Turmuhr Wittenberge


Essay, 2006

5 Seiten


Leseprobe

Größte oder zweitgrößte Turmuhr Europas?

Von Armin Feldmann

Die Größe der Uhr am Wasserturm der ehemaligen Singer-Nähmaschinenfabrik bzw. des VEB Nähmaschinenwerk in Wittenberge ist wiederholt diskutiert worden. In mehreren Beiträgen der „prignitzer heimat“, auch in Blättern zur Stadtgeschichte (1994) werden ihre Maße genannt, als eine der letzten Angaben bezeichnete sie ein Interview in der Tageszeitung „Der Prignitzer“ vom 02.03.2006 als die größte Turmuhr des europäischen Festlands und ordnete sie damit unausgesprochen hinter der berühmten Londoner Uhr ein, wobei es diese aus dem Vergleich ausließ. Demgegenüber ist in der „prignitzer heimat“, Heft 33/1. Halbjahr 2003, S. 7 Anmerkung 16, zu lesen: „Damals nach der von ‚Big Ben’ in London die zweitgrößte Turmuhr in Europa“. Inzwischen (Mai 2006) findet sich auch die Bezeichnung „größte öffentliche Uhr Deutschlands“ („Der Prignitzer“, z. B. am 12.05.2006, S. 15). Selbst der Streckenfahrplan RE 4 der Deutschen Bahn (Mai bis Dezember 2006, aber auch schon davor) zeigt zu Wittenberge eine Abbildung „Europas zweitgrößte Turmuhr“.

Es scheint angebracht, sich die Maße einiger Uhren anzuschauen, um zu einer präzisen Einschätzung zu kommen.

Tatsächlich heißt „Big Ben“ eigentlich nur die riesige Glocke von mehr als 13 t Gewicht, die 1859 im St. Stephan’s Turm (96 m hoch) am britischen Parlamentsgebäude installiert wurde. Sie war von dem körperlich großen, langen Sir Benjamin Hall („Big Ben“) gestiftet worden – er war der erste britische Regierungskommissar für Arbeit; man ist sich aber nicht sicher, ob sie ihren Namen möglicherweise von dem damals in London sehr bekannten Berufsboxer Benjamin Caunt erhalten hat, der mit seinem Gewicht von 110 kg und entsprechender Größe scherzhaft „Big Ben“ genannt wurde. Mit ihrem weltbekannten Glockenspiel, erzeugt von vier Viertelglocken und der gewaltigen Stundenglocke, den „Chimes of Big Ben“, schlägt sie vier Mal die Viertelstunden und dann die volle Stunde an. Die Melodie des Glockenspiels übrigens stammt aus Georg Friedrich Händels Messias-Oratorium. Der Name der Glocke ist längst im Alltagsgebrauch auf die Uhr und auch auf den Uhrenturm übertragen worden.

In einer Broschüre „Big Ben and the Clock Tower“ des Informationsamtes des House of Commons, des britischen Unterhauses, werden folgende Maße zum äußeren Bild der Uhr, den Zifferblättern, genannt: Durchmesser 7 m (die exakte Umrechnung des englischen Maßes von 23 Fuß ergibt 7,01 m), Länge der Minutenzeiger 4,2 m (14 Fuß ergeben 4,27 m), der Stundenzeiger 2,7 m (9 Fuß = 2,74 m), Höhe der Ziffern 60 cm (2 Fuß = 61 cm). Da bei dieser Uhr der Durchmesser der Zifferblätter identisch ist mit der Seitenlänge der Quadrate, in die die Zifferblätter eingefügt sind, ergibt sich auch für diese Seiten eine Länge von 7,01 m. Die Fläche des Quadrats errechnet sich dann zu 49,14 m², die Fläche des Zifferblattes beträgt 38,57 m².

Maße für die Turmuhr des ehemaligen Nähmaschinenwerkes in Wittenberge nennt das oben erwähnte „prignitzer heimat“-Heft, S. 6 f.: „Die Turmuhr hat ein Zifferblatt von 7,30 m Durchmesser (auf einem 7,57 m Seitenlänge messenden Quadrat). Die Zeigerlängen betragen 3,30 m bzw. 2,25 m Die Ziffernhöhe ist ein Meter.“ Diese Angaben finden ihre Bestätigung in einer Bauausführungszeichnung, die im Archiv des Veritas Gewerbeparks vorliegt. Aus ihnen errechnet sich die Fläche des Quadrats zu 57,30 m² und die des Zifferblattes zu 41,83 m². So ist der Durchmesser des Wittenberger Zifferblattes und die Kantenlänge des Quadrats größer, als das bei Big Ben der Fall ist, die Fläche der die Zifferblätter tragenden Quadrate in Wittenberge ist 10,24 m² größer, die Fläche der Zifferblätter übertrifft die in London um 4,89 m². Der Touristenführer 2006 „Wittenberge in der Elbtalaue“ nennt auf S. 31 für den Durchmesser des Zifferblattes allerdings fälschlich 7,57 m und gibt die Ziffernhöhe („Stundenzeichen“) mit 1 m x 0,40 m an. Diesen zu großen Durchmesser nennt schließlich auch das 2003 im Eulenspiegel-Verlag erschienene „Das Rekordbuch. Besonderheiten, Kuriositäten & Superlative aus dem Osten“, S. 78, wo es diese Uhr gar als die größte Uhr Deutschlands bezeichnet. Der Verfasser meinte dazu: „Es gibt halt vielfach Informationen, die, einmal in die Welt gesetzt, ewigen Bestand zu haben scheinen, obwohl – wie in diesem Falle – die Angaben nicht korrekt sind. Die Angaben, auf die ich mich bezog, entstammen Veröffentlichungen des einstigen Rates des Kreises zu Sehenswürdigkeiten in der Westprignitz und auch des Fremdenverkehrsamtes ... Unzählige (meiner Quellen) konnte ich nachrecherchieren, bei der Wittenberger Uhr sah ich keine Veranlassung (ich hätte auch keinen Ansprechpartner gewußt), da ich selbst aus der Westprignitz stamme (Dorf Dallmin nahe Karstädt), und alle, aber auch alle felsenfest davon überzeugt waren, es handle sich um die größte Uhr Deutschlands.“ Sehr sauber und zuverlässig sind die korrekten Größenangaben der „Wittenberger Uhr“ in der Ausstellung im Uhrenturm selbst dargestellt, ausgerichtet vom Freundeskreis Nähmaschine e. V. Ist die Wittenberger Uhr also gar die größte Turmuhr Europas?

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Turmuhr Wittenberge
Autor
Jahr
2006
Seiten
5
Katalognummer
V66448
ISBN (eBook)
9783638584753
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Essay ohne Sekundärliteratur
Schlagworte
Turmuhr, Wittenberge
Arbeit zitieren
Dipl.-Lehrer Armin Feldmann (Autor), 2006, Turmuhr Wittenberge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66448

Kommentare

  • Gast am 23.11.2007

    Leider keine wissenschaftliche Arbeit!.

    Der Autor vergleicht die Turmuhr in dieser Stadt nur anhand von darstellenden Publikationen mit den anderen Uhren in Europa, was keine wissenschaftliche Arbeit darstellt!

    Leider!

    Jens Lehmann, St. Augustin

  • Gast am 20.5.2008

    Turmuhr Wittenberge.

    Die Bezeichnung Turmuhr ist an sich irreführend, Autor und Kommentator meinen die sichtbaren Zifferblätter. Die die Zeiger antreibende Turmuhr dahinter ist im Fall des Londoner Parlamentsgebäudes eine zwar elektrisch aufgezogene aber ansonsten mechanische Uhr, im Fall Wittenberge pro Zifferblatt ein elektromechanischer Antrieb.

    Die Rangfolge der Größe der Zifferblätter ist schon für England nicht ganz korrekt, denn die vier Londoner Zifferblätter sind um 2 Fuß (gerundet ca.61cm) Durchmesser kleiner als die auf dem Gebäude der Royal Liver Society, Insurance Company in Liverpool, mit je 25 Fuß.

    Christian Borck,
    AK Turmuhren der DGC, Deutsche Gesellschaft für Chronometrie

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Titel: Turmuhr Wittenberge



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