Die Komplizenschaft von Habitus und Feld


Seminararbeit, 2005

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Habitustheorie
2.1 Der Habitusbegriff
2.2 Genese des Habitus
2.3 Funktion des habituellen Dispositionssystems
2.4 Klassischer Determinismus?

3. Feldtheorie
3.1 Der Feldbegriff
3.2 Feld, Kapital, Strategie

4. Komplizenschaft von Feld und Habitus

5. Quellenverzeichnis

6. English Summary

1. Einleitung

Pierre Bourdieu (1930-2002) gilt als einer der wichtigsten Theoretiker und Sozialforscher der späten Moderne und Postmoderne. In unzähligen Werken lieferte er Instrumentarien zur Erforschung und zum Verständnis der uns umgebenden sozialen Welt. Bourdieu wurde 1930 in Denguin/Frankreich in einfachen ländlichen Verhältnissen geboren. Der Sohn eines Postboten starte nach dem Besuch eines Internats in Pau/Frankreich seine brillante schulische und akademische Karriere. Nach Abschlüssen an verschiedenen Eliteschulen und Universitäten Frankreichs arbeitete er zunächst als Philosophielehrer in der französischen Provinz. Nach seinem in Algerien abgeleisteten Militärdienst wurde er als Assistent für Philosophie an der Universität von Algier angestellt. Hier begann Bourdieu mit seinen ethnologischen (Er)Forschungen der kabylischen Gesellschaft Nordalgeriens (1958-1960). Durch die sozioethnologischen Forschungen in Algerien wurde auch der Blick und das Interesse Bourdieus für seine eigene Gesellschaft geprägt. Im Zentrum der Forschungen über Frankreich standen zunächst die Analyse des französischen Bildungssystems und dessen Beitrag zur Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheit. Der Erkenntnisschwerpunkt verlagerte sich Anfang der sechziger Jahre in die Bereiche der eigentlichen Kultursoziologie. Das bekannteste Werk, „Die feinen Unterschiede“, ist eine globale Analyse der Gesellschaft, die aufzeigte, wie dem „[...] Konsum legitimer Kulturgüter die Funktion sozialer Distinktion zukommt“[1].

Dieses Werk machte Bourdieus Theorieansätze und zentralen Erklärungsmuster auch in Deutschland bekannt und trug maßgeblich zu einer Erneuerung der Sozialwissenschaften bei. Im Augenmerk Bourdieus steht nicht die Gesellschaft, sondern das Soziale, welches nach Bourdieu in zwei Formen, Habitus und Feld, vorhanden ist.

In seinem Werk „Praktische Vernunft – Zur Theorie des Handelns“ bemerkt Bourdieu einmal, ein Leben als „eine einmalige und sich selbst genügende Abfolge von Ereignissen zu sehen, deren einziger Zusammenhang zu seinem „Subjekt“ besteht“, sei „ungefähr so absurd wie der Versuch, eine Fahrt in der U-Bahn zu erklären, ohne die Struktur des Netzes zu berücksichtigen.“[2]

Durch die theoretische Überwindung des lange gehegten Dualismus zwischen Objektivismus und Subjektivismus ist sein Lebenswerk ein Meilenstein in der modernen Sozialforschung. Bourdieu widersetzte sich dem subjektivistisch-voluntaristischen Theoriebild des „ungeschaffen Schöpfers“[3] (Sartre) ebenso sehr wie der „totalen Determination“ eines Akteurs in der objektivistischen Theorie (zum Beispiel bei Marx) und bietet vielmehr ein ganzheitliches Bild: Ein Zusammenspiel zwischen persönlicher Prägung (Habitus) und struktureller Einflussnahme des sozialen Raums (Felder).[4]

Das Verbinden dieser Gegensätze schlägt sich in allen seinen theoretischen Modellen nieder.

Als zentrales Erkenntnissinteresse Bourdieus sticht immer wieder die Frage nach der Herkunft sozialer Interaktion und deren klassenkonstituierendes Moment hervor. Dieses versucht er anhand der Habitus- und Feldtheorie, die auch als Resultat seiner vielfältigen ethnologischen Forschungen gesehen werden können, zu klären.

Diese Bearbeitung soll einen kleinen Einblick verschaffen in Bourdieus zentrale soziologischen Modelle, Habitus- und Feldtheorie. Der Versuch Bourdieus, den Dualismus zwischen Objektivismus und Subjektivismus zu überwinden, soll sichtbar werden.

Als erstes befasst sich diese Arbeit mit der Habitustheorie. Hier soll geklärt werden, wie ein Habitus generiert wird und inwiefern die habituelle Prägung verantwortlich ist für die Genese sozialer Praxis.

Im zweiten Kapitel wird die Feldtheorie Pierre Bourdieus näher untersucht. Nachdem im ersten Kapitel sich eher subjektiven, persönlichen Prägungen gewidmet wurde, soll sich hier auf äußere objektive Strukturen des sozialen Raums konzentriert werden.

Im letzten Kapitel wird der Versuch unternommen die Wechselwirkung zwischen Habitus und Feld zu erklären und das Zusammenspiel beider darzustellen.

In dieser Arbeit wurde mit verschiedenen zentralen Werken Pierre Bourdieus gearbeitet. Als wichtigste Lektüren dienten Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“, „Sozialer Raum und Klassen“ und „Praktische Vernunft – Zur Theorie des Handelns“. Zur Einführung in das Gesamtwerk Pierre Bourdieus diente „Pierre Bourdieu – Zur Einführung“ von Markus Schwingel.

2. Die Habitustheorie

2.1 Der Habitusbegriff

Der Begriff Habitus (lat.) bzw. Hexis (gr.) kommt ursprünglich aus dem Begriffsrepertoire der aristotelisch-thomistischen Schule und wird allgemein als Haltung, Gehabe, Erscheinung, Gewohnheit oder Lebensweise[5] übersetzt. Ebenfalls fand dieser Begriff in verschiedenen soziologisch-philosophischen Werken Verwendung (u.a. bei Hegel, Husserl, Weber, Durkheim, Mauss und Panofsky)[6], jedoch nie derart zentral wie in den Werken Pierre Bourdieus. Die Habitustheorie ist Resultat der umfangreichen empirischen Studien Pierre Bourdieus, wie sie zum Beispiel in „Die feinen Unterschiede“ oder deren theoretischer Herleitung in der „Praktischen Vernunft-Theorie des Handelns“ zu finden sind.

Die „Pre-Determiniertheit“ eines Individuums gehört zu den Grundannahmen der Soziologie Bourdieus und grenzt sich somit von voluntaristischen Theorien ab, deren Vertreter den freien Willen als Motor des Handelns sehen. In der Soziologie Bourdieus wird die Habitustheorie als „Theorie des Erzeugungsmodus von Praxisformen“[7] gesehen. Mit ihrer Hilfe soll die zentrale Frage nach Herkunft und Genese sozialer Praxis beantwortet werden.

2.2 Die Genese des Habitus

Nach Bourdieu ist der Habitus „Produkt und Produzent [...]“ sozialer Praxis zugleich, denn „frühere Erfahrungen kondensieren sich in den Menschenkörpern als Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata und bleiben so aktiv präsent“[8], generieren neue Habitusformen und beeinflussen alle zukünftigen Handlungen eines Individuums oder einer Gesellschaft. Die Genese findet unbewusst statt, d.h. dass der Moment der Genese durch seine Unbewusstheit nicht festlegbar ist. Bourdieu spricht auch von einer „stillen Pädagogik“. Diese „stille Pädagogik“ vollzieht sich ohne bestimmte erzieherische Absicht und durch versteckte Ermahnungen bezüglich z.B. Betragen, Haltung und Manieren.[9] Durch Einprägungsarbeit werden zum Beispiel Verhaltensweisen mit der Zeit als etwas Natürliches angesehen und nicht mehr hinterfragt, zementieren sich in den Verhaltensmustern eines jeden Individuums. Bourdieu beschreibt dies als „amor fati“[10] (=Hingabe zum Schicksal), welche so die generierte Praxis legitimiert, d.h. man gibt sich diesen Handlungsstrukturen hin und nimmt sie als unumstößlich und völlig normal wahr. Bourdieu begreift den Habitus als „die zur zweiten Natur gewordene, in motorische Schemata und körperliche Automatismen verwandelte gesellschaftliche Notwendigkeit.“[11]

[...]


[1] Jurt, Joseph: Pierre Bourdieu – Eine Soziologie der symbolischen Güter, in Hofmann, Martin Ludwig (Hrsg): Culture Club/Klassiker der Kulturtheorie: S. 210.

[2] Jurt, Joseph: Pierre Bourdieu – Eine Soziologie der symbolischen Güter, in Hofmann, Martin Ludwig (Hrsg): Culture Club/Klassiker der Kulturtheorie: S. 204.

[3] Jurt, Joseph: Pierre Bourdieu – Eine Soziologie der symbolischen Güter, in Hofmann, Martin Ludwig (Hrsg): Culture Club/Klassiker der Kulturtheorie: S. 204.

[4] a.a.O.

[5] Schwingel, Markus: Pierre Bourdieu zur Einführung: S. 60.

[6] Fröhlich, Gerhardt in: Ingo Mörth, Gerhardt Fröhlich (Hrsg): Das symbolische Kapital der Lebensstile, Zur Kultur der Moderne nach Pierre Bourdieu: S. 38.

[7] Schwingel, Markus: Pierre Bourdieu zur Einführung: S. 60.

[8] Fröhlich, Gerhardt in: Ingo Mörth, Gerhardt Fröhlich (Hrsg): Das symbolische Kapital der Lebensstile, Zur Kultur der Moderne nach Pierre Bourdieu: S. 38.

[9] Schwingel, Markus: Pierre Bourdieu zur Einführung: S. 67.

[10] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede: S. 290ff.

[11] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede: S: 737ff.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Komplizenschaft von Habitus und Feld
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Einführung in die Kulturwissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V67627
ISBN (eBook)
9783638604208
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komplizenschaft, Habitus, Feld, Einführung, Kulturwissenschaften
Arbeit zitieren
Philipp Appel (Autor), 2005, Die Komplizenschaft von Habitus und Feld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67627

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