Carnaps Sinnkriterium und seine Anwendung auf den Realismusstreit


Seminararbeit, 2006
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen und Carnaps Sinnkriterium

3. Anwendung des Sinnkriteriums auf den Realismusstreit

4. Kritik an der Argumentation Carnaps

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rudolf Carnap ist ein bedeutender Vertreter des Neopositivismus und gehörte dem Wiener Kreis an. Mehr noch: der junge Carnap vertrat in radikaler Weise das Programm des Wiener Kreises und suchte nach Möglichkeiten eine wissenschaftliche Philosophie von „metaphysischen“ Scheindebatten zu befreien. Eine wissenschaftliche Philosophie musste sich seiner Ansicht nach von einem Großteil ihrer Themen verabschieden. Doch nach welchem Entscheidungskriterium sollten wissenschaftliche von metaphysischen Debatten unterschieden werden? Welche philosophischen Sätze waren „wissenschaftlich“ und welche sollten als „metaphysisch“ aus der Philosophie verstoßen werden? Der Empirismus und Physikalismus des Wiener Kreises sowie sein starkes Interesse an der Logik führten natürlich zu Antworten, die stark an Mathematik und Naturwissenschaften orientiert waren. Was wissenschaftlich sinnvoll sein soll, musste in den Augen des Wiener Kreises und Carnaps stets irgendwie empirisch prüfbar oder deduktiv auf empirische Ergebnisse zurückführbar sein[1].

Ein besonders radikales Beispiel für die Identifizierung und Verbannung metaphysischer Sätze durch den Wiener Kreis ist Rudolf Carnaps frühe Schrift „Scheinprobleme in der Philosophie“ von 1928. Carnap erklärt in diesem Text alle Aussagen für wissenschaftlich sinnlos, die durch kein denkbares Erlebnis überprüft werden können. Er argumentiert in dem relativ kurzen Text prägnant und klar für die Richtigkeit seiner These und wendet sie am Schluss auf den Realismusstreit an. Carnaps Ergebnis ist so eindeutig und klar wie provozierend: Sowohl der Realismus wie der Idealismus formulieren sinnlose Thesen. Der Streit ist nicht entscheidbar, da es keine denkbare Möglichkeit gibt, die Thesen dieser philosophischen Schulen zu überprüfen. Carnap selbst hat in seinen späteren Jahren die Radikalität dieses Standpunkts zurück genommen. Doch löste dieses von ihm vorgeschlagene Sinnkriterium allein durch seine Radikalität einige Debatten aus. Die Einfachheit und Klarheit der Argumentation macht den Text auch heute noch interessant und gut zu lesen. Daher lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem frühen Carnap noch immer, um sich der Thematik der Sinnkriterien zu nähern. Außerdem stellt der Text auch einen interessanten Beitrag zum Realismusstreit dar.

In dieser Hausarbeit soll das Sinnkriterium des jungen Philosophen Carnap analysiert und bewertet werden. Argumentiert Carnap logisch-formal korrekt? Sind die Prämissen seines Argumentes unbestreitbar wahr? Erreicht Carnap mit seiner Argumentation überhaupt sein Ziel bzw. ist sein Sinnkriterium ein vernünftiges Werkzeug, um wissenschaftlich sinnvolle Aussagen von sinnlosen Aussagen abzugrenzen?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, werde ich zunächst Carnaps Sinnkriterium darstellen und erläutern. Dabei werden einige Begriffe eingeführt und definiert, die wichtig für das Verständnis des Sinnkriteriums sind. Im Anschluss wird das herausgearbeitete Sinnkriterium auf den Realismusstreit angewandt. Die Argumentationen Carnaps auf die Thesen des Realismus und des Idealismus werden erklärt und formalisiert. Die beispielhaft herausgearbeitete Struktur des Sinnkriteriums soll helfen mögliche Schwächen und Probleme in Carnaps Argumentation festzustellen. Am Ende werden mögliche Gegenargumente gegen Carnaps Sinnkriterium ins Feld geführt. Sicher gibt es viele mögliche Ansatzpunkte, dieses Sinnkriterium zu kritisieren. Allerdings würde eine vollständige Aufzählung der gegen den frühen Carnap vorgebrachten und vorbringbaren Argumente den Rahmen der Hausarbeit sprengen, daher werden nur einige ausgewählte Argumente ins Feld geführt[2]. Am Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und Carnaps Sinnkriterium einer abschließenden Beurteilung unterzogen.

2. Begriffsdefinitionen und Carnaps Sinnkriterium

Um Carnaps Sinnkriterium zu verstehen müssen zuerst einige Begriffe eingeführt werden. Diese im Folgenden eingeführten Begriffe ermöglichen es, den Inhalt von Aussagen nach dem Grad ihrer Überprüfbarkeit zu ordnen:

- Eine Aussage p heißt „sinnvoll“, wenn sie einen denkbaren Sachverhalt ausdrückt. Sinnvolle Aussagen sind daran erkennbar, dass ihnen die Wahrheitswerte wahr oder falsch durch deduktives oder induktives Schließen zugeordnet werden können.
- Eine Aussage p heißt „fundiert“, wenn der Inhalt von p durch induktive oder deduktive Schlüsse aus einem Erlebnis E oder mehreren Erlebnissen geschlossen werden kann.
- Eine Aussage p heißt „nachprüfbar“, wenn Bedingungen angegeben werden können, unter denen ein Erlebnis E eintreten würde, durch das der Inhalt der Aussage bestätigt oder widerlegt werden würde. Oder anders formuliert: Eine Aussage p heißt „nachprüfbar“, wenn Bedingungen angegeben sind, unter denen ein Erlebnis E eintreten würde, durch das p oder nicht p fundiert werden würde.
- Eine Aussage p heißt „sachhaltig“, wenn der Inhalt der Aussage durch denkbare Erlebnisse zumindest theoretisch überprüfbar werden würde. Oder anders formuliert: Eine Aussage p heißt „sachhaltig“, wenn Erlebnisse denkbar sind, durch die p oder nicht p nachprüfbar würden[3].

Für Carnap sind alle Aussagen unbedingt als sinnvoll anzuerkennen, die fundiert oder nachprüfbar sind. Denn diese drücken eindeutig einen Sachverhalt aus, der durch Empirie bestätigt werden kann. Sachhaltige, aber nicht nachprüfbare Aussagen markieren einen Grenzbereich, den Carnap selbst nicht als nicht wissenschaftlich und sinnlos verwerfen will, aber auch keinen zwingenden Grund sieht, ihn als sinnvoll anzuerkennen. Es bleiben Aussagen, deren Inhalte durch kein denkbares Erlebnis überprüft werden können. Genau jenen Aussagen spricht Carnap den Sinn ab: „was jenseits des Sachhaltigen liegt, muss unbedingt als sinnlos angesehen werden; eine (scheinbare)Aussage, die grundsätzlich nicht durch ein Erlebnis fundiert werden könnte und daher nicht sachhaltig wäre, würde gar keinen nur denkbaren Sachverhalt zum Ausdruck bringen, also gar keine Aussage sein, sondern ein bloßes Konglomerat sinnloser Striche oder Geräusche“[4]. Aussagen können also nur dann sinnvoll sein, nur dann einen Sachverhalt ausdrücken, wenn sie zumindest sachhaltig sind. Damit ist die Definition des Begriffes „sachhaltig“ gleichzeitig Carnaps Sinnkriterium. Eine wissenschaftlich sinnvolle Aussage muss zumindest durch ein denkbares Erlebnis bestätigt oder widerlegt werden können. Alles andere ist Metaphysik und kann in einer Philosophie, die den Anspruch erhebt, eine Wissenschaft zu sein, keinen Platz haben.

[...]


[1] Eine historische Einführung in die Philosophie des Wiener Kreises einschließlich einer kurzen Biographie Carnaps bietet: Rudolf Haller, Neopositivismus. Eine historische Einführung in die Philosophie des Wiener Kreises. Darmstadt 1993.

[2] Eine etwas umfangreichere Darstellung der gegen Carnaps Sinnkriterium gerichteten Argumente bietet Günther Patzig in: Günther Patzig, Nachwort. In: Rudolf Carnap, Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit. Frankfurt a.M.1966. S. 83 – 136. S. 110 ff.

[3] Siehe Rudolf Carnap, Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit. Frankfurt a.M.1966. S. 47 ff.

[4] Rudolf Carnap, Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit. Frankfurt a.M.1966. S. 52 f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Carnaps Sinnkriterium und seine Anwendung auf den Realismusstreit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Sinnkriterien
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V62658
ISBN (eBook)
9783638558648
ISBN (Buch)
9783640552924
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carnaps, Sinnkriterium, Anwendung, Realismusstreit, Seminar, Sinnkriterien
Arbeit zitieren
Andreas Wiedermann (Autor), 2006, Carnaps Sinnkriterium und seine Anwendung auf den Realismusstreit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62658

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