“Der Sicherheitsrat spiegelt nicht mehr die Verhältnisse des internationalen Systems des 21. Jahrhunderts wider.” Unter dieser Prämisse lassen sich die Reformdebatte und Reform-Notwendigkeit der Vereinten Nationen und insbesondere deren zentralen Organs, des Sicherheitsrates, zusammenfassen. Über die Richtigkeit dieser Aussage besteht deshalb auch bei nahezu allen Mitgliedern der UNO kaum Dissens – das ist verständlich bei dem geschichtlichen Blick auf die Entstehung der UNO als Nachfolger des Völkerbundes und Antwort auf die Folgen des Zweiten Weltkrieges im Vergleich zu den heutigen (insbesondere seit dem Jahre 1990 und dem Ende des Ost-West-Konfliktes) hoch komplex gewordenen Aufgaben. Umso mehr klaffen jedoch die einzelnen Reformvorschläge auseinander, Einigung scheint kaum in Sicht. Wie zu zeigen sein wird, handelt es sich im Diskurs vor allem um folgende Streitpunkte:
1. ständige vs. nicht-ständige Mitgliedschaft
2. Vetorechte
3. geographische Verteilungen
Die unterschiedlichen Vorschläge und Forderungen basieren auf dem nach wie vor verbreiteten Vorrang von nationalen Interessen im internationalen System.
Ist vor diesem Hintergrund überhaupt eine umfassende, optimale Reform denkbar, die auf die global notwendige Arbeit der UNO und des Sicherheitsrates effizienzsteigernd wirkt, oder kann es sich – wie so oft – lediglich um einen politischen Minimalkonsens handeln?
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem so genannten „G4-Vorschlag“ der ambitionierten ständigen Mitglieder Deutschland, Brasilien, Japan und Indien.
Nach einer kurzen überblickartigen Beschreibung des Status quo des Sicherheitsrates (Aufbau, Funktion) und dem Versuch einer allgemeinen Begründung und Notwendigkeit einer Sicherheitsrats-Reform sollen die Bemühungen der vier Staaten auf der einen und die Haltungen anderer Akteure zu dem Reformvorschlag auf der anderen Seite dargestellt und bewertet werden. Dabei sind besonders die USA, die afrikanischen Staaten und der so genannte „Coffee-Club“ zu erwähnen. Es soll ferner dargestellt werden, worauf die Ambitionen der vier genannten Staaten auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat gestützt sind. Da das Thema der Arbeit einen hohen Aktualitätsgrad besitzt, erstreckt sich die Sekundärliteratur im Wesentlichen auf Recherchen im Internet sowie in Zeitungs- und Fachzeitschriftsarchiven.
Inhaltsverzeichnis
2 Einleitung und Gegenstand der Arbeit
3 Sicherheitsrat: Aufbau, Funktion und Status quo
4 Notwendigkeit einer Reform des Sicherheitsrates
5 Das Erweiterungsmodell der „G4“-Staaten
5.1 Inhalt
5.2 Ambitionen und Begründungen der G4-Staaten
5.2.1 Bundesrepublik Deutschland
5.2.2 Indien
5.2.3 Brasilien
5.2.4 Japan
5.3 Die Haltung anderer Akteure
5.3.1 USA
5.3.2 China
5.3.3 Russland, Großbritannien und Frankreich
5.3.4 Die Afrikanische Union (AU)
5.3.5 „Coffee-Club“ und Konsensgruppe
6 Bewertung, Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Bemühungen der sogenannten G4-Staaten (Deutschland, Brasilien, Japan, Indien) um eine Reform des UN-Sicherheitsrates, untersucht deren Ambitionen sowie die ablehnenden oder unterstützenden Haltungen anderer internationaler Akteure und bewertet das Scheitern dieser Reformbestrebungen im Jahr 2005.
- Strukturelle Mängel des aktuellen UN-Sicherheitsrates
- Die Reforminitiative und der G4-Vorschlag
- Nationale Motivationen der G4-Staaten für einen ständigen Sitz
- Geopolitische Interessen und Widerstände anderer Akteure (USA, China, AU, Coffee-Club)
- Bewertung der Realisierungschancen einer umfassenden Reform
Auszug aus dem Buch
5.2.1 Bundesrepublik Deutschland
Seit Beginn der 1990er Jahre hat es sich die Bundesrepublik Deutschland auf die „außenpolitischen Fahnen“ geschrieben, einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat zu bekommen. Der eigentlich durch die Politik geprägte Begriff eines „natürlichen Kandidaten“ hat sich auch in der wissenschaftlichen Diskussion mittlerweile etabliert. Auch Japan ist als „natürlicher Kandidat“ zu bezeichnen. Gemeint ist schlichtweg eine Kosten-Nutzen-Formel: Deutschland will als Mitgliedsstaat, der sich überdurchschnittlich stark in die UNO einbringt – wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch – auch irgendwann in Form von größerem Einfluss „entlohnt“ werden. Besonders der finanzielle Aspekt ist nicht zu unterschätzen, sind doch die Einwände nachzuvollziehen: Auf der einen Seite stehen die hohen Beitragszahlungen, auf der anderen Seite aber besteht zu wenig Mitspracherecht bei der Verteilung des eigenen Geldes. Deshalb war die außenpolitische Sicht der rot-grünen Bundesregierung, dass „wesentliche Regionen und Beitragszahler“ adäquat vertreten sein müssten, um die Gefahr zu vermeiden, dass der Sicherheitsrat an Legitimität und Autorität verliere.
Doch auch „von außen“ erhielt Deutschland schon vor dem eigentlichen G4-Entwurf Unterstützung bezüglich einer ständigen Mitgliedschaft im Sicherheitsrat, geprägt von Erwartungen an und Hoffnungen in Deutschland als Zeichen des gewachsenen Ansehens und der Bedeutung der BRD im internationalen System.
Zusammenfassung der Kapitel
2 Einleitung und Gegenstand der Arbeit: Diese Einführung erläutert die Reformdebatte der Vereinten Nationen vor dem Hintergrund veränderter weltpolitischer Anforderungen seit 1990 und stellt den G4-Vorschlag zur Sicherheitsratsreform vor.
3 Sicherheitsrat: Aufbau, Funktion und Status quo: Das Kapitel beschreibt die Aufgaben, die völkerrechtliche Entscheidungshoheit und die historische Zusammensetzung des Sicherheitsrates inklusive der Rolle des Vetorechts.
4 Notwendigkeit einer Reform des Sicherheitsrates: Hier werden die Effizienz- und Legitimationsprobleme des Sicherheitsrates sowie die institutionellen Hürden für eine Reform analysiert.
5 Das Erweiterungsmodell der „G4“-Staaten: Dieses zentrale Kapitel analysiert den Inhalt des G4-Vorschlags, die spezifischen Ambitionen der vier G4-Länder sowie die gegensätzlichen Positionen anderer Akteure wie der USA, Chinas und der Afrikanischen Union.
6 Bewertung, Fazit und Ausblick: Das Fazit stellt das Scheitern der Reformbemühungen 2005 fest und diskutiert das Dilemma zwischen nationalen Interessen und dem Erfordernis einer globalen Stärkung der UNO.
Schlüsselwörter
UN-Sicherheitsrat, Reform, G4-Staaten, Deutschland, Brasilien, Japan, Indien, Vetorecht, Vereinte Nationen, Geopolitik, Internationale Beziehungen, Weltfrieden, Coffee-Club, Afrikanische Union, Reformdebatte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Reformbemühungen des UN-Sicherheitsrates, insbesondere mit dem sogenannten G4-Vorschlag der Länder Deutschland, Brasilien, Japan und Indien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Aufbau des Sicherheitsrates, die Notwendigkeit einer Anpassung an heutige Machtverhältnisse, die Interessen der G4-Staaten und die konkurrierenden Positionen anderer globaler Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist die Darstellung und Analyse der G4-Reforminitiative sowie die Untersuchung der Gründe für das Scheitern dieses Vorschlags beim UNO-Gipfel 2005.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse auf Basis von Sekundärliteratur, Internetrecherchen sowie Zeitungs- und Fachzeitschriftenarchiven.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt den aktuellen Status quo des Sicherheitsrates, die Begründungen der Reformbedürftigkeit, das spezifische G4-Modell und die kritische Auseinandersetzung mit der Haltung von P5-Staaten und anderen Interessengruppen ab.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind UN-Sicherheitsrat, G4-Staaten, Reform, Vetorecht und internationale Legitimität.
Warum betrachten die USA den G4-Vorschlag kritisch?
Die USA lehnen eine größere Erweiterung ab, um die Handlungsfähigkeit des Gremiums zu wahren, und befürworten nur eine minimale Ausweitung, wobei sie vor allem Japan als Gegengewicht zu China unterstützen.
Welche Rolle spielt der sogenannte „Coffee-Club“?
Der „Coffee-Club“ ist ein Zusammenschluss von Staaten wie Italien, Pakistan und Argentinien, die sich aus Sorge um eigenen Machtverlust in ihren Regionen gegen die G4-Staaten und gegen neue ständige Sitze aussprechen.
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- Till-Bastian Fehringer (Author), 2006, Die Bemühungen Deutschlands, Japans, Brasiliens und Indiens um eine Reform des UN-Sicherheitsrates und die Haltung anderer Akteure, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63628