Serbische Identität zwischen politischer Radikalität, Folklorismus und Moderne

Renaissance des Kosovomythos und Popularität des Turbofolks


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

O. INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG
I. 1. Aufgabenstellung
2. Methode und Aufbau der Arbeit
3. Quellenlage

II. HAUPTTEIL
II. 0. Exkurs: Mythos und Nation
II. 1. Der Kosovomythos als klassisches Motiv der serbischen Nationalmythologie
a) Kirche und Nation
2. Kosovo als Mythos und aktuelles politisches Symbol
3. National-religiöse Metaphorik der Kosovolegende
a) Übernahmen biblischer Metaphern
b) Treue und Verrat
c) Die ‚Kosovo-Option’ als Voraussetzung für das auserwählte Volk
4. Der serbische Opfermythos und der antiserbische Komplott
5. Verschwörungstheorien und Antisemitismus
II. 2. Turbofolk als Identitätsentwurf zwischen Tradition und modernem Mythos. Von der Subkultur zum rechten Mainstream
1. urbane vs. ländliche Kultur und die Entstehung des Turbofolk
2. Ästhetik, Repräsentation, dichotome Geschlechterbilder
3. Inszenierung einer heilen (westlichen) Welt
4. Beibehaltung des Status Quo und die Kultur der nationalistischen Elite
5. nationalistischer Subtext
6. staatlicher Bruch und nationalistische Kritik

III. FAZIT

IV. LITERATUR

I. EINLEITUNG

Nationale Identitäten sind soziale Konstruktionen, die aus Elementen verschiedener (historischer, politischer etc.) Diskurse und Praktiken bestehen. Sie sind veränderbar und keinesfalls statisch. Die Funktion nationaler Identität ist die der gesellschaftlichen Integration und Mobilisierung. Sichergestellt wird sie durch die Verbindung einer Gruppe von Menschen zu historischen und mythologischen Symbolen oder erinnerten Geschehnissen, die immer wieder übertragen werden.

Während die meisten europäischen Nationen sich im 19. Jahrhundert konstituierten, ist in manchen Staaten der Nationsbildungsprozess – aufgrund verschiedener politischer Konstellationen – noch nicht abgeschlossen. Vor dem Hintergrund der noch fortlaufenden Nationsbildung und der besonderen Verantwortung für die jugoslawische Desintegration eignet sich Serbien-Montenegro[1] besonders für eine Untersuchung der Instrumentalisierung historisch bedingter Topoi, die mithilfe eines Rückgriffs auf traditionelle Volkskultur für einen nationalistischen Populismus bzw. Mainstream nutzbar gemacht wurden. In dieser Arbeit wird es um die Relevanz symbolischer und politischer Mythen und Zeichen bei der Festigung oder Transformierung eines modernen Nationalbewusstseins gehen.

Meine These ist hierbei, dass in Serbien noch immer mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit Chiffren aus tradierter National- und Religionsmythologie als aktueller und sogar adäquater politischer Ausdruck einer modernen Gesellschaft verstanden werden. Die Politisierung und Modernisierung jener national-religiösen Versatzstücke, so denke ich, hat eine politische Radikalität zur Folge, die sich maßgeblich über Dichotomisierungen und Ausschlüsse konstituiert.

I. 1. Aufgabenstellung

Serbien ist aus verschiedenen Gründen ein Dauerthema der Politik und der Medien.

Oftmals wird es als Beispiel einer besonders perfiden und bedrohlichen „Balkanisierung“ am Rande Europas herbeizitiert. Es steht für Kriegsverbrechen, politischen Fanatismus und Chauvinismus, die Wiederkehr von mafiösen und Clan-Strukturen, paramilitärisch geführte Auseinandersetzungen etc.. Dies alles sind zutiefst ambivalente Äußerungen einer Nachkriegsgesellschaft, die zudem in extrem schnelle Transformationsprozesse eingebunden ist.

Warum in einer solchermaßen prekären Situation religiöse und offen nationalistische Tendenzen in Politik und Kultur wiederkehren, sollen vor allem Transformations- und Nationalismusforschung klären. Jedoch stellen sich hierbei einige Probleme. Mit den üblichen Ansätzen konnte man bisher nicht erklären, warum z.B. in Serbien gerade (ex-) jugoslawische, linksliberale Intellektuelle die Nationalisierung vorantrieben. Dies geschah maßgeblich über das Instrumentarium des wiederkehrenden Kososomythos’. Andererseits sind auch die widersprüchlichen Phänomene der Populärkultur in ihrer Wirkung durchaus mit den „klassischen“ Zeichen der Transformation zu vergleichen, jedoch wenig beachtet, da sie den Nationalismus meist über Subtexte transportieren und keine Ausdrucksform nationalistischer Eliten sind.

Zwar scheinen beide Phänomene, die Renaissance des Kosovomythos’ wie die kulturelle Ausdrucksform des Turbofolks vordergründig wenig miteinander zu verbinden. In der folgenden Untersuchung werde ich versuchen zu zeigen, dass sie verschiedene Ausdrücke einer durch soziale, politische Umbrüche in ihrer Identität bedrohten Klasse sind, die über den Kosovomythos als politisches Symbol und den Turbofolk auf eine abstrakte serbische Identität zurückgeworfen werden.

I. 2. Aufbau und Methode der Arbeit

Im Folgenden werde ich, nach einem kurzen Exkurs zum Verhältnis von Mythos und Nation (I.1.), versuchen, verschiedene Motive des serbischen Nationalmythos’, deren Entstehungsgeschichte, Ambivalenzen und politische Implikationen aufzuzeigen. Dies soll immer vor dem Hintergrund der Bedeutsamkeit mythologischer Chiffren, Erzählstrukturen etc. für aktuelle politische Zusammenhänge und die Nationalisierung Serbiens geschehen. Hierzu habe ich den Hauptteil (II.) der Arbeit unterteilt in einen Teil, der sich mit den klassischen Motiven der serbischen Mythologie (bsph. dem Kosovomythos) und deren Integration in heutige Politik beschäftigt (II.1.) und in einen weiteren, der aktuelle, vornehmlich aus dem kulturellen Milieu herausgegriffene, Phänomene (bsph. den Turbofolk) hinsichtlich ihres ambivalenten Charakters aus Folklorismus und Modernität thematisiert (II.2.). Die Frage ist dabei immer, welche Anknüpfungspunkte mythische Themen und nationalistische Subtexte finden und wie sie zum aktuellen politischen Kontext ins Verhältnis gesetzt werden.

I. 3. Quellenlage

Für die Arbeit habe ich fast ausschließlich Sekundärquellen benutzt. Dies liegt einerseits an dem Umfang der Arbeit, eine Analyse der Quellen hätte wesentlich mehr Raum in Anspruch genommen. Andererseits sind die Zugänge zu Originaltexten vor Ort sehr beschränkt. Der Topos des Kosovo, der Mythos und seine Bedeutung für die serbische Identität ist weit reichend untersucht worden. Zum Turbofolk gibt es jedoch keine deutsch- oder englischsprachigen Analysen oder Darstellungen. Auch in Serbien steckt die wissenschaftliche Forschung zu jenem Musikgenre und seinen politischen Implikationen noch in den Kinderschuhen, jedoch wird in den letzten Jahren vermehrt publiziert. Meine Untersuchung stützt sich darum auf wenige Passagen in Sammelbänden, Zeitungsartikel und eigene Überlegungen.

II. HAUPTTEIL

II. 0. Exkurs: Mythos und Nation

Da Konstruktion und Inhalt von Nation und Mythos irrational und solchermaßen tief in und unserem kulturellen Gedächtnis verwurzelt[2] sind, sind sie auch durch rationale Kritik oder ein Auseinandersetzen der Entstehungsgeschichte kaum antastbar. Die Nation tritt uns als unumstößlich gegenüber. Mythen sind zu verstehen als Form der kollektiven Erinnerung, ihrem Wesen nach fragmentarisch und zusammengesetzt aus verschiedenen Elemente der Historie, die in einen neuen Kontext gesetzt werden, und als Instrument zur Legitimierung und Enthistorisierung der Nation dienen. Gerade in Zeiten der Krise, z.B. bei einer zunehmend prekärer werdenden jugoslawischen Identität, hilft der Mythos die Nation chronologisch einzuordnen, sie abzugrenzen und neue ‚passendere’ Realitäten zu schaffen. Widersprüchliches wird auf diese Weise in eine logische Verbindung gesetzt. Das Besetzen und Übertragen politischer Symbole aus früheren Zeiten ist gerade in von Umbrüchen gezeichneten Ländern prägendend für politische Diskurse und Öffentlichkeit[3]. Gerade in Krisenzeiten hilft der Rückgriff auf historische Mythen „to re-establish control over the symbols of political power[4], wie der Ethnologe und politische Anthropologe Ivan Čolović schreibt.

Anthony Smith unterscheidet drei Typen historischer Mythen; die des Ursprungs, die des goldenen Zeitalters und die des Untergangs oder der Verfolgung[5]. Im Falle des serbischen Nationalismus’ stand der Mythos des Niedergangs als ‚Matrix des serbischen Schicksals’ im Vordergrund.

Čolović beschreibt, wie die zeitgenössische serbische Nationalideologie die historische lineare Konzeption von Zeit aufgehoben und durch „eine mythische, anti -historische Wahrnehmung der geschichtlichen Zeit[6] ersetzt habe. In dieser seien etwa die gegenwärtigen Kriege, welche ‚die Serben’ führten, nur die Wiederholung vorheriger Geschichte. Den Serben ereignet sich demnach ihr ‚Kosovo’ immer wieder. Der nationale Mythos transzendiert Geschichte. „Er malt den Anfang einer ethnischen Gemeinschaft als ein Symbol[7], wie der Germanist Malte Olschewski schreibt.

Mythen sind ein bedeutsamer Bestandteil einer Konzeption von Zeit, die die Aufhebung der Trennung von Vergangenheit und Gegenwart erfordert. Damit, so meint etwa Florian Bieber, „’vergegenwärtigen’ sie die Vergangenheit bzw. versetzen die Gegenwart in die Vergangenheit.[8] Folglich sind Mythen weniger Reflektionen des Vergangenen als der Gegenwart, und darum als Indikator für den gesellschaftlichen Stand zu gebrauchen.

II. 1. Der Kosovomythos als klassisches Motiv der serbischen Nationalmythologie

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts existierte weder ein konsistentes serbisches Nationskonzept noch überhaupt eine einheitliche politische Terminologie[9]. Als Eckpunkte bei der Entwicklung einer homogenen serbischen Identität können u.a. die Publikation der Sammlung Serbischer Volkslieder (1823-33) und das Sprachkonzept von Vuk Stefanović Karadžić (1787 - 1864), die Entstehung von Petar Petrović-Njegoš’ „Der Bergkranz“ (1847) und die Inszenierung der 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld (1989) genannt werden. Gemeinsam ist ihnen allen der Bezug auf den Kosovo: Die gesammelten Volkslieder, wie z.B. der „Kosovo-Zyklus“, sind im wesentlichen Kosovosagen, Njegoš machte eine populäre Version des Mythos’ vom Kosovo für die Hochkultur anschlussfähig und die Feier 1989 schaffte es durch ihre Mythen getränkte Metaphorik einen neuen serbischen Nationalismus zu propagieren. Hieraus wird bereits deutlich, dass der Kosovo- als Ursprungsmythos und metaphysische Essenz des Serbentums bis heute ein zentrales Identifikationsmodell ist.

Die Mythologisierung bis hin zu einem ideologischen Zentrum serbischer Identität setzte jedoch erst rückwirkend ein, so dass der Bezug auf den Mythos ein relativ neues Phänomen ist. Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs parallel zum Erfolg der Ideen des Vuk Karadžić und dem Entstehen eines nationalen Bewusstseins auch das Interesse für das historische und mythische Altertum[10]. „Der serbische Mythos hat Zeit und Raum: sein Ort ist das Amselfeld […][11], schreibt Olschewski. Und mit der volkstümlichen Lyrik der Aufklärungszeit begann der Weg zur Schaffung eines paradoxen Ortes einer verlorenen serbischen Identität. Die Rekonstruktion dieses Ortes findet heute auf den verschiedensten Ebenen statt und ist auch für den politischen Kontext relevant.

1. 1. Kirche und Nation

Der Kosovo gilt als Wiege der serbischen (mittelalterlichen) Kultur und Nation und ist sowohl Symbol als auch Ort des serbischen ‚goldenen Zeitalters’. Wie die orthodoxe Nationalkirche ist der Kosovo im Bewusstsein der Bevölkerung mit dem Erlangen der Eigenstaatlichkeit, der Vorstellung einer langen ungebrochenen Geschichte und originär serbischer Kultur verbunden[12].

Die Kosovometaphorik ist eine abstrakte und irrationale, die ihre Bedeutung meist über den mythologischen Subtext transportiert. Das Verständnis der eignen Nation aus einem national-religiösen Geschichtsmythos heraus ist hierbei von großer Relevanz.

Wie alle autokephalen Ostkirchen spielt auch die serbisch-orthodoxe Kirche, die etwa in der Zeit des Osmanischen Reiches als einzig organisierte Institution einen annähernd nationalen Charakter hatte, eine außerordentliche Rolle bei der Ausbildung nationaler Identität. Der Historiker Michael Petrović betont vor diesem Hintergrund die heutige Funktion der serbischen Kirche. Er schreibt: „Rather, the Serbian church was a cultural and quasie-political institution, which embodied and expressed the ethos of the Serbian people to such a degree that nationality and religion fused in a distinctive ‘Serbian faith’.”[13] Die traditionelle Mischung aus nationaler und religiöser Berufung erklärt den anhaltenden Einfluss der Kirche auf politische und nationale Diskurse.

Historische Persönlichkeiten der vor-serbischen Geschichte werden systematisch zu mythischen und nationalen Symbolen mit ideologischer Substanz umgedeutet[14]. Thomas Bremer schreibt dazu: „Es gibt keine andere orthodoxe Kirche, in der der Bezug auf die eigene Geschichte und auf eine historische Persönlichkeit der Kirche eine derartige Rolle spielt, wie bei den Serben [ ].[15] Die Verehrung des Nationalheiligen Sveti Sava, der Anfang des 13. Jahrhunderts als erster serbischer Erzbischof Begründer der Nationalkirche wurde, nimmt in den serbischen (Alltags-) Bräuchen eine zentrale Stellung ein[16]. Dies erklärt sich aus der engen Verbindung zwischen dem Erreichen kirchlicher Selbstständigkeit und serbischer Staatsgründung. Mit der Heiligsprechung des reaktionären Religionsphilosophen und Bischofs Nikolaj Velimirović (1880 – 1956) im Jahre 2003 bekannte sich die Kirche beispielsweise unweigerlich zu einem nationalistischen Diskurs, der geprägt ist von antimodernistischen und –semitischen Stereotypen[17]. Sie reagierte damit auf die Renaissance von Velimirovićs Schriften, die maßgeblich um die Stellung des Serbentums in bzw. gegen Europa kreisen und fand damit Anschluß an zunehmend populärer werdende politische Debatten.

Der Kosovobezug und der daraus resultierende ethnisch konnotierte national-religiöse Ursprungsmythos wird in Serbien vor allem von der Institution Kirche gepflegt.[18] Die politischen Artikulationen der Kirche laufen maßgeblich unter Zuhilfenahme nationaler Mythen. Indem sie die Mythologisierung der Politik auf der Matrize des Nationalismus vorantreibt, ist sie zugleich „Produzentin und Bewahrerin des Kosovomythos[19], wie Klaus Buchenau schreibt. Dies zeigt sich z.B. in der Osterbotschaft der serbischen Bischofskonferenz 1999. In ihr heißt es, die orthodoxen Serben seien heute mehr denn je aufgefordert, „dem jahrhundertealten Kosovo-Gelöbnis [ ] treu zu bleiben oder aber zu ihm zurückzukehren, beziehungsweise zum Weg und Vermächtnis des ehrenwerten Fürsten Lazar, dieses Helden und Ritters der Freiheit, aber im Heiligtum und der Gerechtigkeit des himmlischen Königreichs.[20] Die Rolle der Serbischen Kirche als einflussreicher politischer Akteur mit äußerst ambivalenter Rolle[21], z.B. während der jugoslawischen Bürgerkriege 1990/ 91, zwischen nationaler Radikalisierung und Dialog wurde in vielen Arbeiten untersucht[22].

1. 2. Kosovo als Mythos und aktuelles politisches Symbol

Nach dem für das politische System Jugoslawien erschütternden Tod Titos wurde die Kosovokrise zu einem entscheidenden Faktor der beginnenden nationalen Mobilisierung[23]. Der Beginn dieser Krise bzw. der Zeitpunkt an dem sie eine breite Öffentlichkeit erreichte, kann auf die Studentenproteste an der Universität Priština und die teilweise gewalttätig von Polizeikräften zerschlagenen Demonstrationen im März 1981 datiert werden. Die Auseinandersetzung um den Kosovo diente als politischer Katalysator serbisch-nationalistischer Strömungen in Jugoslawien. Innerhalb der Diskussion der Achtzigerjahre trat die Wahrnehmung einer demographischen Verschiebung hin zu einer albanischen Bevölkerungsmehrheit als zentraler Punkt hervor[24]. Dabei muss angemerkt werden, dass dies eine langwierige Entwicklung war und wesentlich durch die Abwanderung der reicheren nicht-albanischen Bevölkerungsteile verstärkt wurde. Die Debatte war stark ideologisiert. In diesem Kontext ist die teilweise Veröffentlichung des Memorandums der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste 1986 anzusiedeln. Die heftig diskutierte Schrift gliedert sich in einen Teil, der um die wirtschaftlichen Probleme Jugoslawiens kreist und einen über die Stellung respektive Benachteilung Serbiens im Staatenverbund. Der Kosovo steht darin synonym mit dem konstatierten serbischen Niedergang in der jugoslawischen Föderation, und wird wiederum in die Reihe historischer Niederlagen eingeordnet[25]: „Der physische, politische, rechtliche und kulturelle Völkermord, der an der serbischen Bevölkerung in Kosovo und Metochien verübt wird, stellt die größte Niederlage in allen Befreiungskämpfen dar, welche das serbische Volk seit Orašac 1804 bis zum Aufstand von 1941 führte.“ An anderer Stelle wird der „biologische Genozid[26] an den Kosovo-Serben festgestellt. Das ethnische bzw. rassistische Moment der Debatte, welches sich vor allem auf das populäre Stereotyp vom ungebildeten, kinderreichen Albaner stützt, ist konstitutiv[27]. Sowohl Wortwahl und Pathos, als auch die Historifizierung der Ereignisse lassen in der Schrift den national-mythologischen Subtext deutlich hervortreten[28]. Im bereits 1982 von serbisch-orthodoxen Priestern veröffentlichten „Appell zur Verteidigung der serbischen Bevölkerung und seiner Heiligtümer im Kosovo“, der ersten richtungsweisenden Schrift dieser Debatte, wird der Zusammenhang deutlicher: „Für die Serben reduziert sich die Kosovo-Frage nicht auf eine demographische [ ]. Das Serbentum ist [ ]’ nicht Brot, keine Schule, kein Staat – sondern der Kosovo, eine Gruft, die Gruft in der alles begraben ist. Die Auferstehung geht durch die Gruft hindurch, denn es gibt keine Auferstehung ohne den Tod.[29] Die aktuelle Kosovo-Problematik wird vor dem mythologischen Hintergrund nicht als realpolitischer („demographischer“) Konflikt verstanden, sondern generiert seine eigene, wesentlich tiefer liegende Bedeutung. Der Konflikt ist einer, der für die Beteiligten an die serbische Identität rührt. In der Rede von der „Gruft“, die ja der Kern des Serbentums sei, und dem Mythos des unausweichlich wiederkehrenden „Todes“, drückt sich eine Sehnsucht nach eben diesem aus. Klaus Buchenau weist mit Recht darauf hin, dass nach jenem Zitat das Thema Kosovo „nicht den Lebenden, sondern den Toten[30] gehöre. Der serbische Dichter Matija Bećković spitzt dies zu, indem er postuliert, die lebenden Serben seien die „Überreste eines abgeschlachteten Volkes.[31] Damit wird verständlich, warum im Appell die Lage des serbischen Volkes vor dem Hintergrund der Achtzigerjahre folgendermaßen eingeschätzt wird: „Es sieht so aus, als wenn der jahrhundertelange Kampf um das Kosovo in diesen unseren Tagen zuende geht“. Dies sei die endgültige Niederlage, die „schrecklichste in der Geschichte dieses Volkes und dieses Landes[32]. In gewisser Weise wiederholt sich die ‚endgültige’ Niederlage, die in der mittelalterlichen Schlacht erfahren wurde, in die Zukunft fort. Das Gefühl des kollektiven Verlusts ist gewissermaßen konstitutiv für einen serbischen ‚Nationalcharakter’. Der ehemalige Patriarch German erklärte die Verknüpfung serbischer Identität mit dem Kosovo folgendermaßen: „Wenn es um die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 geht, dann erinnert sich jeder Serbe, ob Kind oder Greis... So ist Kosovo mit dem innersten Wesen unseres Volkes aufs engste verwoben.“[33] Der Kosovo ist kollektive Erinnerung, die zum Schicksal wurde[34], gewissermaßen in die Serben überging und sie somit identifizierbar macht. Die Chiffren aus alter National- und Religionsgeschichte haben im Zwanzigsten Jahrhundert weder an Verständlichkeit noch Wirkmächtigkeit verloren und gelten noch immer als adäquates Ausdrucksmittel für Konfliktsituationen.

[...]


[1] In Bezug auf nationale Mythen o.ä. im Folgenden nur noch als ‚Serbien’ bezeichnet, da bei der Untersuchung des mythisch versetzten Nationalverständnisses eine Unterscheidung bzw. die Staatsbezeichnung wenig Sinn machen.

[2] oder tatsächlich ‚Fleischgeworden’, wie im Falle der Konstruktion des Mythos’ der Geschlechter.

[3] Hierbei wird oftmals auf den für die Ära Milošević charakteristischen Übergang von kommunistischer zu national-populistischer Ideologie verwiesen. Dieses erfolgreiche Konzept der Besetzung und Verunmöglichung linker Ansätze durch Inkorporation der Linken, hat mit seinem Ende ein gefährliches Vakuum hinterlassen.

[4] Čolović, Ivan: The Politics of Symbol in Serbia, S. 5

[5] Vgl.: Bieber, Florian: Nationalismus in Serbien vom Tode Titos bis zum Ende der Ära Milošević, S. 400

[6] Z.n.: Bieber, Florian: Nationalismus in Serbien vom Tode Titos bis zum Ende der Ära Milošević, S. 403

[7] Olschewski, Malte: Der serbische Mythos, S. 15

[8] Bieber, S. 403

[9] Dies kann beispielhaft an der ‚Geheimschrift’ zur innen- und außenpolitischen Entwicklung Serbiens von Ilija Garašanin aus dem Jahre 1844 aufgezeigt werden. Die Schrift spricht dazu gegen die gängige These der Existenz eines frühen großserbischen Nationalismus.

[10] Vgl.: Bremer; Popov; Stobbe (Hg.): Serbiens Weg in den Krieg, S. 53ff. In der Atmosphäre zunehmender Popularität des Kosovomythos gewannen auch andere Stränge nationaler Tradition an Bedeutung, z.B. der Veitstag. Die Kirche versuchte den heidnischen Svetovit durch den heiligen Veit zu verdrängen und so durch einen ‚originär orthodoxen’ Kult zu ersetzen. Der 28. Juni, auf den neben vielen anderen relevanten oder mäßig relevanten Ereignis-sen (es ranken sich viele Verschwörungstheorien um dieses ‚serbische’ Datum), auch die Kosovo-Schlacht fiel.

[11] Olschewski, S. 20

[12] Vgl. dazu: Buchenau, Klaus: Die Serbische Orthodoxe Kirche im Kosovokonflikt

[13] Z.n.: Anzulović, S. 25

[14] von 59 serbischen Nationalheiligen sind allein 26 ehemalige Herrscher oder Angehörige einer Herrscherdynastie.

[15] Bremer, Thomas: Ekklesische Strukturen in der Serbischen Orthodoxen Kirche im 19. und 20. Jahrhundert, S. 276

[16] Im ‚Svetosavlje’ schwingt neben der ausgeprägten Volksfrömmigkeit (von der Betonung der Laienbewegung) die Verherrlichung eines orthodoxen und originär serbischen weil unverfremdeten Bauerntums mit. Der Kult wurde im 19. Jhd vermehrt in antiurbanistische und -modernistische Kontexte transferiert. Velimirović ist dafür ein Beispiel.

[17] S. in dieser Arbeit Kapitel 1.5. „Verschwörungstheorien und Antisemitismus“.

[18] Obwohl der Patriarch der SOK seit 1920 in Belgrad residiert, trägt er bis heute den Titel des Erzbischofs von Peć.

[19] Buchenau, Klaus: Die Serbische Orthodoxe Kirche im Kosovokonflikt. In: Arbeitspapiere des Osteuropainstituts 2/1999, S. 6

[20] Z.n.: Buchenau, S. 38/39. Die Konferenz fand allerdings in der Ausnahmesituation des Nato-Bombardements statt.

[21] Die Kirche fungierte in Jugoslawien früh als Sensor des serbischen Unmuts und Lobby der serbischen Bevölkerung Kosovos. Trotzdem der Kosovo und dessen bedrängte Serben populistisches Dauerthema waren, gab es aber weder ernsthafte politische Interventionen noch nicht-kirchliche Projekte oder - nach dem Krieg - Unterstützung vor Ort.

[22] Bsph.: Buchenau, Bieber etc.

[23] Oftmals gepaart mit einer Neubewertung der kommunistischen Ära. So wurde der Niedergang Jugoslawiens (bzw. Serbiens in Jugoslawien) mit der Verfassung von 1974 verknüpft; deren damalige Kritiker und allgemein Dezentralisierungsgegner sahen sich durch die Eskalationen im Kosovo bestätigt. „The novelty is within the background complex of interconnections between this model [Kosovomythos, S.V.] and Serbian reality of the 1980’s“, so Marija Mladenović. In: Dies.: The New Serbian National Identity. In: IAK e.V.: Berlin – Beograd, S. 17

[24] Nach einer Volkszählung 1981 zählten jugoslawische Albaner im Kosovo 78%. Vgl.: Olschewski, S. 402

[25] das Memorandum lässt sich als Tabubruch zugunsten eines links-intellektuellen Nationalismus in kommunistischen Phrasen lesen. Mit ihm wurde ein Nationalismus der serbischen Linken formuliert, jedoch ist es ein Wiederhall bestehender Meinungen: „The Academy’s tract echoed opinions whispered throughout Serbia.“ (Bieber, S. 157)

[26] Z.n.: Bieber, S. 168

[27] Vgl.: Ebd., S. 419f

[28] Malte Olschewski reflektiert über das Memorandum: „Hier weist der anklagende Finger in eine heikle Richtung: ins Amselfeld. Serbisches Schicksal wird immer auf dem Amselfeld entschieden.“ In: Ders., S. 398

[29] „Appell zur Verteidigung der serbischen Bevölkerung und seiner Heiligtümer auf dem Kosovo “, Pravoslavlje 5/1982. Z.n.: Buchenau, S. 3

[30] Buchenau, S. 5

[31] Z.n.: Čolović, Ivan: Der Club der toten Krieger. In: Šlosar, Irina (Hrsg.): Verschwiegenes Serbien. Stimmen für die Zukunft?, S. 290. Der ausgeprägte serbische Totenkult, in dem die Verehrung toter ‚Helden’ eine besonders große Rolle einnimmt (s. dazu auch den Trauerpraxis oder das Arrangement heutiger Gräber) und die Landesgrenzen durch serbische Gräber markiert werden, legt dies nahe. Die Vorstellung von der Nation als Einheit der Toten, Lebenden und Zukünftigen, ähnlich wie die des Totenheeres (in Deutschland das „ Graue Korps“), ist ein nationaler Topos vor allem aus der Anfangszeit der Nation.

[32] Z.n.: Buchenau, S. 18

[33] Z.n.: Čolović, Ivan: Bordell der Krieger. Folklore, Politik und Krieg, S. 7

[34] Weiter im Appell: „Das Volk schlägt bis heute eine Kosovoschlacht, kämpft darum, um eine solche Erinnerung seiner Identität [ ].“ Z.n.: Buchenau, S. 17

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Details

Titel
Serbische Identität zwischen politischer Radikalität, Folklorismus und Moderne
Untertitel
Renaissance des Kosovomythos und Popularität des Turbofolks
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Osteuropainstitut)
Veranstaltung
Nations- und Nationalstaatsbildung in Serbien
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
32
Katalognummer
V62747
ISBN (eBook)
9783638559409
ISBN (Buch)
9783640244072
Dateigröße
811 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
serbische, identität, radikalität, folklorismus, moderne, renaissance, kosovomythos, popularität, turbofolks, phänomene, identitätsfindung
Arbeit zitieren
Sonja Vogel (Autor), 2006, Serbische Identität zwischen politischer Radikalität, Folklorismus und Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62747

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