„Was, meinst du, wollen wir bewirken, wenn wir sprechen?“ Mit dieser Frage
beginnt Aurelius Augustinus das als Dialog konzipierte Gespräch mit seinem Sohn
Adeodat. Klingt es zunächst noch nach einem scheinbar einfach zu lösenden,
sprachphilosophischen Problem, bleibt es jedoch nicht lange bei diesem
Themenkomplex, da das zu erreichende Ziel im Grunde klar umrissen ist: Es geht
darum, Christus als den einzigen Lehrer jeglicher Wahrheit vorzustellen. Um dies zu
erreichen, entwickelt der Kirchenvater, wie schon Platon vor ihm, ein klassisches
Lehrgespräch, das einerseits als bloss geistige Übung dient, andererseits aber schon
bald Schwierigkeiten aufwirft, die zumeist im Disput gelöst und verdeutlicht werden
können.
Mein Anliegen wird es sein, den Gedankengang nachzuzeichnen, den Augustin
langsam entwickelt und der in der Behauptung mündet, jegliche Erkenntnis finde
ausserhalb von Sprache statt. Ausgehend von obiger Frage geht es zunächst um
Arten und Funktionen von Zeichen, sowie die Darlegung ihrer Fähigkeit, auf sich
selbst zeigen bzw. verweisen zu können.
Darauf wird zu untersuchen sein, in welchem Verhältnis Zeichen, Wörter und Namen
zueinander stehen und welche Schlüsse sich daraus hinsichtlich einer Eignung der
Wörter zu Zwecken der Erkenntnis für den weiteren Verlauf ziehen lassen.
Rückblickend auf vorherige Bestimmungen werde ich dann zu skizzieren versuchen,
warum Erkenntnisvermittlung durch sprachliche Zeichen bei Augustin nicht möglich
ist und warum er den sinnvollen Gebrauch von Wörtern radikal einschränkt. Auch
geht es um den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung auf der einen und Wahrheit
auf der anderen Seite: Ist eine Sache ohne eine jemals stattfindende sinnliche
Anschauung überhaupt adäquat erkennbar?
Abschliessend werde ich noch kurz erläutern, warum Christus allein die einzige
Wahrheit darstellt und letztere vom Menschen selbst doch nie erreicht werden kann.
Resümierend werden die zentralen Punkte gebündelt vorgestellt, um am Ende einer
Kritik des Dialogs Platz zu machen, der trotz aller sprachlichen Schönheit auch
inhaltliche „Mängel“ aufweist. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hierarchie der Zeichen
2.1 Warum sprechen wir?
2.2 Möglichkeiten der Bezeichnung
2.3 Wörter und deren reflexive Funktion
2.3.1 Wörter = Namen = Zeichen ?
2.3.2 Stufen der Reflexivität
3. Relation: Zeichen – Bezeichenbares
3.1 Prädominanz: Sache – Zeichen
3.2 Prädominanz: Zeichen – Erkenntnis
3.3 Durch sich selbst aufzeigbare Sachen?
3.4 Wahrnehmung und Erkenntnis
4. Der Lehrer
5. Zur Kritik
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Sprachphilosophie des Aurelius Augustinus in seinem Werk „De magistro“ (Über den Lehrer). Zentrales Ziel ist es, die Funktionsweise von Zeichen, Wörtern und Namen zu analysieren und aufzuzeigen, warum Augustinus die Erkenntnisvermittlung durch Sprache zugunsten einer unmittelbaren, göttlichen Wahrheit radikal einschränkt.
- Die systematische Hierarchie und reflexive Funktion von sprachlichen Zeichen.
- Das Verhältnis zwischen Zeichen und dem Bezeichenbaren sowie die Erkenntnistheorie bei Augustinus.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Eignung verbaler Zeichen für den Lernprozess.
- Die Rolle Christi als einziger wahrer Lehrer der Erkenntnis.
Auszug aus dem Buch
2.3.2.: Stufen der Reflexivität
Augustin selbst hat die nachfolgenden Darstellungen nicht in systematischer Weise formuliert. Allerdings lassen sich fünf Stufen festmachen und sich aus dem Gesagten explizieren, was die eigentliche, für die Sprachphilosophie des Mittelalters besonders wichtig werdende, Errungenschaft Augustins darstellt.
Stufe 1.) Das hierfür heranzuziehende Beispiel ist, wie oben, das des Tieres. Augustin fragt, ob „alle Zeichen etwas anderes als das, was sie sind, (..) bezeichnen, wie etwa dieser Dreisilber (gemeint ist „animal“; M.R.)“ (DM; S.35) es tut? Eine weitere Erklärungsmöglichkeit stellt das Wort „coniunctio“ (DM; S.35) dar. Übersetzt mit „Bindewort“, verweist es auf eben ein solches und nicht etwa, wie im nächsten Falle, auf sich selbst.
Stufe 2.) Zeichen, die nicht nur andere Zeichen, sondern auch sich selbst bezeichnen. In diesem Falle ist z.B. „verbum“ gemeint, denn da „alles, was durch Artikulation der Stimme zusammen mit einer bestimmten Bezeichnung vorgebracht wird, durch diesen Zweisilber bezeichnet wird, ist er in dieser Art enthalten.“ (Ebd.) Heranzuziehen wäre aber auch „signum est signum“ („Zeichen“ ist ein Zeichen) o.ä., um diesen Selbstbezug zu verdeutlichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung des Dialogs ein, in dem Christus als einziger Lehrer der Wahrheit positioniert wird, und skizziert den Weg der Untersuchung über die Zeichenhaftigkeit von Sprache.
2. Hierarchie der Zeichen: Dieses Kapitel widmet sich der Klassifizierung von Zeichen, dem Unterschied zwischen Wörtern und Namen sowie der systematischen Erarbeitung der Stufen der Reflexivität.
3. Relation: Zeichen – Bezeichenbares: Hier wird das Verhältnis von Zeichen zur Sache und die Erkenntnisfunktion beleuchtet, wobei Augustinus die Vorrangigkeit der Sache gegenüber dem Zeichen analysiert.
4. Der Lehrer: Das Kapitel thematisiert die Rolle Christi als innerliche, göttliche Wahrheit, die jeder sprachlichen Vermittlung entzogen und nur durch den Geist erfahrbar ist.
5. Zur Kritik: Zum Abschluss erfolgt eine kritische Würdigung der augustinischen Sprachphilosophie, die trotz ihrer klaren Strukturierung und Reflexionstheorie bei der Nutzung von Sprache als Erkenntnismittel in der letzten Instanz inkonsequent bleibt.
Schlüsselwörter
Aurelius Augustinus, De magistro, Sprachphilosophie, Zeichen, Erkenntnistheorie, Reflexivität, Wort, Name, Christus, Wahrheit, Erkenntnisvermittlung, Gotteserkenntnis, Dialog, Semiotik, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Sprachphilosophie von Augustinus in seinem Dialog „De magistro“ und untersucht kritisch, wie Zeichen funktionieren und warum sie laut Augustinus nicht dazu geeignet sind, wahre Erkenntnis zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Hierarchie der Zeichen, die reflexive Funktion von Wörtern und Namen sowie die Beziehung zwischen der sinnlich erfassbaren Welt, der sprachlichen Bezeichnung und der transzendenten Erkenntnis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Rekonstruktion von Augustins Gedankengang, der darauf abzielt, Christus als die einzige Quelle der Wahrheit darzustellen und das menschliche Sprechen als rein defizitäres Erkenntnismittel zu entlarven.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der interpretatorischen Analyse und systematischen Rekonstruktion eines philosophischen Dialogs, um die zugrunde liegenden Argumentationsstrukturen von Augustinus herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Stufen der Reflexivität von Zeichen, das Prädominanzverhältnis zwischen Sache und Zeichen sowie die radikale Einschränkung des sinnvollen Wortgebrauchs für die Erkenntnisgewinnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind insbesondere Sprachphilosophie, Zeichen, Reflexivität, Wahrheit, Erkenntnistheorie und De magistro.
Warum sieht Augustinus das Sprechen als defizitär an?
Augustinus argumentiert, dass Wörter oft vieldeutig sind, Gedanken des Sprechenden nicht exakt abbilden und somit im Lernprozess eher durch subjektive Annahmen geprägt sind, anstatt objektive Wahrheit zu vermitteln.
Welche Rolle spielen gestische Zeichen in der Untersuchung?
Gestische Zeichen, wie das Zeigen mit dem Finger, werden als Möglichkeit der unmittelbaren Verweisung auf Sachen untersucht, stoßen jedoch bei Augustinus ebenfalls an ihre Grenzen und besitzen keine eigenständige Erkenntnisfunktion.
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- Marcus Reiß (Author), 2000, Sprachphilosophie und Gotteserkenntnis: Zur Funktion der Zeichen in Augustins De Magistro, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6804