Wie Sprache entstanden sein könnte


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Ahnenreihe des Menschen
2.1 Der aufrechte Gang
2.1.1 Entwicklung des Sprechapparates
2.2 Wachstum des Gehirns
2.3 Der Weg zum komplexen Gehirn
2.3.1 Unbedingte Reaktionen
2.3.2 Primäre Repräsentationen
2.3.3 Sekundäre Repräsentationen

3 Annahmen zur Entwicklung einer komplexen Sprache
3.1 Modulartheorie der Sprache

4 Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die komplexe Sprache, wie sie heute von Menschen gesprochen wird, ist eine Einzigartigkeit, die bei keiner anderen lebenden Spezies auftaucht. Ob sie ein kulturelles Produkt oder ein Wunderwerk der Natur ist[1], darüber wird in der Forschung heftig gestritten. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich deshalb mit der Frage, wie Sprache entstanden sein könnte.

Innerhalb der letzten Jahre ist Steven Pinkers Auffassung vom Sprachinstinkt sehr populär geworden und hat viele Anhänger gefunden. Er sieht Sprache als Ergebnis einer Entwicklung durch natürliche Selektion, muss allerdings einräumen, dass bisher noch kein „Sprachorgan oder Grammatikgen“[2] gefunden wurde. Wenn man von so etwas wie einem Sprachinstinkt ausgeht, dann muss dieser vom Gehirn aus gesteuert werden. Es hat sich aber als schwierig erwiesen, Sprache in ihrer vielfältigen Weise der Ausübung zu lokalisieren. Das Sprachverhalten betrifft verschiedene Zentren, die in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns verteilt sind.

Somit gestaltet es sich auch schwierig zu rekonstruieren, wann innerhalb der menschlichen Evolution Sprache entstanden sein könnte; denn „[...] Sprache und Bewusstsein, die zu den höchsten Errungenschaften des Homo sapiens gehören, [haben] in der fossilen Überlieferung keine Spuren hinterlassen.“[3]

Nichtsdestotrotz lassen sich durch die Betrachtung der menschlichen Stammesgeschichte und dem Aufbau der Gehirnstrukturen beim modernen Menschen einige Hypothesen aufstellen, wie Sprache entstanden sein könnte. Was einige dieser Hypothesen aussagen und ob sie plausibilisierbar sind, soll hier diskutiert werden.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich zunächst mit der Stammesgeschichte des Menschen und den für die Entstehung der Sprache entscheidenden Veränderungen. Dabei sind die fortschreitende Bipedie und die aus ihr resultierenden Entwicklungen und das stetige Wachstum des Gehirns von besonderer Bedeutung.

Im dritten Kapitel geht es darum, wie Sprache im Gehirn verankert sein könnte. Dort findet besonders die Modulartheorie der Sprache Berücksichtigung. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Frage, wie eine so komplexe Sprache, wie wir sie heute sprechen, entstanden sein könnte.

2 Die Ahnenreihe des Menschen

Die menschliche Entwicklungslinie beginnt vor ca. sieben Millionen Jahren, was sich zwar nicht aus fossilen Funden ergibt, aber aus molekularen Berechnungen mithilfe von Blutproteinen von lebenden Menschen und afrikanischen Affen. Es gilt demnach als wahrscheinlich, dass zu dieser Zeit die ersten zweifüßigen Affen gelebt haben. Bis in unserer Ahnenreihe zu der Zweifüßigkeit noch die ersten angefertigten Steinwerkzeuge hinzukamen, vergingen nicht weniger als fünf Millionen Jahre.

Die ältesten fossilen Funde sind ca. 3,5 Millionen Jahre alt. Dazu gehört der Australopithecus afarensis, auch Lucy genannt. Ob er als menschlicher Vorfahr oder eher als Urahn des heutigen Orang Utans gelten kann, ist nicht entschieden. Unzweifelhaft ist jedoch, dass er sich auf zwei Füßen fortbewegte. Damit kann man ihn schon zur hominiden Art zählen, denn die Entwicklung der Zweifüßigkeit ist der erste entscheidende Schritt auf dem Weg zum modernen Menschen. Ansonsten hat der A. afarensis mit dem späteren Homo nichts gemeinsam. Sein Gehirn war wesentlich kleiner als das des Homo habilis, der noch mit späteren Australopithecinen zur gleichen Zeit lebte. Auch lassen einige anatomische Merkmale darauf schließen, dass er wie vierfüßige Affen noch auf Bäume kletterte, um Nahrung zu beschaffen[4].

In der Forschung werden zur Einordnung des A. afarensis zwei unterschiedliche Auffassungen vertreten. Richard Leaky ist der Meinung, dass sich parallel zum Australopithecus andere Arten der Spezies Homo entwickelten. Demgegenüber ist der Lucy-Entdecker Donald Johanson davon überzeugt, dass A. aferensis ein direkter Vorfahr des Homo ist[5].

Zur Entstehung der Sprache sind besonders die Entwicklungen während des Pleistozäns entscheidend. Die ältesten Homo habilis -Funde sind auf ca. 2,4 Millionen Jahre zurückzuverfolgen und lassen ein deutlich größeres Gehirn erkennen, als es die zweifüßigen Affen vor ihm aufwiesen. Ihm folgte der Homo erectus, der vor ca. 1,5 Millionen Jahren lebte und dessen Gehirn noch größere Ausmaße annahm als das des H. habilis. Die letzte Etappe auf der Skala der menschlichen Entwicklungsgeschichte bestreitet vor dem Erscheinen des heutigen Menschen, der Homo sapiens, der vor ungefähr 500.000 Jahren lebte.

Obwohl zur zweifelsfreien Bestimmung der hominiden Linie ausreichende Beweise fehlen – vor- und frühmenschliche Fossilien liegen geographisch weit auseinander und verschaffen nur ein sehr lückenhaftes Bild der menschlichen Entwicklung -, hat sich die Forschung auf zwei Kriterien für die Bestimmung einer hominiden Art festgelegt. Zum einen ist es der aufrechte Gang, zum anderen das relativ große Gehirnvolumen. Jedes Kriterium für sich genommen reicht jedoch nicht aus, um von spezifisch menschlichen Eigenschaften zu sprechen, da zum Beispiel auch Affen dazu in der Lage sind aufrecht zu gehen. Was das Gehirnvolumen betrifft, so unterschied sich dies bei sehr frühen Arten, dem A. afarensis beispielsweise, kaum von dem anderer Affen. Erst bei späteren Zweibeinern, die auch über ein beträchtlicheres Gehirnvolumen verfügten, kann man zweifelsfrei davon ausgehen, dass sie der Gattung Homo angehören. Wie es zunächst zur konsequenten Ausübung der Bipedie kam, soll der nächste Abschnitt darstellen.

2.1 Der aufrechte Gang

Muss man bei der Entwicklung der Zweifüßigkeit bei bestimmten Affenspezies von einer Mutation ausgehen oder rührt sie von vorangehenden Verhaltensänderungen her, die in Zusammenhang mit sich verändernden äußeren Lebensbedingungen stehen? Da auch anatomische Vierbeiner sich hin und wieder aufrichten, kann man eigentlich nicht von einer Mutation ausgehen. Es ist eher wahrscheinlich, dass sich durch konsequentes Aufrichten die Überlebenschancen erhöhten, was ein Blick auf landschaftliche Veränderungen in Afrika vor 15 bis 10 Millionen Jahren erhellt.

Da die ersten frühmenschlichen Fossilien ausnahmslos aus Ostafrika stammen, geht man gemeinhin davon aus, dass die Wiege der Menschheit auf dem afrikanischen Kontinent liegt. Vor 15 Millionen Jahren war die Landschaft durch ein dichtes Waldgebiet gekennzeichnet, wo verschiedenste Arten von Affen und Halbaffen lebten, wobei die Zahl der Affen überwogen haben mochte.[6] Geologische Veränderung, die sich in Form von der Bildung ausgedehnter Hochländern zeigte, bewirkte durch dadurch bedingte Klimaveränderung auch eine Veränderung der Flora: „Die geschlossene Baumdecke riss auf, und zurück blieb ein Mosaik aus bewaldeten Flecken, Heide und Buschland.“[7]

Weitere Veränderungen vor ca. 12 Millionen Jahren ließen das Ostafrikanische Grabensystem entstehen (Great Rift Valley). Es zog eine Grenze zwischen dem stark bewaldeten Westen und dem ökologisch abwechslungsreichen Osten, der neue Arten hervorbrachte.[8] Die Forschung geht davon aus, dass die Entwicklung des Menschen im östlichen Afrika seinen Anfang nahm.

Durch aufrechtes Gehen, das dem Hangeln und Klettern vorgezogen wurde, konnten sich die Hominiden auch in kargen Gebieten müheloser fortbewegen, was in Trockenphasen und Zeiten ökologischer Umwälzung von Vorteil und für den selektiven Prozess entscheidend gewesen sein könnte. Des weiteren führte die Bipedie zur ‚Befreiung’ der Hände, die nun zum Transport von Nahrung über weitere Strecken genutzt werden konnten. Durch die so erfolgte Anpassung an die gegebenen Lebensverhältnisse, könnten danach geeignete physiologische Mutationen selektiert worden sein.

Weitere Charakteristika, die sich aus der Entwicklung der Zweifüßigkeit ergaben, sind zum einen die Rückbildung der olfaktorischen Orientierung, da diese durch den großen Abstand zum Boden relativ nutzlos geworden ist und zum anderen die Fortentwicklung des Sehens. Hier sind nun für die weitere Entwicklung zwei Dinge zu beachten. Zwar kann der Hominide durch den aufrechten Gang in weitere Entfernung sehen, da seine körperlichen Bewegungen aber weniger spezialisiert sind, ist er in seiner Reaktionsfähigkeit bei einem Angriff erheblich eingeschränkt. Er erkennt zwar früher die Gefahr, ist aber körperlich nicht unbedingt in der Lage, sich angemessen zur Wehr zu setzen.

Dadurch wird die Nutzung des Zeitgewinns durch die frühe Sichtung der Gefahr entscheidend. Man kann bei höher entwickelten Tieren von einer genetisch festgelegten Reaktionsdistanz ausgehen. Das Tier reagiert, sobald der Angreifer die Distanz unterschritten hat. Dabei muss man weiter von einer größer definierten Fluchtdistanz ausgehen. Ist eine Flucht nicht mehr möglich, muss sich der Hominide einen anderen Ausweg überlegen, um dem Angriff nicht wehrlos ausgeliefert zu sein.

Da sich die hominide Gattung bis heute durchgesetzt hat, muss im Zuge der Entwicklung der Bipedie noch eine weitere Entwicklung vollzogen haben. Durch ein gleichzeitiges Wachstum des Gehirns erreichte Homo allmählich die Fähigkeit Hilfsmittel, z. B. verschieden geformte Steine, zu seiner Verteidigung einzusetzen und später auch daraus Waffen und Werkzeuge herzustellen. Wäre der Mensch in einer bestimmten Weise spezialisiert gewesen, hätte er sich nicht so erfolgreich über die gesamte Erdkugel ausbreiten können, was ein Vergleich mit hochspezialisierten Gattungen zeigt.

[...]


[1] vgl. Pinker, Steven: Der Sprachinstinkt. München: Knaur, 1998. S. 22

[2] ebd., S. 53

[3] Leakey, Richard: Die ersten Spuren. Über den Ursprung des Menschen. München: Goldmann, 1999. S. 15

[4] vgl. Leakey, Richard: Die ersten Spuren. München: Goldmann, 1999. S. 35

[5] vgl. www.becominghuman.org, “The Documentary”, Rubrik „lineages“

[6] vgl. Leakey, Spuren, S. 34

[7] ebd., S. 36

[8] vgl. Leakey, Spuren, S. 37

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie Sprache entstanden sein könnte
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich 3 Germanistik / Linguistik)
Veranstaltung
Wie Sprache entstanden sein könnte
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V65779
ISBN (eBook)
9783638582698
ISBN (Buch)
9783656714132
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache
Arbeit zitieren
Carmen Radeck (Autor), 2002, Wie Sprache entstanden sein könnte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65779

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