"Cardillac" - Künstler und Verbrecher

Zu E.T.A. Hoffmanns "Fräulein von Scuderi"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pränatales Trauma oder Wahnsinn?

3. Künstlerverständnis

4. Zwischen Bürger und Künstler

5. Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi” ist seit ihrem erstmaligen Erscheinen 1820 in der Forschung in vielfacher Weise interpretiert worden: als erste Detektiverzählung der deutschen Literaturgeschichte, als Gesellschafts- und Herrschaftskritik, die das inhumane Vorgehen der Justiz aufzeigen soll, als Heilsgeschichte, die das tugendhafte Fräulein in Gegensatz zur verfallenen und dekadenten Welt stellt, oder als Künstlernovelle, die das Schicksal des genialen aber wahnsinnigen Cardillac schildert. Tatsächlich sind all jene nur Teilaspekte und erst zusammen ergeben sie die Erzählung.

Im folgenden soll dennoch das Augenmerk auf die Gestalt des Goldschmieds und Mörders René Cardillac gerichtet werden. Er scheint dem Leser, dem Kritiker und dem Interpreten auf den ersten Blick eine äußerst fremde und absolut unmoralische Person zu sein. Bereits die ersten Rezensionen nach der Veröffentlichung verdeutlichen dies: „ [...] zu rechten wäre dagegen mit dem Verf., daß er seine teuflische Figur Cardillac rein unmenschlich darstellt, indem er ihn allemal erst nach begangenen Mordthaten Ruhe und Seelenzufriedenheit als beharrlichen Zustand genießen läßt, ein Zustand, zu dem das Phantasma vom bösen Stern [...] nicht hinreicht, dem nur die unmittelbarste Einwirkung des Satans [...] Statthaftigkeit und Wahrheit geben konnte. Auch wäre vielleicht die Geschichte noch anziehender geworden, wenn der Bösewicht nicht als wunderlich, sondern als bloßer Ausbund menschlicher Lasterhaftigkeit dastände.”[1]

Cardillac lediglich vom moralischen Standpunkt aus zu beurteilen wird aber offensichtlich der Gestalt, die Hoffmann uns präsentiert, nicht gerecht. Denn er ist ja kein wahllos mordender Irrer, sondern eine komplexe Persönlichkeit, die sich seinen Taten durchaus bewußt ist: „Glaube nicht, daß ich darum, weil ich tun muß, was ich nicht lassen kann, jenem Gefühl des Mitleids, des Erbarmens, was in der Natur des Menschen bedingt sein soll, rein entsagt habe.”[2]

Nun sollen verschiedene Aspekte genauer untersucht werden, die Licht hinter die Gestalt Cardillac und seinen Taten bringen könnten.

2. Pränatales Trauma oder Wahnsinn?

Zunächst ist für das Verständnis des Goldschmieds die Erklärung, die er uns selbst gibt, von großer Bedeutung: Seine mit ihm schwangere Mutter „schaute [...] einem glänzenden Hoffest zu [...]. Da fiel ihr Blick auf einen Kavalier [...] mit einer blitzenden Juwelenkette um den Hals, von der sie die Augen gar nicht mehr abwenden konnte. Ihr ganzes Wesen war Begierde nach den funkelnden Steinen, die ihr ein überirdisches Gut dünkten. [...] [Der Kavalier] wußte sich ihr zu nähern, noch mehr, sie von ihren Bekannten fort an einen einsamen Ort zu locken. Dort schloß er sie brünstig in seine Arme, meine Mutter faßte nach der schönen Kette, aber in demselben Augenblick sank er nieder und riß meine Mutter mit sich zu Boden. [...] er war tot.”[3]

In diesem Erlebnis sieht Cardillac die Ursache für seine Taten: „Aber die Schrecken jenes fürchterlichen Augenblicks hatten mich getroffen. Mein böser Stern war aufgegangen und hatte den Funken hinabgeschossen, der in mir eine der seltsamsten und verderblichsten Leidenschaften entzündet.”[4]

Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß mögliche pränatale Einflüsse auf den Fötus zur Zeit Hoffmanns in der medizinischen und psychologischen Literatur diskutiert wurden. Dennoch erscheint diese Erklärung hier nicht ausreichend, um zu überzeugen. Denn: „is a madman likely to be a completely accurate source of information on the causes and nature of his own mania?“[5]

Stattdessen fällt eine Verbindung zwischen dem eben geschilderten Vorfall und Cardillacs Taten auf, die durchaus zur Aufklärung beiträgt: die Untreue der eigenen Mutter und die von seinen späteren Opfern, die mit seinen Kunstwerken auf dem Weg zu einem heimlichen Treffen mit der Geliebten waren.

Cardillac ist jedoch unfähig diesen Zusammenhang zu erkennen. Er macht nur seine Liebe zu den Juwelen für seine Taten verantwortlich, nicht aber den Fehltritt seiner Mutter, den er aber offensichtlich nicht verarbeitet hat. Er glaubt hingegen, daß seine Mutter nur wegen der glänzenden Juwelen, die den Kavalier als „ein Wesen höherer Art, der Inbegriff aller Schönheit“[6] erscheinen ließen, in Versuchung geführt wurde, nicht aber aufgrund sexueller Anziehung, denn: „Derselbe Kavalier hatte vor mehreren Jahren [...] ihrer Tugend nachgestellt, war aber mit Abscheu zurückgewiesen worden.“[7] Auch diese Rechtfertigung des Verhaltens der Mutter erscheint mehr als Wunschdenken als realistisch. Dennoch ist die logische Konsequenz, die Cardillac daraus zieht, der Tod des Liebhabers. In der Tat könnte man meinen, daß er jedes Mal, wenn er einen Liebhaber tötet, den Verehrer seiner Mutter bestraft und zudem, indem er die Juwelen wieder an sich nimmt, diese vor der Versuchung schützt und ihre Tugendhaftigkeit wiederherstellt.[8] Auffällig ist, daß die Begriffe „Tugend“ und „tugendhaft“ mindestens zwanzigmal in der Erzählung vorkommen, was durchaus als Beweis gesehen werden kann, daß es eben jene Eigenschaft ist, mit der Cardillac zu kämpfen hat. Sein notorisches Verhalten und die daraus resultierenden Morde erhalten durch diesen Zusammenhang ein durchschaubares Muster, da eine, wenn auch psychopathische, Logik dahinter steckt.[9]

[...]


[1] Hermes oder kritisches Jahrbuch der Literatur. IV. Stück für das Jahr 1821, zit. nach: Ingeborg Scholz: E.T.A. Hoffmann. Das Fräulein von Scuderi / Der goldne Topf. Interpretationen und unterrichtspraktische Vorschläge (= Analysen und Reflexionen, Bd. 57), Hollfeld 1989², S. 22.

[2] E.T.A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, Stuttgart 1989, S. 58.

[3] Hoffmann, S. 55.

[4] ebd., S. 56.

[5] J. M. Ellis: E.T.A. Hoffmann´s ´Das Fräulein von Scuderi´, in: The Modern Language Review 64 (1969), S. 343.

Burkhard Dohm versucht jedoch in seiner Arbeit „Das Unwahrscheinlich Wahrscheinliche“ eben jene Erklärung der pränatalen Prägung als überzeugend darzustellen, in dem er die zeitgenössische Vorstellung von der Wirkungsweise der Imagination und der Gebärmutter erläutert. (Burkhard Dohm: Das unwahrscheinliche Wahrscheinliche. Zur Plausibilisierung des Wunderbaren in E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“, in: DVS 73 (1999))

Auch ist nicht zu vernachlässigen, daß Hoffmann Cardillac sein Geständnis mit folgender Einleitung beginnen läßt: „Weise Männer sprechen viel von den seltsamen Eindrücken, deren Frauen in guter Hoffnung fähig sind, von dem wunderbaren Einfluß solch lebhaften, willenlosen Eindrucks von außen her auf das Kind.“ (Hoffmann, S. 55).

[6] Hoffmann, S. 55.

[7] ebd., S. 55.

[8] Schneider erkennt dagegen in Cardillacs Verhalten eine „eigentümliche Mischung aus Elementen der Urphantasie der Beobachtung des elterlichen Koitus und einer Darstellung der ödipalen Situation, die in die Zeit der eigenen Geburt vorverlegt ist.“ (S. 35f.). Allerdings gibt es erstens keine Anhaltspunkte in der Erzählung für diese Urphantasie, denn seine Mutter wurde mit einem Mann intim, der nicht sein Vater war. Zweitens spielt dieser keine große Rolle, erwähnt wird nur seine Strenge, mit der Cardillac von seinen kriminellen Machenschaften ferngehalten werden sollte. (Peter Schneider: Verbrechen, Künstlertum und Wahnsinn. Untersuchungen zur Figur des Cardillac in E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“, in: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft 26 (1980))

[9] Ellis, S. 344f.; Hellmuth Himmel: Schuld und Sühne der Scuderi. Zu Hoffmanns Novelle, in: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft 7 (1960), S. 4. Für diese Erklärung spricht auch, daß Cardillac, wie Miossens später erzählt, sich danach erkundigte, für wen der Schmuck bestimmt sei und schließlich sogar dessen Kammerdiener ausfragte, wann er die besagte Dame besuchen werde. (Hoffmann, S. 67) Auch Cardillac selbst gibt bei seinem Geständnis zu, daß er wußte, das ein anderes Stück für „eine Opernsängerin bestimmt war“ (ebd., S. 57). Es kann also davon ausgegangen werden, daß er stets so vorgegangen war, sonst hätte er nicht wissen können, daß die Stücke tatsächlich für die Liebschaft gedacht sind und wo er seine Opfer finden kann.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"Cardillac" - Künstler und Verbrecher
Untertitel
Zu E.T.A. Hoffmanns "Fräulein von Scuderi"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V67816
ISBN (eBook)
9783638605342
ISBN (Buch)
9783656068112
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cardillac, Künstler, Verbrecher, E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi
Arbeit zitieren
Imke Barfknecht (Autor), 2003, "Cardillac" - Künstler und Verbrecher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67816

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