Das Konzept der Antipädagogik im Überblick


Seminararbeit, 1998

61 Seiten, Note: 2-3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. DIE ANTIPÄDAGOGIK - ALLGEMEINE BETRACHTUNG

2. ENTWICKLUNG EINER ANTIPÄDAGOGIK

3. ANTIPÄDAGOGIK <-> ANTIAUTORITÄRE ERZIEHUNG

4. DIE PARALLELE ZUR ANTIPSYCHIATRIE

5. KINDERRECHTSBEWEGUNG BZW: DIE JURISTISCHE STATT PÄDAGOGISCHE BEZIEHUNG

6. DIE ”SCHWARZE PÄDAGOGIK”

7. DIE PÄDAGOGIK DER ANTIPÄDAGOGIK

8. EINER DER HAUPTVERFECHTER: EKKEHARD VON BRAUNMÜHL
8.1. KINDERWUNSCHMOTIV UND KINDERFEINDLICHKEIT
8.2. AUTONOMIE
8.3. ERZIEHUNG UND IHR ERFOLG
8.4. UND DIE PRAXIS?

9. DIE PÄDAGOGISCHE ANTHROPOLOGIE ALS RECHTFERTIGUNG DER ERZIEHUNG

10. VERSCHIEDENE ERZIEHUNGSBEGRIFFE UND KRITISCHE STELLUNGNAHMEN

11. DIE UMRISSE DES ANTIPÄDAGOGISCHEN GEDANKENGEBÄUDES = DAS ANTIPÄDAGOGISCHE MENSCHENBILD

12. DIE UMSETZUNG DES ANTIPÄDAGOGISCHEN ANSATZES
12.1. GRENZVERLETZUNG
12.2. ÜBERLEGUNGEN
12.3. ERFAHRUNGEN
12.4. KONSTRUKTIONSVERSUCHE

13. DIE BEDEUTUNG DER ANTIPÄDAGIGIK FÜR DEN ERZIEHUNGS- AUFTRAG DER SCHULE

14. DIE ANTIPÄDAGOGIK ODER DIE KRAFT DER NEGATION

15. KRITIK AN DER ANTIPÄDAGOGIK
15.1. VEREINFACHUNGEN
15.2. WISSENSCHAFTSFEINDLICHKEIT
15.3. ATTRAKTIVITÄT

SCHLUßWORT

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

Die Antipädagogik sieht die Erziehung als einen moralisch verwerflichen Eingriff in das Leben von Kindern an und fordert die Abschaffung der Erziehung. Sie stellt eine neue Lebensphilosophie dar, über die diese Hausarbeit berichten wird.

”Es ist seltsam, daß man seit man

sich mit der Erziehung der Kinder

beschäftigt hat, auf keine anderen

Mittel, sie zu leiten, verfallen ist als

auf Wetteifer, Eifersucht, Neid,

Eitelkeit, Habgier, Feigheit, also

gerade die gefährlichsten Leidenschaften,

die am schnellsten emporschießen

und am geeignetsten sind, die

Seele zu verderben.” [1]

”Schafft die Erziehung ab!” - so lautet die radikale Forderung der Antipädagogen. Was sich noch alles hinter diesem Begriff verbirgt, werden folgende Ausführungen versuchen, zu verdeutlichen.

1. ANTIPÄDAGOGIK - ALLGEMEINE BETRACHTUNG

Dem traditionellen pädagogischen Bild vom Menschen als ein erziehungsbedürftiges Wesen stellt die Antipädagogik eine radikale Antithese gegenüber: Kein Mensch ist erziehungsbedürftig. Die Erwachsenen sind nicht für die Kinder verantwortlich. Wenn man Kinder liebt, erzieht man sie nicht! Die Antipädagogik wendet sich von sämtlichen pädagogischen Theorien radikal ab und ersetzt das pädagogische Menschenbild durch ein antipädagogisches.[2] Die Antipädagogik ist eine Bewegung, die heftig alle Erziehungsansprüche attackiert und die Notwendigkeit und den Nutzen von Erziehung verneint: ”Schafft die Erziehung ab!” [3] Der Beginn der Antipädagogik im deutschsprachigen Raum liegt im Jahre 1975 und fällt mit der Veröffentlichung des Buches ”Antipädagogik - Studien zur Abschaffung der Erziehung” (Braunmühl) zusammen. Dieses Buch ist ein kompromißloser, leidenschaftlicher Frontalangriff auf die Pädagogik und wurde in der pädagogischen Diskussion vorerst ignoriert. Anfang der 80er Jahre erschien das Buch ”Am Anfang war Erziehung” von der Psychonanalytikerin Alice Miller. Dieser Bestseller sorgte für einen starken Aufschwung der Antipädagogik und somit war die Erziehungswissenschaft zum Handeln gezwungen. Ab den späten 70er Jahren wurde auch den griffigen und viel Staub aufwirbelnden antipädagogischen Postulaten in den Medien mehr Raum gewährt. 1979 kam das Lied ”We don´t need education” von der englischen Popgruppe Pink Floyd auf den Markt.

”We don´t need education

We don´t need no thought control

No dark sarcasm in the classroom

Teachers leave the kids alone”[4]

Dieser Song landete einen Millionenhit und vermittelte schmackhaft ein besonders auf Erziehung und Schule bezogenes Anti-Gefühl. Auch die modische Bewunderung der kindlichen Fähigkeiten führte zur Stärkung des antipädagogischen Ansatzes. Grönemeyer besingt in seinem Lied ”Kinder an die Macht” das kindlich Geniale und Kompromißlose: ”Sie sind die wahren Anarchisten/ lieben das Chaos/ räumen ab/ kennen keine Rechte/ keine Pflichten/ noch ungebeugte Kraft/ massenhaft ungestümer Stolz”.[5] Deshalb forderte Grönemeyer 1986, daß den Kindern das Kommando gegeben werden soll. Die Zahl von Erwachsenen, die von der Sehnsucht erfaßt werden, einmal wieder Kind zu sein, wird immer größer. Montagu schrieb 1984, daß die Kinder in den Bereichen Wissbegierde, Lernwilligkeit, Phantasie, Spielfreude, Aufgeschlossenheit, Flexibilität, Humor und Liebesbereitschaft den Erwachsenen überlegen sind. Er ist der Ansicht, daß es das Beste ist, wenn man die Kindheit bis zum sechzigsten Lebensalter verlängern würde. Das die Antipädagogik so erfolgreich in den 80er Jahren sein konnte, beruht also im wesentlichen auf diesen Grundstimmungen.[6]

2. ENTWICKLUNG EINER ANTIPÄDAGOGIK

Antipädagogik kann nicht ohne Pädagogik existieren. Letzteres ist demnach Voraussetzung. Beinahe solange wie schriftliche Überlieferungen aus den Kulturen existieren, besteht auch die Pädagogik. Bevor die Entstehung der Antipädagogik näher beschrieben werden soll, wird der Begriff Erziehung definiert: ”Erziehung ist die Einwirkung einzelner Personen oder der Gesellschaft auf einen sich entwickelnden Menschen und Erziehung im engeren Sinne ist die planmäßige Einwirkung von Eltern und Schule auf den Zögling, d.h. auf den unfertigen Menschen zu dessen Wesen die Ergänzungsbedürftigkeit und -fähigkeit, auch das Ergänzungsbestreben gehören. Zweck der Erziehung ist es, die Zöglinge zu Entfaltung drängenden Anlagen zu fördern oder zu hemmen, je nach dem Ziel/ Erziehungs-ideal, das mit der Erziehung erreicht werden soll. Mittel der Erziehung sind vorallem das Beispiel, daß der Erzieher dem Zögling gibt, dann der Befehl (Gebot und Verbot), die Überredung, die Gewöhnung und der Unterricht. Die Erziehung erstreckt sich auf Körper, Seelen und Geist... und das der heranwachsende Zöglin einen für sich selber und für die Gesellschaft günstigen seelisch-geistigen Standpunkt gegenüber den Menschen, gegenüber Familie, Volk, Staat, usw. gewinnt...”[7] In der Pädagogik geht es fast immer um gefügig machen, anpassen, lenken und Unterdrückung. Durch dieses wird das Interesse der Menschen geweckt, Macht über andere ausüben zu wollen, egal ob bewußt oder weniger bewußt. Im Laufe der Industrialisierung ist hierfür auch ein krankhafter Selbstdünkel oder auch die maßlose Überwertung der eigenen Person enstanden. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das Verlassen der ”wilden” Gesellschaften in immer kleinere Segmente und letztendlich der Eheverbände ein Boden des Individualismus, sowie auch ein Grund für die Ungleichheit des Menschen. Durch diese entstandene Verkopfung wurde eine Führerbildung möglich. Diese bildete sich in Form von Priestern, Medizinmännern oder Kriegsführern und deren Vergattung. Um diesen Machtanspruch zu verwirklichen und um seinen Untertan an das Bild des Menschen anzupassen, daß der jeweilige Machthaber propagiert, war und ist Erziehung notwendig. Die Pädagogik hat ein festes Menschenbild. Im Laufe der Zeiten wechselt jedoch dieses Bild. Es stellt nur den vorgestellten Menschen dar und läßt aber die übrige Natur, die in Beziehung und Abhängigkeit zum Menschen steht, außer acht. Es wird zunächst ein Abstraktum entwickelt und später mit der Lehre, der Kunst und der Wissenschaft dieser entsprechende Mensch verwirklicht. Mit Hilfe dieser Skizze der Pädagogik wird nun die Entstehung einer Antipädagogik vorgezeichnet.

Druck erzeugt Gegendruck, welcher jedoch für den Menschen erst relativ spät erlebbar wird. Der Leidensdruck kann durch geschickte Handhabung ständig erhöht werden, ohne daß es zum Widerstand kommt. Erst bei Unerträglichkeit kommt dieser zum Ausdruck. Durch Anhebung der Grenzwerte wurden die Anzeichen der Unerträglichkeit unbedenklich gemacht. Ein Beispiel dafür zeigt die indische Geschichte. Bis ca. 500 vor Beginn unserer Zeitrechnung war die Autorität der Vehden allmächtig und unantastbar. Bis dahin wurden durch die Priester jegliche Zweifel und Kritik unterdrückt. Dann tauchten Charvakas, materialistische Denker erstmals auf. Sie griffen die Religion an und stellten die heilige Ordnung in Frage. Der folgende Ausspruch soll die deutliche Verneinung der bisher gültigen Ethik zeichnen: ”Warum lässest du, oh Rama, müßge Gebote dein Herz so bedrängen? Sinds doch Gebote, die Dummen und Blöden zu täuschen! Mich jämmern die irrenden Menschen, die vermeintliche Pflichten befolgen: Sie opfern den süßen Genuß, bis ihr unfruchtbar Leben versickert. Vergeblich bringen sie noch den Göttern und Vätern ihr Opfer. Vergeudetes Mahl! Kein Gott und kein Vater nimmt jemals gesegnete Speise, wenn einer sich mästet, was frommt es den anderen? Dem Brahmanen gespendete Speise, was hilft sie den Vätern? Listige Priester erfanden Gebote und sagen mit eigensichtigen Sinnen: Gib deine Habe, du Buße und bete, laß fahren die irdische Habe! Nicht gibt es ein Jenseits, oh Rama, vergeblich ist Hoffen und Glauben; genieße dein Leben allhier, verachte das ärmliche Blendwerk!”[8] Diese Antithese der Charvakas konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Das Weltbild der Brahmanen ist autoritär und das Weltbild der Charvakas ist durch eine radikale antiautoritäre Haltung gekennzeichnet, welche wiederum eine Potenz der Antipädagogik ist. Innerhalb der philosophischen Systeme kann die Schule der Kyniker als weitere antipädagigische Potenz bezeichnet werden. Anthistenes war deren Begründer und Diogenes von Sinope war sein Schüler. Man sollte vorerst ein Verständnis von den Begriffsinhalten der zwei griechischen Wörter ´physis`und ´nomos` erhalten, um die Position der Kyniker begreifen zu können. Am besten lassen sie sich mit den Wörtern ´Natur`und `Brauch`übersetzen. Die Kyniker verwarfen den Begriff ´nomos`, denn sie suchten ein Leben, daß allein nach den Geboten der Natur gelebt werden kann. Die Kyniker ließen die Wirklichkeit nicht in Geist und Materie oder Idee und Natur zerfallen, sondern sie identifizierten sich mit ihrer subjektiven und auch mit der objektiven Natur. Sie wollten ein Leben in Selbstbestimmung. Sie waren bedürfnislos und kannten keinerlei geltende Sitte an.

Ein weiteres Phänomen der Weltgeschichte, an dem Berührungspunkte zur Antipädagogik erkennbar sind, ist die Hominisierung der menschlichen Entwicklung. Der Begriff Homo meint hier die Vermännlichung im Sinne von Männlichkeitswahn und geht auf den katholischen Religionshistoriker Otfried Ebez zurück. Die Männerhäuser haben mit nicht wiederholbarer Reflexion den Frauenhäusern ein Ende gemacht und zum geistigen Eigentum der Männlichkeit gemacht. Es handelt sich hier um das naturgestzwidrige Überwiegen des männlichen Prinzips. Dieses manifestiert sich in Logos und steht dem weiblichen Prinzip der Sophia gegenüber. Rede, Sprache, Gedanke und Begriff auf der einen Seite und die schöpferische Weisheit, die ”die ganze Natur in ihrem Herzen trägt” auf der anderen.

Durch Atomisierung und Herrschaft wird Antipädagogik ein Phänomen des Leidendrucks. Experimentierfelder der Anthropologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie z.B. im Schulbereich die Walddorf-, Montesorri-, Freinet-, Holt-, Goodman- oder Neill-Pädagogik und die Reform-, Land- und die Freien Schulen waren letzlich allesamt notwendig, um zu den Einsichten der heutigen Antipädagogik zu kommen. Bei Anti-Pädagogik handelt es sich schließlich um Ablehnung und Verneinung der Pädagogik. Der Mensch brauch erstaunlich lange bis er weiß, was er nicht will. Dieses Herausfinden ist ein langer Prozeß und er setzt auch voraus, daß die ”wilden”, ursprünglichen Erlebnisweisen verschüttet und verändert wurden. Jede Selbstfindung ist ”eine Reise in die Vergangenheit”. Während dieser Reise wird bewußt, was der konkrete Mensch eigentlich ist. Er erfährt was seine tatsächlichen Bedürfnisse waren und welche davon nicht befriedigt werden konnten. Dadurch wird erst sehr spät entdeckt, wie es dazu kam, daß der Mensch mit all seinen Verklemmungen, Neurosen und Verbiegungen ein Produkt von Mangel und Überfluß wird. Beide sind ihm aufgezwungen wurden. Von Führern wurden ihm künstliche Notwendigkeiten in Form von Gesetzen und Menschenbildern aufgezwungen. Die Möglichkeit der Selbsterkenntnis, die nie eine endgültige ist, ergibt sich erst durch die Bewußtmachung des Mangels oder auch des Überflusses im Individuum. Durch die sichbargemachten Vorfahren der Antipädagogik werden verschiedene Details des Selbsterkenntnisweges des Menschen deutlich.

Mauthners Aussage von 1910 im Wörterbuch der Philosphie wurde von Braunmühl, A. Miller, Ostermeyer und Kupffer an die Öffentlichkeit gebracht. ”...Alle Reformatoren der Pädagogik glaubten, die Kinder lieb zu haben; aber alle waren sie ruchlose Weltverbesserer, ruchlose Optimisten, welche die Kinder irgend einer Zucht unterwarfen, die Schule zum Zuchthaus machten, um der Zukunft Willen, um einer Utopie Willen, um der Kinder Land nach ihrer eigenen Phantasie zu gestalten. Ob vaterlandslos oder kosmopolitisch wie Pestalozzi, ob vaterländisch wie Fichte, ob kirchlich wie die Jesuiten und die Pietisten, ob antikirchlich wie die Prädiger der freien Gemeinden, alle diese Kinderfreunde wurden zu Kindermördern, so edle Menschen sie waren, weil sie Weltverbesserer waren, weil ihnen der Kinder zukünftiges Land wertvoller dünkte, als des Kindes gegenwärtiges Glück. Auch der Staat hatte keine böse Absicht dabei, da er die Schulen, auf die er so stolz ist, so einrichtete, daß sie dem alten Moloch ähnlicher geworden ist als einem Kindergarten. Ob die Kinder für einen unbekannten Gott verbrannt werden oder ob sie für eine unbekannte Zukunft sieben bis siebzehn Jahre gemartert werden, es ist die gleiche Verirrung...”[9]

Es stellt sich dennoch die Frage: Wieviel Leidensdruck ist nötig, um das Leid zu verbalisieren und endlich ”Nein” zu sagen?[10]

3. ANTIPÄDAGOGIK <-> ANTIAUTORITÄRE ERZIEHUNG

Die Antipädagogik kann als die zweite Welle einer Bewegung angesehen werden, deren erste die antiautoritäre Erziehung gewesen ist. Das läßt sich sehr schön an einer Aussage Neill´s aufzeigen: ”Es ist falsch, irgend etwas durch Autorität zu erzwingen.”[11] Aus dieser Forderung des Summerhill-Begründers entsteht durch die Streichung der Stelle ”durch Autorität” folgender antipädagogischer Ausspruch: ”Es ist falsch, irgend etwas zu erzwingen.”[12] Begründet wird das damit, daß das Neugeborenen schon das eigene Beste selbst spürt, und daher auch kein Zwang notwendig ist. Doch als zweite Welle versteht sich die Antipädagogik nicht. Sie richtet sich deshalb gegen die Antiautoritären, weil diese noch an die Erziehung glaubten. Die Antiautoritären wollten mit Hilfe von Erziehung eine neue Generation herraufführen. In der antiautoritären Erziehung ist der Grundgedanke von Rousseaus -Emile- noch einmal ins Leben gerufen worden. Dieser besagt, daß man mit Hilfe der Erziehung, aber abseits von der Gesellschaft, einem Kind so viel Natürlichkeit und so viel Kraftentwicklung ermöglichen könne, daß es sich später als ein kräftiges Selbst auch in der Gesellschaft zu behaupten vermag. Doch auch darin sehen die Antipädagogen noch eine Form von Manipulation. Sie richten ihre Attacken auf den Erziehungsanspruch als solchen: ”Erziehung aller Art ist nichts als Verkrüppelung und Mißhandlung, Ausagieren narzißtischer Machtgelüste, Prostitution, Betrug und so fort.”[13] Antipädagogen sehen die Erziehung als einen Verformungs- und Verzerrungsprozeß der Kindes- und Menschennatur an.[14]

Auch Alice Miller nimmt Kritik an der antiautoritären Erziehung vor. Sie ist der Meinung, daß die Eltern ihre Kinder darauf drillen, ein bestimmtes Verhalten anzunehmen, das sie sich selbst einmal gewünscht haben. Auch Schoenebeck stellte klar, daß zwischen Antipädagogik und antiautoritärer Erziehung kein Zusammenhang besteht; jedoch verwieß er ausdrücklich auf die Nähe zu Neill. Nach Schoenebecks Meinung wird die antipädagogische Position in Neills letzten Schriften deutlich. Folgende Regeln, die Neill in einer seiner letzten Schriften ”Die Befreiung des Kindes” den Eltern gab, klingen tatsächlich sehr antipädagogisch.[15] ”Ich werde mein Kind nicht nach meinem Ebenbild formen. Ich bin nicht gut genug, nicht weise genug, um meinem Kind zu sagen, wie es leben soll. ...Es soll seinen Anlagen gemäß heranwachsen, ohne Einmischung durch mich.”[16]

4. DIE PARALLELE ZUR ANTIPSYCHIATRIE

Ein wichtiger Stützpunkt des antipädagogischen Ansatzes wurde die Bewegung der ”Antipsychiatrie”, welche sich in den 60er Jahren in verschiedenen europäischen Ländern formierte.[17] Durch die anti-institutionelle Bewegung innerhalb der Psychiatrie und die Infragestellung des bisherigen Umgangs mit psychiatrischen Patienten hat die Antipädagogik ihr Stichwort bekommen. Heinrich Kupffer leitete mit seinem Aufsatz ”Von der Anti-Psychiatrie zur Antipädagogik” die antipädagogischen Diskussionen der 70er Jahre ein.[18] Kupffer (Pädagogikprofessor in Kiel) stellte eine These auf, die folgendes besagt: ”Die antipädagogische Bewegung ist auch für die Pädagogik von grösster Bedeutung.”[19] Die Parallele von der Antipädagogik zur Antipsychiatrie wird in der fehlenden Mitbestimmungsfähigkeit gesehen: Die Kranken können aufgrund ihrer Nicht-Gesundheit nicht bestimmen. Jugendliche sind deshalb nicht mitbestimmungsfähig, weil sie angeblich über keinen Überblick verfügen. Dies führt dazu, daß sich die Institutionen verselbstständigen und die untergeordnete Stellung der Kranken bzw. der Jugendlichen vorbestimmt wird. Diese kustodialen Strukturen werden über die pädagogischen gestellt. Das führt dazu, daß der Erziehungsbegriff kustodiale Elemente in sich aufnimmt.[20]

Folgend soll das eben Beschriebene genauer erläutert werden. Ich werde jetzt auf die neue Haltung in der Psychiatrie eingehen, die in der Tat ein Modell abgibt, von dem alle Humanwissenschaften lernen können. Der zentrale Gedanke lautet, daß der Mensch Subjekt des Heilungs- oder Konsoldierungsvorgangs bleiben muß. Es darf nicht sein, daß er zum Objekt einer über ihn hinweggehenden Behandlung wird. Es ist stets anzuerkennen und zu respektieren, daß die Krankheit Teil des Selbst ist. Nur wenn sich das Subjekt mit dieser Krankheit selbst auseinandersetzt, an sich selber arbeitet, können Handlungs- und Bewußtseinsveränderungen vor sich gehen. Der Therapeut bzw. Arzt wirkt daran natürlich mit, aber nicht im Sinne eines eingreifend Tätigen, der eine Behandlung durchführt, sondern als Gesprächspartner und Helfer. Es übt hier kein Mensch über einen anderen Menschen Macht aus. Somit wird auch keine Veränderung im Sinne des Therapeuten vorgenommen. Vielmehr begegnen sich hier beide Partner auf gleicher Ebene, d.h. es existiert ein Verhältnis, welches von Gleichberechtigung geprägt ist. Beide Partner können voneinander lernen. Damit beide zusammen einen besseren Einblick in die Krankheit bekommen, besteht hier ein Vorgang des Gebens und Nehmens, des Verstehens und Anbietens von Deutungen. Dem Leidenden soll dieser Einblick eine Hilfestellung dafür sein, mit seinen Schwierigkeiten auf neue Weise fertig zu werden. Die Antipsychiatrie-Bewegung fordert also ein Verhältnis, daß durch Symmetrie, Partnerschaft und Gleichberechtigung geprägt ist. An dieser Stelle sehe ich es als wichtig an, dieser Forderung auch kritisch zu begegnen. Ich werde mich dabei auf Flitners Meinung beziehen. Auf beiden Seiten dieses Sozialverhältnisses geschieht nicht völlig Gleichgewichtiges. Der eine sucht ja schließlich die Hilfe und der andere bietet diese Hilfe professionell an. Natürlich besteht hier ein Verhältnis, in dem beide Partner voneinander lernen können, dennoch sind die Motive, die Veränderungen und die Bedeutung, die das Geschehen für das eigenen Leben hat, auf beiden Seiten von verschiedener Natur. Beide Seiten erwarten nun mal Verschiedenes von dieser Beziehung und sie nehmen auch Ungleiches aus ihr mit. Darüber hinweg sollte die Forderung die Antipsychiatrie-Bewegung nicht hinwegtäuschen. Weil schon das therapeutische Verhältnis nicht hinreichend durch Symmetrie gekennzeichnet ist, trägt auch die Analogie zwischen dem therapeutischen Verhältnis und der pädagogischen Beziehung nur ein Stück weit. Obwohl sich einige Parallelen aufzeigen lassen, ist doch die Beziehung zwischen Kindern und Eltern von anderer Beschaffenheit als die Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Unter Leidensdruck steht kein Kind an sich. Auch haben sie nicht den Willen, sich zu verändern. Ihre Abhängigkeit ist zunächst einmal auch von der Natur vorgegeben und aus ihr wachsen die Kinder zu einer Selbstständigkeit heran. Dabei bedürfen sie der Hilfe der Erwachsenen. Ebenfalls ist der Therapeut nicht in einer Schicksalsgemeinschaft mit dem Patienten verbunden - so wie das zwischen Eltern und Kindern der Fall ist. Die Psyche der Eltern ist auch vom Befinden und den Entwicklungsschritten ihrer Kinder betroffen, was sich nicht mit einem therapeutischen Verhältnis vergleichen läßt. Trotz dieser Kritik lassen sich doch eine Reihe von pädagogischen Fragen anläßlich der Antipsychiatrie an die Institutionen richten. Z.B.: Inwieweit wollen Institutionen einen totalen Lebensraum für die Kinder herstellen? Inwiefern bringen Institutionen verzerrte Lebensverhältnisse mit sich, die für das Kind ein nachteiliges oder einseitiges Lernfeld darstellen? In Institutionen ist es meist so, daß Erwachsene und Kinder nicht miteinander und in Wechselwirkung durch die verschiedenen Lebensphasen hindurchreifen und auch nicht voneinander lernen. Die Rollen sind eindeutig festgelegt. Die Erwachsenen nehmen die Rolle der profesionell Tätigen ein und die Kinder werden in die Position der zu Lenkenden und zu Behandelnden gesteckt. Diese Konstellation droht sich festzusetzen, weil ein häufiges Wechseln der Kinder in den Institutionen besteht. Wie auch in Schulen und beruflichen Institutionen verfällt die Beziehung den Gesetzen der Funktion. Durch diese und durch Sachzwänge sowie durch die Rollenfestlegung wird der menschliche Anspruch, den die Erziehung erhebt, untergraben.[21]

Angesichts der Mängel in den psychiatrischen Institutionen wanden sich in England Laing, Esterson und Cooper, in Frankreich Maud Mannoni und in Italien Basagla von der traditionellen Auffassung der offiziellen Psychiatrie ab und nahmen die eben beschriebene neue Haltung ein. Für diesen Neuansatz waren auch die Analysen von Goffmann, die über die Insassen psychiatrischer Kliniken berichten und in seinem Buch ”Asyle” (1973) veröffentlicht worden, von großer Bedeutung. Hierdrin werden die Institutionen als totalitäre Institutionen bezeichnet und mit Konzentrations- und Arbeitslagern gleichgesetzt. 1967 wurde der Terminus ”Antipsychiatrie” durch die Schrift ”Psychiatry und Antipsychiatry” von Cooper geprägt. Folgende Aussagen Coopers wurden zu Wegweisern für die Antipädagogik: ”In der Praxis ähnelt das Aufziehen eines Kindes eher dem Abbau seiner Persönlichkeit” und ”Das Ende der Erziehung - Ein Anfang.”[22] Auch die Französin Maud Mannoni leistete einen wichtigen Beitrag in der Theorie und Praxis für die Antipsychiatrie und die Antipädagogik. Mannonis Meinung besagt, daß unser herkömmliches Schulsystem die Schüler nicht nur am Lernen hindert, sondern daß die Schule sogar einen ausgewählten Ort darstellt, in denen psychische Störungen (Neurosen) produkziert werden. Damit das verhindert wird und ein Behandlungsort ein Ort des Lebens werden kann, fordert sie die Sprengung oder Negierung der Institutionen. Weiterhin zeigt Mannoni auch auf, wie antipsychiatrische Gedanken in der Arbeit der Heimerziehung fruchtbar gemacht werden können.[23]

5. KINDERRECHTSBEWEGUNG BZW. DIE JURISTISCHE STATT PÄDAGOGISCHE BEZIEHUNG

Die Bewegung ”Children´s Rights Movement”, welche sich zu Beginn der 70er Jahre in den USA formierte, bildet einen zentralen Grundpfeiler der Antipädagogik. Das 1975 erschienene Buch Holts ”Escape from Childhood” ist zu dem Standardwerk der Kinderrechtsbewegung geworden. Die deutsche Übersetzung von 1978 lautet: ”Zum Teufel mit der Kindheit”. Zwar hatte Holt ausdrücklich das Wort ”Flucht” als Übersetzung verlangt, trotzdem wählte der Verlag einen anderen Titel, welcher attraktiver und verkaufsfördernder sein sollte. Holt hatte die Ansicht, welche aus seiner Erfahrung herrührt, daß den meisten jungen Menschen das Kind-Sein mehr Schaden zufügt als es ihnen Nutzen bringt. Sein Vorschlag lautet deshalb, die Kindheit zu ersetzen. Jedem jungen Menschen, egal wie alt dieser ist, sollen alle Rechte, Privilegien, Pflichten und Verantwortlichkeiten erwachsener Bürger zugänglich gemacht werden, damit er sich ihrer bedienen kann, wenn er möchte. Auch Farson forderte 1974 in seinem Buch ”Birthrights”, daß alle Menschen- und Bürgerrechte auch für Kinder gelten. Den traditionellen Kinderschutzgedanken lehnte er strikt ab.[24] ”Wir sollten umdenken und nicht mehr die Kinder, sondern ihre Rechte schützen.”[25] Nach dem Willen der Antipädagogen soll die rechtliche Beziehung einen Ersatz für die pädagogische Beziehung bilden. Dieser antipädagogische Gedanke ist auf drei verschiedenen Weisen entfaltet worden:

1.) Eine Erweiterung der Rechtsbeziehung wurde vorgeschlagen. Das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern wurde als ein Rechtsverhältnis betrachtet und gewertet.
2.) Eine Proklamation von Kinderrechten wurde erstellt.
3.) Um eine bessere Sicherung der rechtlichen Stellung des Kindes zu gewährleisten, wurden juristische Vorschläge gemacht, die bis zu konkreten Formulierungen zur Änderung des bestehenden Rechts reichen.

zu 1.)

Das Verhältnis zwischen den Generationen als ein mehr rechtliches als pädagogisches kann man nur so verstehen, daß es von erfinderischer Bedeutung ist. Präziser gesagt, kann es nur dem Auffinden neuer Probleme dienen. Weiterhin kann es Überlegungen in Gang setzen, wie sie der Vergleich der beiden verglichenen Teile nun ein mal bietet. In der Antike wurde das gemeinschaftliche Handeln Gleichberechtigter als Politik angesehen. H. von Hentigs erinnert daran und Braunmühl knüpft an diese Erinnerung an. So kann man sich auch die Schule und die Familie ein Stück weit als ”Polis” vorstellen. Die Menschen leben miteinander. Sie haben an das Gemeinsame die gleichen Ansprüche und gehen gleichberechtigt miteinander um. Aus dieser Analogie kann neues Nachdenken gezogen werden. Z.B. kann man über demokratische Regeln nachdenken: Alle Menschen, egal wie verschieden sie in Beruf und Stellung, in Bildung und Urteilsfähigkeit sind, haben zunächst einmal gleiche Rechte und den Anspruch auf Mitwirkung. Ähnlich wie in der Politik, muß über die Bereiche möglicher Mitentscheidung der Kinder nachgedacht werden. Flitner erinnert daran, daß aber auch diejenigen Bereiche beachtet werden müssen, in denen die gleichgewichtete Mitsprache zur Illusion, zu einem Selbstbetrug einer solchen Gemeinschaft wird.[26]

zu 2.)

Die Kinderrechtsbewegung ist eine politische Komponente. Das ”Deutsche Kindermanifest” wurde 1980 vorgestellt. Mit den darin proklamierten Kinderrechten, meldete sich die antipädagogische Organisation ”Freundschaft mit Kindern”, welche von Schoenebeck 1978 ins Leben gerufen wurde, zu Wort. In diesem Kindermanifest übertrug Schoenebeck die Forderungen des amerikanischen ”Children´s Rights Movement” auf die Verhältnisse in Deutschland. Die Rechte junger Menschen, die im ”Deutschen Kindermanifest” in 22 Artikeln aufgelistet sind, werden folgend in einem groben Überblick wiedergegeben.

[...]


[1] Zit. J. J. Rousseau aus Flitner, A. : Konrad, sprach die Frau Mama... Über Erziehung und Nicht-Erziehung. München 1985, S. 47

[2] Vgl. Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 222

[3] Vgl. Flitner, A.: Konrad, sprach die Frau Mama... Über Erziehung und Nicht-Erziehung. München 1985, (Einleitung)

[4] Zit. Pink Floyd (1979) aus Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 222

[5] Zit. Grönemeyer aus Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 223

[6] Vgl. siehe vorherige, S. 222 - 223

[7] Zit. H. Schmidt (1982) aus Kern, G. und Grüneklee, G.: Lernen in Freiheit. Anti-pädagogische Thesen und Pamphlete! Münster, S.12

[8] Zit. Ramayana, nach N. Durant (1964) aus Kern, G. und Grüneklee, G.: Lernen in Freiheit. Anti-pädagogische Thesen und Pamphlete! Münster, S. 13

[9] Zit. aus Kern, G. und Grüneklee, G.: Lernen in Freiheit. Anti-pädagogische Thesen und Pamphlete! Münster, S.18

[10] Vgl. siehe vorherige, S. 11-18

[11] Zit. Neill aus Berner, H. : Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 247

[12] Zit. aus siehe vorherige, S. 247

[13] Zit. Flitner, A.: Konrad, sprach die Frau Mama...Über Erziehung und Nicht-Erziehung. München 1985, S. 48

[14] Vgl. siehe vorherige, S.48-49

[15] Vgl. Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 224

[16] Zit. nach Neill aus siehe vorherige, S. 224

[17] Vgl. Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 224

[18] Vgl. Flitner, A.: Konrad, sprach die Frau Mama...Über Erziehung und Nicht-Erziehung. München 1985, S. 51

[19] Zit. Kupffer aus Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 227

[20] Vgl. siehe vorherige, S. 227-228

[21] Vgl. Flitner, A.: Konrad, sprach die Frau Mama...Über Erziehung und Nicht-Erziehung. München 1985, S. 51-54

[22] Zit. Cooper aus Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 224

[23] Vgl. siehe vorherige, S. 224

[24] Vgl. Berner, H.: Aktuelle Strömungen in der Pädagogik. Stuttgart-Wien 1992, S. 224-225

[25] Zit. Farson aus siehe vorherige, S. 225

[26] Vgl. Flitner, A.: Konrad, sprach die Frau Mama...Über Erziehung und Nicht-Erziehung. München 1985, S. 54-55

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Details

Titel
Das Konzept der Antipädagogik im Überblick
Hochschule
Universität Trier  (Abt.I - Fachbereich Pädagogik)
Veranstaltung
Pädagogik und Pluralismus
Note
2-3
Autoren
Jahr
1998
Seiten
61
Katalognummer
V6450
ISBN (eBook)
9783638140164
ISBN (Buch)
9783640211098
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antipädagogik, Pädagogik, Pluralismus
Arbeit zitieren
Dana Bochmann (Autor)Sylvia Dreßler (Autor)Chr. Schaan (Autor), 1998, Das Konzept der Antipädagogik im Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6450

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