Gestapo in Oslo. Zur Herrschaftspraxis der Geheimen Staatspolizei in Norwegen 1940 bis 1945.


Magisterarbeit, 2000
108 Seiten, Note: sehr gut (1)

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Besetzung Norwegens
II.1 Die Ziele der Besetzung
II.2 Der Aufbau der Verwaltung

III. Die Gestapo in Oslo
III.1 Überlegungen zur neueren Forschung über die Gestapo
III.2 Auftreten und Organisation der Gestapo
III.3 Formen des norwegischen Widerstandes
III.4 Die Entwicklung der Gestapo in Oslo
III.4.1 Konsolidierungsphase 1940 – 1941
III.4.2 Radikalisierungsphase 1941 – 1942
III.4.3 Terrorphase 1942 – 1944
III.4.4 Schlussphase 1944 – 1945
III.5 Kollaborateure und ”angiver”
III.6 Das Verhältnis zwischen den Referaten und Dienststellen

IV. Schlussbetrachtung

V. Quellen- und Literaturverzeichnis

VI. Abkürzungsverzeichnis

I. Einleitung

Der Gefangene Nr. 697 war bei den Offizieren der Allied Forces in Norway schlecht angesehen: Fritz F., ein 34 Jahre alter Maler aus München, sei von ”niedriger Intelligenz, gefährlich, ein brutaler Sadist und williges Werkzeug in den Händen seiner Herren” gewesen. Nicht einmal jetzt bereue er die Verbrechen, die er begangen habe und erkenne seine Schuld an, schrieben die Offiziere in ihrem Vernehmungsprotokoll.[1] Dabei gab der ehemalige SS-Unterscharführer am 2. August 1945 im Osloer Gefängnis Akershus die Vergehen zu, die er begangen hatte: Von März 1942 bis zum Tage der Kapitulation misshandelte er als Aufseher Gefangene mit Fußtritten und Faustschlägen, entzog ihnen ihre Mahlzeiten und war an der Erschießung von sechs russischen Gefangenen beteiligt. Dabei zeichnete er sich durch besondere Brutalität aus, wie der Bericht vermerkt. Eigentlich, so gab F. an, strebte er die höhere Laufbahn an: Doch die Gestapo, bei der er sich für den Kriminaldienst bewarb, lehnte den Kandidaten ab. Er sei ungeeignet, schrieb die Heerespolizeischule Pretzsch. Über Theresienstadt kam er nach Stavanger und landete schließlich doch bei der Staatspolizei: Als Gefängniswärter bewachte er politische Gefangene. ”A typical example of his kind”, urteilten die britischen Offiziere über den niederen Chargen.[2]

Viel Vertrautes enthält der vierseitige Bericht über Fritz F. Das Bild des minderbemittelten, sadistischen Schlägers, der Geständnisse aus Unschuldigen herausprügelt; die völlige Mitleidlosigkeit gegenüber den Opfern und der unbedingte Gehorsam passen nur allzugut in vorhandene Schemata, wie sie seit 1945 über die Gestapo und ihre Schergen verbreitet werden: ”Verkrachte Existenzen von niederer Intelligenz” hatte Eugen Kogon schon 1946 als Ideal-Typus des Gestapo-Beamten ausgemacht.[3]

Die Beobachtung ist nicht gänzlich falsch, sie fand Eingang in zahllose Bücher und Arbeiten über die Gestapo – und doch kann sie in ihrer Reduzierung auf den Terror und der einseitigen Charakterisierung der Täter nur ein verzerrtes Bild vom Polizeiapparat wiedergeben.

Wer die Wirkungsweise der Geheimen Staatspolizei und damit einen wichtigen Wesenszug der NS-Diktatur verstehen will, muss weitergehende Fragen stellen: Was für Menschen arbeiteten in der Gestapo? Welche Methoden wandte sie an, in welchem Handlungsrahmen bewegte sich der Apparat? Waren die Beamten wirklich so erfolgreich, wie die düsteren Legenden[4] behaupten? Oder trifft es zu, dass sich die deutsche Bevölkerung weitgehend ”selbst überwachte”, die ”Volksgenossen” sich also gegenseitig denunzierten? Im Falle Norwegens ist zu prüfen, was genau die Gestapo überhaupt für einen Auftrag hatte und ob sie ihm gerecht wurde.

Der britische Historiker Robert Gellately wies als einer der Ersten auf die Widersprüche der Gestapo-Historiografie hin: Nicht einer brillanten Taktik, einem weitverzweigten Agentennetz – das es nicht gab –, oder einem riesigen Überwachungsapparat hatte die Gestapo ihre Erfolge in Deutschland zu verdanken. In erster Linie waren es die Deutschen selbst, die einander verrieten, anschwärzten und denunzierten. Gellately weist ausdrücklich daraufhin, dass diese Denunziationsbereitschaft nicht unbedingt in einer Identifizierung mit dem Nationalsozialismus wurzelt, sondern soziale und wirtschaftliche Motive eine große Rolle spielten. Ebenso deutlich wird jedoch in seiner Studie, dass die meisten Deutschen sich überaus systemkonform verhielten – auch, was die zunehmend radikale Ausgrenzungs- und Diskriminierungspolitik gegen die Juden anging.[5] Somit wirkte jede Meldung eines abweichenden Verhaltens systemstabilisierend; wobei Broszat auch die Ambivalenz der Anzeigen herausstreicht: Langfristig wirkten die Denunziationen wegen ihrer starken Zunahme und ihres unpolitischen Charakters destabilisierend.

Trotz dieser Erkenntnisse hielt sich sowohl in der Geschichtsschreibung als auch in der öffentlichen Meinung das Bild der allgegenwärtigen, allmächtigen Gestapo. Allein der Blick auf die personelle Stärke der Würzburger Gestapo-Stelle, Gellatelys Untersuchungsgegenstand, zeigt, dass davon keine Rede sein kann: 1937 arbeiteten 22 Gestapo-Beamte in der Stadt; 11 davon in Außenstellen.[6]

Auf etwa 32 000 Mitglieder schätzen Werner Best, maßgeblich verantwortlich für den Aufbau der Polizei im Dritten Reich und ”Reichsbevollmächtigter” in Dänemark, und Otto Ohlendorf, Führer der Einsatzgruppe D auf der Krim, die Stärke der Gestapo – einschließlich der besetzten Gebiete.[7] Die Zahl gliedert sich in 3000 Verwaltungsbeamte, 15 500 Vollzugsbeamte und 13 500 Arbeiter und Angestellte. Die Vollzugsbeamten erledigten die kriminalistische Arbeit der Gestapo. In der Osloer Gestapo-Stelle arbeiteten zum Zeitpunkt der Kapitulation 367 Angestellte, darunter auch Schreibkräfte, Dolmetscher und Verwaltungsangestellte im Gebäude an der Osloer Victoria Terrasse.[8]

Die Gestapo-Beamten waren beileibe keine ”verkrachten Existenzen”, weder in Norwegen noch im Deutschen Reich: Vor allem ”ganz normale Akademiker”[9], vorwiegend Juristen, versahen in der Spitze der Geheimpolizei ihren Dienst oder leiteten lokale Gestapo-Stellen. Ihnen zur Seite standen altgediente Polizisten, die noch in der Weimarer Republik zur Polizei stießen und über nötiges kriminalistisches Fachwissen verfügten. So war der letzte Gestapo-Chef von Oslo, Siegfried Fehmer, Jurist. In seinem Interrogation Report attestierten ihm die britischen Offiziere, er sei ”very intelligent and of high education.”[10]

Ein einheitliches Bild von der Institution zu zeichnen, die wie keine zweite für nationalsozialistische Machtausübung und Terror steht, fällt also schwer. Dies gilt ebenso für die Darstellung der regionalen Gestapo-Stellen, wie hier am Beispiel Oslos. Selbst eine Differenzierung zwischen unteren, schlecht ausgebildeten Chargen und akademisch, kühl-rational planenden Führungsoffizieren, die sich wenigstens nach außen hin die Hände nicht schmutzig machten, scheint unmöglich: So wurde Fehmer beispielsweise auch die Teilnahme an ”verschärften Verhören” nachgewiesen, wie die Gestapo Folter-Vernehmungen euphemistisch nannte. Umgekehrt haben viele Gestapo-Mitarbeiter Mitglieder von norwegischen Widerstandsgruppen niemals zu Gesicht bekommen, sondern versahen Bürodienst am Schreibtisch.

Ein kurzer Blick auf die Entstehungsgeschichte des Polizeiapparates während der Etablierung der deutschen Herrschaft in Norwegen zeigt sofort, dass von der Errichtung eines allmächtigen Überwachungsapparates keine Rede sein kann. Das beginnt mit dem Scheitern der Bildung einer norwegischen Kollaborationsregierung und endet mit dem mehrfachen Wechseln der Taktik gegenüber der norwegischen Bevölkerung bis zum Kriegsende 1945. Die Gestapo führte kein Eigenleben als Geheimdienst mit uneingeschränkten Vollmachten, sondern war dem Reichskommissariat und seiner Politik angegliedert. Der ”Reichskommissar für die besetzten norwegischen Gebiete”, der frühere Essener Gauleiter Josef Terboven, nahm direkten Einfluss auf die Arbeit der Gestapo und bestimmte ihren Kurs. Sie war sein Instrument zur Durchsetzung seines Herrschaftsanspruchs; in ihr sah er eine Stellschraube, mit der er beliebig seine Macht demonstrieren konnte.

Während der deutschen Besatzungszeit gab es daher keine einheitliche Linie der Gestapo gegenüber der norwegischen Bevölkerung. Konnte sich die Polizei im deutschen Reich auf die erwähnte Denunziationsbereitschaft verlassen, war man in den besetzten Ländern mehr oder weniger auf Kollaborateure angewiesen. ”Die Bevölkerung eines okkupierten Landes kann ohne Widerstand leben, aber nicht ohne Kollaboration”, folgerte der Osloer Professor Ole Kristian Grimnes 1990 in seinen Forschungen über die Okkupationszeit.[11] Diese Erkenntnis vorausgesetzt, kann es nur noch um Ebenen, Spielräume und das Ausmaß der Kollaboration gehen. Die Arbeit versucht, diese auszuloten. Ohne Kollaboration, soviel sei vorweggenommen, konnte es in Norwegen keine erfolgreiche Polizeiarbeit geben – ein Umkehrschluss aus der These, dass Denunziation die Grundlage für die Gestapo-Erfolge bildete. Sie soll in dieser Arbeit empirisch belegt werden.

Die Quellenlage für dieses Unterfangen ist schwierig. Die Osloer Gestapo-Akten wurden kurz vor der Kapitulation von den Deutschen vollständig vernichtet.

Die Rekonstruktion des Polizeiapparates, seiner Mitarbeiter und Methoden lässt sich am Besten mittels der Prozessakten leisten, die aus Verfahren gegen deutsche Gestapo-Angehörige resultieren. Im Riksarkiv Oslo (RAO), dem norwegischen Nationalarchiv, sind 73 Prozesse archiviert, die gegen ”Gestapisten” von Besatzungsbehörden geführt wurden.[12] Die Verhandlungen gegen die elf wichtigsten Beamten finden in der Arbeit Verwendung; sie bilden die Hauptquelle.

Ergänzend dazu lässt sich auf Berichte und Vernehmungsprotokolle der Prisoner of War Interrogation Squad (PWIS) der Allied Forces in Norway zurückgreifen. Diese Einheit versuchte direkt nach der Kapitulation, möglichst viel Information über die Organisation der Gestapo und der SS zusammenzutragen. Ihre Berichte sind im Museum des norwegischen Widerstands, Norges Hjemmefrontmuseum (NHM), archiviert.[13]

Die Akten gewähren teils tiefe Einblicke in das Innenleben der Gestapo, teils bleiben sie auch an der oberflächlichen Betrachtung von Ereignissen hängen, ohne sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dies liegt daran, dass die Ermittler den Beschuldigten Körperverletzungen, Tötungen und andere strafrechtlich relevante Tatbestände nachweisen wollten, um der Staatsanwaltschaft Material für anstehende Prozesse in die Hand zu geben. Eine historisch-politische Analyse der Geheimen Staatspolizei konnten und sollten die Polizisten der Landssvikavdeling[14] nicht leisten.

Auch die Einlassungen der ehemaligen Gestapo-Beamten sind nur unter Vorbehalt aussagekräftig. Immerhin haben sie sich geäußert: Manche haben in der Haft unmittelbar nach dem Krieg ihre Lebensläufe niedergeschrieben, andere gaben detaillierte Schilderungen über das Innenleben, Arbeitsabläufe, Probleme und Pannen in der Osloer Gestapo-Stelle ab. Die Tendenz der Angeklagten, sich zu rechtfertigen, eigene Schuld zu leugnen oder zu relativieren, schimmert stets durch; dennoch gewähren die Protokolle Einblicke in das Innenleben des Apparats.

Die von 1946 bis 1948 geführten Prozesse wurden in der norwegischen Öffentlichkeit aufmerksam und durchaus kritisch verfolgt – als die Methoden des militärischen Arms des norwegischen Widerstandes, der milorg, zur Sprache kamen, diskutierten die Norweger kontrovers, wie weit Widerstand gegen eine Besatzungsmacht gehen darf, der man sich – militärisch – ergeben hat.[15]

Die juristische Aufarbeitung der Besatzungszeit ist darauf häufig Gegenstand der norwegischen zeitgeschichtlichen Forschung geworden[16] ; dabei lag das Augenmerk der Historiker naturgemäß auf der Darstellung des Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Hierzulande beschäftigte sich der Greifswalder Wissenschaftler Fritz Petrick intensiv mit dem deutsch-norwegischen Verhältnis während der Besatzungszeit. Dabei erwiesen sich Petricks Studien auch zu DDR-Zeiten als wenig dogmatisch und wertvoll.[17]

Auch der Kieler Historiker Robert Bohn nahm sich der Okkupationszeit und ihrer Folgen in mehreren Aufsätzen und Büchern an.[18] Bohn beklagte noch jüngst eine Einengung und Beschränkung norwegischer Wissenschaftler auf das Forschungsfeld der Okkupation, das sich weitergehenden Diskussionen verschließe. Wissenschaftler, die sich einer ”nationalen Historikerlinie” nicht beugten, würden ausgeschlossen.[19] Der norwegische Forscher Hans Fredrik Dahl hat diese Provenienz und übergroße Nähe zum Widerstand spöttisch in sechs Glaubensgrundsätze gefasst:

”1. Am 9. April vereinte sich das Volk sofort zum Widerstand gegen den deutschen Übergriff.
2. Wie nie zuvor bewachte das Storting [das norw. Parlament] das Recht und die Gerechtigkeit als unseren letzten Notanker in der Stunden der Gefahr.
3. Das ganze norwegische Volk stand vereint gegen die Deutschen und Quisling.
4. Der norwegische Widerstand war ein Kampfwiderstand, der den Deutschen unersetzbaren Schaden zufügte.
5. Mit Ausnahme der zwei Prozent der Bevölkerung, die sich der Nasjonal Samling anschlossen, waren alle Norweger loyal am Widerstandskampf gegen die Deutschen beteiligt.
6. Wir kamen trotz allem gut durch die fünf Jahre.[20]

Dieses ”Konsenssysndrom” (Grimnes) hat die Entwicklung der Geschichtswissenschaft Norwegens nach Bohns Auffassung lange Zeit gebremst. Gegen dieses harte Urteil spricht allerdings die Tatsache, dass Dahl und andere Forscher, die nicht mit dem ”Konsensmodell” übereinstimmen, durchaus in norwegischen Tageszeitungen publizieren und auch ernsthaft rezipiert werden.

Zeugnisse über die Arbeit der Geheimen Staatspolizei finden sich in den zahlreichen Biografien norwegischer Widerstandskämpfer. Doch die Beschreibungen des Kampfes der hjemmefront[21] bleiben bei spannungsreichen Erzählungen über Katz-und-Maus-Spiele mit den Deutschen stehen; analytische und quellenorientierte Untersuchungen über die Geheime Staatspolizei liegen bislang nicht vor – und das, obwohl die Gestapo für die Norweger zum Synonym der Besatzungszeit geworden war.[22] Die Periode der Besatzung des Landes, die politischen und diplomatischen Winkelzüge und Verwicklungen auf beiden Seiten sind dagegen auf norwegischer Seite sehr präzise erforscht worden.[23]

Daher soll im ersten Teil der Arbeit die bisherige Forschungsstand zur Okkupation nur kurz referiert werden; der Hauptteil soll sich umso ausführlicher mit den Quellen zur Gestapo beschäftigen. Ein erstes Fazit über die Arbeit der Geheimen Staatspolizei in Oslo hat die britische Untersuchungskommission PWIS schon 1945 gegeben. Dort steht:

”It can be obersved, that with the exception of very few departments and officials, Abt. IV [i.e. die Gestapo] was an inefficient Abt. and that it was the aim of its leaders to hide their inefficiency by taking terror measures.”[24]

Diese bemerkenswerte Einschätzung der britischen Offiziere, die sich mit neueren Forschungen zur Gestapo zu decken scheint, ist die These der Arbeit. Das Ergebnis des Terrors: 2100 Norweger starben an den Folgen von Folter und KZ-Haft oder wurden exekutiert, mehrere Tausend inhaftiert.[25]

Im folgenden können immer nur Schlaglichter auf die Arbeit, den Charakter und die Struktur der Gestapo in Oslo geworfen werden. Diese Arbeit erhebt nicht den Anspruch einer vollständigen Historiografie der Geheimen Staatspolizei in der norwegischen Hauptstadt.

II. Die Besetzung Norwegens

II.1 Die Ziele der Besetzung

”So wie aus dem Jahre 1866 das Reich Bismarcks entstand, so wird aus dem heutigen Tage das großgermanische Reich entstehen.”[26] So soll sich Adolf Hitler am Abend des 9. Aprils 1940 über den gerade begonnenen Überfall auf Dänemark und Norwegen geäussert haben. Dem Unternehmen ”Weserübung”, so der militärische Tarnname für die Invasion der skandinavischen Länder, ging aber mitnichten ein stringentes wirtschaftlich-strategisches Konzept oder gar die rasse­ideologische Idee eines ”arischen Großreichs” voraus, wie sie in Hitlers Worten anklingt. Zwar gab es Überlegungen in diese Richtung, die hauptsächlich von Alfred Rosenberg, dem Chefideologen der NSDAP und Autor des ”Mythus’ des 20. Jahrhunderts” ausgingen. Die Entscheidung für den Angriff und die anschließende Besatzungspolitik vermochten sie aber kaum zu beeinflussen.

Vielmehr ging die erste Initiative für die Okkupation der beiden Länder von der Seekriegsleitung (SKL) aus, deren Oberbefehlshaber Großadmiral Erich Raeder die Operationsbasis der deutschen Marine im Atlantischen Ozean verbessern wollte.[27] Von einem ”Wettlauf” um Norwegen, wie er in deutschen Überlegungen noch während des Krieges kolportiert und in den ersten Darstellungen nach Kriegsende Eingang fand[28], kann indes keine Rede sein. Zwar gab es auf alliierter Seite Überlegungen, Norwegen und Schweden als Durchmarschgebiet zu gebrauchen, um Truppen nach Finnland in den Winterkrieg zu schicken. Als dieser am 12. März 1940 endete, ließen die Alliierten diese Pläne jedoch wieder fallen – während die Deutschen weiter planten; wenn ihnen auch die Begründung für einen Angriff abhanden kam.[29]

Auf norwegischer Seite war man auf eine Invasion gänzlich unvorbereitet. Die strikte Neutralitätshaltung Norwegens schien eine Verwicklung in den Zweiten Weltkrieg außerhalb des Erwartungshorizonts zu stellen – genau das stellte die Untersuchungskommission fest, die das Parlament, das Storting, nach dem Krieg einsetzte, um die Rolle Norwegens unmittelbar vor und während der Besatzungszeit zu untersuchen:

”Es kann nicht bezweifelt werden, dass die norwegische Außenpolitik mit Klugheit und Energie die Neutralitätsregeln wahrte, [...] aber es war unumgänglich, dass die norwegische Handhabung der Neutralität [...] uns in Gegensatz zu den beiden kriegführenden Mächten bringen würde.”[30]

Während die Außenpolitik sich in Sicherheit wähnte, versuchte die ”Nasjonal Samling”, den Deutschen eine Begründung zum Angriff zu liefern. Die nationalsozialistische Partei Norwegens, im Königreich nur eine Splitterpartei, verfügte nur über einige tausend Mitglieder und war nicht im Storting vertreten.[31]

Trotzdem gelang es ihrem Führer, Vidkun Quisling, über Raeder und Rosenberg an Hitler heranzukommen. Bei zwei Treffen im Dezember 1939 versicherte Quisling, Norwegen werde von Juden und Marxisten regiert und es gebe eine Vereinbarung, wonach Großbritannien im Kriegsfall der Durchmarsch durch norwegisches Gebiet gestattet sei. Hitler beauftragte darauf die SKL, eine Invasionsskizze zu entwerfen.[32] Gleichzeitig liefen allerdings auch die Vorbereitungen für die Westoffensive, denen weitaus größere Priorität eingeräumt wurden. Die Vorbereitungen für den Angriff auf Dänemark und Norwegen verliefen stets im Schatten dieser Planungen. Als auslösendes Moment für den Startschuss der ”Weserübung” erwies sich die Befreiung britischer Soldaten an Bord des deutschen Schiffes ”Altmark” in norwegischen Gewässern. Hitler zeigte sich von dem Vorfall ”unangenehm berührt” und ”drängte auf die Vorbereitung des Unternehmens Weserübung.”[33] Er wollte den Angriff auf Norwegen nun vor dem Frankreichfeldzug abgeschlossen wissen.

Den unmittelbaren Entschluss zur Invasion lieferten also weder ökonomisch-strategische noch ideologische Gründe – es war die in der internationalen Öffentlichkeit mit Genugtuung aufgenommene ”Schande”, die Hitler mit einer schnellen Besetzung Norwegens wieder wett machen wollte.

Am Morgen des 9. Aprils begann die Operation ”Weserübung” und erlitt sogleich einen herben Schlag: Das Schlachtschiff ”Blücher”, das den deutschen Marineverband anführte, wurde von der Festung Oscarsberg aus vor den Toren der Hauptstadt versenkt. Truppen, Material und Waffen, die die kriegsentscheidende Besetzung Oslos übernehmen sollten, waren verloren. Der deutsche Gesandte Curt Bräuer überreichte König Haakon VII. zwar die Note mit den deutschen Forderungen – unter anderem die bedingungslose Kapitulation und Internierung des Königs –, konnte diese mangels militärischer Drohkulisse aber nicht wirksam unterstreichen; zumal er für diesen Fall auch keine Instruktionen aus dem Auswärtigen Amt erhalten hatte.[34] Die Regierung unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsident Nygaardsvold und die Königsfamilie nutzten den Moment der Unsicherheit und setzten sich aus Oslo ab.[35] Sie wurden vom Parlament zuvor mit einer Generalvollmacht ausgestattet, die die Regierung als die einzig legitimierte und zur Kapitulation berechtigte ausgab.

In dieses Machtvakuum versuchte Vidkun Quisling hineinzustoßen, indem er sich überraschend selbst als Chef einer neuen, nationalsozialistischen Regierung proklamierte.[36] Dies geschah ohne vorherige Absprache mit der deutschen Gesandschaft in Oslo, die verblüfft und verärgert reagierte. Es war klar, dass ohne Anerkennung des Königs jede neu installierte Regierung nicht zu legitimieren und daher zum Scheitern verurteilt war. Bräuer drängte Quisling, das Vorhaben aufzugeben, und gründete nach Verhandlungen mit regierungstreuen Kräften in den besetzten südnorwegischen Gebieten am 15. April einen ”Verwaltungsausschuß für die besetzten norwegischen Gebiete”[37], der mit den Okkupanten zusammenarbeiten sollte.[38]

Auf norwegischer Seite verstand man diesen Ausschuss als bürokratisch-verwaltungstechnisches Organ, das keinerlei politische Funktion hatte und somit auch nicht in Konkurrenz zur exilierten Regierung trat. Im Gegensatz zur Quisling-Regierung, die keinen Rückhalt in der norwegischen Bevölkerung fand, akzeptierten die Norweger den administrasjonsrådet zunächst – zumal die Mitglieder des ”Høyesteretts”, des norwegischen Verfassungsgerichts, die in Oslo geblieben waren, die Einrichtung dieses Ausschusses bestätigten.[39] Auf deutscher Seite nannte Bräuer den administrasjonsrådet jedoch ”Regierungsausschuss”, um Hitler die vermeintliche politische Macht des Rates zu suggerieren. Doch mit dieser auf Ausgleich bedachten Politik lief der Diplomat in Berlin gegen eine Wand; Hitler genügte diese Minimal-Lösung nicht. Er bestellte Bräuer zu sich, entließ ihn am 17. April 1940 aus dem Diplomatischen Dienst und schickte ihn an die Front.[40]

Der Weg war nun frei für eine ”nationalsozialistische Lösung”, in der auf norwegische Interessen keine Rücksicht mehr genommen werden musste. Am 24. April 1940 ernannte Hitler den Gauleiter von Essen, Josef Terboven, im Führererlass über die Einsetzung des ”Reichskommissars für die besetzten norwegischen Gebiete” zum Generalbevollmächtigten des Deutschen Reichs. Die zweckrationale Lösung Bräuers wurde zu Gunsten eines archaischen, auf persönlichen Treuebanden gründenden Bündnisses zwischen Hitler und seinem Gauleiter verworfen.

Terboven sollte, wie im Paragraph 1 des Erlasses ausgeführt wurde, die oberste Regierungsgewalt im zivilen Bereich ausüben. Dabei war er nach Paragraph 6 Hitler direkt unterstellt und nur ihm untergeben. Paragraph 4 wiederum übertrug dem Befehlshaber der deutschen Truppen in Norwegen die ”militärischen Hoheitsrechte”:

”Soweit und solange es die militärische Lage erfordert, hat er das Recht, die Maßnahmen anzuordnen, die zur Durchführung seines militärischen Auftrags und zur militärischen Sicherung Norwegens notwendig sind.”[41]

Diese dualistische Machtverteilung entwickelte sich aus der momentanen Kriegslage und aus den Kräften, die zum jeweiligen Zeitpunkt Zugang zu Hitler hatten. In ihr waren Interessenkonflikte von der ersten Stunde an angelegt, auch wenn es in den ersten Monat der Besatzungszeit nicht zu nennenswerten Konflikten zwischen Reichskommissar und dem Wehrmachtbefehlshaber Norwegen (WBN), Nikolaus von Falkenhorst kam.[42] Terboven hatte nun die Macht, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, die er von der norwegischen Verwaltung ausführen ließ. Ihm zur Seite stand der Sicherheitsapparat, der vom Höheren SS- und Polizeiführer Nord (HSSPF), Wilhelm Rediess[43], und dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei (BdS), Heinrich Fehlis[44], geführt wurde. Diese Machtposition ermöglichte es ihm, tief in die norwegische Gesellschaft einzuwirken.

Die zufällig und wirr erscheinende Regierungsbildung, Quislings Vorpreschen und die Absetzung Bräuers sind auch das Resultat des Konfliktes um die künftige Linie der Besatzungspolitik: Einerseits war klar, dass in Norwegen kein Vernichtungsfeldzug geführt werden sollte, wie das zuvor in Polen der Fall war; die Bevölkerung sollte für Deutschland gewonnen werden. Andererseits war ebenso offensichtlich, dass die Norweger sich heftig gegen die Okkupation wehrten und man sich in Feindesland bewegte.[45]

Im Gegensatz zu Ost- und Südeuropa ”führten sich die Soldaten die Wehrmacht im Großen und Ganzen exemplarisch auf. Die Disziplin war streng [...] und Übergriffe auf die Bevölkerung selten”, wie Johs. Andenæs meint.[46] Es war auch nicht nötig, dass die Wehrmacht eingriff – für die Bekämpfung des zivilen und paramilitärischen Widerstandes bauten Terboven und seine SS-Führer die Sicherheitspolizei auf. Terboven selbst sprach stets von ”seiner Sipo” und behauptete, er sei ”in Norwegen Herr über Leben und Tod.”[47]
II. 2 Der Aufbau der Verwaltung

Mit der Einrichtung des Reichskommissariats begann knapp zwei Wochen nach dem Überfall auf Norwegen die Konsolodierungsphase der deutschen Besatzungspolitik. Terboven versuchte zwar, die auf Ausgleich bedachte Politik Bräuers fortzuführen, begnügte sich aber nicht mit dem administrasjonsrådet. Er wollte in Oslo verbliebene Parlamentarier dazu bewegen, Regierung und König für abgesetzt zu erklären und deutschfreundliche norwegische Eliten aus Wirtschaft und Politik in einen politisch agierenden ”Reichsrat”[48] einzubinden.[49]

Die Verhandlungen begannen am 13. Juni und scheiterten schließlich am 25. September 1940. Am 16. Juni übernahm das Präsidium des Storting offiziell die Verhandlungsführung auf norwegischer Seite und am 17. Juni akzeptierten das Präsidium und die Vertreter der vier großen Parteien praktisch alle deutschen Forderungen: Die Regierung sollte die Vollmacht zurücknehmen, für abgesetzt erklärt und ihre Funktionen durch den riksråd ersetzt werden. Als Gegenleistung signalisierten die deutschen Verhandlungsteilnehmer unter der Hand die Auflösung des Reichskommissariates und die Entfernung des bei der norwegischen Bevölkerung wie bei Politikern gleichermaßen unbeliebten Quislings. Am 27. Juni forderte das Präsidium den König auf, abzudanken.[50]

Doch dieses Maximal-Ergebnis der Deutschen wurde von Hitler abgelehnt, der Quislings NS unbedingt in der Staatsführung haben wollte. Terboven hielt die norwegische Seite weiter hin und weitete die deutschen Forderungen aus, bis er am 25. September die Maske fallen ließ: An diesem Tag ernannte er einige Mitglieder der NS zu ”kommisarischen Staatsräten”, erließ ein Verbot der Parteien und erklärte die NS zur Staatspartei.[51] Es habe sich erwiesen, dass die Norweger ”weder gewillt noch in der Lage seien, die Regierungsgewalt Norwegens verantwortlich in eigene Hände zu nehmen.” Außerdem seien ”alle Organisationen und Parteien [...] nach wie vor pro-englisch und damit gegen Deutschland eingestellt.”[52] Der Administrationsrat wurde aufgelöst. Damit war klar, dass die Nazifizierung Norwegens das Ziel der Politik Terbovens war.

Die ”nationalsozialistische Neuordnung” ist allerdings nicht in erster Linie als politisches Konzept zu verstehen. Vielmehr ging es den Strategen im Reichswirtschaftsministerium darum, die Wirtschaft der besetzten nördlichen Länder zu kontrollieren und unter den Einfluss des Deutschen Reiches und seiner Behörden zu bringen. Dabei dachten die Beamten auch an eine Wirtschafts- und Währungsunion mit Belgien, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen. In der Öffentlichkeit sprach Reichswirtschaftsminister Walther Funk dagegen von ”Devisenbewirtschaftung” und ”Clearingzwang”.[53]

Magne Skodvin glaubt, dass der Reichskommissar und die Militärs ihre Ziele mit der größtmöglichen politischen Zustimmung erreichen wollten und daher nicht auf die NS bauen wollten, obwohl sie ihnen politisch am nächsten stand. Die alten Parteien repräsentierten dagegen für ihn das System, das die Nazis in Deutschland abgeschafft hatten; ihnen wollte er Fesseln anlegen.[54] Erst als klar war, dass es – wegen Hitler – keinen Reichsrat geben würde, legte Terboven eine härtere Gangart in der Besatzungspolitik ein, die sich während seiner Herrschaft noch verschärfen sollte.

Terboven entwickelte seinen Mitarbeiterstab schnell zur Okkupationsbehörde. Der ”machtbesessene” (Bohn) Reichskommissar intrigierte geschickt im machtpolitischen Gestrüpp der Zuständigkeiten im nationalsozialistischen Deutschland und nutzte seinen guten Draht zu Göring. Dutzende Verwaltungs- und Wirtschaftsexperten erhielten freie Hand, um die Ressourcen des Landes dem Deutschen Reich zukommen zu lassen.[55]

Die Behörde des Reichskommissars (RK) war in vier Hauptabteilungen (HA) gegliedert: Verwaltung; Volkswirtschaft, Volksaufklärung und Propaganda[56] sowie Verkehr und Technik, die am 1. April 1942 aus der HA Volkswirtschaft hervorging. 1941 waren im Reichskommissariat 364 Personen beschäftigt.

Die wichtigste Behörde jedoch war nicht beim RK angesiedelt: Die Sicherheits- und Ordnungspolizei und die Waffen-SS befehligte der HSSPF Nord, Wilhelm Rediess, der wiederum einzig Heinrich Himmler unterstand. Da Terboven und Rediess ein sehr freundschaftliches Verhältnis verband, konnte der Reichskommissar den Polizeiapparat für seine Ziele einspannen. In der Dienststelle des HSSPF arbeiteten 1941 etwa 480 Angestellte.[57] Oberste Direktive Terbovens war, ”kein Hineinregieren” anderer deutscher Stellen zuzulassen. Dabei grenzte er sich insbesondere vom Auswärtigen Amt ab, in dem der mit Quisling sympathisierende Rosenberg saß.[58]

Terboven ging es in Norwegen bald nicht mehr um die Gunst der Norweger, sondern um die unmittelbare Durchsetzung seines Herrschaftsanspruchs. Trotz der verschiedenen Fraktionen gelang es dem Reichskommissar, sich innerhalb des nationalsozialistischen Systems und zwischen den anderen ”Bevollmächtigten” besetzter europäischer Länder eine herausragende Machtposition zu schaffen. Dabei gelang es ihm, drei gegeneinander konkurrierende Machtblöcke auszuschalten: grob vereinfacht seien hier die Marine mit Raeder; Hitler sowie Rosenberg genannt, die Quisling und die NS stützten. Trotz der im nationalsozialistischen System angelegten chaotischen Machtverteilung und den daraus resultierenden Konkurrenzkämpfen war Terboven nahezu unumschränkter Herrscher im Königreich Norwegen, allerdings unter Druck gesetzt durch die Widerstandsbewegung. Ihr versuchte er mit immer härteren Sanktionen und Terror zu begegnen. Sein Instrument dafür war die Gestapo.

III. Gestapo in Oslo

III.1 Überlegungen zur neueren Forschung über die Gestapo

Die Forschung über die Gestapo im Dritten Reich hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Widmeten sich viele Historiker in den 70-er Jahren dem Widerstand, so kann man seit den späten 80-er Jahren eine Hinwendung zu Verfolgungspraktiken und Organisation der Gestapo beobachten. Maßgeblich zu diesem Paradigmenwechsel hat Robert Gellately beigetragen, der mit seinem Werk ”Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft” anhand der Würzburger Gestapo-Dossiers nachwies, dass Denunziation die Triebfeder für jegliche Aktivität der Beamten war und eben kein geheimnisumwitterter riesiger Spitzel- und Agentenapparat vonnöten war[59], wie in früheren Darstellungen behauptet wurde.[60] Gisela Diewald-Kerkmann untersucht in ihrer Studie ”Politische Denunziation im NS-Regime” insbesondere die Motivlage der Denunzianten. Dabei stellt sie, wie Gellately, fest, dass auffallend viele Zuträger unteren Sozialschichten enstammten. Die Informanten entdeckten die Denunziation als ”Waffe” sozial Deklassierter, eine Möglichkeit der Machtausübung für Unterprivilegierte.[61] Entscheidende Motive waren demnach sozialer Neid, Rache und Missgunst; alles Nährböden, auf denen die Denunziation gedieh.[62]

Die erste Arbeit, die sich mit den Denunziationen beschäftigt und ihre Wechselwirkung mit der Gestapo reflektiert, schrieb Martin Broszat 1977 in der Archivalischen Zeitung. Obwohl der Aufsatz zunächst weitgehend unbeachtet blieb und erst in jüngster Zeit als Meilenstein der Zeitgeschichtsforschung gefeiert wird, hat Broszat schon damals die Bedeutung der freiwilligen Anzeige erkannt:

”Die politische Denunziation ist die nicht durch Amtspflicht oder Gesetzesnorm gebotene, vielmehr freiwillig erfolgte Anzeige eines angeblichen oder wirklichen Verhaltens, das aus der Sicht des NS-Regimes zu missbilligen war, mit dem Ziel der Bestrafung dessen, gegen den sich die Anzeige richtete.”[63]

Broszat erkannte zugleich den Konflikt, der sich aus der Wirkung der Anzeige ergab:

”Je mehr Verhaltensweisen und Gesinnungen vorgeschrieben sind, und mithin das Bedürfnis nach Überwachung der Einhaltung gesetzlicher Normen wächst und der ”Nachhilfe” bedarf, um so mehr werden Denunziationen ermutigt und erzeugt. Ebenso gilt aber auch: Je mehr ein System Denunziationen begünstigt und zu seiner Stabilisierung von ihnen profitiert, um so mehr gerät es in Gefahr, von dem sich vermehrenden Bazillus der Anzeigen und Verdächtigungen selbst befallen zu werden und Loyalitäten, Vertrauensverhältnisse, formale Zuständigkeitsregel- und bürokratische Subordinationsverhältnisse, ohne die keine Staats- und Herrschaftsorganisation auskommen kann, selbst zu unterminieren.”[64]

Diese nüchterne Bestandaufnahme konkurriert gegen einen Mythos; die Legende der allmächtigen Geheimen Staatspolizei. Auf die Funktionen dieses Mythos’ weisen Gerhard Paul und Klaus Mallmann hin: Einerseits konnte die Linke sich auf diese Weise erklären, warum es keinen breit organisierten Widerstand gab; wenn hinter jeder Ecke ein Spitzel lauert, wollte sich eben keiner gegen die Diktatur auflehnen – und die Linke konnte ihr Selbstbild als Opfer und Martyrer pflegen.[65] Auf der anderen Seite diente das Allmacht-Gespinst nach 1945 als Entschuldigung für millionenfaches Mitläufertum im Nationalsozialismus.[66] Daher erklärt sich auch die Zähigkeit, mit der diese Legende Bestand hatte.

[...]


[1] PWIS Report No. 15, NHM, Boks 152. – Diese Arbeit wird nach den Regeln der ”neuen Rechtschreibung” verfasst. Zitate, die im Original in der alten Form stehen, werden nicht angepasst.

[2] Ebenda.

[3] Eugen Kogon, Der SS-Staat, Das System der deutschen Konzentrationslager, München 131974, S. 351. Jochen von Lang beschwört noch 1990 die metaphysische Dimension der Gestapo, ohne dies quellenbasiert zu belegen. Vgl. Die Gestapo, Hamburg 1990.

[4] Vgl. ders.; Eugen Kogon, Der SS-Staat.

[5] Vgl. Robert Gellately, Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933 – 1945, München 1996, S. 152, 155, 158f. Gellately wertete in seiner Arbeit die zum größten Teil erhaltenen Dossiers der Würzburger Gestapostelle aus. Diese Dossiers sind, neben denen aus der Düsseldorfer Zentrale, die einzigen in Deutschland verbliebenen Gestapoakten. Seine Untersuchung bezieht sich daher auf das Gebiet Franken; Gellately bezieht seine Schlüsse trotz der regional begrenzten Arbeit auf das ganze deutsche Reich und seine Gesellschaft. Auch Martin Broszat weist in seinem Aufsatz ”Politische Denunziation in der NS-Zeit. Aus Forschungserfahrungen im Staatsarchiv München”; in: Archivalische Zeitschrift 73 (1977), S. 221f., auf die integrierende Wirkung politischer Denunziationen hin. Broszat belegt anhand der Regionalstudie erstmals, in welchem Umfang Denunzianten sich aus eigenem Antrieb an die Gestapo wandten. – Werner Best, ehemaliger ”Reichsbevollmächtigter” im besetzten Dänemark (1942-1945) und hoher Gestapo-Beamter von 1935 bis 1942, sagte im Nürnberger Prozess 1946 aus, dass die Gestapo ”fast ausschließlich auf Grund von Anzeigen, die entweder von Privatpersonen oder von irgendwelchen Stellen außerhalb der Polizei an sie gerichtet wurden”, tätig wurde. Vgl. IMT, Bd. 21, S. 144. Über Best und seine Generation im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vgl. die brillante Studie von Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903 – 1989, Bonn 1996.

[6] Vgl. Gellately, Gestapo und Gesellschaft, S. 74.

[7] Vgl. die eidesstattlichen Versicherungen Ohlendorfs, des ehemaligen Chefs des SD-Inland und SS-Einsatzgruppenführers, in: IMT, Bd. 31, S. 324ff.

[8] Vgl. Comparative Analysis of Strength of BdS and KdS Norway. NHM 138, Dokumentsamling. Die Allied Forces in Norway schrieben den Report in erster Linie, um einen Überblick über bereits gefasste und noch flüchtige Gestapo-Beamte zu bekommen. Der oberste ”Befehlshaber der Sicherheit (BdS)” stand den ”Kommandeuren der Sicherheit (KdS)”, die die Regionalstellen leiteten, vor.

[9] Vgl. Gerhard Paul, Ganz normale Akademiker; in: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul (Hg.), Die Gestapo. Mythos und Wirklichkeit, Darmstadt 1996, S. 11ff.

[10] PWIS Report No. 109, NHM, Boks 152.

[11] zit. nach Petrick, Fritz, Ruhestörung. Studien zur Nordeuropapolitik Hitlerdeutschlands, Berlin 1998, S. 45.

[12] Norw. volkstümlicher Begriff für Gestapo-Angehörige.

[13] Es handelt sich hierbei um 136 Berichte, die im NHM archiviert sind.

[14] Abteilung für Landesverrat der Osloer Polizei.

[15] Vgl. Robert Bohn, Schuld und Sühne. Die norwegische Abrechnung mit den deutschen Besatzern; in: ders. (Hg.): Deutschland, Europa und der Norden. Ausgewählte Probleme der nord-europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1993, S. 110ff. Die Frage, ob Norwegen sich im Kriegszustand befand, ist bis heute eine häufig diskutierte Frage. Mittlerweile hat sich die zeitgeschichtliche Forschung des Landes darauf verständigt, dass Norwegen wegen seiner Widerstandsarbeit, die von der exilierten und daher einzig legitimen Regierung koordiniert wurde, gegen das Deutsche Reich Krieg geführt hat.

[16] Insbesondere ist hier Johs. Andenæs zu nennen, der mit seiner Studie ”Det vanskelige oppgjøret” (Die schwierige Abrechung), Oslo 31979, die justizielle Aufarbeitung des NS-Unrechts reflektiert.

[17] Fritz Petrick, Europa unterm Hakenkreuz: die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Norwegen und Dänemark (1938 - 1945) ; Bd. 7 der achtbändigen Dokumentenedition; Hg. (et. al.) Schumann, Wolfgang/Nestler, Ludwig, München 1992. Die Aufsatzssammlung ”Ruhestörung”. Studien zur Nordeuropapolitik Hitlerdeutschlands, Berlin 1998, enthält noch Arbeiten aus Petricks Wirken in der DDR.

[18] Bohns Arbeiten geben eine detaillierte Darstellung der Verhältnisse in Norwegen wieder. Sein hervorragender Aufsatz ”Schuld und Sühne” beschäftigt sich ebenfalls mit den Nachkriegsprozessen, die gegen deutsche SS-Männer geführt wurden, und ihren völker- und kriegsrechtlichen Problemen. Als erster und bislang einziger Historiker lieferte er 1996 mit seinem Aufsatz ”Dieses Spiel kennt keine Regeln” (in Mallmann/Paul, Die Gestapo) eine Arbeit zum Thema Gestapo in Norwegen ab. Im August 2000 erschien seine Darstellung ”Reichskommissariat Norwegen. ,Nationalsozialistische Neuordnung’ und Kriegswirtschaft”, München, die sich ausführlich mit der Besatzungsbehörde beschäftigt und darüber hinaus die Historiografie der Okkupation auf dem jüngsten Stand reflektiert.

[19] Vgl. Bohn, Reichskommissariat Norwegen, S. 22.

[20] Abgedruckt bei Bohn, Reichskommissariat, S. 23.

[21] Wörtlich übersetzt bedeutet der Name der norwegischen Widerstandsbewegung hjemmefront”Heimatfront”.

[22] Vgl. Bohn, Ein solches Spiel, S. 463.

[23] So von Magne Skodvin in seiner bahnbrechenden Studie ”Striden om okkupasjonsstyret”, Oslo 1956; Ole Kristian Grimnes, Norge under okkupasjonen, Oslo 1983 und Sverre Kjeldstadli, Hjemmestyrkene, Hovedtrekk av den militære motstanden under okkupasjonen, Bd. 1, Oslo 1958 (Band 2 konnte wegen des frühen Todes Kjeldstadlis 1961 nicht mehr erscheinen). Kjeldstadli beschreibt den Widerstand ungemein quellenreich, betont jedoch stets den ”patrotischen” Charakter des Widerstands. Auf deutscher Seite haben sich insbesondere Fritz Petrick und Robert Bohn mit der Analyse deutscher Kriegs- und Besatzungsziele beschäftigt. Walther Hubatschs ”Weserübung”, 1960 erschienen, blieb schon bei seiner Herausgabe weit hinter dem Forschungsstand zurück. Die an Ranke orientierte Geschichtsschreibung Hubatschs vermochte es nicht, komplexe politisch-historische Sachverhalte der Okkupation offen zu legen und blieb bei der Darstellung militärischer Operationen stehen, ohne die Besatzungszeit überhaupt zu berücksichtigen. Lediglich der Dokumentenanhang ist heute noch aufschlussreich.

[24] PWIS No. 20, Consolidated Interrogation Report on Abt. IV of BdS Norwegen and of KdS Oslo, 30. August 1945, S. 27, NHM Boks 152.

[25] Vgl. IMT, Erklärung der norwegischen Regierung, Dok UK-79, Bd. 6, S. 203. Allein im Raum Oslo wurden 52 Todesfälle bekannt.

[26] Zit. nach Hans-Günther Seraphim (Hg.), Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs aus den Jahren 1934/35 und 1939/40, München 1964, S. 104; in Robert Bohn et.al. (Hg.), Neutralität und totalitäre Aggression, Nordeuropa und die Großmächte im Zweiten Weltkrieg, Stuttgarrt 1991, S. 97.

[27] Vgl. Frank Meyer, Nationalsozialistische Revolution von oben, Berlin 1996, S. 44. Auch im ”Bericht und Vernehmung des Korvettenkapitäns von Falkenhorst” von 1945 macht der bis 1944 eingesetzte Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Norwegen Angaben über erste strategische Planungen im Herbst 1939 für die Invasion Norwegens. Falkenhorst führte drei Hauptgründe an, die Hitler zum Entschluss bewogen: die Gefahr der strategischen Umfassung von Norden her, die eine Gefahr für die norddeutsche Küste bedeuten würde; die Operationsfeiheit für die deutsche Kriegsmarine; und das Offenhalten eines Schiffahrtsweges und Schutz der Erztransporte längs der norwegischen Küste. Diese strategisch-wirtschaftliche Interessenlage verdeutlicht abermals, dass die Errichtung eines ”Großgermaniens” allenfalls eine Nebenrolle in den Entscheidungen gespielt haben dürfte. NHM, F/II, Boks 20, S. 3. Auch Meyer verwirft diese These; er hebt hervor, dass eine Eingliederung Norwegens und eine Nazifizierung der Bevölkerung am 9. April nicht das Ziel des Überfalls waren. Vgl. Nationalsozialistische Revolution, S. 67.

[28] V. a. Hubatsch hing dieser These an.

[29] Tagebucheintragung des Chefs des Wehrmachtsführungsstabes, Generalmajor Jodl, vom 13.3.1940, abgedruckt in: Hubatsch, Weserübung, S. 364.

[30] Undersøkelseskommisjonen av 1945, Instilling (I), (Untersuchungskommission von 1945) Oslo 1946, S. 72, 74; abgedruckt in: Hans-Dieter Loock, Zeitgeschichte Norwegens, ZfG 1 (1965), S. 87. Weiter heisst es a.a.O., dass eine Prüfung der politischen Verhältnisse Deutschlands ergeben hätte, dass das Deutsche Reich Europa unterwerfen wollte und Norwegen unweigerlich in einen solchen Krieg hineingezogen werden musste.

[31] Die Nasjonal Samling (NS) gründete sich auf Initiative Vidkun Quislings 1933, im Jahr der Machtergreifung der NSdAP in Deutschland. Bei dieser Neugründung handelte es sich um eine typische rechtsradikale Partei, die sich zwar nicht explizit zum Nationalsozialismus bekannte, aber doch ähnliche Ziele verfolgte wie die NSdAP; insbesondere, was die Vernichtung des Marxismus, die Rassenlehre und die Abschaffung der Demokratie anging. An ihrer Spitze stand Quisling, der weder ein politischer noch ein beruflicher Außenseiter war. Quisling, Sohn eines Dorfpfarrers und im ländlichen Leben Norwegens tief verwurzelt, hatte eine vielversprechende Laufbahn als Berufsoffizier hinter sich und war als Mitglied der Bauernpartei von 1931 bis 1933 Kriegsminister, ehe er die ”Nationale Sammlungsbewegung” ins Leben rief. Doch bei den Wahlen 1933, 1934 und 1936 erlitt die NS schwere Schlappen und konnte keinen ihrer Kandidaten ins Parlament entsenden. Ab 1937 war Quisling nach einer Reihe Parteiausschlüssen alleine auf verlorenenem Posten, umgeben nur noch von seinen treuesten Freuden. Erst mit der Besetzung Norwegens begann sein Stern als Protegé von Rosenberg und Raeder wieder aufzugehen. Am 1. Februar 1942 wurde er endlich Ministerpräsident, die Macht lag aber weiterhin bei Terboven. 1945 wurde Quisling als Führer der Nasjonal Samling und als Regierungschef des Landesverrats angeklagt und am 10. September zum Tode verurteilt. Das Oberste Gericht bestätigte das Urteil vier Wochen später; am 24. Oktober wurde es vollstreckt. Vgl. Stein U. Larsen, Die Ausschaltung der Quislinge in Norwegen; in: Klaus-Dietmar Henke u. Klaus Woller (Hg.), Politische Säuberung in Europa, Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, S. 241f.

[32] Meyer, Nationalsozialistische Revolution, S. 47.

[33] Tagebucheintragung des Chefs des Wehrmachtsführungsstabes, Generalmajor Jodl, vom 19.12.1940, abgedruckt in: Hubatsch, Weserübung, S. 357. Zum Altmarkfall äußert sich u. a. auch Korvettenkapitän Richard Schreiber in seiner Eidesstattlichen Erklärung vom 5. Mai 1946. Er stellt den Fall so dar, dass zwei norwegische Torpedoboote, die der ”Altmark” Begleitschutz gewähren sollten, dieser nicht zur Seite gesprungen seien, als die Engländer das Feuer eröffneten. Schreiber spekuliert weiter, dass dies auf den ”englischen Druck” zurück zu führen sei, der damals auf den Norwegern gelastet habe. – Die Einlassungen deutscher Wehrmachtsbefehlshaber betonten häufig englische ”Einmischungen” in die norwegische Politik, um die deutsche Aggression in einem defensiveren Licht erscheinen zu lassen. Schreiber versuchte in dieser Erklärung auch ein Jahr nach Kriegsende weiß zu machen, dass die ”Besetzung Norwegens zum Schutze dessen Neutralität erfolgte” und ihm daran gelegen war, dass ”sie im Einklang mit dieser Rechtsauffassung stand.” Diese Auffassung steht stellvertretend für fast alle Wehrmachtbefehlshaber, die sich nach dem Krieg dergestalt über den Norwegenfeldzug äußerten. NHM, F/II, Boks 20, S. 34. Seine Sichtweise deckt sich mit der offiziellen Verlautbarung vom 9. April 1940, als Außenminister Joachim von Ribbentrop auf einer internationalen Pressekonferenz verkündete, dass ”Deutschland die Länder Skandinaviens vor der Vernichtung bewahrt hat und nunmehr bis zum Kriegsende für die wahre Neutralität im Norden einstehen wird.” Vgl. Bohn, Errichtung des Reichskommissariats, S. 147.

[34] Skodvin, Norway under occupation; in: Johs. Andenæs et al. (Hg.), Norway and the Second World War, Oslo 1966, S. 54f.

[35] Skodvin, Striden om okkupasjonsstyret, S.58f.

[36] Ders., S. 75. Dieser Aktion haftete von Beginn an etwas Improvisiertes und Unbeholfenes an. So schrieb Quisling seine Proklamation auf Papier mit dem Briefkopf eines Hotels und richtete seine Ansprache an ”alle guten Norweger”, wobei er das ”gute” später wieder wegstrich. Vgl. Skodvin, Striden om okkupasjonsstyret, S. 74ff. – Vidkun Quisling wurde von fast allen Deutschen Politikern, Diplomaten und SS-Führern die Fähigkeit abgesprochen, Regierungsverantwortung in irgendeiner Art und Weise zu tragen. Selbst Josef Terboven konnte Quisling nicht ernst nehmen. So soll er sich nach dem ersten Treffen mit dem Führer der NS über Quislings ”Uniformfragen” lustig gemacht haben, die diesem ”am wichtigsten erschienen” seien. Quisling sei ein ”Trottel”, der ”versuche, Hitler nachzuahmen”. Vgl. Bericht Hans Keller an die Osloer Polizei ”Verhältnis und Zusammenarbeit zwischen Sicherheitspolizei und SD und den Dienststellen des Reichskommissars und des Höheren SS- und Polizeiführers” an den Riksadvokaten (norw. Generalstaatsanwalt), Oslo, 14.11.1945. RAO, Landssvikarkivet, L-Dom 4434, S. 3. Keller war SS-Obersturmbannführer und Leiter der Abteilungen I und II (Personal und Verwaltung) beim BdS Oslo. Vgl. Bericht Hans Dellbrügge, ”Die deutsch-norwegischen Verhandlungen im Sommer 1940 über Pläne einer Neuordnung”, RAO, Landssvikarkivet, L-Dom 4286/87, S. 32. Dellbrügge, Ministerialrat, war Chef der Verwaltungsabteilung des Reichskommissariats. Von Falkenhorst urteilte im April 1940 über Quisling, dieser sei ”ein Phantast” und ”spiele keine Rolle.” Vgl. Kjeldstadli, Hjemmestyrkene, S. 43. Skodvin stellt in seinem Beitrag ”Norway under occupation” lapidar fest: ”He was not such stuff as Führers are made of”; in: Andenæs et. al., Norway and the second World War, S. 63.

[37] Norw. ”Administrasjonsrådet”.

[38] Petrick, Okkupationspolitik, S. 21.

[39] Diese Bestätigung seitens eines Verfassungsorgans kann schon als Akt politischer Kollaboration gewertet werden. Allerdings muss man auch zugestehen, dass die Regierungs- und Administrationsgeschäfte auf die eine oder andere Weise fortgesetzt werden mussten und Norwegen de facto militärisch besiegt war. Zum militärischen Verlauf der Okkupation: Die norwegische 6. Division wehrte sich immer noch im Raum Bergen gegen die Invasoren, während die Kampfhandlungen lediglich im Raum Oslo zum Stillstand kamen. Am 10. Juni kapitulierte schließlich auch die die 6. Division; Oberstleutnant Roscher Nielsen unterzeichnete die Urkunde. Damit war der Krieg in Norwegen vorbei. Da die Regierung jedoch ins Exil ging, ohne die Kapitualtion unterzeichnet zu haben, kann nicht von einer Gesamtkapitulation Norwegens gesprochen werden; diese juristische Feinheit spielte nach dem 8. Mai 1945 eine wesentliche Rolle bei der justiziellen Aufarbeitung der Besatzungszeit. Auf der anderen Seite rief die exilierte Regierung zum Widerstand in Norwegen auf und legitimierte dadurch die hjemmefront. Vgl. Meyer, Nationalsozialistische Revolution, S. 50; Hans-Martin Ottmar, ”Weserübung”, Der deutsche Angriff auf Norwegen und Dänemark im April 1940, München 1994, S. 2.

[40] Skodvin, Striden om Okkupasjonsstyret, S. 153f. Dr. Curt Bräuer wurde an die Westfront geschickt und überlebte den Krieg.

[41] Erlass Hitlers vom 24. April 1940 über die Einsetzung von Gauleiter Josef Terboven als ”Reichskommissar für die besetzten norwegischen Gebiete”; abgedruckt in: Petrick, Okkupation, Dok. Nr. 9, S. 82.

[42] Meyer, Nationalsozialistische Revolution, S. 51.

[43] Dieser war seit Ende Juni 1940 in Norwegen, nach dem Tode seines Vorgängers Fritz Weitzels. Bezeichnend für das enge Verhältnis zwischen Terboven und Rediess ist der gemeinsame Selbstmord, den die beiden im Mai 1945 nach der Kapitulation begingen. Die beiden planten, sich gemeinsam mit Dynamit zu töten; Rediess verlor jedoch die Nerven und erschoss sich vorher. Trotzdem ließ Terboven den Leichnam in seinen Bunker bringen und sprengte sich mit diesem gemeinsam in die Luft. Vgl. Robert Bohn, Die Errichtung des Reichskommissariats Norwegen; in: Robert Bohn et. al. (Hg.), Neutralität und totalitäre Aggression, Nordeuropa und die Großmächte im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1991, S. 142.

[44] Heinrich Fehlis, geboren 1906, war wie viele andere SS-Führer, Jurist (Assesorprüfung 1935). Am 1. Mai 1935 wurde er Mitglied der NSDAP, im September 1935 trat er von der SA, der er seit 1933 angehört hatte, zur SS über und war seit dem 10. September 1935 bei der Gestapo. 1937 wurde er Stabsführer des SD-Oberabschnitts Südwest (Stuttgart) und stellvertretender Leiter der dortigen Stapo-Leitstelle. Vor dem Überfall auf Norwegen befand sich Fehlis als Ausbilder in einem Sonderlehrgang für den leitenden Dienst in Pretzsch, von wo aus er mit den anderen Lehrgangsteilnehmern zum Einsatz nach Oslo abkommandiert wurde. Fehlis gelang es nach der Kapitulation, in einer Wehrmachtsuniform als Kriegsgefangener unterzutauchen. Seine Tarnung währte aber nur einige Tage; als er entdeckt wurde, erschoß er sich. Vgl. Bohn, Ein solches Spiel, S. 466. Vgl. ders., Schuld und Sühne, S. 108.

[45] So gelang es der exilierten Regierung, fast alle norwegischen Handelsschiffe dem deutschen Zugriff zu entziehen. Da die norwegische Handelsflotte die viertgrößte der Welt war, konnte die Exilregierung nunmehr mit etwa 1000 Schiffen die größte Reederei aufbauen und einen wichtigen Beitrag für die alliierte Kriegführung gegen das Dritte Reich leisten sowie ihre finanzielle Unabhängigkeit sichern. Vgl. Ottmar, Weserübung, S. 2.

[46] Im Original: ”De tyske okkupsjonssoldatene i Norge oppførte seg stort sett eksemplarisk. Disiplinen var streng og i betraktning av et det dreiet seg om flere hundre tusen mann, var overgrep overfor befolkningen sjeldne.” Vgl. Andenæs, Oppgjøret, S. 229.

[47] Bericht Hans Dellbrügge, Die deutsch-norwegischen Verhandlungen, S. 6. RAO, Landssvikarkivet, L-Dom 4286/87. – Josef Terboven, Jahrgang 1898, wurde in Essen geboren, wo er aufwuchs. Als 16-Jähriger erlebte er den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diente Terboven zuerst als Artillerist, wechselte er später zur Luftwaffe. Der Fliegerei galt von da an sein ganzes Interesse. Bei Kriegsende entschloss sich Terboven, mittlerweile Leutnant geworden, in Freiburg und München zu studieren. 1923 gab er das Studium auf, da er Geld verdienen musste; darauf arbeitete er als Bankangestellter in Essen. Mitten im ”roten” Ruhrgebiet half Terboven mit aller Kraft, die NSdAP aufzubauen. Bald schon erwarb er sich den Ruf, ein harter Kämpfer zu sein, und führte sowohl die Ortsgruppe der Partei als auch der SA an. Letztere war in Essen sowohl bekannt als auch wegen ihrer Brutalität gefürchtet. 1927 wurde Terboven Bezirksleiter für das Ruhrgebiet und kam in höchste Parteikreise. Am 1. August desselben Jahres machte Hitler ihn zum Gauleiter. 1935, Terboven war inzwischen Reichstagsabgeordneter, wurde er Oberpräsident der Rheinprovinz. Die Personalunion von Parteichef (Gauleiter) und Staatsamt (Oberpräsident) machte ihn zu einem der mächtigsten Männer in diesem Teil Deutschlands. Mit dem neuen Amt ausgestattet, wandte er sich verstärkt ökonomischen Fragen zu. Seine hemdsärmelige, bisweilen brutale Art machte ihn bei Kollegen und Untergebenen unbeliebt. Das scherte Terboven und seine Förderer wenig; bei Kriegsausbruch wurde er Reichsverteidigungskommissar im Wehrkreis VI. Zu Hermann Göring hatte Terboven zu diesem Zeitpunkt ein gutes Verhältnis aufgebaut – die beiden kannten einander aus dem preußischen Staatsrat, in dem Terboven wegen seines Präsidentenamtes automatisch Mitglied war. Nach dem Krieg kursierte das Gerücht, er sei während der Besatzungszeit allein mit einem Kleinflugzeug des Typs ”Fieseler Storch” in die Berge geflogen, um ein Maschinengewehrnest des Widerstandes anzugreifen; so sah Terboven sich selbst wohl am liebsten. Mit Recht lässt sich der Kommentar aus dem ”Hamburger Tagblatt” vom 25. April 1940 heute noch zitieren, dass ”mit Josef Terboven einer der bewährtesten Männer der nationalsozialistischen Bewegung mit dem Amte des Reichskommissars für die besetzten norwegischen Gebiete betreut worden ist.” PWIS No. 80, Consolidated Report on the ”Reichskommissariat for occupied Norway”, S. 17f. NHM, Boks 152. Bohn, Reichskommissariat Norwegen, S. 32ff. Skodvin, Striden om okkupasjonsstyret, S. 192f. Bericht von Wilhelm Esser an die Osloer Polizei, 15. Juli 1945, S. 8. RAO, Landssvikarkivet, L-Dom 3941.

[48] Norw. ”riksråd”.

[49] Skodvin, Striden om okkupasjonsstyret, S. 269f.

[50] Meyer, Nationalsozialistische Revolution, S. 61; Loock, Norwegische Zeitgeschichte, S. 94ff. Die norwegische Untersuchungskommission rügte 1945 die Verhandlungen über den Reichsrat, da das Storting nach der Verfassung kein Recht hat, den König abzusetzen, und eine neue Regierung nur dann zustande kommen kann, wenn der König sie ernennt. Vgl. ebd., S. 92f. König Haakon VII. lehnte die Forderung nach dem Rücktritt am 3. Juli ab und legte seine Gründe in einer Rundfunkansprache in der BBC dar. Diese Rede fand in Norwegen große Beachtung.

[51] Mitteilung des Wehrmachtsbefehlshabers Norwegen, Nikolaus von Falkenhorst, an die nachgeordneten Dienststellen vom 28. September 1940 über die Errichtung des Regimes der kommissarischen Staatsräte; abgedruckt in: Petrick, Europa unterm Hakenkreuz, Dok. Nr.17, S. 89.

[52] Ebd.

[53] Petrick, Neuordnung des Nordens, Zu den Plänen für die Einbeziehung Nordeuropas in den ”Großwirtschaftsraum”; in: ders., Ruhestörung, S. 40f.

[54] Skodvin, Striden om okkupasjonsstyret, S. 256. Im Original: ”Ikkje slik å forstå at der Reichskommissar såg seg i nokon prinsipiell motsetnad til Quisling og N.S., – partiet stod Det tredje riket nærere enn noka anna norsk gruppe; men Terboven var den praktiske politikks mann, og han såg at som politisk makker var N.S. ikkje eit aktivum, men ein stein om halsen.”

[55] Bohn, Errichtung des Reichskommissariats, S. 146; Reichskomissariat Norwegen, S 121ff. Allerdings gaben sich norwegische Wirtschaftsvertreter gleich nach der Invasion sehr kooperativ, um ”die Räder in Gang zu halten”, wie sie sagten. Ihre Zusammenarbeit mit den Okkupanten, ”tyskearbeid” (Deutschenarbeit) genannt, wurde nach dem Krieg mit dem Straftatbestand ”ökonomisk landssvik”, ökonomischen Landesverrat, geahndet. 3208 Norweger wurden wegen dieses Vergehens angeklagt. Petrick, Norwegische Kollaboration, S. 126f.; in: ders., Ruhestörung. Zur beispielhaften Verbindung zwischen den Konzernen Norsk Hydro und IG Farben s. ebd., S. 128f.

[56] Diese Abteilung war u.a. für die ”Meldungen aus Norwegen” zuständig.

[57] Bohn, Errichtung des Reichskommisariates, S. 147; Loock, Quisling, S. 366.

[58] Ebd., S. 142.

[59] S. Anm. 3.

[60] S. ebd.

[61] Vgl. Gellately, Gestapo und Gesellschaft, S.174. Gellately führt mehrere Fälle an, in denen Bürger zweifelhaften Rufs Nachbarn oder Bekannte anzeigten, um diese in Schwierigkeiten zu bringen. Obwohl den Gestapo-Beamten klar war, dass die Beschuldigungen wahrscheinlich jeder Grundlage entbehrten, gingen sie jedem Hinweis nach und brachten die Opfer in Erklärungsnot. Vgl. ebd., S. 179.

[62] Vgl. Gisela Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime oder Die kleine Macht der ”Volksgenossen”, Bonn 1995, S. 182f. Gellately relativiert diese Ansicht dahingehend, dass Angehörige der Oberschicht und Funktionsträger andere Möglichkeiten hatten, sich unliebsamer Mitbürger zu entledigen, und daher nicht unbedingt die Polizei einschalten mussten. – Diewald-Kerkmann untersucht in ihrem Buch die Alltagsrealität und Komplexität der politischen Denunziation. Dazu zieht sie Quellenbestände unterer und mittlerer Instanzen der NSdAP und anderer NS-Organisationen heran; vor allem Aktengruppen der Staatsarchive Detmold und Münster. Hierbei handelt es sich u.a. um Bestände der NSdAP in Lippe, Strafprozessakten des Sondergerichts Bielefeld, politische Lageberichte der Staatspolizeistelle Bielefeld und Stimmungsberichte des Sicherheitsdienstes.

[63] Broszat, Politische Denunziation, S. 222.

[64] Ebd.

[65] Die unbequeme Tatsache, dass die meisten Deutschen offensichtlich gar keinen Widerstand leisten wollten, sondern sich mehr oder weniger anpassten und das System im Ganzen akzeptierten, das sie 1933 herbeiwählten, fällt beim erwähnten Blickwinkel unter den Tisch.

[66] Vgl. Mallmann/Paul, Gestapo-Mythos, S. 3f. Broszat stellt die These auf, dass die Welle von Gesetzen und Verordnungen, angefangen vom ”Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen” vom 20. Dezember 1934 bis zur Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom 26. August 1939, ein Klima von Denunziationsfurcht und Denunziationseifer geschaffen hätten. Vgl. Broszat, Politische Denunziation, S. 222.

Ende der Leseprobe aus 108 Seiten

Details

Titel
Gestapo in Oslo. Zur Herrschaftspraxis der Geheimen Staatspolizei in Norwegen 1940 bis 1945.
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Note
sehr gut (1)
Autor
Jahr
2000
Seiten
108
Katalognummer
V6815
ISBN (eBook)
9783638143042
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestapo, Oslo, Herrschaftspraxis, Geheimen, Staatspolizei, Norwegen
Arbeit zitieren
Per Hinrichs (Autor), 2000, Gestapo in Oslo. Zur Herrschaftspraxis der Geheimen Staatspolizei in Norwegen 1940 bis 1945., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6815

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