Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Organisation der Amerikawanderung aus der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie. Der bearbeitete Zeitraum umfasst in etwa die Dauer der New Immigration, die von ungefähr 1885 bis 1914 festgelegt wird. Der Beginn des Ersten Weltkrieges, welcher das vorläufige Ende der Massenauswanderung markierte, soll auch hier als Begrenzung dienen. Diese Diplomarbeit stellt den Versuch dar, die Reise der Menschen von der Monarchie ausgehend bis zur Ankunft in Amerika möglichst detailliert nachzuvollziehen. Wie ist der Großteil der Auswanderer gereist und wie kann man sich die damalige Organisation der Wanderung vorstellen? Unter sozialgeschichtlichen Aspekten sollen Anreise und Unterkunft in den Häfen, Überfahrt und die Einreiseprozedur in Ellis Island betrachtet werden.
Ziel ist es einerseits ein möglichst vielschichtiges Bild davon zu vermitteln, wie die oft beschwerliche Reise der Amerikafahrer aussah, und andererseits die technischen sowie wirtschaftlichen Hintergründe und Zusammenhänge beziehungsweise die wechselseitige Beziehung zwischen Wirtschaft und Massenauswanderung aufzuzeigen. Von Interesse ist, ob die technischen Neuerungen und vor allem die Organisationstätigkeit der Schifffahrtslinien zu einer verstärkten Auswanderung führten, oder ob umgekehrt die rasante Entwicklung der modernen Atlantikschifffahrt ohne die Massenauswanderung überhaupt möglich gewesen wäre. Einblicke in die Bereiche der Reedereiorganisationen, Schiffstechnik und Agenturalltag sollen Antworten auf diese Fragen liefern.
Der erste Teil der Arbeit bildet eine Einführung in das Thema Migration. Ein Rückblick auf das europäische Wanderungsverhalten mit dem Zielland Amerika dient als Einleitung des Kapitels. Statistiken über Auswanderungszahlen sollen verdeutlichen, welche große Rolle die Migration um 1900 in der Monarchie spielte. Besonders interessant, aber leider nicht vollständig beantwortbar, ist die Frage nach den Motiven der Auswanderung. Verschiedenste Faktoren bewirkten bei einigen Menschen den Drang auszuwandern, bei vielen hingegen zeigten die Verlockung von wirtschaftlichen und sozialen Verbesserungsmöglichkeiten in Amerika einerseits und nachteilige Entwicklungen im Heimatland andererseits keinerlei Auswirkung. Der Rahmen des Push- und Pull Modells ermöglicht die gemeinsame Darstellung von bereits in der zeitgenössischen Literatur diskutierten Motiven und neueren Erkenntnissen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Emigration aus Zisleithanien
2. 1. Vorgeschichte der Arbeits- und Auswanderung nach Amerika
2. 2. Auswanderungsstatistiken
2. 3. Auswanderung aus der österreichischen Hälfte der Monarchie
2. 3. 1. Auswanderung bis 1900- die Anfänge
2. 3. 2. 1901-1914. Höhepunkt und Ende der Massenauswanderung
3. Was waren die Ursachen der Auswanderung?
3. 1. Push-Faktoren
3. 1. 1. Überbevölkerung???
3. 1. 2. Wirtschaftliche Gründe
3. 1. 3. Arbeitsmangel und Lohnunterschiede
3. 1. 4. Regionaltypische Motive
3. 1. 4. 1. Galizien, Bukowina und Dalmatien
3. 1. 4. 2. Vorarlberg
3. 1. 5. Juden
3. 1. 6. Persönlichkeitsmerkmale und individuelle Motive
3. 1. 7. Illegale Auswanderung
3. 1. 8. Politische und religiöse Motive?
3. 2. Pull-Faktoren
3. 2. 1. Warum Amerika?
3. 2. 2. Informationsaustausch und transatlantische Netzwerke
3. 2. 3. Das Amerikabild
3. 3. Push und Pull
4. Wer waren die Auswanderer?
4. 1. Auswanderungspolitik in der Monarchie
4. 2. Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika
4. 3. Hauptauswanderungsgebiete und Ethnien
4. 4. Berufe der Auswanderer
4. 5. Geschlechterverhältnisse
4. 6. Alter der Wandernden
5. Die Reise nach Amerika
5. 1. Kettenwanderung
5. 2. Finanzierung der Überfahrt
6. Das Geschäft mit der Migration
6. 1. Nordatlantischer Dampferlinienverband und Continental Pool
6. 1. 1. Austro-Americana
6. 2. Die Büros der Schifffahrtsgesellschaften
6. 3. Auswanderungsagenturen
6. 4. Rolle der Reisebüros
6. 5. Agenten, Subagenten, Auswanderer
6. 6. Der alltägliche Geschäftsbetrieb
6. 7. Am Rande der Legalität
6. 8. Gedruckte Werbemittel
6. 8. 1. Reiseführer
6. 8. 2. Presse und Zeitungsannoncen
7. Auswandererfürsorge
7. 1. Religiöse Organisationen
7. 2. Auswandererfürsorge im Deutschen Reich
7. 3. Einwandererhilfsorganisationen in den USA
8. Welche Häfen wurden angesteuert?
8. 1. Hamburg und Bremen – die großen Konkurrenten
9. Auswandererverkehrswege
9. 1. Das Deutsche Reich als Durchwanderungsland
9. 2. Österreich –Ungarn und die Schweiz als Durchwanderungsländer
9. 3. Praktischer Betrieb in den deutschen Kontrollstationen
10. Im Hafen
10. 1. Hamburg vor Ausbruch der Cholera
10. 2. Auf der Veddel
10. 2. 1. Betrieb auf der Veddel
10. 3. Bremen
11. Die Seereise
11. 1. Die Schiffe
11. 2. Die Überfahrt im Zwischendeck
11. 2. 1. Der Alltag an Bord
11. 3. Die Einführung der III. Klasse
12. Ankunft in New York
12. 1. Isle of Hope, Isle of Tears
12. 2. Immigrationsprozess
12. 2. 1. Medizinische Untersuchungen
12. 2. 2. Registrierung und Befragung
12. 3. Zurückgewiesene
12. 4. The New World
13. Resümee
Zielsetzung und Themen
Diese Diplomarbeit befasst sich mit der Organisation der Auswanderung aus der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie in die USA um die Jahrhundertwende (ca. 1885 bis 1914). Ziel ist es, die Reise der Menschen von der Monarchie bis zur Einreiseprozedur in Ellis Island detailliert nachzuvollziehen und dabei sowohl die sozioökonomischen Hintergründe als auch die Rolle der Schifffahrtsgesellschaften, Agenturen und Reisebüros aufzuzeigen.
- Analyse der Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung
- Untersuchung der Reiseorganisation und Rolle der Vermittler
- Betrachtung der Auswandererpolitik und gesetzlicher Rahmenbedingungen
- Dokumentation der Erfahrungen während der Seereise
- Einblick in den Immigrationsprozess in New York
Auszug aus dem Buch
3. 1. 2. Wirtschaftliche Gründe
Die wirtschaftliche Entwicklung der Monarchie gestaltete sich regional stark unterschiedlich. Während einige Städte der Monarchie und Teile Böhmens und Mährens bereits früh industriell erschlossen waren, dominierte um 1900 in weiten Teilen Österreich-Ungarns immer noch die Landwirtschaft. Allerdings ergaben sich auch hier große Unterschiede: in den Alpengegenden fand man großteils Familienbetriebe mit Rinderzucht vor, in Teilen Böhmens und Mährens gab es kleine Familienlandwirtschaften, die von Getreideanbau und Tierzucht lebten, und in Galizien und Bukowina beherrschten einige wenige Großgrundbesitzer weite Teile des Landes und trieben damit die Kleinbauern in die Armut. Der östliche Teil der Monarchie war auf dem niedrigsten industriellen Stand.
1890 lebten in Galizien 77 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft, im Gegensatz zu 41 Prozent in Böhmen. Um die Jahrhundertwende mussten zwei Drittel der Bevölkerung Galiziens zusätzliche Arbeit als Tagelöhner verrichten, weil sie von der eigenen Kleinstlandwirtschaft nicht leben konnten.
Auch die amerikanische Konkurrenz und der Verlust der Absatzmärkte in Übersee sind nicht zu unterschätzen. Die Landwirtschaft Mittel-, Ost- und Südeuropas war den agrarwirtschaftlichen Umbrüchen nicht gewachsen und in Folge kam es in den 1880er Jahren zu einer Agrarkrise. Missernten verschärften die Lage und die Auswanderung nach Übersee stellte für einige die Lösung ihrer Probleme dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den zeitlichen Rahmen der "New Immigration" (1885-1914) und das Ziel, die Organisation der Reise von der Monarchie bis nach Ellis Island sowie die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Migration zu beleuchten.
2. Emigration aus Zisleithanien: Dieses Kapitel erläutert die Rahmenbedingungen und Statistiken der Auswanderung aus der österreichischen Reichshälfte, wobei der Wandel der Reisebedingungen durch verbesserte Infrastruktur und gesunkene Transportpreise hervorgehoben wird.
3. Was waren die Ursachen der Auswanderung?: Hier werden die Push-Faktoren (wie wirtschaftliche Not und soziale Disparitäten) und Pull-Faktoren (wie die Anziehungskraft Amerikas und transatlantische Netzwerke) anhand theoretischer Modelle und Fallbeispiele diskutiert.
4. Wer waren die Auswanderer?: Der Abschnitt definiert die demografische und soziale Struktur der Auswanderer, unterteilt nach Ethnien, Berufen und Altersgruppen, und setzt sich mit der Aus- und Einwanderungspolitik auseinander.
5. Die Reise nach Amerika: Hier wird der Prozess der Reisevorbereitung, die Kettenwanderung und die schwierige Finanzierung der Überfahrt thematisiert, wobei die zentrale Bedeutung privater Netzwerke für die Migration betont wird.
6. Das Geschäft mit der Migration: Das Kapitel widmet sich der Rolle von Reedereien, Auswanderungsagenturen und Reisebüros, deren lukrativem Geschäftsmodell und der teils illegalen Praxis der Anwerbung von Auswanderern.
7. Auswandererfürsorge: Dieser Teil beschreibt die Aktivitäten religiöser und privater Organisationen bei der Unterstützung von Migranten, da staatliche Fürsorge in der Monarchie weitgehend fehlte.
8. Welche Häfen wurden angesteuert?: Hier wird die Bedeutung der großen deutschen Häfen (Hamburg und Bremen) im Vergleich zum nationalen Hafen Triest dargelegt, wobei logistische Vorteile und Durchgangstarife eine zentrale Rolle spielten.
9. Auswandererverkehrswege: Der Abschnitt erläutert die Reisewege der Migranten innerhalb Europas, das Phänomen der Durchwanderungsländer und den Betrieb der preußischen Kontrollstationen.
10. Im Hafen: Dieses Kapitel beschreibt die Unterbringungssituation in den Hafenstädten und die Entwicklung hin zu organisierten Auswandererhallen, besonders am Beispiel der "Veddel" in Hamburg.
11. Die Seereise: Hier steht die Überfahrt selbst im Fokus, einschließlich technischer Fortschritte in der Schiffstechnik, der hygienischen Bedingungen und der alltäglichen Erfahrungen im Zwischendeck.
12. Ankunft in New York: Das abschließende Kapitel analysiert den Einwanderungsprozess auf Ellis Island, die medizinischen und administrativen Hürden für die Migranten und ihre Ankunft in der "Neuen Welt".
13. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Migration als komplexen, wirtschaftlich bedingten Prozess, bei dem die Organisation durch Reedereien und Agenten die Wanderungsbewegungen maßgeblich steuerte.
Schlüsselwörter
Habsburgermonarchie, Amerikawanderung, New Immigration, Ellis Island, Schifffahrtsgesellschaften, Auswanderungsagenturen, Zwischendeck, Kettenwanderung, Migration, Sozialgeschichte, Push-Faktoren, Pull-Faktoren, Transatlantikpassage, Zisleithanien, Arbeitsmigration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Organisation und die sozioökonomischen Aspekte der Auswanderung aus der österreichischen Hälfte der Habsburgermonarchie in die USA zwischen 1885 und 1914.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Ursachen der Auswanderung (Push- und Pull-Faktoren), die Rolle der Reisebüros und Schifffahrtslinien, die Infrastruktur der Reise sowie der Einwanderungsprozess an US-amerikanischen Aufnahmestationen wie Ellis Island.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein vielschichtiges Bild der oft beschwerlichen Reise der Auswanderer zu zeichnen und die wechselseitige Beziehung zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung der Schifffahrt und der Massenauswanderung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer sozialgeschichtlichen Auswertung von zeitgenössischen Statistiken, Berichten, Zeitungsartikeln, Reiseführern und Sekundärliteratur, um die Lebensrealität der Migranten nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt ausführlich die Motive der Auswanderer, die Rolle der Vermittlungsagenturen, die Reiserouten über Europa, die Bedingungen an Bord der Schiffe und das Prozedere der Einwanderung in New York.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Amerikawanderung, Zisleithanien, Zwischendeck, Auswanderungsagenturen, Kettenwanderung und Ellis Island.
Warum spielten die deutschen Häfen für Auswanderer aus der Monarchie eine so große Rolle?
Die deutschen Häfen Hamburg und Bremen boten durch den schnellen Ausbau der Eisenbahnverbindungen, etablierte Durchgangstarife und ein engmaschiges Agentennetz eine effizientere und oft besser organisierte Abwicklung der Reise als der österreichische Hafen Triest.
Welche Bedeutung hatten die Auswandereragenturen für die Migranten?
Agenturen spielten eine ambivalente Rolle: Sie erleichterten die Organisation der Reise durch Buchungsservices und Informationstransfer, waren jedoch oft in illegale Machenschaften verwickelt und handelten primär gewinnorientiert.
- Arbeit zitieren
- Monika Korntheuer (Autor:in), 2006, Der lange Weg nach Ellis Island - Emigration aus dem österreichischen Teil der Habsburgermonarchie über deutsche Häfen nach den USA um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65903