Die Geopolitik Friedrich Ratzels und Karl Haushofers - Eine Kontinuitätslinie zur Hitler-Ideologie?


Hausarbeit, 2006
19 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Geopolitik als neue Disziplin

II Friedrich Ratzel
1 Das ‚Gesetz der wachsende Räume’
2 Verhaftung an klassisch-geographischem Denken

III Karl Haushofer
1 Haushofers Modifikation
2 Hitlers ‚Programm’
3 Haushofer als Hitlers Lehrmeister?

Schlussbetrachtung: Die gebrochene Kontinuitätslinie

Einleitung

Stefan Zweig tätigte folgende Aussage: „[…] Daß es seine (Haushofers) Theorien waren, die mehr als Hitlers rabiateste Berater die aggressive Politik des Nationalsozialismus […] ins Universale getrieben, unterliegt keinem Zweifel“[1]. Nicht nur bei Zweig gibt es die Behauptung, dass Hitler bei der Kreierung seiner Blut-und-Boden-Ideologie auf die Vorstellungen des deutschen Geographen Karl Haushofer als politischen Vordenker zurückgegriffen haben soll. Haushofer wiederum hatte in seinen theoretischen Überlegungen Friedrich Ratzel zum Vorbild genommen und dessen Schlagwort vom ‚Lebensraum’.

Mit dem für Deutschland desaströsen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die deutsche Geopolitik ebenso in Frage gestellt wie die gesamte nationalstaatliche Vergangenheit: Die Entwicklung, welche diese Disziplin seit Ratzel über Haushofer mitgemacht hatte, geriet im öffentlichen Diskurs zu einer Art Steilvorlage für den Rassewahn im Dritten Reich. Mehr als sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist es der internationalen wie deutschen Historischen und Politischen Wissenschaft zwar gelungen, diesen stereotypen Standpunkt zu differenzieren und auf Instrumentalisierungen aufmerksam zu machen; nach wie vor ist aber der schlichte Gedanke allzu verlockend, es gäbe eine geopolitische Kontinuität, eine rote Linie Ratzel-Haushofer-Hitler, die schließlich in Volksmord von kaum fassbarer Tragweite kumulierte.

Die vorliegende Hausarbeit soll zunächst die grundlegenden Thesen Friedrich Ratzels und Karl Haushofers zusammenfassend erläutern, auch wird knapp das nationalsozialistische Programm thematisiert, um anschließend einen Vergleich zwischen den drei Diskursen anstellen zu können. Ziel dieses Vergleichs ist folgende Frage: Lässt sich tatsächlich von einer Kontinuität im Tun und Wirken der beiden zentralen Figuren der deutschen Geopolitik – Ratzel und Haushofer – hin zu Hitler sprechen oder handelt es sich hierbei um eine Simplifizierung? Wo lassen sich Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede verorten?

Zu diesem Zweck greift die Hausarbeit auf Primärquellen von Ratzel und Haushofer zurück, die sodann mithilfe entsprechender Fachliteratur in einen Kontext zueinander gestellt werden. Der Schwerpunkt bei der Sekundärliteratur liegt auf den Werken von Hans-Adolf Jacobsen, „Karl Haushofer. Leben und Werk“ (2 Bde.), und Bruno Hipler, „Hitlers Lehrmeister. Karl Haushofer als Vater der NS-Ideologie“, sowie dem Sammelband „Geopolitik. Zur Ideologiekritik politischer Raumkonzepte“.

I Geopolitik als neue Disziplin

Inwiefern korrespondiert politische Identität mit geographischen Gegebenheiten? Wer diese Frage heute stellt, kann sich keiner pauschalen Antwort mehr sicher sein. Nicht von irgendwoher rührt diese Tatsache, hat doch eine durch und durch globalisierte Welt, zumal mit den Erfahrungen zweier Weltkriege im Rücken, ein völlig anderes Verständnis von den Bedingungen zur Herausbildung einer politischen Wertegemeinschaft. Individualismus und Selbstverantwortlichkeit werden hier groß geschrieben, nationalstaatliche Grenzen sind längst perforiert und Ökonomien in sensibler Interdependenz miteinander verflochten. All das und mehr sowie ein beachtlicher technologischer Fortschritt um neue Möglichkeiten der Kommunikation fördern die Komprimierung von Raum und Zeit – und damit die „Deterritorialisierung“[2]. Der Nationalstaat verkommt aus dieser Sicht fast zu einer „nostalgische[n] Fiktion“[3].

Nur allzu schwer fällt die Vorstellung, jemand habe vor nicht sehr langer Zeit von einem „Anfangsplan“ gesprochen, wonach „eine Grenzlinienordnung auf der Erdoberfläche“ vorherrsche[4]. Diese Ordnung zeige, dass die Natur mit ihren Bergen, Flüssen und Strömen unverkennbare Barrieren aufgestellt habe, welche die verschiedenen menschlichen Gemeinschaften voneinander separierten. Solange ihre souveränen Gesetze verletzt seien, solange werde es, wenn auch über Jahrhunderte hinweg, zu Gegenreaktionen kommen, bis die benachbarten Staaten schließlich die Gestalt angenommen hätten, die ihnen die Natur diktiere[5].

Eine derartige Zusammenführung menschlicher Verhältnisse mit den äußeren Naturverhältnissen wurde mit der Durchdringung der Gesellschaft von naturwissenschaftlich-empirischen Fächern und Methoden ab dem 17. Jahrhundert zusehends populärer. Seit der Anerkennung der Darwin’schen Evolutionstheorie glaubte man, in der Selektionswirkung der Natur liege die bestimmende Kraft für die räumliche Differenzierung menschlicher Kulturen begründet – der Geodeterminismus war geboren. Mehr noch: Die feste Überzeugung, die exakten Wissenschaften seien imstande, die gesamten Daseinsbedingungen der Menschheit zu erklären und nach rationalen Gesichtspunkten umzugestalten, war um 1800 bereits „Allgemeingut“[6]. Dieser Szientismus mündete in der Überzeugung, eine Gesellschaft lasse sich nach objektiven wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die wiederum Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen könnten, organisieren.

Selbstverständlich dauerte es nicht lange, bis die Politik als gesellschaftliche Leitinstanz von diesem Paradigma ergriffen wurde: Vor dem Hintergrund dieses aus dem Naturrechtsdenken und der Aufklärung erwachsenen Gedankenguts entwickelte sich eine Disziplin, die historisch-politische Zielsetzungen verfolgte, die Geopolitik. Sie kann als eine Mischung aus Geographie, Politikwissenschaft, Geschichte und Sozialwissenschaft angesehen werden, zurzeit des 19. Jahrhunderts allerdings unter strikter Dominanz der geographischen Länderkunde. Ihr Novum und Proprium war – im Gegensatz zur älteren, rein beschreibenden Staatengeographie –, dass sie die politische Ordnung im Namen der Natur kritisierte und legitimierte und den modernen Nationalstaat an einem festen Raumbild mit einer national homogenen Bevölkerung ausrichtete. ‚Land = Volk = Staat’ war das Grundschema, nach dem sie strebte und mit welchem sie sich auch der Politik zuwandte. Mit anderen Worten bedeutete dies: Wenn zu jedem Land lediglich ein bestimmtes Volk gehört, dann schließt dies die Heterogenität von vorneherein aus[7].

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass die Geographie durch die Geopolitik sich von einer rein deskriptiven zu einer empirischen Wissenschaft entwickelte. Empirisch bedeutet, dass man Erfahrungen aufgrund von Beobachtungen, Messungen oder Experimenten gewinnt und diese somit nachher intersubjektiv überprüfen kann.

II Friedrich Ratzel

1 Das „Gesetz der wachsenden Räume“

Der Geograph und Zoologe Friedrich Ratzel (1844-1904) kann als Begründer der deutschen Geopolitik angesehen werden. Er betrat mit seiner Anthropogeographie, welche das menschliche Wesen in die geographischen Überlegungen einbezieht, Neuland. Die Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen Erde, Natur und Mensch sah Ratzel als zentrale Aufgabe der neu geschaffenen Disziplin an. Dadurch erhoffte er sich das Verständnis größerer Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten.

Ratzels Grundannahme geht konform mit dem bereits angesprochenen Szientismus im 19. Jahrhundert: dass nämlich die Raumerfüllung des Menschen Grenzen besitze, welche von der Natur gegeben seien. Die Anökumene, d.h. ein nicht besiedelbarer Raum, sei hierbei dem Menschen vorenthalten. Dieser besitze also gegenüber der Natur lediglich eine passive Rolle. Der Mensch vermöge sich im Raum zu bewegen, niederzulassen und auf ihm zu wirken, jedoch nicht willkürlich, sondern immer bestimmt von der Natur durch unüberwindbare Hindernisse. Nach Ratzels Theorie wird weiterhin die Erdoberfläche als unveränderbare Größe angesehen, worauf sich Leben entwickeln kann. Kennzeichen dieses Lebens sind Streben nach Wachstum und Bewegung bis hin zur Raumbeherrschung. In diesem Kontext entstand erstmals der Begriff des „Lebensraums“[8]: Der Mensch müsse sich für seine Bevölkerungsgruppe den optimalen Raum wählen, zumal er ihn sich nicht einfach zu schaffen vermöge. Auf dieser Basis liefen mitunter die Verteilungskonflikte zwischen Gruppen bzw. Völkern ab.

Über die genannten, eher allgemeinen Zielsetzungen hinaus, die Ratzel in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zugrunde legte, bestand seine spezielle Motivation darin, den herrschenden Zeitgeist imperialistischer Expansion der europäischen Staaten im späten 19. Jahrhundert in einen Kontext mit einer geopolitischen Geschichtstheorie zu bringen. Auf Basis seiner Feststellungen vom begrenzten „Raum der Erde“ gelangte er zur Schlussfolgerung, dass der wie auch immer geartete Kampf um Boden der Dreh- und Angelpunkt des menschlichen „Kampf[s] ums Dasein“ sei[9]. Gemessen an den Zielen eines Volks sei die Sicherung von Boden gleichbedeutend mit der Sicherung seiner Zukunft[10].

Ratzel formulierte im Gefolge dieser Erkenntnis das „Gesetz der wachsenden Räume“[11]. Es kann sowohl als wissenschaftliches Theorem verstanden werden wie auch als Versuch, einer historischen Deutung von intergesellschaftlichen Verteilungskonflikten Rechnung zu tragen. Der immerfort währende, Umwälzungen schürende Kampf um den Raum – die Konstante im Tun und Wirken allen menschlichen Lebens – forciere eine stete Veränderung der Raumauffassung. Hier ist Ratzels Theorie bewusst mit einer Art Öffnungsklausel versehen, die ein gewisses konstruktivistisches Prinzip zu ihrem Element macht: Räume mit klaren Abgrenzungen zueinander sind niemals pauschal gegeben als „tote, passive Bühne oder Behältnisse“, sondern werden auf Basis polithistorisch motivierter Zielsetzungen als ‚mental maps’ kreiert[12]. Des Weiteren, so Ratzel, bedinge der „Kampf um den Raum“ auch eine Veränderung der „Maßstäbe für die politischen Räume“[13]. Beflügelt durch technologischen Fortschritt und Expansion, trete die Menschheit in ein Zeitalter ein, welches sich durch eine „kontinentale Dimension“ auszeichne[14]. Die Verschmelzung der unterschiedlichen Völker und Nationen werde herbeigeführt durch Weltverkehr und –handel, welcher sensible Verzweigungen schüren und so die Welt in einen einzigen „Wirtschaftsorganismus“ verwandeln werde[15]. Damit strebe das ‚Gesetz der wachsenden Räume’ einem Zusammenwachsen der Menschheit entgegen, das „vielleicht das letzte Raumziel aller Geschichte“ sei[16].

[...]


[1] Zweig, Stefan, Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers, Wien 1952, S. 176.

[2] Schlögel, Karl, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003, S. 77.

[3] ebd.: S. 77.

[4] Mercier, L.,, De la géographie considéré sous le rapport politique. Journal Encyclopédique ou universel Tome VI, 1793, S. 543.

[5] ebd.: S. 556.

[6] Overy, Richard, Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Rußland, München 2005, S. 844.

[7] Schultz, Hans-Dietrich, Geopolitik „avant la lettre“ in der deutschsprachigen Geographie bis zum Ersten Weltkrieg, in: Geopolitik. Zur Ideologiekritik politischer Raumkonzepte, Wien 2001, S. 31.

[8] Ratzel, Friedrich, Der Lebensraum, Darmstadt 1901, S. 3.

[9] ebd.: S. 153.

[10] Ratzel, Friedrich, Politische Geographie, München, Leipzig, 1903, S. 11.

[11] Ratzel, Friedrich, Die Erde und das Leben, Leipzig, Wien 1902, Bd. 2/2, S. 640.

[12] Schlögel, Karl, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003, S. 68.

[13] Ratzel, Friedrich, Politische Geographie, München, Leipzig, 1903, S. 373f.

[14] Ratzel, Friedrich, Anthropo-Geographie, Stuttgart 1882, S. 174.

[15] Ratzel, Friedrich, Politische Geographie, München, Leipzig, 1903, S. 188.

[16] Ratzel, Friedrich, Anthropo-Geographie, Stuttgart 1882, S. 174.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Geopolitik Friedrich Ratzels und Karl Haushofers - Eine Kontinuitätslinie zur Hitler-Ideologie?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Politologisches Institut )
Veranstaltung
Geopolitik
Note
1.0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V65518
ISBN (eBook)
9783638580649
ISBN (Buch)
9783638753609
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit befasst sich mit der Frage, ob es eine Kontinuitätslinie in Inhalt und Methode der geopolitischen Denker Ratzel und Haushofer hin zu Hitlers Rassewahn gibt.
Schlagworte
Geopolitik, Friedrich, Ratzels, Karl, Haushofers, Eine, Kontinuitätslinie, Hitler-Ideologie
Arbeit zitieren
Julian Wangler (Autor), 2006, Die Geopolitik Friedrich Ratzels und Karl Haushofers - Eine Kontinuitätslinie zur Hitler-Ideologie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65518

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