Ungeachtet der Folgen des Ersten Weltkriegs und der Gegenwart der deutschen Republik beschreibt der deutsche Historiker Johannes Haller 1923 die `innere Nationenbildung´ folgendermaßen:
"Aus den alten und neuen Provinzen musste ein einheitliches Ganzes, aus Posenern, Sachsen, Westfalen und Rheinländern mussten Preußen gemacht werden. Das ist geschehen. Die preußische Beamtenschaft hat diese Aufgabe gelöst und glänzend gelöst. Nach einem Menschenalter schon war die Einheit so fest geworden, dass auch eine Revolution sie nicht mehr zu erschüttern vermochte."
Haller mag als Beispiel gelten für die teutozentrische Geschichtswissenschaft der Vor- und Nachkriegszeit mit den ihr typischen Verkennungen. Die Posener waren nicht Deutsche geworden. Und sie waren es auch bis 1918 nicht gewesen. Für die Provinz Posen ist bei relativ konstanten Zahlen zwischen 1831 und 1910 von einer polnischsprachigen Mehrheit zu sprechen.
Richtig ist die herausragende Rolle der preußischen Verwaltung am Versuch der Assimilierung der polnischsprachigen Bevölkerung in der Provinz Posen. Entscheidendes Mittel dazu sind Schul- und Sprachenpolitik.
Die vorliegende Arbeit versucht anhand der Situation in der Provinz Posen nachzuzeichnen, wie mit der Entstehung des deutschen Nationalstaats, bzw. des Nationalstaats- und Sprachenkonzepts eine polnischsprachige Minderheit erst entsteht und zum Ziel immer massiverer Eingriffe des preußischen Staates wird, der mittels der Sprachvermittlungsinstanz Schule die `Elimination´ dieser Minderheit betreibt.
Die Untersuchung erstreckt sich über die Jahre 1871 - 1886/87. Ziel ist es nachzuweisen, dass die aggressive Assimilierungspolitik gegenüber den Polen im Reichsgebiet nicht Ergebnis einer chauvinistisch pervertierten Großmachtpolitik unter Wilhelm II. ist, sondern angelegt in der Nationalstaatsidee selbst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Quellenlage
1.3. Forschungsstand
2. Theoretischer Rahmen und Begriffsklärung
2.1. Nationalstaat und Nation, Nationalismus, ethnische Minderheit
2.2. Nation und Nationalsprache
3. Die preußische Schul- und Sprachenpolitik in der Provinz Posen
3.1. Schul- und Sprachenpolitik bis zur Reichsgründung
3.2. `Innere Reichsgründung´ und polnische Marginalisierung
3.2.1. Das Schulaufsichtsgesetz als Grundlage preußischer Germanisierungspolitik
3.2.2. Die „Allgemeinen Bestimmungen“ als schulpolitisches Grundlagenprogramm
3.2.3. Der Spracherlass von 1873 als Praxis der Germanisierung
3.2.4. „Deutsch lehren - Deutsch lernen“. Die Formulierung des Programms der Germanisierung des Schulwesens
3.3. Der Auftakt des Nationalitätenkampfes 1886/87
3.3.1. Antipolnische Sondergesetze
3.3.2. Das Lehreranstellungsgesetz als Germanisierung der Schulverwaltung
3.3.3. Folgebeschlüsse
3.3.4. Begründungsmuster
3.4. Ausblick: Schulpolitik und „Wilhelmismus“
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Entstehung des deutschen Nationalstaats und der gezielten Assimilierungspolitik gegenüber der polnischsprachigen Minderheit in der Provinz Posen zwischen 1871 und 1886/87. Dabei wird nachgewiesen, dass die aggressive Germanisierung nicht lediglich ein Produkt der späteren Ära unter Wilhelm II. war, sondern bereits tief in der ursprünglichen Nationalstaatsidee angelegt war.
- Entwicklung des deutschen Nationalstaats- und Sprachenkonzepts
- Die Rolle des Schulwesens als Instrument der Assimilierung
- Entstehung und Marginalisierung ethnischer Minderheiten
- Vergleich der preußischen Schulpolitik vor und nach der Reichsgründung
- Analyse der antipolnischen Sondergesetze und ihrer gesellschaftlichen Folgen
Auszug aus dem Buch
3.2.3. Der Spracherlass von 1873 als Praxis der Germanisierung
Wie oben beschrieben hat sich in der Erlasslage in Posen der Wechsel zu asymmetrischer institutioneller Organisation der Sprachfrage bereits vorbereitet. Das Nationalsprachenkonzept fordert Einsprachigkeit auch für die bisher mehrheitlich anderssprachigen Teile des entstehenden Nationalstaats. Mit der Reichsgründung und den in Angriff genommenen Schulreformen ist die Basis zur Durchsetzung dieses Zieles geschaffen.
So erfolgt bereits 1873 - im Zusammenhang mit ähnlichen Regelungen in Preußen, Oppeln und Schleswig - ein Erlass zur Beschulung sprachlicher Minderheiten mit dem Titel „Bestimmungen über den Sprachunterricht in den von Kindern polnischer Zunge besuchten Volksschulen der Provinz Posen“.
Übergangslos wird Hochdeutsch als Unterrichtssprache verfügt, bei Zuhilfenahme des Polnischen im Einzelfall. Religionsunterricht in der Muttersprache soll bis zum Erwerb ausreichender deutscher Sprachkenntnisse weiter stattfinden. Polnisch als Unterrichtsfach soll auf polnische Kinder beschränkt werden, für Schüler mit deutscher Erstsprache bedarf er der besonderen Genehmigung des Kreisschulinspektors.
Der Erlass knüpft direkt an die Allgemeinen Bestimmungen an, die in § 27 den Provinzen und Regierungsbezirken größtmögliche Freiheit gelassen und nur das nationalstaatliche Programm geliefert hatten, auf dessen Grundlage nun die konkrete Politik entworfen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die preußische Schul- und Sprachenpolitik in der Provinz Posen und stellt die These auf, dass diese Assimilierungspolitik direkt in der deutschen Nationalstaatsidee verwurzelt ist.
2. Theoretischer Rahmen und Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Nationalstaat, Nation, Nationalismus und ethnische Minderheit, um den theoretischen Hintergrund der Untersuchung zu legen.
3. Die preußische Schul- und Sprachenpolitik in der Provinz Posen: Der Hauptteil analysiert detailliert die gesetzlichen Maßnahmen, Spracherlasse und politischen Instrumente, mit denen die preußische Verwaltung die Germanisierung des Schulwesens vorantrieb.
4. Literaturverzeichnis: Hier werden die verwendeten Quellen und wissenschaftliche Fachliteratur aufgelistet, die der Arbeit zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Preußen, Provinz Posen, Schulpolitik, Sprachenpolitik, Germanisierung, Nationalstaat, Nationalismus, Kulturnation, polnische Minderheit, Assimilierung, Kulturkampf, Schulaufsichtsgesetz, Lehreranstellungsgesetz, ethnische Minderheit, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die preußische Schul- und Sprachenpolitik in der Provinz Posen zwischen 1871 und 1886/87 als Instrument zur Assimilierung der polnischsprachigen Bevölkerung im entstehenden deutschen Nationalstaat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Nation und Sprache, die Entwicklung von Bildungsgesetzen und die politische Ideologie des ethnischen Nationalismus im Kaiserreich.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll nachgewiesen werden, dass die aggressive Assimilierungspolitik gegen die polnische Bevölkerung kein isoliertes Ereignis späterer Jahre war, sondern bereits in der ursprünglichen Konzeption des deutschen Nationalstaats verankert war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer Analyse zeitgenössischer Erlasse, Verordnungen, Gesetze und Parlamentssitzungsberichte sowie der Auswertung historischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Phase vor der Reichsgründung, die „innere Reichsgründung“ durch Reformen wie das Schulaufsichtsgesetz (1872) und den Spracherlass (1873) sowie den anschließenden „Nationalitätenkampf“ ab 1886.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Germanisierung, Nationalstaat, Assimilierung, preußische Schulpolitik, ethnische Minderheit und Kulturnation.
Wie wirkte sich das Schulaufsichtsgesetz von 1872 konkret aus?
Es schaffte die kirchliche Schulaufsicht ab und ersetzte sie durch staatliche Schulinspektoren, wodurch die Kontrolle des Staates über das Bildungswesen massiv verstärkt wurde.
Welche Rolle spielte das Lehreranstellungsgesetz von 1886?
Dieses Gesetz unterstellte Lehrer der direkten staatlichen Abhängigkeit und ermöglichte Zwangsversetzungen als Disziplinarmaßnahme, um die Lehrerschaft ideologisch auf die Linie der staatlichen Germanisierungspolitik zu bringen.
Warum wird im Text von einer "Marginalisierung" der Polen gesprochen?
Der Autor argumentiert, dass das Konzept der „ethnisch reinen Kulturnation“ dazu führte, dass die polnischsprachige Bevölkerung rechtlich und gesellschaftlich systematisch benachteiligt und ihre Sprache als „fremdes“ und „bedrohliches“ Element diskriminiert wurde.
- Arbeit zitieren
- Bastian Pütter (Autor:in), 2002, Deutscher Nationalstaat und polnische Marginalisierung - Die Germanisierung der preußischen Schulpolitik in Posen (1871-1886/87), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64661