Die Überlieferung der epischen Werke Hartmanns von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Hartmann von Aue, ein „Klassiker“ des frühen 13. Jh

2. Allgemeine Vorbemerkungen zu mittelalterlichen Texten
2.1. Die Edition mittelalterlicher Texte

3. Die Überlieferung der epischen Werke Hartmanns von Aue
3.1. ‚Erec’
3.2. ‚Gregorius’
3.3. ‚Der arme Heinrich’
3.4. ‚Iwein’

4. Schlussbemerkung: Gegebenes und Gewesenes

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Hartmann von Aue, ein „Klassiker“ des frühen 13. Jh.

Durch den Abstand von acht Jahrhunderten wissen wir wenig über die Person Hartmann von Aue und seine Werke liegen uns nur in Abschriften vor, deren Originalnähe oder –ferne die Germanistik seit ihren Anfängen beschäftigt. Aber wir können die Bedeutung Hartmanns zu seiner Zeit erahnen: Er selbst zeigt in seinen epischen Werken ein für das Mittelalter nicht selbstverständliches Autorenbewusstsein, denn er nennt sich in den Prologen als Urheber.[1] Auch wird an fremden Textzeugnissen deutlich, dass er schon für die nächste Dichtergeneration ein „Klassiker“ war. Gottfried von Straßburg erkennt ihm in seinem ‚Tristan’ (V 4619-4653) das höchste Dichterlob zu:

Hartman der Ouw ære, / ah î, wie der diu m ære

beide ûzen unde innen / mit worten und mit sinnen

durchverwet und durchzieret! / wie er mit rede figieret

der âventiure meine! / wie lûter und wie reine

sîne kristallînen wortelîn / beidiu sint und iemer müezen sîn![2]

Wolfram von Eschenbach spielt dagegen respektlos mit dem Hartmann’schen Artushof im ‚Parzival’ (V 143,21-144,4):

mîn hêr Hartman von Ouwe, / frou Ginovêr iwer frouwe

und iwer hêrre der künc Artûs / den kumt ein mîn gast ze hûs.

bitet hüeten sîn vor spotte. / ern ist gîge noch diu rotte:

si sulen ein ander gampel nemn: / des lâzen sich durch zuht gezemn.

anders iwer frouwe Enîde / unt ir muoter Karsnafîde

werdent durch die mül gezücket / unde ir lop gebrücket.[3]

Er scheut auch nicht deutliche Kritik an Hartmanns Frauenfiguren Lunete und Laudine (Parzival, V 253,20-24 u. 436,4-10). Diese Dreistigkeiten zeigen jedoch auch, dass Hartmann für Wolfram eine dichterische Instanz gewesen sein muss, andernfalls wären die ironischen Spitzen ins Leere gelaufen.

In dieser Arbeit soll dargestellt werden, in welchen Abschriften uns die Epen Hartmanns heute vorliegen und welche Forschungspositionen zur Originalnähe diskutiert werden.

Dazu werde ich nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen und einer Übersicht über die räumliche Verteilung der Handschriftenfunde aller Hartmann-Epen auf die Überlieferung der einzelnen Werke eingehen, wobei ich der internen Chronologie ihrer Entstehung folgen werde.

2. Allgemeine Vorbemerkungen zu mittelalterlichen Texten

Bevor ich mich der Überlieferung der einzelnen Werke Hartmanns zuwende, möchte ich einige allgemeine Anmerkungen zu mittelalterlichen Texten und ihrem Trägermaterial voranstellen. Bis in die 20er Jahre des 14. Jh. wurde fast ausschließlich auf Pergament geschrieben. Pergament war rar und sehr teuer, da es in einem aufwändigen Verfahren aus Tierhäuten hergestellt wurde. Die Größe der Häute bestimmte das Buchformat, denn diese wurden zu einem Rechteck zugeschnitten und bildeten ein Doppelblatt des Buches. Nur von Kälbern und großen Schafen ließen sich Häute für das seltene Großfolioformat (50-55cm x 35-40 cm) einzelner Choralhandschriften und Prachtcodices gewinnen. Kleinere Schafshäute wurden auf ca. 50 cm x 35 cm zugeschnitten. Diese Größe ist ein Doppelblatt im Folioformat. Durch weiteres Falten entstanden daraus zwei Doppelblätter im Quartformat bzw. vier Doppelblätter im Oktavformat. Das nochmals gefaltete Oktav wurde im Spätmittelalter manchmal für Frauengebetbücher verwendet, die Einzelblätter waren nur mehr 8 cm x 5-6 cm groß.[4]

Ab dem 14. Jh. gewann die Papierherstellung an Bedeutung. Das wesentlich billigere Papier verdrängte das Pergament in der Buchherstellung und löste darüber hinaus eine Produktionsexpansion aus. Schließlich wurden im 15. Jh. nur mehr 30 % aller Handschriften auf Pergament geschrieben. Das Papierformat war in der Regel genormt und konstant. Papierhandschriften sind oft gut datierbar anhand ihrer Wasserzeichen. Diese entstanden durch Drahtfiguren, die auf den Papierschöpfformen befestigt waren. Zwar wurden sie erst ab etwa 1500 als ‚Firmenzeichen’ der jeweiligen Papiermühle verwendet, aber auch die Verbreitung und zeitliche Einordnung der meisten Wasserzeichen aus dem 14. und 15. Jh. konnte durch sicher datierte und lokalisierte Schriftstücke erfolgen. Sie sind in Findbüchern dokumentiert und dienen zum Abgleich undatierter Papierhandschriften. Mit der Wasserzeichenbestimmung ist eine genauere Eingrenzung des Handschriftenalters möglich als durch Schriftanalyse, da gelegentlich auch völlig zeituntypische Schriftarten verwendet wurden. Die ersten Ansätze der Wasserzeichenforschung entstanden schon Anfang des 20.Jh., jedoch erst in den letzten Jahrzehnten konnte sie sich wissenschaftlich etablieren.[5]

Die Buchbinder des 15. und 16. Jh. benutzten Pergament für Verstärkungsarbeiten bei Papiercodices. Breite Pergamentstreifen dienten als Verbindung zwischen Buchdeckel und Buchblock, schmale Falzstreifen aus Pergament wurden zur Verstärkung der weichen Papierlagen in das Lageninnere mit eingeheftet, manchmal auch zusätzlich an den Außenseiten der Lagen. Vor allem in der Zeit um 1500 wurden viele ältere, als überflüssig erachtete Pergamenthandschriften – weltliche wie geistliche[6] – und Urkunden aussortiert, zerschnitten und für Buchbindearbeiten verwendet. Wurden die Streifen längs, in Zeilenrichtung abgetrennt, können die Fragmente in der Regel noch einem Text zugeordnet werden, verlaufen die Streifen quer, ist der ursprüngliche Text oft verloren.[7] Aufgelöste Codices gelangten in den Altpergamenthandel, der bis ins 19. Jh. bestand, und wurden zu allerlei handwerklichen Arbeiten verwendet. So diente eine Sammelhandschrift mit deutscher Kleinepik, darunter die Handschrift E des ‚Armer Heinrich’ im 17. Jh. als Abdichtung der Orgelpfeifen in der Klosterkirche von Benediktbeuren. Erst durch das im Verlauf des 19.Jh. erwachende Interesse an mittelalterlichen Handschriften begannen Sammler, diese Textzeugnisse für die Nachwelt zu bewahren.

Das Mittelalter kannte keine moderne Autorschaft. Die Texte wurden beim Abschreiben verändert. Das konnte unabsichtlich aus Nachlässigkeit oder Unvermögen geschehen, aber auch absichtlich. Denkbar sind die unterschiedlichsten Gründe, wie knappe Ressourcen an Material und Arbeitszeit, die Kürzungen oder Umstellungen erfordern konnten, aber auch Änderungswünsche durch den Auftraggeber, Anpassung an den Rezipientengeschmack oder gar das Bedürfnis, mehrdeutige Textstellen durch Erweiterungen auf eine bestimmte Sichtweise festzulegen. Aus diesen Gründen gleicht kaum eine Handschrift der anderen. Dies stellt die Edition von mittelalterlichen Texten vor vielfältige Probleme; im nächsten Abschnitt werden verschiedene Lösungsansätze aufgezeigt.

Bumke zitiert Verfasser geistiger Werke, die eine werkgetreue Abschrift anmahnen und sich Textkürzungen verbeten, so der anonyme Autor der mitteldeutschen ‚Judith’: „ich bit ouch vliezeclich hie na, swer diz buch im schriben la, daz er vlizic blibe, daz man ez rehte schribe ” und Konrad von Heimesfurt im Prolog zur ‘Urstende’: „daz mir iemen iht dar abe. Mit pvmz oder mit mezzer. schabe ”.[8] Von Hartmann ist keine Äußerung zu dieser Problematik überliefert.

[...]


[1] wobei hier der ‚Erec’ ausgeklammert werden muss, da der Prolog verloren ging.

[2] Tristan (V 4619-4653), zitiert nach: Gottfried von Straßburg: Tristan , herausgegeben von Karl Marold. Unveränd. vierter Abdr. nach d. dritten mit einem auf Grund von F. Rankes Kollationen verb. Apparat, besorgt von Werner Schröder, Berlin, New York 1977, [photomechan. Nachdr. d. Ausg. Leipzig, Avenarius, 1906].

[3] Parzival (V 143,21-144,4), zitiert nach: Wolfram von Eschenbach: Parzival , Studienausgabe, 2. Auflage. Mhd. Text nach d. sechsten Ausg. v. Karl Lachmann. Übersetzung v. Peter Knecht. Mit Einführungen z. Text d. Lachm. Ausg. und in Probleme der ‚Parzival’-Interpretation von Bern Schirok. Berlin, New York 2003.

[4] vgl. Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung , Tübingen 1999 (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte, B. Ergänzungsreihe; 8), S. 103ff.

[5] vgl. Schneider: 107-115.

[6] „Geistliche Dichtung in Handschriften bis 1400 wurde meist nicht weniger makuliert als weltliche Epik;“ siehe Schneider: 183.

[7] vgl. Schneider: 178ff.

[8] Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter , München: dtv, 102002, S. 727, Fußnoten 22 und 23.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Überlieferung der epischen Werke Hartmanns von Aue
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Das epische Werk Hartmanns von Aue
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V65146
ISBN (eBook)
9783638577854
ISBN (Buch)
9783656620266
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werke, Hartmanns, Hauptseminar, Werk, Hartmanns
Arbeit zitieren
M.A. Marion Mertl (Autor:in), 2004, Die Überlieferung der epischen Werke Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65146

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