Das Motiv des Verrats tritt in der Literatur des Mittelalters häufig auf – als politischer Verrat, der mit religiösem Verrat verknüpft sein kann, oder als Liebesverrat. Diese Arbeit untersucht den Prosaroman „Melusine“ von Thüring von Ringoltingen auf das Handlungsmuster Verrat. Der Liebesverrat, der in dem spätmittelalterlichen Text im Vordergrund steht, wird in seinen unterschiedlichen Ausprägungen analysiert. Die Arbeit verdeutlicht die Motivation und Funktion des Verrats sowie die soziale Beziehungsstruktur, in welcher dieser angesiedelt ist. Die Analyse erfolgt unter drei Gesichtspunkten: Schuld, Genealogie und Geschlecht. Alle drei stehen in entscheidendem Zusammenhang zum Verrat in Thürings „Melusine“, wie die Arbeit zeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Verrat – Ein Definitionsversuch
2. Der Verrat in Melusine von Thüring von Ringoltingen
2.1. Grundlegende Merkmale des Verrats
2.2. Schuld
2.3. Genealogie
2.4. Geschlecht
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Handlungsmuster Verrat in Thürings von Ringoltingen Roman "Melusine" aus dem Jahr 1456. Ziel ist es, die Definition, Motivation und Funktion von Verrat innerhalb der sozialen Beziehungsstrukturen des spätmittelalterlichen Textes zu analysieren, wobei die Zusammenhänge zwischen Verrat, Schuld, Genealogie und Geschlechterrollen beleuchtet werden.
- Literarische Ästhetisierung von Verrat als Handlungsmuster
- Die Rolle der höfischen Beziehungsstrukturen
- Der Zusammenhang zwischen individueller Schuld und genealogischer Ordnung
- Die Bedeutung von Geschlechterrollen und Affektkontrolle
- Die "Mahrtenehe" als zentrales Motiv
Auszug aus dem Buch
2.1. Grundlegende Merkmale des Verrats
Der Liebesverrat steht in der Melusine im Vordergrund. Er ist mit dem Bruch eines Treueverhältnisses verbunden. Kern der Melusinensage, wie sie im 14. Jahrhundert von Jean d’Arras und Couldrette erzählt und von Thüring übersetzt wurde, ist das Motiv der gestörten Mahrtenehe. Dabei handelt es sich um eine Verbindung eines Menschen mit einem überirdischen Wesen. Diese Verbindung ist an die Beachtung eines Verbots gebunden. Claude Lecouteux, der sich in mehreren Arbeiten mit dem Motiv der gestörten Mahrtenehe befasst, unterscheidet drei wichtige Momente: die Begegnung, das Verbot und dessen Übertretung. Der Verrat äußert sich in der Übertretung des Verbotes.
Die Verbindung, welche in Melusine im Mittelpunkt steht, ist die zwischen Reymund, dem jüngsten Sohn des Grafen von Forst, und der Fee Melusine. Reymund und Melusine begegnen sich an einem Brunnen unmittelbar nachdem Reymund in einem Versehen seinen Herrn, den Grafen von Potiers, getötet hat (= erster Moment der gestörten Mahrtenehe). Melusine verspricht ihm Hilfe und eine glückliche Zukunft, stellt aber gleichzeitig eine Bedingung (= zweiter Moment der gestörten Mahrtenehe):
„Reymund / du solt mir zum ersten schweren bey Gott unnd seinem Leichnam / daß du mich zu einem Ehelichen Gemahel nemmen / und an keinem Sambstag mir nimmer nachfragen / noch mich ersuchen wollest / weder durch dich selbs / noch jemand anderem gunnen / gehelen / verschaffen /noch dich lassen darauff weisen / daß du mich denn immer ersuchst / wo ich sey / was ich thu oder schaff / sondern mich den gantzen Tag unbekummert lassen wollest.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Verrat – Ein Definitionsversuch: Dieses Kapitel erarbeitet eine begriffliche Grundlage für den Verrat in der mittelalterlichen Literatur, wobei zwischen politischem Verrat und Liebesverrat unterschieden wird.
2. Der Verrat in Melusine von Thüring von Ringoltingen: Das Hauptkapitel analysiert das Handlungsmuster Verrat konkret in Thürings Text, unterteilt in die Schwerpunkte Merkmale, Schuld, Genealogie und Geschlecht.
3. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach der Verrat untrennbar mit dem Bruch eines Treuegelöbnisses und der Störung sozialer sowie genealogischer Ordnungen verbunden ist.
Schlüsselwörter
Verrat, Melusine, Thüring von Ringoltingen, Liebesverrat, Mahrtenehe, Schuld, Genealogie, Geschlechterrollen, Reymund, höfische Gesellschaft, Treuebruch, Affektkontrolle, Körperzeichen, mittelalterliche Literatur, Sozialstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das literarische Handlungsmuster "Verrat" in dem spätmittelalterlichen Prosaroman "Melusine" von Thüring von Ringoltingen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Definition von Verrat, der Bruch von Treueverhältnissen, familiäre und genealogische Schuld sowie die Bedeutung von Geschlechterrollen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Definition und Funktion des Verrats sowie dessen Auswirkungen auf die soziale Beziehungsstruktur im Roman exemplarisch herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin wendet eine literaturwissenschaftliche Analyse an, die den Text unter den Gesichtspunkten von Schuld, Genealogie und Geschlecht strukturiert und mit fachspezifischer Sekundärliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil des Werkes behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der grundlegenden Verratsmerkmale, die Entstehung und Fortsetzung der "Schuldkette" im Haus Lusignan, die genealogische Bedeutung der Fee und die geschlechtsspezifische Dimension des Verrats.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Verrat, Mahrtenehe, Genealogie, Schuld, höfische Gesellschaft und Geschlechterrollen charakterisiert.
Warum spielt das "Sehtabu" eine so entscheidende Rolle für den Verrat?
Das Sehtabu stellt die Bedingung für das gemeinsame Glück dar; dessen Übertretung führt zur Preisgabe des Geheimnisses und markiert den Beginn der privaten und später öffentlichen Phase des Verrats.
Inwiefern beeinflussen die Söhne die genealogische Interpretation?
Die körperlichen Entstellungen einiger Söhne (wie Goffroys Eberzahn) werden als ästhetische Sichtbarmachung der väterlichen und mütterlichen Schuld interpretiert, die die genealogische Ordnung des Hauses Lusignan belastet.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Grafen von Forst?
Der Graf von Forst wird als Vertreter höfischer Normen gesehen, dessen Einmischung und die daraus resultierenden Befürchtungen Reymunds als wesentliche Auslöser für dessen affektive Handlungen und den ersten Verrat fungieren.
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- Janine Wergin (Author), 2004, Verrat als Handlungsmuster in Thürings von Ringoltingen "Melusine", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64346