Mary Shelleys Frankenstein; oder der moderne Prometheus Die Charakterisierung Viktor Frankensteins


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
33 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Kurzzusammenfassung des Romans
2.2. Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Romans
2.3. Die Gattungszugehörigkeit des Romans
2.4. Zentrale Themen in Frankenstein
2.4.1. Moralische Erziehung
2.4.2. Die Wissenschaft
2.5. Charakterisierung Frankensteins
2.5.1. Die Legende um Prometheus
2.5.2. Frankensteins Kindheit
2.5.3. Das Element der Isolation
2.6. Das Leiden Frankensteins
2.7. Die Schuld Frankensteins
2.7.1. Die Anmaßung
2.7.2. Die wahre Schuld

3. Zusammenfassung

4. Anhang

5. Literaturverzeichnis
A: Primärliteratur
B: Sekundärliteratur

1. Einleitung

Diese Hausarbeit wird sich mit dem Roman Mary Shelley’s Frankenstein; or the modern Prometheus auseinandersetzen. Dabei wird es sich primär um die Charakterfigur Viktor Frankenstein handeln.

Eine kurze Zusammenfassung des Romans am Anfang dieser Hausarbeit verschafft einen Überblick über wichtige Personen und Inhalte des Romans. Um wichtige Zusammenhänge zwischen der Autorin selbst und ihrem Roman besser verstehen zu können, erfolgt anschließend eine Entwicklungs– und Entstehungsgeschichte des Romans, die auch einen Einblick in das Leben und Wirken der Autorin Mary Shelley mit einschließt.

Wichtige zentrale Themen, werden zum einen Viktor Frankensteins Kindheit und die Folgen seiner Erziehung für seine weitere Entwicklung sein, die ihn zu einem besessenen Wissenschaftler werden ließen.

Des weiteren wird die Schuldfrage in bezug auf Viktor Frankensteins mißratene Schöpfung untersucht und die Gründe seines daraus folgenden Leidens analysiert.

Aufgrund des Untertitels des Romans, wird in vielen Werken der Sekundärliteratur Frankenstein in Relation zu der Figur des Prometheus aus der griechischen Mythologie gesetzt. Dieser Aspekt wird kurz dargestellt und auf seine Richtigkeit hin überprüft.

Da der Roman unter verschiedenen Einflüssen entstanden zu sein scheint, werden verschiedene Gattungen vorgestellt und ein Versuch den Roman einer Gattung zuzuordnen, angestrebt. Hierbei handelt es sich um die Gothik und existentielle Elemente der Science Fiction, die im krassen Gegensatz zur damaligen romantischen Linie standen und den klassischen Schauerroman erweiterten.

Um den Charakter Frankensteins wirklich verstehen zu können, müssen weitere zentrale Themen des Buches genauer vorgestellt werden. Zum einen handelt es sich hierbei um die Wissenschaft, die das Leben des erwachsenen Frankenstein so sehr beeinflußt, daß er die Kontrolle über die Realität und sein Leben verliert und zum anderen um die moralische Erziehung, die nicht nur eine Begründung für Frankensteins Charakter, sondern für die Gesellschaft der damaligen Zeit im allgemeinen ist. Es werden weitere Charaktere des Romans kurz vorgestellt, die ebenso wie Frankenstein den Zwängen ihrer Erziehung unterliegen und der Moral der Gesellschaft ausgesetzt sind.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Charakterisierung ist das Problem der Isolation, in die Frankenstein zu verfallen scheint. Hierzu werden mögliche Gründe angeführt, die eng mit den oben genannten zentralen Themen verknüpft sind.

Der Anhang am Ende der Arbeit dient zum besseren Verständnis einiger wichtiger Punkte und Fakten in dieser Arbeit und hat daher erklärenden Charakter.

2. Hauptteil

2.1. Kurzzusammenfassung des Romans

In Briefen und Tagebuchaufzeichnungen des Nordpolforschers Robert Walton, erfahren wir die Lebensgeschichte Viktor Frankensteins.

Viktor Frankenstein wird in der Schweiz geboren und geht, durch das Selbststudium schon sehr gebildet, als begabter Naturwissenschaftler im Alter von siebzehn Jahren an die Universität nach Ingolstadt, um dort seine Studien zu vertiefen und zu vervollständigen. Durch Experimente mit der Alchimie, mit der er schon in seinem Elternhaus in Berührung gekommen ist und am Leben selbst, erfährt er einen jähen Aufstieg.

Besessen von der Idee, das „Elixier des Lebens“ zu finden, überschreitet er in seinen alchimistischen Spekulationen die Grenzen der exakten Wissenschaft: Es gelingt ihm, aus Menschenknochen, die er von Friedhöfen zusammengetragen hat, ein riesiges Skelett zusammenzusetzen und aus diesem einen menschenähnlichen Körper zu formen. Um seinen überlegenen Forschergeist sichtbar werden zu lassen und zu beweisen, verleiht er diesem künstlichen Körper mit Hilfe der Verbindung von alten und modernen Wissenschaften und Ideen Leben.

Sein Hochmut rächt sich auf furchtbare Weise. Das häßliche Geschöpf, das der moderne Prometheus Frankenstein bedenkenlos in die Welt gesetzt hat, begibt sich ohne jede Fürsorgen in die Welt hinaus, auf die Suche nach anderen Menschen, denn es sehnt sich nach Gesellschaft und nach Liebe. Der Abscheu, den das Monstrum überall, vor allem auch bei seinem Schöpfer selbst, erregt, besonders dann, wenn es die Verbindung und die Freundschaft sucht, bewirkt, daß es allmählich zum Dämon entartet, der tötet, weil er nicht lieben darf.

Erst als die Kreatur den kleinen Bruder und den Vater Frankensteins ermordet hat, erklärt sich der von Horror und Angst, aber auch von Mitleid gepackte Wissenschaftler bereit, seinem Geschöpf eine Partnerin zu konstruieren, schreckt aber im letzten Augenblick vor dem Gedanken zurück, damit eine Vermehrung dieser Ungeheuer möglich zu machen und zerstört sein angefangenes Werk.

Nun betreibt das enttäuschte Monstrum systematisch den Untergang seines Schöpfers. Es mordet den besten Freund Clerval Viktors und Elisabeth, die junge Frau und Adoptivschwester Frankensteins und hetzt diesen, der es in verzweifeltem Haß zerstören will, jahrelang durch viele Länder. Als seine Spur schließlich in die Arktis führt, kommt Frankenstein an Bord von Robert Waltons Schiff, erzählt diesem die ganze Geschichte und warnt ihn vor ehrgeizigen Übertretungen bezüglich Wissenschaft und Forschung.

In der Eiswüste endet der Kampf: Walton sieht das Ungeheuer traurig über Frankenstein, seinem Schöpfer, gebeugt stehen, der in den Armen des Nordpolforschers starb. Dann treibt der künstliche Mensch einsam auf einer Eisscholle in die Polarnacht hinaus und seinem Schicksal entgegen.[1]

2.2. Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Romans

Beide Elternteile Mary Shelleys waren einflußreiche Autoren und Propagandisten für ihre jeweiligen Begründungen von Feminismus und radikalem Liberalismus.

Ihre Mutter, Mary Wollstonecraft, war Führerin in einer frühen Frauenbewegung und schrieb einen Klassiker mit dem Titel A Vindication of the Rights of Women (1792). Marys Vater, William Godwin, veröffentlichte 1793 eine politische Abhandlung mit dem Titel Enquiry Concerning Political Justice. Sein Ziel war es, die Einsichten der französischen Aufklärung in einen englischen Kontext zu übersetzen. So schien es unausweichlich, daß Mary Shelley ihr Familienvermächtnis antreten würde und der Literatur einen bedeutenden Beitrag leisten sollte.

Mary Godwin (später Shelley), entfloh der Familie durch die Rebellion. Als sie im Jahre 1812 von Schottland zurückkehrt, trifft sie den jungen Poeten Percy Bysshe Shelley, als dieser ihren Vater besucht. Zwei Jahre später brennt sie mit Shelley nach Europa durch, der seine entfremdete Frau Harriet verlassen hatte.

“It felt as if a dead and living body had been linked together in loathsome and horrible communion.”[2]

Bei ihrem zweiten Besuch auf dem Kontinent kamen sie schließlich zu Lord Byron in seine Villa Diodati am See Léman in der Nähe von Genf. Der stürmische und eisige Sommer von 1816 veranlaßte die Besucher in der Villa zu verweilen und sich gegenseitig deutsche Schauergeschichten wie Fantasmagoriana: Collection of the Histories of Apparitions, Spectres, Ghosts zu erzählen.

Das Talent welches sich unter den Anwesenden in der Villa befand, überstieg die gelesene Literatur, so daß Lord Byron vorschlug, selbst übernatürliche Geschichten zu verfassen und aufzuschreiben. Außer Marys Klassiker Frankenstein; or the Modern Prometheus, ist die einzige entstandene Geschichte dieser Begebenheit John Polidoris aufgearbeitetes Werk von Lord Byron mit dem Titel The Vampyre: A Tale.

Das Thema von Marys Buch blieb aus. Sie gibt zu, daß sie sich in der Qual einer Schreiberblockade befand, bis sie eine Vision hatte, die als ein Bildnis des Unbewußten anzusehen ist. In ihrer letzten Überarbeitung von Frankenstein[3] im Jahre 1831 beschreibt sie diese Offenbarung:

I felt that blank incapacity of invention which is the greatest misery of authorship, when dull Nothing replies to our anxious invocations. –Have you thought of a story?(S. 262)

When I placed my head on my pillow, I did not sleep, nor could I be said to think. My imagination unbidden, possessed and guided me, gifting the successive images that arose in my mind with a vividness far beyond the usual bounds of reverie. I saw - with shut eyes, but acute mental vision – I saw the pale student of unhallowed arts kneeling beside the thing he had put together. I saw the hideous phantasm of a man stretched out, and then, on the working of some powerful engine, show signs of life, and stir with an uneasy, half vital motion. Frightful must it be; for supremely frightful would be the effect of any human endeavour to mock the stupendous mechanism of the Creator of the world. His success would terrify the artist; he would rush away from his odious handiwork, horror stricken. (...) He sleeps but he is awakened; he opens his eyes; behold, the horrid thing stands at his bedside, opening his curtains and looking on him with yellow, watery, but speculative eyes.(S.236-237)

Durch diese Beschreibung der Entstehung von Frankenstein: or the Modern Prometheus können wir folgendes erkennen:

Erstens war es keine bewußt konstruierte Geschichte einer fähigen Autorin.

Zweitens ausgehend von dem kreativen Unbewußten, sagt die Geschichte prophetisch das Dilemma der Technologie in bezug auf die ewigen Themen der Mythologie vorher.

Drittens, hat die Autorin, obwohl alleinige Urheberin des Werkes, die kreative Atmosphäre der Villa Diodori und die romantische Philosophie ihres Mannes und Lord Byrons geradezu in sich aufgesogen und ist dadurch inspiriert worden.

Im Gegensatz zu anderen Literaturklassikern, durchlief Frankenstein starke Veränderungen. Aus dem zunächst zufälligen Konzept einer Geistergeschichte (1816), die ursprünglich nur für Freunde geschrieben worden war, entstand eine erste Ausgabe (1818), die sehr stark durch die herausgebende Hand von Percy Shelley beeinflußt wurde. Erst die Veröffentlichung, die allein durch Mary Shelley entstand und im Jahre 1831 erschien, kann als ausgereiftes Endprodukt angesehen werden.

Anhand dieser Entwicklung können wir erkennen, wie Mary Shelley ihre, wie sie es nannte, schreckliche Nachkommenschaft entwarf. Während die zentralen Themen von Anfang an eindeutig sind, können wir nichts desto Trotz erkennen, wie der herausgegebene Roman die erwachsenen Ansichten Mary Shelleys widerspiegelt. Ihre gewonnenen Lebenserfahrungen veränderten nicht nur sie selbst, sondern auch ihren Roman.

Mary Shelley veröffentlichte ihr Werk anonym. Gründe hierfür waren zum einen, die Sensibilität der Leserschaft des 19. Jahrhunderts, welche nicht akzeptiert hätten, daß eine junge Frau, sich eine solch grausame Handlung hätte ausdenken können.

Ihre Zuversicht wurde durch zwei Absagen von Herausgebern nicht gebessert. Am Ende wurde Frankenstein von Lackington, Allan and Company, einem relativ obskuren Verleger von “shilling s hockers“ – billigen Schockern verlegt. Durch eine Einleitung, die ihr Mann Percy Bysshe Shelley in der ersten Ausgabe schrieb, wurde ihre Autorenschaft noch weiter verschleiert. Wegen der sozialen Thematik der Geschichte dachten viele, daß William Godwin den Roman geschrieben hatte. Erst in der zweiten Ausgabe gab dann Mary Shelley die Autorenschaft zu.

Endlich, im Jahre 1831, nach dem Tod ihres Mannes schrieb sie selbst eine Einleitung zur Dritten Ausgabe von Frankenstein; or the Modern Prometheus.

2.3. Die Gattungszugehörigkeit des Romans

Der Schauerroman von Mary Shelley hat seinen kaum überraschenden Ursprung in der Romantik, deren „gotisierende“ Vorliebe für die Nachtseiten des Lebens und das Unbekannte, jenseits des menschlichen Erfahrungsbereichs, vielfachen Niederschlag in Literatur und Kunst gefunden hat. In der Literatur gibt es verschiedene Gattungen, die Autoren benutzten, um ihre Werke zu schreiben. Welche Gattung beschreibt aber nun die Geschichte von Frankenstein am besten?

Mit Sicherheit kann man sagen, daß Frankenstein zu der großen Gattung der Schauerromane, der sogenannten Gothic Novels, gehört, welche 1764 mit The Castle of Otranto von Horace Walpole ihren Anfang fanden.

Im folgenden möchte ich zwei Gattungen vorstellen, die Frankenstein; or the Modern Prometheus zuzuordnen sind.

Gothic : tales of the macabre, fantastic, and supernatural, usually set amid haunted castles, graveyards, ruins and wild picturesque landscapes. They reached the height of their considerable fashion in the 1790’s and the early years of the 19th century.[4]

Zweifellos gibt es gotische Elemente in Mary Shelleys Roman. Die klassischen Schauerromane waren ihr wohl bekannt: Radcliff, A., The Mysteries of Udolpho (1794); Lewis, M.G., The Monk (1796) und Beckford, W., Vathek (1786). Wie auch in diesen Schauergeschichten, macht Frankenstein Gebrauch von der Übereinstimmung von Thema, Charakter und Schauplatz. Eines der Hauptelemente des Romans ist der Gebrauch von Atmosphäre, um Stimmung zu erzeugen. Die eisigen Nebel der Arktis und der düsteren, vom Wind zerzausten Gletscherlandschaft sind mit der geistigen und sozialen Isolation der Kreatur und des Schöpfers verknüpft.

[...]


[1] Kindlers Literaturlexikon, Band III, Kindler Verlag, Zürich, S. 221

[2] Gaull, Marilyn. English Romanticism: The Human Context. New York: W.W. Norto, 1988, p.197.

[3] Verwendete Ausgabe: Three Gothic Novels, Shelley, M., Frankenstein, Penguin Classics, Harmondsworth, Middlesex, England. 1986, S.256-498. „Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.“

[4] Oxford Companion to English Literature, p. 405-406

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Mary Shelleys Frankenstein; oder der moderne Prometheus Die Charakterisierung Viktor Frankensteins
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Englisches Institut)
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
33
Katalognummer
V6361
ISBN (eBook)
9783638139526
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mary, Shelleys, Frankenstein, Prometheus, Charakterisierung, Viktor, Frankensteins
Arbeit zitieren
Katja Hartmann (Autor), 1999, Mary Shelleys Frankenstein; oder der moderne Prometheus Die Charakterisierung Viktor Frankensteins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6361

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