Der Perspektivrahmen Sachunterricht fordert innerhalb des historischen Lernens die Kompetenz zu erlangen, zu „Erkennen, dass unser Wissen von der Geschichte von überlieferten Quellen abhängt und dass das bei der Auswertung der Quellen entstehende Wissen kein genaues Abbild vergangenen Geschehens ist, sondern immer nur eine vorläufige, begrenzte, perspektivische Annäherung an die damalige Wirklichkeit sein kann.“
Dieses einleitende Zitat spricht bereits Probleme an, die durch die Beschäftigung mit historischen Quellen entstehen können und beim Umgang mit ihnen berücksichtigt werden müssen. Doch wie soll diese Kompetenz erlangt werden, wenn nicht klar ist, wie man angemessen mit historischen Quellen umgehen sollte und vor allem wie Kinder der Grundschule Quellen und Darstellungen überhaupt wahrnehmen und aus ihnen lernen?
Zu fordern wäre also, dass die Geschichtsdidaktik über empirische Daten zur Bildwahrnehmung von SchülerInnen verfügen muss, um zu einer Optimierung der Bildarbeit im Unterricht zu gelangen. Gegenwärtig existiert nur eine ältere Untersuchung von Kurt Fina aus dem Jahre 1974, die sich mit der Bildwahrnehmung von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt.
Ziel dieser Arbeit soll es deshalb sein, aufbauend auf den Ergebnissen vorheriger Examensarbeiten zu diesem Thema, empirische Daten zu: „Vorstellungen von Kindern der Grundschule beim Betrachten des Bildes von Pieter Bruegel ‚Kinderspiele (um 1560)‛“ , zu liefern. Die Untersuchungen bewegen sich auf einer untersten Stufe, die dem Fernziel folgen, eine methodische Optimierung der Bildarbeit im historischen Lernen zu erreichen. Allerdings wird hier ein Schritt weitergegangen und nicht mehr nur gefragt, was und wie SchülerInnen wahrnehmen, wenn sie eine historische Bildquelle vorgelegt bekommen, sondern es wird danach gefragt, wie man diese Wahrnehmung möglicherweise beeinflussen kann. Es wird also nicht nur das Bild vorgelegt und dazu erzählt, sondern die Kinder erhalten Zusatzinformationen durch eine Bildunterschrift.
Des Weiteren werden fünf von zehn Befragten sogenannte Erschließungsfragen gestellt. Durch diese Methode, die emotionale Kanäle öffnen soll, wird in einem ersten Schritt der Versuch unternommen herauszufinden, in welcher Art und Weise die Kinder mit dieser Methode umgehen, inwieweit die Wahrnehmung möglicherweise beeinflusst und gelenkt werden kann. Werden überhaupt emotionale Bezüge zum Bild hergestellt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Bildquellen im Unterricht der Grundschule
2.1. Zum Umgang mit Bildquellen im Unterricht
2.1.1 Handlungsorientierte Verfahren
2.2 Das Bild im Schulgeschichtsbuch
2.2.1 Die Bildunterschrift/ Bildlegende
2.3 Forderungen und Ausblick
3. Psychologische Erkenntnisse/ Aspekte verschiedener Disziplinen zur Bildwahrnehmung
3.1 Das Bildverstehen
3.1.1 Ökologisches vs. Indikatorisches Bildverstehen
3.2 Gelenkte Wahrnehmung? Bild und Bildunterschrift sowie die Vervollständigung von Sätzen
4. Untersuchungsbeschreibung
4.1 Bisherige Ergebnisse empirischer Untersuchungen
4.2 Rahmenbedingungen der Interviews
4.3 Interviewmethode
4.3.1 Interviewphase 1: Gruppe Lautes Denken
4.3.2 Interviewphase 1: Gruppe Gedankenstichproben
4.3.3 Interviewphase 2: Nachfrageteil
4.4 Gegenstand der Interviews: Pieter Bruegel: „Kinderspiele“
4.4.1 Pieter Bruegel der Ältere
4.4.2 Gemälde
4.4.3 „Kinderspiele (um 1560)“
4.5 Auswertungsstrategie
5. Auswertung der Interviews
5.1 Interpretation der Einzelinterviews
5.1.1 Interview I
5.1.2 Interview II
5.1.3 Interview III
5.1.4 Interview IV
5.1.5 Interview V
5.1.6 Interview VI
5.1.7 Interview VII
5.1.8 Interview VIII
5.1.9 Interview IX
5.1.10 Interview X
5.2 Kategorienbildung
5.2.1 Die Methode des Sätzevervollständigens im Vergleich zu der Methode des „lauten Denkens“
5.2.2 Was passiert bevor auf die Bildunterschrift aufmerksam gemacht wird? Lenkt oder beeinflusst diese womöglich den Wahrnehmungsprozess?
5.2.3 Was passiert nachdem auf die Bildunterschrift hingewiesen wird? Wurde sie überhaupt registriert?
5.2.4 Wird das Bild zeitlich zugeordnet? Oder wurde durch das Datum innerhalb der Bildunterschrift ein Bezug zu einer Epoche ergestellt?
5.3 Weitere Auffälligkeiten bezüglich der Bildwahrnehmung
6. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, empirische Daten zu den Vorstellungen von Grundschulkindern beim Betrachten des Gemäldes „Kinderspiele (um 1560)“ von Pieter Bruegel zu gewinnen. Dabei wird untersucht, wie die Wahrnehmung der Schüler durch den Einsatz von Zusatzinformationen in Form von Bildunterschriften sowie durch die Methode der Sätzevervollständigung beeinflusst und gelenkt werden kann.
- Historische Bildquellen als Lernmedium im Sachunterricht der Grundschule
- Psychologische Aspekte der Bildwahrnehmung und Bildverarbeitung bei Kindern
- Methodische Ansätze zur Erforschung der Bildrezeption (Lautes Denken vs. Sätzevervollständigung)
- Einfluss von Bildunterschriften auf den Wahrnehmungsprozess und die historische Einordnung
Auszug aus dem Buch
2. Historische Bildquellen im Unterricht der Grundschule
Nahezu unüberschaubar ist die Menge der Bilder historischen Inhalts, die ständig angeboten und konsumiert werden. „Trotz der geradezu bedrängenden Überfülle der Bilder ist bisher in der Geschichtswissenschaft nur ein schmales Rinnsal an Forschungsaktivitäten zu entdecken, die nicht zuletzt in der Geschichtsdidaktik angesiedelt sind.“ Doch auch die Geschichtsdidaktik hat in dieser Richtung bisher wenig getan. Es wäre erforderlich, sich der Forschungsergebnisse anderer Diziplinen zu bedienen. Dies würde die Beschäftigung mit der Kunstgeschichte, der Geschichtswissenschaft, der Pädagogik, der Wahrnehmungspsychologie und der Neurobiologie bedeuten.
Die Annäherung an Bilder als Quellen, ist noch sehr zurückhaltend. Das mag wohl auch daran liegen, dass schon immer die sprachlichen Quellen ein größeres Gewicht gegenüber den bildlichen und gegenständlichen Quellen hatten. „Dabei mag auch von Bedeutung sein, daß den Historiker angesichts der Vielfalt der heute verwendeten Methoden und Fragestellungen zur Bildinterpretation ein Gefühl der Inkompetenz beschleicht, das ihn veranlaßt, den Quellencharakter von Bildern zu ignorieren.“ Daher wäre zu fordern, „dass Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik sämtliche historisch relevanten Bildzeugnisse als eigenständige Quellen von hohem Erkenntniswert in ihr Forschungsrepertoire aufnehmen, als Zeichensysteme freilich mit einer eigenen Bildsprache, eigenen Codes und spezifischer Wirkung, die wie schriftliche Quellen der wissenschaftlichen Kritik unterliegen und nicht nur illustrierend oder als optische Anreicherung verwendet werden dürfen.“ Seit einiger Zeit wird allerdings innerhalb der fachdidaktischen Literatur verstärkt gefordert, Bilder nicht nur illustrativ zu verwenden, sondern auch heuristisch einzusetzen.
Selbst in der Grundschule führt kein Weg an einer intensiveren Beschäftigung mit Bildern vorbei. Für den verstärkten Einsatz von Bildquellen im Bereich des historischen Lernens im Sachunterricht sprechen eindeutig gesellschaftspolitische, wissenschaftliche und pädagogische Argumente. Ein Großteil der vorhandenen Bildangebote sind auch für die Grundschule verwendbar, würde man sie entsprechend altersgerecht und mit offenen Lernmethoden einsetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein, begründet das Ziel der Arbeit zur Erforschung kindlicher Bildvorstellungen und erläutert den Aufbau der Untersuchung.
2. Historische Bildquellen im Unterricht der Grundschule: Es werden der theoretische Status von Bildquellen im Unterricht, methodische Ansätze sowie die Problematik der Bildunterschriften in Schulgeschichtsbüchern erörtert.
3. Psychologische Erkenntnisse/ Aspekte verschiedener Disziplinen zur Bildwahrnehmung: Hier werden Modelle des Bildverstehens und psychologische Faktoren beleuchtet, die erklären, wie Kinder Bilder wahrnehmen und durch sprachliche Reize beeinflusst werden können.
4. Untersuchungsbeschreibung: Dieses Kapitel dokumentiert die empirische Untersuchung, inklusive der Interviewmethodik, der Rahmenbedingungen sowie einer Analyse des gewählten Bildwerkes von Pieter Bruegel.
5. Auswertung der Interviews: Die Ergebnisse der zehn geführten Interviews werden einzeln interpretiert, kategorisiert und kritisch analysiert, um Zusammenhänge zwischen Bildwahrnehmung und den gewählten Methoden aufzuzeigen.
6. Abschlussbetrachtung: Das Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen, reflektiert die Ergebnisse im Kontext der Ausgangshypothesen und nennt weiterführende Forschungsperspektiven.
Schlüsselwörter
Bildwahrnehmung, historische Bildquellen, Sachunterricht, Grundschule, Bildverstehen, Pieter Bruegel, Kinderspiele, empirische Untersuchung, Interviewmethode, Sätzevervollständigung, Bildunterschrift, Geschichtsdidaktik, visuelle Kompetenz, Bildlegende, Bildinterpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bildwahrnehmung von Grundschulkindern beim Betrachten einer historischen Quelle – in diesem Fall das Gemälde „Kinderspiele“ von Pieter Bruegel – und prüft, ob Zusatzinformationen die Wahrnehmung steuern können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Geschichtsdidaktik, der psychologischen Wahrnehmungsforschung, der Interpretation historischer Bilder durch Kinder und der Wirkung von Text-Bild-Kombinationen im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, empirische Daten darüber zu liefern, wie SchülerInnen historische Bilder interpretieren und ob durch methodische Interventionen (wie Bildunterschriften oder Erschließungsfragen) eine intensivere Auseinandersetzung erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine qualitative empirische Untersuchung mit zehn Grundschulkindern der vierten Klasse durchgeführt, die auf narrativen und fokussierten Interviews basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Bedeutung von Bildquellen und psychologischen Aspekten der Wahrnehmung sowie einen empirischen Teil, der die Interviews beschreibt und detailliert auswertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Bildwahrnehmung, historische Bildquellen, Kinderspiele von Bruegel, empirische Sozialforschung und Bildverstehen.
Warum ist das Gemälde „Kinderspiele“ für die Untersuchung gewählt worden?
Das Bild eignet sich aufgrund seiner Detailfülle und der Darstellung von Kindern als Akteuren besonders gut, um die Wahrnehmungsprozesse von Grundschulkindern zu untersuchen, da die dargestellten Szenen einen direkten Lebensweltbezug haben.
Inwiefern beeinflussen Bildunterschriften die Wahrnehmung?
Die Untersuchung zeigt, dass die meisten Kinder die Bildunterschriften anfangs nicht beachten oder sie nicht sinnentnehmend in ihren Wahrnehmungsprozess integrieren, da sie primär auf das visuelle Bild konzentriert sind.
- Arbeit zitieren
- Stefanie Kimpel (Autor:in), 2006, Vorstellungen von Schülern der Grundschule beim Betrachten des Bildes von Pieter Bruegel 'Kinderspiele (um 1560)" - Eine qualitative empirische Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65883