Vergleich der Herr-Diener-Verhältnisse in 'Il Servitore di due Padroni' von Carlo Goldoni und 'Le Mariage de Figaro' von Beaumarchais


Hausarbeit, 2004
18 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Goldonis Adaption der Commedia dell′Arte
I.1. Truffaldino im Literaturgeschichtlichen Kontext
I.2. Figaro im Literaturgeschichtlichen Kontext

II. Frage nach Dominanz in den beiden Herr-Diener-Beziehungen
Il.1.1. Diener Truffaldino
II.1.2. Herrentypen Beatrice und Florindo
II.2.1. Diener Figaro
II.2.2. Herrentypus Almaviva

III. Figaros Wahrheit und Beaumarchais’ Sozialkritik

Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden die Herr-Diener-Verhältnisse in zwei bedeutenden Komödien des 18-ten Jahrhunderts Le Mariage de Figaro von Beaumarchais und Il Servitore di due Padroni von Carlo Goldoni thematisiert. In diesem Rahmen werden zunächst die Dienerpersönlichkeiten Truffaldino und Figaro einer näheren Betrachtung unterzogen und ihre Entsprechungen im Bezug auf die Tradition der Commedia dell′Arte dargestellt. Gemeinsame sowie unterschiedliche Charakterzüge und Verhaltensmuster der beiden Diener werden unter Berücksichtigung der literatur- und theatergeschichtlichen Hintergründe herausstellen.

Danach werden die zentralen Herr-Diener-Beziehungen in beiden Werken unter komparatistischen Gesichtspunkten analysiert und verglichen. Der Fokus wird darauf gerichtet, wie es den beiden Dienerfiguren Truffaldino und Figaro gelingt mit ihrer jeweiligen Dienersituation umzugehen. Durch einen Vergleich wird der Kontrast zwischen den beiden Diener-Darstellungen verdeutlicht. Daneben wird herausgearbeitet, wer sich in jeder der beiden Komödien als der tatsächliche Herr des Geschehens erweist, d.h. wie und wem es jeweils gelingt die Handlungsentwicklung zu kontrollieren.

Abschließend erfolgt eine Analyse der sozialkritischen Aspekte in Le Mariage de Figaro und auf diese Weisen wird der revolutionäre Charakter dieses Stückes veranschaulicht.

I. Goldonis Adaption der Commedia dell′Arte

[1] Die Commedia dell′Arte fand in den Theaterstücken des venezianischen Dichters Carlo Goldoni ihre reformierte Gestalt. Die durch ihn eingeführte auffälligste Neuerung ist die Niederschrift des kompletten Textes. Außerdem findet sich aber eine ganze Reihe von Relikten der mittelalterlichen Theaterform in Il Servitore di due Padroni. Zum einen bei der Benennung der Figuren. So taucht Pantalone (de′Bisognosi) bereits in der Commedia dell′Arte als alter, venezianischer Kaufmann auf, stets mit einem vollen Geldbeutel zu sehen, der seinen Reichtum symbolisieren soll. Auch bei Goldoni spricht er im venezianischen Dialekt. Bei der Hochzeit seiner Tochter ist ihm nichts so wichtig wie der finanzielle Profit. Das typische Liebespaar aus der Commedia wird in Goldonis Il Servitore di due Padroni von Clarice und Silvio verkörpert. Zudem gibt es noch ein zweites jugendliches Liebespaar: Beatrice und Florindo Aretusi. Auch der Dottore (Lombardi) tritt mit der vorgeschriebenen Überheblichkeit auf, die sich in seinem Umsichwerfen von Zitaten und lateinischen Fremdwörtern äußert ("Accidit in puncto, quod non contingit in anno." (SP I.3.24)[2] "Prior in tempore, potior in iure." (SP I.3.28)). Truffaldino entspricht Arlecchino[3], ein Bergamaske, schwarzhaarig und stets hungrig. Wie wird er nun in Goldonis Komödie integriert und adoptiert?

I.1. Truffaldino im literaturgeschichtlichen Kontext

Dorothea Klenke[4] unterscheidet zwei Ausprägungen der Dienergestalten in der Komödientradition des 18. Jahrhunderts: Diener als listiger und trickreicher Intrigant versus Dienerdarstellung als triebgebundener Tölpel. Ich will im Folgenden zeigen, dass Truffaldino und Figaro im wesentlichen Maße die hauptsächlichen Grundzüge der beiden gegensätzlichen Diener-Typen verkörpern.

Züge eines planenden und intrigierenden Spielmachers trägt Truffaldino kaum. Er figuriert vielmehr als Prügelknabe, als komisches Opfer sowie zugleich meist unabsichtlicher Verursacher von Verwicklungen. Dieser komödiantische Typ parodiert durch seine Triebabhängigkeit die Laster der hohen Gesellschaft (wie es auch andere Gestalten der Commedia tun). So wird die Geldgier ihm fast zum Verhängnis. Andererseits verursacht er aufgrund seiner Unbelehrbarkeit Verwechslungen, in die er seine beiden Herren einbezieht, und begeht immer wieder dieselben Fehler. Diese Unbelehrbarkeit Truffaldinos ist unmittelbar mit seinem Leben allein im Hier und Jetzt verbunden. Er handelt ohne vorher viel zu planen, allein aufgrund der sich gerade bietenden Gelegenheit sowie seiner unmittelbaren Wünsche. (Eben auf diese Weise nimmt er das zweite Arbeitangebot an.)

Car la grande différence entre Truffaldin et les autres personnages, c’est qu’il est pratiquement le seul capable de vivre dans un présent immédiat, idéalement proche de cet hédonisme vital qui lui permet justement de s’adapter immédiatement aux coups du hasard, adhérant totalement au présent sans se projeter jamais ni dans le passé ni dans le futur.[5]

Als vorläufige Bilanz ist zu vermerken, dass Truffaldino sich nicht eindeutig als Schlaukopf oder als Narr einordnen lässt. ("Cossa credemio che el sia costù? Un furbo, o un matto?" (SP I.2.16)). Er ist nicht mehr nur tölpelhaft, gefräßig oder zotig, wie die Arlecchino-Figur aus der Commedia dell’Arte. Die anderen Figuren rätseln nun, ob er nicht ein schlauer Kerl sei:

P a n t a l o n e (piano al Dottore). Mi credo che el sia un sempio costù.

D o t t o r e (piano a Pantalone). Mi par piuttosto un uomo burlevole. (SP I.2.12)

B r i g h e l l a. A mi el me par piuttosto un semplizotto. L′è bergamasco, no crederia che el fuss un baron.

S m e r a l d i n a. Anche l′idea l′ha buona. (Da sè.) Non mi dispiace quel morettino. (SP I.2.16)

I.2. Figaro im literaturgeschichtlichen Kontext

« Le serviteur ne se réduit plus ici à son rôle après de son maître : il a une personnalité bien à lui, une histoire propre, des intérêts personnels.»[6]

Was für eine Person oder gar „personnalité“ verbirgt sich hinter dem Namen Figaro? Ein Echo des spanischen Pícaro (die Komödienhandlung spielt sich in Spanien ab), gleichbedeutend mit Abenteurer, ein fragwürdiger jedoch kein böswilliger Charakter, eine Art sympathischer Gauner, der typische Held des spanischen Romangenre Picaresque. Der traditionelle Held solcher Romane ist genauso arm und schlau, gerät in die unterschiedlichsten Situationen und überwindet alle möglichen Schicksalswindungen.[7] Ebensolche Züge finden wir beispielsweise in Figaros Metier-Aufzählung wieder:

« J'apprends la chimie, la pharmacie, la chirurgie » ; «vétérinaire » ; « je me jette à corps perdu dans le théâtre » ; « j'écris sur la valeur de l'argent, et sur son produit net » ; « je me fais banquier de pharaon », « je vais rasant de ville en ville » ; « faisant tous les métiers pour vivre; maître ici, valet là, selon qu'il plaît à la fortune! » ; « orateur selon le danger; poète par délassement; musicien par occasion; amoureux par folles bouffées; j'ai tout vu, tout fait, tout usé» (MF V.3.354ff)

Ebenso könnte man in Figaro einen alter-ego des Autors selbst erkennen.[8]

Betrachtet man Figaro im Zusammenhang der Komödiengeschichte, so erkennt man hier ein der Gestalt Truffaldinos entgegengesetztes Dienermodell. Mit den Zügen eines intrigierenden Bajazzos, ist Figaro der Fadenzieher, der durch gewagte Kommentare auffällt und zeitweise mit seinem „gesunden Menschenverstand“ die Intellektuellen sowie rhetorischen Fähigkeiten seines Herrn übersteigt.[9]

Außer seiner Fadenzieher-Natur hat Figaro als komödiantischer Nachfolger Harlekins auch einige seiner äußeren Züge übernommen. Er ist genauso ein Mann aus dem einfachen Volk, heiter und temperamentvoll.

[...]


[1] Stackelberg, Metamorphosen des Harlekin, S. 139ff.

[2] Diese Quellenangabe wie auch die folgenden besteht aus einem Sigle, einer Akt-Angabe, einer Szenen-Angabe und einer Seitenangabe.

[3] Da Il Servitore di due Padroni auf Anforderung von Antonio Sacchi (1708-1788) entstand, heißt der Zanni Truffaldino und eben nicht Arlecchino. Antonio Sacchi war selbst Arlecchino-Mime mit dem Künstlernamen Truffaldino. Es existieren passim zahlreiche Verweise auf eine Entsprechung der beiden Figuren.

[4] Vgl. Klenke, Herr und Diener in der französischen Komödie, S. 124.

[5] Berger, Le Serviteur de deux maîtres, S. 64.

[6] Brunswic, Maîtres et Valets, S. 47.

[7] Vgl. Viegnes, Le Mariage de Figaro, S. 123f.

[8] Fi-Caron, also quasi „fils de Caron“ - Beaumarchais richtiger Name. Vgl. Herr und Diener in der französischen Komödie, S. 47.

[9] Vgl. ebd., S. 124.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Herr-Diener-Verhältnisse in 'Il Servitore di due Padroni' von Carlo Goldoni und 'Le Mariage de Figaro' von Beaumarchais
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V64623
ISBN (eBook)
9783638573856
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Herr-Diener-Verhältnisse, Servitore, Padroni, Carlo, Goldoni, Mariage, Figaro, Beaumarchais
Arbeit zitieren
Anna Perlina (Autor), 2004, Vergleich der Herr-Diener-Verhältnisse in 'Il Servitore di due Padroni' von Carlo Goldoni und 'Le Mariage de Figaro' von Beaumarchais, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64623

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