Zur Theorie des Dokumentarfilms


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Dokumentarfilm
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Problematische Gattungsbestimmung
1.3 Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Medienverzeichnis

1 Der Dokumentarfilm

1.1 Vorbemerkungen

Die Dokumentarfilmforschung der Medien- bzw. Filmwissenschaft weist etliche Defizite in ihrem theoretischen Diskurs auf. Bislang gibt es keinen vollständigen Forschungsbericht bezüglich einer Geschichte des Dokumentarfilms und keine einheitliche Gattungsbeschreibung aufgrund kontroverser Meinungen, „[...] mit welchen Mitteln die dokumentarische Methode arbeitet und welche Tabus dabei nicht verletzt werden dürfen.“ (Hattendorf 1999, S.10)

Ausgangspunkt der Differenzen sind die Diskussionen um Realität, Wirklichkeit bzw. Authentizität, die als das Hauptmerkmal eines Dokumentarfilms erkannt wurden und seit Kracauer, welcher die Hauptaufgabe eines Dokumentarfilmers in der Registrierung und Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit sah, als Fokus der Definition schlechthin galt. (Hattendorf 1999, S.68)

Die Problematik der Begriffe Realität und Wirklichkeit bezüglich des Dokumentarfilms bilden den Kernpunkt der nachstehenden Ausführungen. Folgen wird ein kurzer Einblick in den Lösungsvorschlag Hattendorfs bezüglich der Gattungsbestimmung des hier zu behandelnden Gegenstands.

1.2 Problematische Gattungsbestimmung

Der Begriff Dokumentarfilm wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von der englischen Dokumentarfilmbewegung, initiiert von Robert Flaherty und vor allem John Grierson, geprägt, wobei Letzterer den Begriff auf die realitätsnahe Form des Films erstmals anwendete. (vgl. u.a. Hattendorf 1999, S.44; Hickethier 2001, S.191) Zunächst bezeichnete der Begriff all jene Filme, welche keine fiktive Thematik vorwiesen, und bildete somit ein Antonym zum Fiktionsfilm, das heißt, der Begriff erfüllte zunächst die Funktion, den Spielfilm vom Dokumentarfilm zu unterscheiden. (vgl. Hattendorf 1995, S.17) Jedoch erschien diese absolute Abgrenzung zu fiktionalen Formen des Films problematisch, da der Dokumentarfilm ebenso inszeniert wird und den subjektiven Blick des Dokumentarfilmers auf einen Ausschnitt der Realität widerspiegelt. Grierson selber definierte den Dokumentarfilm „als kreative Bearbeitung des Wirklichen.“ (zit. nach : Rabiger 2000, S. 15; Hattendorfer 1995, S.15) Allerdings wirft allein schon diese Aussage unter dem analytischen Blick eines Wissenschaftlers einige Fragen auf, welche Sandra Schillemans in ihrem kritischen Aufsatz auflistet und damit auf den problematischen Gegenstand an sich schon verweist:

„Steht >Kreativität< für einen ästhetischen Ansatz, meint man mit >Umgang< Deskription oder Interpretation, handelt es sich um Nachahmung, Wiedergabe oder

Darstellung von >Realität< [...]?“ (Hattendorf 1995, S.15)

Heller erkennt in der Aussage Griersons mit dem konstruktivistischen Gedanken, dass die Aufgabe und Intention dokumentarischen Filmens nicht die Reproduktion von Wirklichkeit beinhaltet. Dem Dokumentarfilm „[...] liegt vielmehr das Motiv zugrunde, in konkreten historischen Zusammenhängen Ausschnitte der Realität dem tatsächlichen oder imaginierten Zuschauer in einem für ihn bedeutungsvollen Licht erscheinen zu lassen.“ (Heller; Zimmermann 1990, S.21)

Ferner verweist Schillemans auf die Problematik, dass die Textform, wenn man sie denn als solche definiert, sich durch die Praxis ständig neu definiert und somit vielfältige Formen hervorbringt. (Hattendorf 1995, S.15) Diese Feststellung wiederum führt zu der Frage, wie man denn all jene Arten und Mischformen erfassen und benennen soll, wenn die Gattung selbst, sofern man diese denn als solche versteht, bisher nur unzureichend definiert ist bzw. sich noch nicht auf eine allgemein akzeptierte Definition geeinigt werden konnte.

Das am häufigsten angegebene Merkmal ist wohl, dass es sich bei Dokumentarfilmen um einen nicht-fiktionalen Gegenstand handelt, weil Gegebenheiten dargestellt werden, „[...] die auch unabhängig von der Vorstellung des Regisseurs existieren.“ (Hattendorf 1995, S.17) Zudem wird häufig die Neutralität bzw. Objektivität als wesentliche Eigenschaft der Dokumentarfilme angesehen.1

Der gängigen, aber uneindeutigen und fraglichen Definition des Dokumentarfilms liegt also die allgemeine Auffassung zugrunde, dass im Dokumentarfilm die Realität bzw. Wirklichkeit authentisch darstellt wird. Abgesehen von den generellen philosophischen Bedenken, dass die Realität nicht erkennbar ist, da Subjekte nicht objektiv und ganzheitlich die so genannte Wirklichkeit, welche zunächst nur als Idee existiert, erfassen können, leuchtet es außerdem ein, dass der Dokumentarfilm keineswegs, mit den außerfilmischen Fakten gleichzusetzen ist. (vgl. u.a. Heller; Zimmermann 1990, S.88-94) Dennoch postulierten etliche Dokumentarfilmer den Realitätsbezug und die Authentizität in ihren Filmen und gingen sogar soweit, die Übernahme bzw. Verwendung nicht-fiktionaler Elemente als unzulässig zu erachten, sodass zu Beginn der 60er Jahre in der Tradition des Direct Cinema sich der kommentarlose Dokumentarfilm herausbildete.

1) Vgl. zu Objektivitätskonzepten u.a.: Hattendorf 1995, S.19ff.

Vor dem Hintergrund der propagandistischen Filme der Nazizeit, in denen der Kommentator dem Bild dessen Bedeutung zuschrieb und somit unter die Anklage der Manipulation geriet1, wurde in den kommentarfreien Dokumentationen der 60er Jahre, dem Filmbild jegliche Wahrheitsbekundung zugesprochen und dem Zuschauer somit suggeriert, er sei Augenzeuge der Realität, welche durch eine neutrale Kamera aufgenommen wurde. (Heller; Zimmermann 1990, S.85)

Durch die Absage an diverse filmische Stilmittel, wie zum Beispiel verschiedene Montageformen, welche aus Spielfilmen bekannt waren, und mit Hilfe neuer Technologien, wie zum Beispiel die Handkamera oder der Synchronton, sollte die Realität erfasst und wirklichkeitsgetreu dem Zuschauer dargeboten werden. Allerdings wurde dieser Eindruck durch ebenfalls als Stilmittel anzusehende filmische Elemente noch verstärkt, indem zum Beispiel der Kameramann mit der Kamera selbst gezeigt wurde, obwohl dieser ja von einer anderen Kamera aufgezeichnet wurde. (Heller; Zimmermann 1990, S.86)

Demnach wurde der Eindruck von Authentizität inszeniert und brachte somit einen Widerspruch in den Filmen selbst hervor.

„Die langen Einstellungen, der Verzicht auf Zwischenschnitte, Komprimierung des aufgenommenen Materials durch Montage, weitgehendes Vermeiden von Kommentarton und erst recht Musik, all das führt zur Erneuerung des Authentizitätsversprechens. Der Zuschauer scheint mit eigenen Augen überprüfen zu können, daß nicht manipuliert, eingegriffen wurde. Die wandernde, lebende, atmende Handkamera bestimmt in vielen dieser Dokumentarfilme die Tiefenstruktur und begründet die Glaubwürdigkeit, Unmittelbarkeit viel nachhaltiger als das, was an der Oberfläche, scheinbar im Zentrum sich abbildet: konkrete Menschen, Handlungen,

Meinungen.“ (Heller; Zimmermann 1990, S.85)

So ist doch Peter Wuss zuzustimmen, wenn er betont, dass jede visuelle Darstellung eines Gegenstandes diesen derart verändert, dass er nicht mehr mit dem unserer Alltagswahr-nehmung übereinstimmen kann.2 (zit. nach: Hattendorf 1995, S.18) Dieser Gedanke findet sich bereits Mitte der 70er Jahre bei Vaughan, der mit dem Begriff des Putativen die Realitätsbezüge des Dokumentarfilms bestimmt. Dabei findet er drei Argumente, von denen ersteres besagt, dass es nichtfilmische Realität dann nicht mehr gibt, „[...] sobald die Kamera einen Wirklichkeitsausschnitt einrahmt.“ (zit. nach: Hattendorf 1999, S.46)

[...]


1) Vgl. zu Propagandawirkung von Dokumentarfilmen u.a.: Kracauer, Siegfried 1979. Von Caligari zu Hitler. Frankfurt/ M.

2) Wuss, Peter (1971). Zur Klärung der Filmspezifik. Die Dialektik von Dokumentarischen und Fiktionalem im semiotisch-

kybernetischen Modell. In: Filmwissenschaftliche Beiträge. Nr.12. S.144-171.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zur Theorie des Dokumentarfilms
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Sprach- und Literaturwissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V62892
ISBN (eBook)
9783638560498
ISBN (Buch)
9783638767156
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Dokumentarfilms, Sprach-, Literaturwissenschaften
Arbeit zitieren
Diana Riege (Autor), 2006, Zur Theorie des Dokumentarfilms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62892

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