Verrat als Handlungsmuster in Thürings von Ringoltingen "Melusine"


Hausarbeit, 2004

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Verrat – Ein Definitionsversuch

2. Der Verrat inMelusinevon Thüring von Ringoltingen
2.1. Grundlegende Merkmale des Verrats
2.2. Schuld
2.3. Genealogie
2.4. Geschlecht

3. Schlussbetrachtung

Literaturliste
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Abbildungsverzeichnis

1. Verrat – Ein Definitionsversuch

„Etwas verraten bedeutet, ein Geheimnis einem anderen Menschen mitteilen“, schreibt Elisabeth Frenzel in ihrem BuchMotive der Weltliteratureinleitend zum Begriff des Verräters[1]. Den ’verrâtaere’ (in der Bedeutung Verräter, Wahrsager[2]) und das Verb ’verraten’ (im Sinn von: durch falschen Rat irre leiten, verführen, verraten[3]) hat es schon im Mittelhochdeutschen gegeben. Das Wort Verrat hingegen existierte nicht, ist im Grimmschen Wörterbuch[4]zu lesen. Dennoch kommt das Motiv des Verrats – die Brüder Grimm definieren diesen als „verkündung von etwas zu verschweigendem“[5]– in der Literatur des Mittelalters häufig vor. DasNibelungenliedund Thürings von RingoltingenMelusinesind Beispiele dafür.

Verrat kann heißen, ein Treueverhältnis oder einen Vertrag zu brechen, ein Geheimnis preiszugeben oder ein Versprechen nicht einzuhalten. Er kann zur Entblößung führen, sich in einer öffentlichen Aufkündigung äußern und zugleich ein Seitenwechsel sein. Im frühen Mittelalter wurde das Aufbegehren gegen den Lehnsherrn als Verrat durch Vierteilung oder Ertränken geahndet. Was Verrat ist, wird nicht zuletzt definiert von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen, die wiederum abhängig sind vom Entwicklungsstand einer Kultur.[6]

Das Mittelalter, um dessen Literatur es in diesem Aufsatz gehen soll, unterscheidet vor allem den politischen Verrat, der mit religiösem Verrat verknüpft sein kann, und den Liebesverrat. Für den Verrat im Allgemeinen gilt, was Peter von Matt für den Liebesverrat im Besonderen formuliert hat: Die Literatur könne nicht von „Liebesübereinkunft“ und von Liebesverrat handeln, „ohne die Frage nach der Macht in der für ihre Zeit und ihren gesellschaftlichen Ort grundsätzlichen Weise aufzuwerfen“[7]. Soziale Bindungen und Machtstrukturen prägen demzufolge den Verrat als Handlungsmuster.

Normen werden unterlaufen und Ordnungsgefüge gestört, soziale Beziehungen werden aufgekündigt und neu geknüpft. In mittelalterlichen Texten wird Verrat literarisch ästhetisiert. Er hat den Charakter einer Inszenierung. Die Verfasser arbeiten beispielsweise mit Ritualisierungen und Typologien[8].

MitMelusine[9]von Thüring von Ringoltingen soll im Folgenden exemplarisch ein spätmittelalterlicher Text auf das Handlungsmuster Verrat untersucht werden. Der Prosaroman stammt von 1456 und geht auf eine französische Vorlage zurück, den von Couldrette verfassten VerseposMellusinePoème relatif à cette fée Poitevine composé dans le quatorzième siècle par Couldrette. Die Untersuchung soll deutlich machen, wie sich Verrat in ThüringsMelusinedefiniert. Gefragt wird nach der Motivation und Funktion des Verrates sowie nach der sozialen Beziehungsstruktur, in welcher dieser angesiedelt ist. Welche Probleme hat der Verfasser in den Vordergrund gerückt? Zunächst wird der Verrat allgemein untersucht. Dann erfolgt die Analyse unter drei Gesichtspunkten: Schuld, Genealogie und Geschlecht. Alle drei stehen in entscheidendem Zusammenhang mit dem Verrat in ThüringsMelusine, wie im Folgenden gezeigt werden soll.

2. Der Verrat in Melusine von Thüring von Ringoltingen

2.1. Grundlegende Merkmale des Verrats

Der Liebesverrat steht in derMelusineim Vordergrund. Er ist mit dem Bruch eines Treueverhältnisses verbunden. Kern der Melusinensage, wie sie im 14. Jahrhundert von Jean d’Arras und Couldrette erzählt und von Thüring übersetzt wurde[10], ist das Motiv der gestörten Mahrtenehe[11]. Dabei handelt es sich um eine Verbindung eines Menschen mit einem überirdischen Wesen. Diese Verbindung ist an die Beachtung eines Verbots gebunden. Claude Lecouteux, der sich in mehreren Arbeiten mit dem Motiv der gestörten Mahrtenehe befasst, unterscheidet drei wichtige Momente: die Begegnung, das Verbot und dessen Übertretung.[12]Der Verrat äußert sich in der Übertretung des Verbotes.

Die Verbindung, welche inMelusineim Mittelpunkt steht, ist die zwischen Reymund[13], dem jüngsten Sohn des Grafen von Forst, und der Fee Melusine. Reymund und Melusine begegnen sich an einem Brunnen unmittelbar nachdem Reymund in einem Versehen seinen Herrn, den Grafen von Potiers, getötet hat (= erster Moment der gestörten Mahrtenehe). Melusine verspricht ihm Hilfe und eine glückliche Zukunft, stellt aber gleichzeitig eine Bedingung (= zweiter Moment der gestörten Mahrtenehe):

„Reymund / du solt mir zum ersten schweren bey Gott unnd seinem Leichnam / daß du mich zu einem Ehelichen Gemahel nemmen / und an keinem Sambstag mir nimmer nachfragen / noch mich ersuchen wollest / weder durch dich selbs / noch jemand anderem gunnen / gehelen / verschaffen /noch dich lassen darauff weisen / daß du mich denn immer ersuchst / wo ich sey / was ich thu oder schaff / sondern mich den gantzen Tag unbekummert lassen wollest.“[14]

Reymund willigt ein, verstößt aber nach Jahren des gemeinsamen Glücks gegen sein Gelübde. Er beobachtet Melusine trotz des Verbots an einem Samstag durch ein Tür-Loch und entdeckt, dass sie halb Mensch und halb Wurm ist (= dritter Moment der gestörten Mahrtenehe). Obwohl sie von der Übertretung weiß, lässt Melusine dieser keine Konsequenzen folgen. „[D]och thet sie es darumb / daß sie wol wust / daß er [Reymund, J.W.] noch keinem Menschen darvon nichts gesagt hette / und die Sach ihm selbst behielte“[15], begründet der Erzähler Melusines Verhalten. Zum wiederholten Verstoß kommt es, als Reymund in einem aufgebrachten Moment ihr Geheimnis der Öffentlichkeit preis gibt, sie anklagt und als „bose Schlang unnd schendtlicher Wurm“[16]beschimpft.

Das Motiv des Verrates ist in derMelusinealso doppelt gestaltet. Man kann eine Inkonsequenz in der Handlungslogik konstatieren. Melusine – die selbst einem Fluch unterliegt, der nur durch die Einhaltung des Tabus zu brechen ist – darf offenbar eigenmächtig entscheiden, dass der Verrat erst mit der Öffentlichmachung vorliegt. Das Gelübde von Reymund hatte sich aber eindeutig auf das Sehverbot an Samstagen bezogen. An dessen Stelle tritt nun ein Schweigegebot. Ulrike Kindl erklärt, der Roman mische mit diesen Verboten zwei klassische Mysteriengesetze miteinander: „das erstere wird der Außenwelt auferlegt, die sich dem Geheimnis nicht uneingeweiht nähern darf [...], das zweite wird dem Eingeweihtem auferlegt, der bei strengster Strafe das Geheimnis nicht profanieren darf“[17]. Einen anderen Gesichtspunkt bringt Gerhild Scholz-Williams zur Sprache. Sie schreibt Worten eine besondere Zerstörungskraft zu. „Einmal formuliert und öffentlich, das heißt, rechtlich wahrgenommen“ würden diese „in zwingender Unausweichlichkeit zur Erfüllung drängen“[18]. Das könnte erklären, warum die öffentliche Anklage der folgenschwerere Verrat in derMelusineist. Eine Begründung, warum der eindeutige Verstoß gegen das Gelübde nicht zur Katastrophe, sondern zu einer Umwandlung des Sehverbots in ein Schweigegebot führt, liefert dieser Ansatz nicht.

Um die Struktur des Verrates hinreichend zu erfassen, muss auch nach der Motivation desselben gefragt werden. Bevor Reymund seinen Eid zum ersten Mal bricht, hat er ein Gespräch mit seinem Bruder, dem Grafen von Forst.

Weil dieser Reymund an einem Samstag besucht, wird er von Melusine nicht empfangen. Der Graf von Forst äußert daraufhin seine Befürchtungen und rät Reymund, sich zu vergewissern:

„ir habt [...] groß unehr / viel nachrede / denn etlich die meynen / sie [Melusine, J.W.] treibe buberey / und habe andere Leut lieber denn euch / Etliche sprechen / es sey ein Gespenst / und ein ungeheuwer wesen umb sie / [...] darzu rahte ich euch / daß ihr gedencket zu wissen / was ihr gewerbe sey / das ihr nicht zu einem Thoren gemacht / und von ihr also geeffet werdet.“[19]

In „grosser grimmigkeit“[20]und „in harten Zorn“[21]verschafft sich Reymund sogleich Gewissheit über das geheime Tun seiner Frau. Die Motivation ist in diesem Fall eine doppelte. Reymund bricht den Schwur in einem Moment, in dem er von seinen Affekten überwältigt ist. Er handelt unbeherrscht. Zum einen hat die Rede des Bruders Misstrauen an der Treue der geliebten Frau geweckt. Zum anderen scheinen Reymunds Ehre und sein Ansehen in der Gesellschaft bedroht. Melusines Heimlichkeit stürzt ihn in einen Loyalitätskonflikt, in dem sich vor allem die höfisch-ritterliche Öffentlichkeit und das seiner Frau gegebene Versprechen gegenüber stehen. Gerhild Scholz-Williams kommt zu dem Schluss, der Vertrauensbruch reflektiere Reymunds Ohnmacht gegenüber dem Zwang der öffentlichen Meinung[22]. Der Graf von Forst beruft sich in seiner Rede auf diese.[23]

Als Vertreter der höfischen Gesellschaft verweist er auch auf die Gastgeberpflichten einer feudal-adligen Frau, die Melusine vernachlässigt[24], in dem sie nicht erscheint: „heißt ewer Gemahel herfur zu euch und ewren Gasten kommen / und sie allda empfahen / und inen Ehr anthun / als sichs denn nun geburt“[25]. Der Verstoß gegen die Gepflogenheiten und Normen der feudalen Gesellschaft gibt den Anstoß für die sich anschließende Rede des Grafen und in deren Folge für den ersten Verrat. Die soziale Beziehungsstruktur der höfischen Gesellschaft, in welcherMelusineangesiedelt ist, ist über diese Stelle hinaus ausschlagend für den gesamten Roman, wie diese Arbeit zeigen soll.

[...]


[1] Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur, Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Stuttgart 1999, S. 788.

[2] Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, in der Ausgabe letzter Hand, 2. Nachdruck der 3. Auflage von 1885, Stuttgart 1992, S. 327.

[3] Ebd., S. 326.

[4] Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Band 12: V-verzwunzen, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Leipzig 1956, S. 984.

[5] Ebd.

[6] Vgl. http://www.wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/verrat.htm (20.02.2004)

[7] Peter von Matt: Liebesverrat, Die Treulosen in der Literatur, München 1991, S. 143.

[8] Ein Beispiel für Ritualisierung findet sich imRolandslieddes Pfaffen Konrad. Die Beratung Karls und seiner Paladine wird ritualisiert. Der Stereotyp des schwachen Kaisers inHerzog Ernstist ein Beispiel für die im Mittelalter verwendeten Typologien.

[9] Thüring von Ringoltingen: Melusine, In der Fassung des Buchs der Liebe (1587), Mit 22 Holzschnitten, herausgegeben von Hans-Gert Roloff, Stuttgart 1969.

[10] Bei ThüringsMelusinehandelt es sich nicht um eine reine Übersetzung von Couldrettes Werk. Thüring greift verändernd in den Text ein. Darauf kann in dieser Arbeit aber nicht näher eingegangen werden.

[11] Claude Lecouteux, der sich mit der Entstehung der Melusinensage befasst, unterteilt die Vor-Melusinensagen in zwei Gruppen: Erzählungen von der gestörten Mahrtenehe und Erzählungen von Schlangenweibern. Claude Lecouteux: Zur Entstehung der Melusinensage, in: ZfdPh 98 (1979), S. 73-84, hier S. 73, 76.

[12] Claude Lecouteux: Das Motiv der gestörten Mahrtenehe als Widerspiegelung der menschlichen Psyche, in: Vom Menschenbild im Märchen, herausgegeben von J. Janning (u.a.), Kassel 1980, S. 59-71, hier S. 59. Ders., Zur Entstehung der Melusinensage.

[13] Die Schreibweise des Namens variiert im Text von Thüring. So wird auf Seite 5 von „Reymundt“ berichtet, während die gleiche Figur vielfach im Roman als „Reymund“ bezeichnet ist, so zum Beispiel auf Seite 7. In dieser Arbeit wird durchgängig der Name „Reymund“ verwendet.

[14] Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 14.

[15] Ebd., S. 74.

[16] Ebd., S. 86.

[17] Ulrike Kindl: „Melusine“ – Feenmärchen oder historische Sage?, in: Annali della Facoltá di Lingue e Letterature Straniere di Ca’ Foscari 23 (1984), S. 115-126, hier S. 119.

[18] Gerhild Scholz-Williams: Magie entzaubert: Melusine, Paracelsus, Faustus, in: Entzauberung der Welt, Deutsche Literatur 1200-1500, herausgegeben von James F. Poag und Thomas C. Fox, Tübingen 1989, S. 53-71, hier S. 56.

[19] Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 70.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Vgl. Gerhild Scholz-Williams: Mélusine/Melusine: Erfahrungsdeterminierter Realismus im frühneuzeitlichen Roman, in: LiLi 23 (1993), S. 10-23, hier S. 20.

[23] Ob es wirklich eine üble Nachrede im Volk gibt oder ob diese vom Grafen von Forst erfunden wurde, bleibt offen.

[24] Vgl. Irmela von der Lühe: Die Frau als Naturwesen im Volksbuch von der „Schönen Melusine“, in: Frauen und Wissenschaft, Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976, herausgegeben von der Gruppe Berliner Dozentinnen, Berlin 1977, S. 220-229, hier S. 225.

[25] Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 70.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Verrat als Handlungsmuster in Thürings von Ringoltingen "Melusine"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Grundkurs C: Verrat
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V64346
ISBN (eBook)
9783638571906
ISBN (Buch)
9783638669931
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verrat, Handlungsmuster, Thürings, Ringoltingen, Melusine, Grundkurs, Verrat
Arbeit zitieren
Janine Wergin (Autor), 2004, Verrat als Handlungsmuster in Thürings von Ringoltingen "Melusine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64346

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