent. Diese Werte sind für Sinn Grund genug, in Deutschland von einer Tendenz hin zu einem Basar zu sprechen.29

Ein Argument gegen mangelnde Wettbewerbsfähigkeit sehen viele Volkswirte in ei- nem steigenden Außenbeitrag30, der im Jahr 2005 einen sehr guten Wert von 5 Pro- zent des BIP erreichte.31 Doch handelt es sich zum einen nicht um dauerhafte Effek- te, zum anderen misst der Außenbeitrag den Kapitalexport ins Ausland. Den inländi- schen Investoren steht dadurch das exportierte Kapital nicht mehr zur Verfügung und die Investitionen gehen zurück.32 Ein sinkender Außenbeitrag muss theoretisch kei- nen gleichzeitigen Nachfragerückgang mit sich bringen, denn wenn es der Wirtschaft gelingt, den Kapitalstrom auf eine inländische Verwendung (inländische Investitio- nen) umzulenken, bleibt dadurch die Nachfrage gleich und Produktionskapazitäten können durch Investitionen ausgebaut werden.33 Allerdings ist auf Grund der man- gelnden Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland diese Entwicklung nicht zu erkennen. Somit ist für Sinn der Schluss zulässig, dass ein steigender Außenbei- trag entgegen vieler Meinungen unter anderem negative Folgen für eine Volkswirt- schaft hat.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Beurteilung der Fak- tormärkte. Um Vorteile aus der internationalen Arbeitsteilung ziehen zu können, muss in Deutschland ein Strukturwandel stattfinden, der von den Faktormärkten, vor allem vom Arbeitsmarkt aufgefangen werden muss.34 Der Arbeitsmarkt wird in einem späteren Abschnitt betrachtet, hier wird nur auf den Markt der verbleibenden Produk- tionsfaktoren eingegangen. Zur korrekten Interpretation der Export-Statistiken, muss die exportinduzierte Wertschöpfung am Bruttoinlandsprodukt (der Teil der Wert- schöpfung im Inland, der auf Grund von Exporten entsteht) betrachtet werden. Sinns Hypothese besagt, dass in einem Basar die exportinduzierte Wertschöpfung langsa- mer wächst als die Exportmenge selbst,35 oder auch dass die exportinduzierten Im- porte pro Einheit steigen während die inländische Wertschöpfung pro Einheit sinkt.36 Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beträgt die Elastizität37 der Export- menge bezüglich der realen Wertschöpfung in den Exportsektoren 1,3 Prozent, sprich, bei einer Zunahme der Wertschöpfung um 1 Prozent wächst die Exportmenge um 1,3 Prozent.38 Somit wäre die Interpretation, die exportinduzierte Wertschöpfung als Zeichen für Globalisierungsgewinne zu sehen, unangebracht. Denn durch das langsamere Wachstum der exportinduzierten Wertschöpfung als die Exportmenge selbst, wird deutlich, dass der Anteil der aus dem Ausland importierten Vorleistungen stetig wächst.

Ein Beispiel aus der Industrie, das Sinn immer wieder gerne anführt, ist der Porsche Cayenne, der offiziell in Leipzig gefertigt wird. Porsche hat im Osten der Republik eine Produktionsstätte eröffnet, um von staatlichen Zuschüssen profitieren zu kön- nen. Der Motor kommt aber eigentlich aus Zuffenhausen, während der Rest des Wa- gens aus dem VW-Werk in Bratislava geliefert wird. Noch nicht einmal 40 Prozent der Fertigung findet in Deutschland statt, doch jeder exportierte Porsche geht zu 100 Prozent in die deutsche Exportstatistik ein.39

Nicht zu vergessen sind natürlich Wechselkursschwankungen, die bedingt durch ei- nen starken Euro, ihr Übriges tun, um die Exportstatistiken in die Höhe zu treiben.40 Bei einer korrekten statistischen Betrachtung des Sachverhalts, scheint die Theorie des ifo-Präsidenten bestätigt zu sein. In den nächsten Kapiteln kommen wir zu den Folgen, die eine Basar-Ökonomie für die deutsche Wirtschaft bereits hatte und auch in Zukunft noch haben wird.

3.3 Der deutsche Arbeitsmarkt und Sozialstaat

Nach dem Gesetz der internationalen Arbeitsteilung besteht durch die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland die Möglichkeit, positive Effekte für die landeseigene Wirtschaft zu erzielen. Wird ein flexibler Strukturwandel gewährleistet und dadurch ermöglicht, dass Arbeitnehmer für andere Wirtschaftssektoren freigesetzt werden, in denen Arbeitskräfte benötigt werden, ist eine Wohlfahrtssteigerung aller beteiligten Länder möglich.41 Bei moderatem Outsourcing und Offshoring dürften somit die Ar- beitslosenzahlen nicht steigen. Doch Abbildung 3 im Anhang zeigt ein ganz anderes Bild.

Noch immer steigt die Anzahl der Erwerbslosen, wenn auch nicht mehr ganz so schnell wie in den Jahren zuvor. Den Grund für diesen Anstieg sieht Sinn in den deutschen Lohnstrukturen.42 Im internationalen Vergleich liegen die deutschen Stun- denlohnkosten43 der Industriearbeiter hinter Dänemark an der Spitze der Industriena- tionen.44 Dadurch wird der Wunsch vieler Unternehmen, ihre Produktionsstätten zu verlagern um Kosten zu sparen, weiter vorangetrieben. In Abbildung 4 im Anhang ist ein internationaler Vergleich der Lohnkosten der Industriearbeiter zu sehen.

Den Einwand einiger Kritiker, geringere Lohnstückkosten45 als andere Länder zu ha- ben, macht Sinn mit folgender Argumentation zunichte: Durch Lohnerhöhungen wer- den weniger produktive Betriebe zur Schließung gezwungen, wodurch die Zahl der Erwerbstätigen sinkt. Nur hochproduktive Betriebe können überleben und somit steigt die Produktivität der gesamten Wirtschaft.46 Weiter argumentiert er, dass die durchschnittliche Arbeitsproduktivität eines Landes nur dem Mittelwert der Produktivi- täten der realisierten Arbeitsplätze entspricht und Arbeitnehmer, die keine feste An- stellung haben, deren Arbeitsproduktivität also null ist, nicht berücksichtigt werden. Somit steigt der Wert der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität. Aus diesem Grunde lässt Sinn die Lohnstückkosten bei der weiteren Betrachtung völlig außer Acht.47

Das Zusammenspiel zwischen hohen Lohnstückkosten und die EU-Erweiterung vor allem in Richtung Osten, machen die Entscheidung für eine Verlagerung von Ar- beitsplätzen ins billige Ausland für die Unternehmen leicht. Besonders mittelständi- sche Unternehmen profitieren von den geringen Rüst- und Anlaufkosten, die die ost- europäischen Länder zu bieten haben.48 Hinzu kommen verkrustete Strukturen im deutschen Arbeitsmarkt und mächtige Gewerkschaften, die das Lohnniveau in Deutschland immer weiter in die Höhe treiben. Die größten Schwierigkeiten bereitet allerdings das Gesetz des Faktorpreisausgleiches: Durch internationale Handelsver- bindungen gleichen sich Preise für die Faktoren Kapital und Arbeit tendenziell an. Deutschland versucht jedoch diesem natürlichen Gesetz entgegenzuwirken.49 Der Sozialstaat bietet dem Arbeitnehmer Lohnersatzleistungen an (Sozialhilfe, Frühver- rentungssysteme, Altersteilzeit). Diese kommen insbesondere bei geringqualifizier- ten50 sowie den älteren Arbeitnehmern zum Tragen.51 Das Sozialsystem erwächst zur Konkurrenz der privaten Unternehmungen, indem die Sozialhilfe eine Untergren- ze der tariflichen Lohnhöhe festlegt. Sinn bezeichnet dies als den Ziehharmonika- Effekt, der besagt, dass die Löhne im unteren bis mittleren Lohnbereich durch die Sozialhilfe über ihre natürliche Höhe hinausgeschoben werden. Somit kann sich auf dem Arbeitsmarkt kein regulierender Gleichgewichtslohn bilden wodurch es zu über- höhten Löhnen und schließlich zur Arbeitslosigkeit kommt.52 Auch die Spezialisierung auf den Exportsektor bedingt durch starre Löhne trägt zur Arbeitslosigkeit bei: Durch hohe Löhne spezialisiert sich die deutsche Wirtschaft auf kapitalintensive Exportgü- ter, da diese Sektoren durch den geringen Anteil menschlicher Arbeit an der Wert- schöpfung die hohen Löhne noch am leichtesten verkraften können. Eine derartige Spezialisierung würde auch bei flexiblen Löhnen stattfinden und dadurch zu einer Steigerung des Exports kommen. Doch ist bei starren Löhnen die Zunahme des Ex- portes weitaus höher, da immer mehr Menschen in die kapitalintensive Produktion gezwungen werden. Die arbeitsintensive Produktion wird mehr und mehr durch den Druck aus Niedriglohnländern verdrängt. Dieses Modell bietet speziell einen Erklä- rungsansatz für die hohe Arbeitslosigkeit unter den älteren Erwerbstätigen sowie bei den Geringqualifizierten, wie in den Abbildungen 5 und 6 im Anhang erkennbar ist. Im kapitalintensiven Sektor werden spezialisierte Fachkräfte benötigt, für Geringqua- lifizierte stehen in diesem Bereich kaum Einsatzmöglichkeiten zur Verfügung.

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine Lohnanpassung durch das Gesetz des Faktorpreisausgleiches bestimmt durch Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage in Deutschland nicht möglich ist und die Abwanderung von Arbeitsplätzen in Niedrig- lohnländer aus unternehmerischer Sicht nur eine logische Folge sein kann.53 Wie bereits erwähnt, können durch die Verlagerung von immer mehr Arbeitsplätzen, vor allem im arbeitsintensiven Sektor deutsche Unternehmen vor den hohen Lohnkosten fliehen und somit ihre Produkte im Ausland billiger herstellen. In Deutschland verbleiben nur noch die endstufennahen und kapitalintensiven Produktionsbereiche54 (z.B. Forschung und Entwicklung, Marketing), die hochqualifizierter und gut ausge- bildeter Fachkräfte bedürfen.55 Die deutschen Unternehmen bleiben, im Gegensatz zu den deutschen Arbeitnehmern wettbewerbsfähig und können den Kampf mit der wachsenden Konkurrenz aufnehmen.

3.4 Die deutsche Binnenkonjunktur

In der deutschen und internationalen Presse macht Deutschland seit einigen Jahre durch schlechtes Wirtschaftswachstum von sich reden. Wie Abbildung 7 im Anhang verdeutlicht, kann Deutschland im Vergleich mit anderen Industrienationen beim BIPWachstum nicht mithalten.

An einem reinen Nachfragedefizit kann man diese Entwicklung jedoch nicht festma- chen. Wie bereits eingangs erwähnt, erlebte Deutschland durch die Wiedervereini- gung eine Nachfragestimulation wie noch kein anderes Land in der Geschichte. Auch im Jahre 2004 konnte Deutschland den weltweiten Boom nicht für sich nutzen, auch damals wuchs die deutsche Wirtschaft mit 1,6 Prozent unterdurchschnittlich, die Ex- portwirtschaft konnte im Gegensatz dazu, getragen durch den weltweiten wirtschaftli- chen Aufschwung, mit einem Außenbeitrag von nominal 109,5 Milliarden Euro ein Plus verzeichnen.56

Die schlechten Standortbedingungen sind laut Sinn die einzige Erklärung für die ge- genläufige Entwicklung von Binnenkonjunktur und Exportkonjunktur. Unternehmen haben kein wirtschaftliches Interesse daran, in Deutschland zu investieren, da Inves- titionen sich auf Grund hoher Löhne, Steuern und Sozialabgaben nicht mehr loh- nen.57 Man muss jedoch berücksichtigen, dass die Investitionen die konjunkturelle Entwicklung auf lange Sicht bestimmen. Bei einem Rückgang inländischer Investitio- nen, fließt das Kapital ins Ausland ab und als Folge verlangsamt sich das inländische Wachstum.58 Aus diesem Grund werden Investitionen auch als ’Cycle Makers’ be- zeichnet.59 Bei einer Investitionszurückhaltung folgt daher automatisch eine schwa- che Nachfrage nach Konsumgütern. Des Weiteren bewirken weniger Investitionen auch weniger neue Arbeitsplätze, sprich, die bereits durch Auslagerung der Produk- tion ins Ausland weggefallenen Arbeitsplätze können nicht durch neue ersetzt wer- den. Entwicklungen dieser Art verunsichern die Bevölkerung und resultieren in Kauf- zurückhaltung. Eine schwache Binnenkonjunktur ist die Folge. Die Exportkonjunktur wird jedoch von der weltwirtschaftlichen Entwicklung beeinflusst und steht nicht im Zusammenhang mit der Binnennachfrage. Somit wird deutlich, weshalb sich die Bin- nenkonjunktur von der weltweiten Konjunktur abkoppelt.60 Die Exportweltmeister- schaft sollte deshalb laut Sinn nicht als Anlass genommen werden, die Probleme Deutschlands zu banalisieren oder gar zu verleugnen. Erfolgen im Export, Massen- arbeitslosigkeit und innere Wachstumsschwäche stehen in kausalem Zusammen- hang zueinander, bedingt durch die fortschreitende Entwicklung in Richtung Basar.

3.5 Deutschland als Sonderfall

Die oben genannten Ausführungen gehen auf die Globalisierung als zentralen Punkt zurück, eine Gegebenheit, mit der nicht nur die deutsche Wirtschaft zurecht kommen muss. Auch andere Industrieländer sind von den Auswirkungen der Globalisierung betroffen. Doch nirgends wächst der Anteil ausländischer Vorprodukte so schnell wie in Deutschland.61

[...]


1 Sinn, H.-W. (2006), S. 3

2 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a) , S. 9

3 Wikipedia (URL1)

4 Vgl. o.V. 2006, S. 1

5 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 171 f.

6 Vgl. Sinn, H.-W. (2005), S. 19 und vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 127

7 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 91

8 Deutschland ist jedoch nur beim Warenexport Weltmeister, unter Berücksichtigung der Dienstleistungsexporte nimmt die USA diesen Titel für sich in Anspruch. Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 147

9 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (URL), S. 15

10 Vgl. Statistisches Bundesamt (URL), S. 7

11 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 13 f.

12 Vgl. ebd., S. 13 ff.

13 Vgl. ebd., S. 15

14 Vgl. Sinn, H.-W. (2004), S. 22

15 Ein attraktiver Standort ist u.a. gekennzeichnet durch Faktoren wie Infrastruktur, Subventi- onen, Steuern und Abgaben, Lohnstückkosten und Wirtschaftsklima. Vgl. Wikipedia (URL2)

16 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 21

17 Vgl. ebd., S. 22

18 Vgl. ebd., S. 23 f.

19 Vgl. ebd., S. 24

20 Vgl. ebd., S. 35 ff.

21 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 147

22 Vgl. Sinn, H.-W. (2005), S. 14

23 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 177

24 Der Produktionswert ist die Summe des deflationierten Wertes aller in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen. Vgl. Wikipedia (URL3)

25 Die reale Wertschöpfung ist der Gesamtwert des realen Produktionswertes abzüglich der Vorleistungen. Vgl. Wikipedia (URL4)

26 Hier am Beispiel des verarbeitenden Gewerbes (Ernährungsgewerbe und Tabakverarbei- tung, Papier-, Verlags-, Druckgewerbe, Herstellung chemischer Erzeugnisse, Metallerzeu- gung und -bearbeitung, Herstellung von Metallerzeugnissen, Maschinenbau, Herstellung von Büromaschinen, DV-Geräten und -Einrichtungen, Optik, Fahrzeugbau. Vgl. Bundesagentur für Arbeit (URL) S. 138), doch auch in anderen Industriesektoren lässt sich bei Auswertung derselben Zahlen, eine ähnliche Tendenz erkennen. Vgl. Sinn, H.-W. (2005), S. 106

27 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 106 f.

28 Unter realen Vorleistungen versteht man den deflationierten Wert der im Produktionsprozess verbrauchten, verarbeiteten oder umgewandelten Waren und Dienstleistungen. Vgl. Wikipedia (URL5)

29 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 109

30 Vgl. Beck, B. (2006), S. 215

31 Vgl. Statistisches Bundesamt (URL)

32 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 181

33 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 183

34 Vgl. ebd., S. 147

35 Vgl. ebd., S. 154

36 Vgl. ebd., S. 149

37 Vgl. Beck, B. (2006), S. 43

38 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 154 f.

39 Vgl. Sinn H.-W. (2005a), S. 92

40 Vgl. Sinn, H.-W. (2004), S. 70 f. und vgl. Wöhrl, D. (2004), S. 38

41 Vgl. Bofinger, P. (2005), S. 46 ff. Das Prinzip der Arbeitsteilung wurde erstmals von Adam Smith entdeckt. Sie ist die wichtigste Ursache für den Wohlstand, da alle Beteiligten von den Spezialisierungsvorteilen profitieren lassen. Vgl. Bofinger, P. (2003), S. 46

42 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 19

43 Stundenlohnkosten bestehen aus Bruttolöhnen und Lohnnebenkosten seitens der Arbeitgeber. Vgl. ebd., S. 29

44 Vgl. ebd., S. 29

45 Als Lohnstückkosten werden angefallene Lohnkosten je erbrachter Leistung bezeichnet.

Um die Lohnstückkosten zu erhalten, wird die Gesamtheit der Lohnkosten, die für ein Produkt oder eine Dienstleistung anfallen, durch die resultierende Leistung (z. B. Stück, o. ä.) dividiert. Vgl. Wikipedia (URL6)

46 Vgl. Sinn, H.-W. (2004), S. 96

47 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 31 f.

48 Vgl. Sinn, H.-W. (2004), S. 63, S. 65

49 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 53 ff. und vgl. Pflüger, T. (2006), S. 19

50 Vgl. Sinn, H.-W. (2004), S. 22

51 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 79

52 Vgl. ebd., S. 81 f.

53 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 191 f.

54 Vgl. ebd., S. 90 f.

55 Vgl. ebd., S. 169

56 Vgl. Statistisches Bundesamt (URL), S. 7

57 Vgl. Sinn, H.-W. (2005a), S. 38 und vgl. Sinn, H.-W. (2004), S. 62

58 Vgl. ebd., S. 186

59 Vgl. ebd., S. 38

60 Vgl. ebd., S. 39

61 Vgl. ebd., S. 193

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die Basarökonomie-These von Hans-Werner Sinn im Meinungsstreit
Hochschule
Hochschule Pforzheim
Veranstaltung
Seminar Außenwirtschaft
Note
1,0
Autoren
Jahr
2006
Seiten
45
Katalognummer
V62573
ISBN (eBook)
9783638557887
Dateigröße
2046 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Basarökonomie-These, Hans-Werner, Sinn, Meinungsstreit, Seminar, Außenwirtschaft
Arbeit zitieren
Natalie Schmid (Autor)Sabine Kelber (Autor), 2006, Die Basarökonomie-These von Hans-Werner Sinn im Meinungsstreit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62573

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