Sprachphilosophie und Gotteserkenntnis: Zur Funktion der Zeichen in Augustins De Magistro


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hierarchie der Zeichen
2.1 Warum sprechen wir?
2.2 Möglichkeiten der Bezeichnung
2.3 Wörter und deren reflexive Funktion
2.3.1 Wörter = Namen = Zeichen ?
2.3.2 Stufen der Reflexivität

3. Relation: Zeichen – Bezeichenbares
3.1 Prädominanz: Sache – Zeichen
3.2 Prädominanz: Zeichen – Erkenntnis
3.3 Durch sich selbst aufzeigbare Sachen?
3.4 Wahrnehmung und Erkenntnis

4. Der Lehrer

5. Zur Kritik

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was, meinst du, wollen wir bewirken, wenn wir sprechen?“ Mit dieser Frage beginnt Aurelius Augustinus das als Dialog konzipierte Gespräch mit seinem Sohn Adeodat. Klingt es zunächst noch nach einem scheinbar einfach zu lösenden, sprachphilosophischen Problem, bleibt es jedoch nicht lange bei diesem Themenkomplex, da das zu erreichende Ziel im Grunde klar umrissen ist: Es geht darum, Christus als den einzigen Lehrer jeglicher Wahrheit vorzustellen. Um dies zu erreichen, entwickelt der Kirchenvater, wie schon Platon vor ihm, ein klassisches Lehrgespräch, das einerseits als bloss geistige Übung dient, andererseits aber schon bald Schwierigkeiten aufwirft, die zumeist im Disput gelöst und verdeutlicht werden können.[1]

Mein Anliegen wird es sein, den Gedankengang nachzuzeichnen, den Augustin langsam entwickelt und der in der Behauptung mündet, jegliche Erkenntnis finde ausserhalb von Sprache statt. Ausgehend von obiger Frage geht es zunächst um Arten und Funktionen von Zeichen, sowie die Darlegung ihrer Fähigkeit, auf sich selbst zeigen bzw. verweisen zu können.

Darauf wird zu untersuchen sein, in welchem Verhältnis Zeichen, Wörter und Namen zueinander stehen und welche Schlüsse sich daraus hinsichtlich einer Eignung der Wörter zu Zwecken der Erkenntnis für den weiteren Verlauf ziehen lassen. Rückblickend auf vorherige Bestimmungen werde ich dann zu skizzieren versuchen, warum Erkenntnisvermittlung durch sprachliche Zeichen bei Augustin nicht möglich ist und warum er den sinnvollen Gebrauch von Wörtern radikal einschränkt. Auch geht es um den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung auf der einen und Wahrheit auf der anderen Seite: Ist eine Sache ohne eine jemals stattfindende sinnliche Anschauung überhaupt adäquat erkennbar?

Abschliessend werde ich noch kurz erläutern, warum Christus allein die einzige Wahrheit darstellt und letztere vom Menschen selbst doch nie erreicht werden kann. Resümierend werden die zentralen Punkte gebündelt vorgestellt, um am Ende einer Kritik des Dialogs Platz zu machen, der trotz aller sprachlichen Schönheit auch inhaltliche „Mängel“ aufweist.

2. Hierarchie der Zeichen

2.1.: Warum sprechen wir?

Im ersten Teil der Schrift nun bemüht sich Augustin zunächst um die Klärung der möglichen Funktionen von Sprache überhaupt. Entgegen der Ansicht seines Sohnes gelangt er im Zwiegespräch zu der Ansicht, die möglichen Verwendungsweisen dienen entweder dem „Zweck des Belehrens oder des Vergegenwärtigens.“ (DM; S.9) Der Einwand Adeodats, Lernen gehöre als drittes Moment auch dazu, greift an dieser Stelle nicht, da durch das Fragen der Gegenüber nur über das erfahren würde, was unmittelbar von Interesse für den Fragenden ist, ergo letzterer doch nur belehren möchte. Lernen ist nach Augustin nur dann möglich, indem „wir uns erinnern“ (DM; S.7) und dieses Faktum entspricht genau dem oben genannten Vergegenwärtigen.

Zwei weitere Einwände werden vorgebracht: Adeodat kommt auf die besonderen Fälle des Singens und des Betens zu sprechen. Bei beiden bleibt es fraglich, ob die obigen Funktionen auch hier anwendbar sind. Zum einen sei der Gesang zwar „zum Vergnügen“ da, könne letztlich aber auch, nach Augustin, gänzlich ohne Worte statt finden und damit kein Sprechen mehr sein und zum anderen wird Gott durch ein laut vorgetragenes Gebet kaum belehrt oder an etwas erinnert, zumal dieses ursprünglich „nicht des Sprechens“ (DM; S.11) bedarf. Selbst im stillen Gebet würden wir „innen im Geist sprechen“ (ebd.) und somit nichts anderes tun, als Inhalte ins Gedächtnis zurückzurufen und so

„ (...) die Sachen selbst, deren Zeichen die Wörter sind, in den Geist treten (...)“ (ebd.)

lassen. Zusammenfassend vergegenwärtigen[2] sowohl singen als auch beten, obwohl beide kein Sprechen in Augustins Sinne darstellen. Im obigen Zitat wird zudem erstmals das Wort „Zeichen“ erwähnt, das im weiteren Verlauf eingehender untersucht werden soll.

Wie ist es um die Möglichkeiten bestellt, etwas bezeichnen zu können? Gibt es Zeichen, die zu Zwecken der Belehrung weniger geeignet sind?

2.2.: Möglichkeiten der Bezeichnung

Verbale Zeichen

Einleitend in diese Fragestellung konstatiert Augustin, dass „Wörter Zeichen“(DM; S.13) seien und demnach etwas bezeichnen müssen[3] Ist diese Entsprechung uneingeschränkt gültig, oder lassen sich Fälle aufzeigen, in denen eine solche Definition problematisch werden kann und eine Bezeichnungsfunktion nicht existent ist? Inwieweit ist die Sache, die bezeichnet wird, überhaupt durch Zeichen aufweisbar?

Am Beispiel eines Vergil-Verses[4] treten erste Probleme zutage: Was genau bezeichnet denn „nichts“? Augustin deutet dieses Wort nicht als Zeichen, sondern schlägt vor, es als „bestimmte Denkweise“ (DM; S.15) aufzufassen. Dieser Erklärungsnotstand wird nicht gelöst und es bleibt bei der Feststellung, dass „weniger die Sache selbst“ (ebd.) bezeichnet wird, sondern vielmehr der „Geist eine Sache nicht sieht“ (ebd.) und „nichts“ ihn nur eben darauf hinweist. Die Möglichkeit, „Nichts“ als „Nicht-Seiendes“ betrachten zu können, kennt Augustin nicht und verzichtet auf eine endgültige Lösung.[5]

Auch die von Adeodat vorgeschlagene Lösung, das Wort „ex“ durch „de“ (DM; S.17) zu ersetzen, geht am Ziel vorbei. Zwar bezeichnen beide „Eines“ (ebd.), aber genau um dieses geht es Augustin und nicht etwa um die Austauschbarkeit äquivalenter Begriffe. Die Sache selbst kann nicht aufgezeigt werden, falls „völlig bekannte (Zeichen; M.R.) durch völlig bekannte“ (ebd.) Zeichen erklärt werden. Schluss aus diesen Betrachtungen ist aber trotzdem, dass Wörter durch Wörter bzw. Zeichen durch Zeichen aufzeigbar sind, auch wenn dies wie oben gesehen zu kniffligen Positionen führen kann.[6]

Was ist nun mit Dingen oder Sachen? Wie kann auf sie verwiesen werden? Diese Frage wurde bislang offen gelassen...

[...]


[1] Sämtliche Zitate sind, wo nicht anders vermerkt, aus folgender Ausgabe entnommen: Aurelius Augustinus: De magistro. Über den Lehrer. Stuttgart 1998 (Abgekürzt mit: „DM“ und entsprechender Seitenangabe versehen)

[2] Eine detaillierte Analyse der memoria und ihrer Funktion des vergegenwärtigen könnens findet sich im 10ten Buch der Confessiones. Vgl.: Aurelius Augustinus: Bekenntnisse. Stuttgart 1989. S. 251 - 302

[3] Deutlich wird, dass es Augustin eben nicht um das syntaktische Gefüge eines ganze Satzes und dessen Bezugsmöglichkeiten auf konkrete Gegenstände geht, sondern nur um die Bezeichnungsfunktion einzelner Wörter.

[4] „Si nihil ex tanta superis placet urbe relinqui“ ist gemeint. (DM; S.13) Übersetzung: „Wenn es den Göttern gefällt, daß nichts von dieser so bedeutenden Stadt übrigbleibt...“

[5] Diffizil ist auch der Zusammenhang des Wortes „wenn“ mit einem möglichen Signifikat. Als „Zweifel“ (DM; S.13) aufgefasst, wäre dann eine Unterteilung in „sichtbare und unsichtbare Sachen“ möglich, d.h. in gewisse Denkschemata einerseits sowie die sinnlich erfassbare Welt andererseits. Vgl. hierzu: Flasch, Kurt: Augustin. Einführung in sein Denken. Stuttgart 1980. S.123 ff.; Kuypers, K.: Der Zeichen- und Wortbegriff im Denken Augustins. Amsterdam 1934. S. 66 ff.

[6] Anders ausgedrückt: „ Wer spricht, präsentiert nur Wörter, diese zeigen aber nicht die Dinge, die sie bedeuten.“ (Aus: Meier-Oeser, S.: Die Spur des Zeichens: das Zeichen und seine Funktion in der Philosophie des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Berlin 1997. S. 15.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sprachphilosophie und Gotteserkenntnis: Zur Funktion der Zeichen in Augustins De Magistro
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Philosophie)
Veranstaltung
Gedächtnis und Erkenntnis. Augustins Theorie des Selbstbewusstseins
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V6804
ISBN (eBook)
9783638142953
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachphilosophie, Gotteserkenntnis, Funktion, Zeichen, Augustins, Magistro, Gedächtnis, Erkenntnis, Theorie, Selbstbewusstseins
Arbeit zitieren
Marcus Reiß (Autor), 2000, Sprachphilosophie und Gotteserkenntnis: Zur Funktion der Zeichen in Augustins De Magistro, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6804

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