Zur Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich


Hausarbeit, 2004

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Grenzen und Territorialität Heute

Zur Geschichte und Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich

Bildung regionaler Identitäten in Frankreich - Mit oder gegen den Staat?

Schlussbetrachtung

Quellenverweise

Literaturverzeichnis

Kartenmaterial

Einleitung - Grenzen und Territorialität heute

Grenzen und Identität. Was stellen diese Begriffe heute dar? Und was stellten sie in der Vergangenheit dar? Identität führte und führt heute noch zur Ausbildung staatlicher Verfasstheit und zur Abgrenzung sozialer und kultureller Gruppen voneinander. Andererseits können Grenzen auch die Voraussetzung zur Herausbildung regionaler und nationaler, ethnischer und kultureller Identitäten bieten.

Grenzen können der Abgrenzung und Selbstvergewisserung, also der Identitätsbildung, dienen; Linien der Verteidigung, aber auch des Austausches, der Begegnung und Kommunikation sein; oder aber, im Sinne der oft beschworenen „Frontier“, Ansporn sein; nur geschaffen um überwunden zu werden; um Neuland preiszugeben.

Die vergangenen Dekaden waren im Hinblick auf die Bedeutung von Grenzen charakterisiert durch auseinanderlaufende politische, soziale und ökonomische Prozesse, die in ihrer Bedeutung unterschiedlich zu bewerten sind und sich teilweise zuwiderzulaufen scheinen.1

Einerseits können wir einen neue Durchlässigkeit nationaler Grenzen weltweit beobachten.

Alte Barrierefunktionen für den Waren-, Personen- und Informationsaustausch entfallen im Zuge der als Globalisierung bekannten, durch technischen Fortschritt und wirtschaftlichem Neoliberalismus bedingten. neuen intensivsten Vernetzung der einzelnen Nationalgesellschaften.

Nicht zuletzt sorgten das Internet und neue Militärtechnik dafür, dass Grenzen ihre traditionelle Rolle als Orte der Kommunikation und Verteidigung verloren.

Einher geht diese Relativierung von Staatsgrenzen mit regionalen und globalen Zusammenschlüssen übernationaler Art, die sich die Aufgabe militärischer, politischer oder wirtschaftlicher Kooperation stellen und denen mehr und mehr Nationalstaaten Teile ihrer Souveränität abtreten – EU und NATO seien hier als geläufige Beispiele benannt, aber auch ASAEN, OPEC, NAFTA, AU und andere bedienen dieses Schema.

Andererseits lässt sich unserer Welt der „unbegrenzten Möglichkeiten“ auch eine Gegenbewegung feststellen: Eine neue Tendenz zur Abgrenzung, vielleicht als Reaktion auf kulturelle Beliebigkeit, vielleicht als Ergebnis vermeintlicher ökonomischer Perspektivlosigkeit, vielleicht als Symbiose aus Beidem. Folge ist der zunehmend zu beobachtende Rückzug in die eigene – teilweise rekonstruierte - Ethnie und Kultur, wobei nicht immer die vorhandene oder angebliche Unterdrückung durch eine staatslenkende Majorität den Ausschlag zur Reterritorialisierung eines Staates geben muss. Oft scheint es das

Gefühl zu sein, zu den Verlierern der Globalisierung zu zählen, das separatistischen oder

nationalistischen Strömungen Auftrieb verleiht. 2

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs entstanden weltweit 28 neue Staaten, während im selben Zeitraum nur 4 verschwanden. Mehrere Territorien – vom georgischen Abchasien bis zur „Republik Somaliland“ am Horn von Afrika haben einseitig ihre Unabhängigkeit erklärt ohne international Anerkennung zu erlangen. Auch die Staaten Europa sehen sich zunehmend mit national motivierten Bewegungen konfrontiert, die Autonomie oder Unabhängigkeit fordern.

Besonderns hier wird die Janusköpfigkeit der aktuellen weltweiten Entwicklung deutlich:

So sehr die separatistischen Bewegungen Europas – vom Freistaatsplan des baskischen Ministerpräsidenten Ibarrexe, über die Unabhängigkeitsbewegung auf den Faröer-Inseln bis zum ersehnten Staat Flandern des belgischen „Vlaams Belang“ - auch gegen die sie „unterdrückenden“ Nationen polemisieren; der Verbleib in der EU, auch nach der gewünschten Unabhängigkeit, ist selbstverständlich.

Wie man sieht sind die Tendenzen unterschiedlich. Tendiert die globalisierte Ökonomie zum Wegfall von Grenzen und zu größeren Territorien, da Absatzmärkte, rechtliche Sicherheit und Kompatibilität, sowie ein großer und flexibler Arbeitskräftepool wünschenswert erscheinen, so bevorzugt kulturell und ethnisch definierte Staatlichkeit kleinere Territorien. In der Funktion des Machtträger hingegen ist eine Nation natürlich an der Beibehaltung und Stabilisierung vorhandener Grenzen interessiert.

Fassen wir kurz zusammen: Globalisierung und technischer Fortschritt haben dazu geführt, dass die Trinität aus Nationalstaat im westeuropäischen Sinne, Identität und Souveränität im Sinken begriffen ist. Das soll nicht heißen, dass der Nationalstaat ausgedient hätte. Nach wie vor scheint die über Staatsbürgerschaft definierte Nation wichtigster Bezugspunkt für den Großteil der Menschheit und im Besonderen der Europäer zu sein. Es kann jedoch nicht in Abrede gestellt werden, dass seit den Wendejahren 1989/90 und dem damit verbundenen Kollaps des Ostblocks der Ausbau einerseits übernationaler und andererseits regionaler Identitäten und Körperschaften intensiviert hat.

Ein interessantes Objekt all dieser Betrachtungen ist Frankreich. Die Republik bildet zusammen mit England den Prototypen des Nationalstaates westeuropäischer Prägung und ist daher an einer engen Verquickung von Staatsbürgerschaft, Territorium und Identität interessiert – sie definiert sich nicht völkisch, wie die Mittel- und Osteuropäischen Staaten, sondern staatsbürgerlich. Im Kontrast dazu gibt es wenige Staaten in Europa, die über eine solche Anzahl indigener Minderheiten verfügen wie Frankreich – Okzitanier, Basken, Bretonen, Elsässer, Korsen – um nur einige zu nennen. Alle diese Minderheiten und ihre „völkischen“ Autonomieforderungen werden vom französischen Staat mehr oder weniger

ignoriert, zwar nicht bekämpft, aber ignoriert. Die Gründe hierfür sind aus dem vorausgegangenen Satz ersichtlich. Mit der europäischen, übernationalen Ebene entstand nun, insbesondere seit dem Vertrag von Maastricht 1992, eine mit dem französischen Staat quasi konkurrierende Instanz, in die viele Minderheitenvertreter Hoffnungen setzen.3

Wie lassen sich nun die weltweiten Prozesse am Beispiel Frankreichs verfolgen? Diese Frage beschäftigte mich im Besonderen im Hinblick auf die flämische Minderheit in Nordostfrankreich. Im Gegensatz zu den nationalen Bewegungen auf Korsika, im Baskenland, in der Bretagne oder Okzitanien, wird diese Volksgruppe in der europäischen Öffentlichkeit so gut wie gar nicht wahrgenommen. Existiert eine eigene französisch-flämische Identität? Gibt es Autonomie, oder gar Separationsbestrebungen? Wie steht der französische Staat zu dieser Minderheit innerhalb seiner Grenzen und wie die Europäische Union? In der folgenden Arbeit möchte ich versuchen Antworten auf diese Fragen zu finden.

Zur Geschichte und Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich

Bevor ich auf mein Augenmerk auf eventuell vorhandene, territorial oder kulturell begründete regionale Identitäten in Nordostfrankreich richten will, ist es angeraten einige Worte zur Geschichte der flämischen Minderheit und damit der flämischen Sprache auf französischem Boden zu verlieren.

Heute umfasst das flämisches Sprachgebiet den ländlichen Raum zwischen Lille und Dunkerque; als größere Gemeinden des Gebietes, die zugleich kulturelle Zentren der Minderheit darstellen, wären zu nennen: Hazebrouk (Hazebroek), Cassel (Kassel); Bailleul (Belle), Bergues (Sint Winoksbergen) und Steenvorde.4

Meist ist von 80000-100000 Flamen im Departement Nord die Rede, was einem Bevölkerungsanteil von 20% entspricht. Da jedoch bei Weitem nicht alle genuinen Flamen die Sprache auch wirklich beherrschen, kommen die Sprecher auf nur 5 % der Gesamteinwohnerschaft dieses nördlichsten Verwaltungsbezirks Frankreichs.5

Im frühen Mittelalter war die Situation eine andere: Die Sprachgrenze verlief, dem Grenzverlauf der Grafschaft Flandern folgend, ca. 30km nördlich der Somme, also südlicher als heute. Lille; Cambrai und Arras waren damals noch nicht Teil des romanischen Sprachraumes. Ihre damaligen Namen – Rijsel, Kamerijk und Atrecht6 – sind heutzutage selbst in den Niederlanden kaum noch geläufig; wohl aber in Französisch Flandern und den angrenzenden Gebieten des südlichen Belgien.

Expansion und Zentralisierung des capetingischen Frankreichs führten zur Verschiebung der politischen und kulturellen Grenze nach Norden. Eben erwähnte Städte wurden französisiert.

Darüber hinaus gab es immer wieder Versuche der französischen Könige sich ganz Flandern, also auch das heutige südliche Belgien, einzuverleiben. Vorerst scheiterten diese Versuche grandios in der Sporenschlacht bei Kortrijk 1302. Das französische Ritterheer unter Louis XI. unterlag den Bürgermilizen der geeinten flandrischen Städte – ein Datum, das im kollektiven Gedächtnis der Region eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt7.

Warum die französischen Capetinger-Könige und auch spätere Dynastien so interessiert an der Kontrolle Flanders waren, liegt auf der Hand: Die Region war aufgrund der Handelsbeziehungen ihrer Städte und der lokalen Tuchindustrie neben Oberitalien die reichste in Europa. Mit dem machtpolitischen Aufstieg der burgundischen Herzöge, deren Loslösung aus dem Lehensverband des französischen Königs und großflächiger territorialer Expansion, sollte sie auch vorübergehend eine der mächtigsten werden. Das 14./15. Jahrhundert war die „Goldene Zeit“ Flanderns. Dem Reichtum der flandrischen Städte war es zu verdanken, dass die burgundischen Herzöge sich als eigenständige Macht zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich etablieren konnten und die Königswürde zum Greifen nahe lag. Diese Goldene Zeit ist es, die vom flämischen Nationalismus seit dem 19. Jahrhundert beschworen wird und deren architektonische Zeugen noch heute identitätsstiftend wirken; bis hin zum Klischee.8

Mit dem Aussterben der männlichen Linie der burgundischen Herzöge 1477 fiel Flandern an die Habsburger, ab 1556 an deren Spanische Linie. Die Wurzeln der heutigen Situation liegen in der Zeit zwischen 1659 und 1678. Dies war der Zeitraum den Louis XIV. im Rahmen seiner Reunionspolitik benötigte, um weite Teile des südlichen Flanderns zu erobern und Frankreich einzuverleiben. Bestätigt wurden diese Erwerbungen durch die europäischen Großmächte 1713 im Frieden von Utrecht. Arras, Lille, Cambrai, Valencienne und Condé wurden französisch. Endgültig.

Zunächst brachte dieser Machtwechsel keine Einschränkungen für die ansässigen Flamen mit sich. Die Monarchie der Bourbonen betrieb keine gezielte Kulturpolitik. Ein Sonnenkönig musste seine Herrschaft nicht auf der Basis des Nationalitätenprinzips rechtfertigen. Was zählte waren Staatsräson und Gottesgnadentum, nicht Sprache und Volkszugehörigkeit.

Seltsamerweise änderte sich an dieser nicht toleranten, sondern vielmehr ignoranten Politik dem Flämischen gegenüber auch nach dem Sturz der Monarchie 1792 zunächst recht wenig.

Während andere Minderheiten als angebliche Helfer der Reaktion starken Repressionen ausgesetzt waren, blieben die Flamen von Anfeindungen verschont und wurden in den berüchtigten Hetzrede de Vieuzacs gegen die Minderheitensprachen von 1794 – besonders gegen das Bretonische, Okzitanische und Deutsche - gar nicht erwähnt. Woher diese Ignoranz rührte, ist unklar. Populäre Meinungen glauben zu wissen, dass das Flämische geschont wurde, da mehrere Führer der Revolution selbst aus dieser Region stammten9. Wie seriös diese Annahmen sind, bliebe zu prüfen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar "Grenzen und Regionen in der französischen Geschichte 1789-1945"
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V64016
ISBN (eBook)
9783638569262
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit befasst sich mit Geschichte und Zustand der niederländischen Sprache im Nordosten Frankreichs. Aus dem Inhalt: - Einleitung: Grenzen und Territorialität heute - Zur Geschichte und Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich - Bildung regionaler Identitäten in Frankreich mit oder gegen den Staat?
Schlagworte
Situation, Minderheit, Nordostfrankreich, Proseminar, Grenzen, Regionen, Geschichte
Arbeit zitieren
Konrad Reinhold (Autor), 2004, Zur Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64016

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zur Situation der flämischen Minderheit in Nordostfrankreich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden