Die Zeit, in der wir heute leben, hat uns eine Menge Annehmlichkeiten und Vorteile gebracht, allerdings birgt sie auch Verpflichtungen und Probleme, die wir alle mehr oder minder bewältigen müssen, bsp. die Freiheit sich innerhalb der Gesellschaft seinen eigenen Platz relativ ungebunden wählen zu können, was zum Aufkommen der Frage führt: Wer bin ich eigentlich und wo gehöre ich hin? Auf den Punkt gebracht bedeutet dies also, dass wir alle heute dazu verpflichtet sind, unsere Identität selbst zu suchen, zu bilden und zu wahren.
Wenn auch wohl die Wenigsten von uns sich dieser Aufgabe täglich bewusst werden, so gibt es doch Situationen in denen die Bedeutsamkeit der Suche nach dem eigenen Ich zunimmt. Eine dieser Gelegenheiten dürfte wohl das Verfassen einer Autobiografie darstellen, weshalb die vorliegende Arbeit sich mit Johann Heinrich Jung-Stillings autobiografischen Büchern "Henrich Stillings Jugend" und "Henrich Stillings Jüng-lingsjahre" beschäftigt, in denen sich die zu untersuchende Problematik deutlich belegen lässt. Hierzu gehören einerseits die bewusst vom Autor inszenierten sowie die unbewusst im Text vorhandenen Belege seiner letztendlich errungenen Identität und andererseits jene inneren und äußeren Faktoren und Einflüsse, die zur Entwicklung eben dieser Identität geführt haben. Beide Bereiche sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht und anhand von Textbelegen beleuchtet werden.
Zudem sei auf die Entstehungs- und Erscheinungszeit von Jung-Stillings Werk im 18. Jahrhundert verwiesen, wo nicht zuletzt Aufklärung und allmähliches Aufbrechen der Standesgrenzen ihren Teil dazu beigetragen haben, dass die Position des Menschen in der Gesellschaft durchaus variabel und definitionsbedürftig wurde.
Des Weiteren scheint Jung-Stillings Text vor allem deshalb geeignet, weil der Protagonist einen zur freien Identitätsstiftung denkbar ungünstigen Ausgangspunkt einnimmt: Als Sohn eines Dorfschulmeisters und Schneiders, der tief im christlichen Glauben verwurzelt ist und im Hause des pietistischen Großvaters vollkommen isoliert erzogen wird, steht Heinrich durch sein starkes Streben nach Wissen und geistigen Schätzen in einer vollkommenen Außenseiterposition, die seinen ungewöhnlichen und mit zahlreichen Widerständen verbundenen Werdegang umso schwieriger werden lässt. Ziel der Arbeit ist die Klärung der Frage: Welchen Stellenwert erhält Identitätsstiftung in Johann Heinrich Jung-Stillings Werk und wo, wie bzw. warum tritt sie zu Tage?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Identität: ein definitorischer Versuch
2.1 Wandel im 18. Jahrhundert
3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Autobiografie
3.1 Das Streben nach Aufstieg und dem Verlassen des eigenen Standes
3.2 Auf der Suche nach Identitätsfundamenten
3.2.1 Religion
3.2.2 Natur
3.2.3 Gruppenzugehörigkeit
3.3 Vergleich mit Vater und Großvater
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Identitätsstiftung in den autobiografischen Werken "Henrich Stillings Jugend" und "Henrich Stillings Jünglingsjahre" von Johann Heinrich Jung-Stilling. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie der Autor durch die Verarbeitung biografischer und ökologischer Faktoren vor dem Hintergrund zeitgenössischer Erwartungen seine Identität konstruiert, legitimiert und als göttlich gelenkt darstellt.
- Analyse der Identitätskonstruktion in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels im 18. Jahrhundert.
- Untersuchung der Rolle von Religion, Natur und Gruppenzugehörigkeit als Identitätsfundamente.
- Reflexion über das Verhältnis zwischen auktorialem Erzähler und Protagonist sowie die Inszenierung des Lebenslaufs.
- Vergleich der Identitätsbildung des Protagonisten mit der seiner Vorfahren, insbesondere Vater und Großvater.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Streben nach Aufstieg und dem Verlassen des eigenen Standes
Zu Beginn der Jugend stellt der Autor zunächst die westfälische Landschaft vor, in der er geboren wurde und aufgewachsen ist. Nicht zufällig erfolgt direkt im Anschluss an diese Schilderungen eine sofortige Bezugnahme auf seinen Großvater Eberhard Stilling, dessen Leben als Bauer und Kohlebrenner in groben Konturen umrissen wird: „Er hielt sich den ganzen Sommer durch im Walde auf, und brannte Kohlen; kam aber wöchentlich einmal nach Hause, um nach seinen Leuten zu sehen, und […] nach Florenburg in die Kirche gehen zu können, allwo er ein Mitglied des Kirchenraths war. Hierin bestanden auch die mehresten Geschäfte seines Lebens“15.
Damit sind bereits innerhalb der ersten beiden Seiten die bestimmenden Elemente im frühen Leben des Autors erfasst, was bedeutet, dass Jung-Stilling schon gleich zu Beginn seines Werkes mit der Schilderung des dörflichen Milieus und des Großvaters als Familienoberhaupt auf eine Problematik aufmerksam macht, die den gesamten Text über bestimmend bleiben wird: geboren in einer ländlichen Gegend im Jahre 1740 als Sohn eines Dorfschulmeisters und Schneiders und in einer gläubigen und traditionsbewussten Familie, ist der Lebensweg des jungen Heinrich eigentlich bereits vorgezeichnet und seine Möglichkeiten scheinen dementsprechend begrenzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Identitätssuche im 18. Jahrhundert ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Identitätsstiftung in Jung-Stillings Jugendwerken zu analysieren.
2. Identität: ein definitorischer Versuch: Dieses Kapitel erörtert theoretische Ansätze zur Identität und beleuchtet die spezifischen historischen Bedingungen des 18. Jahrhunderts als Epoche des Wandels.
3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Autobiografie: Der Hauptteil untersucht anhand konkreter Textbeispiele, wie Jung-Stilling seine Identität durch den Aufstiegswillen, religiöse Bezüge, Naturerfahrung und soziale Abgrenzung aktiv konstruiert und legitimiert.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Jung-Stilling seine Autobiografie als bewusste Inszenierung nutzt, um sein ungewöhnliches Leben und seinen sozialen Aufstieg auf religiöse Vorsehung zurückzuführen.
Schlüsselwörter
Identitätsstiftung, Autobiografie, Johann Heinrich Jung-Stilling, 18. Jahrhundert, Pietismus, Aufklärung, Soziale Herkunft, Identitätsfundamente, Religion, Natur, Gruppenzugehörigkeit, Aufstieg, Selbstbild, Legitimationsbemühungen, Individuation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen der Identitätsstiftung in den frühen autobiografischen Werken von Johann Heinrich Jung-Stilling, insbesondere im Hinblick auf seine Entwicklung als Individuum und seinen Wunsch nach sozialem Aufstieg.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die historische Einordnung des 18. Jahrhunderts, die Bedeutung von Religion und Frömmigkeit, das Verhältnis zur Natur sowie die familiären Bindungen und die soziale Außenseiterposition des Autors.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Jung-Stilling sein Leben durch literarische Inszenierung als ein von göttlicher Vorsehung gelenktes Schicksal darstellt, um seinen untypischen Lebensweg zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine exemplarische Textanalyse der autobiografischen Bücher "Jugend" und "Jünglingsjahre" durchgeführt, ergänzt durch die Einbeziehung kulturwissenschaftlicher und literaturhistorischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Aufstiegswillens, der Identitätsfundamente (Religion, Natur, soziale Gruppe) und einen vergleichenden Blick auf das Leben des Vaters und Großvaters.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Identitätsstiftung, Autobiografie, Pietismus, Aufklärung, Selbstfindung und Legitimationsstrategien charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst das 18. Jahrhundert die Identitätssuche des Autors?
Das 18. Jahrhundert bot durch das Aufbrechen von Standesgrenzen und neue Bildungsideale erstmals größere Spielräume, erzeugte aber gleichzeitig durch den Wegfall traditioneller Sicherheiten eine Notwendigkeit zur individuellen Identitätsstiftung.
Warum spielt die Religion in Jung-Stillings Autobiografie eine so zentrale Rolle?
Die Religion dient als stabiles Fundament, das es dem Autor ermöglicht, sein Scheitern in weltlichen Berufen in eine Prüfung durch Gott umzudeuten und so sein Handeln rückwirkend als erfolgreich und sinnvoll zu deklarieren.
- Quote paper
- Nadine Bachmann (Author), 2006, Identitätsstiftung in Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66005