Möglichkeiten der Sichtveränderung durch den systemischen Ansatz in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung


Hausarbeit, 2007
20 Seiten

Leseprobe

Gliederung

Vorwort

1. Was ist ein System?

2. Grundlagen und Haltung der Systemischen Beratung
2.1. Wertschätzung
2.2. Die fünf Säulen der Systemtheorie
2.2.1. Neutralität/ „Allparteilichkeit“
2.2.2. Kontextabhängigkeit
2.2.3. Ressourcenorientierung
2.2.4. Zirkularität
2.2.5. Hypothesenbildung

3. Kontextabhängigkeit
3.1. Sozialrechtliche Grundlagen
3.2. Organigramm

4. Methode aus dem systemischen Ansatz
4.1. Genogramm
4.2. Familie Meier Fallbeispiel
4.3. Kurze Lebensgeschichte
4.3.1. Bericht über die einzelnen Familiemitglieder
4.4. Hypothesenbildung

5. Schlusswort/ Zusammenfassung

Literaturhinweise

Vorwort

Die Systemische Beratung?

Ich hatte schon einiges darüber gelesen und gehört und wollte diesen Ansatz unbe­dingt genauer kennen lernen und verstehen. Nach diesen 2,5 Jahren im Institut für Systemische Beratung, Therapie und Supervision bin ich diesem Ziel etwas näher gekommen.

In meiner Tätigkeit als Assistentin des geschäftsführenden Vorstandes der Landesar­beitsgemeinschaft der Werkstatträte in Baden-Württemberg habe ich sehr viel mit Menschen mit geistiger, seelischer und mehrfacher Behinderung zu tun. Meine Auf­gabe dort ist unter anderem, Menschen mit Behinderung in Fragen der Mitwirkungs­rechte von Beschäftigten in den Werkstätten zu beraten, schulen und den Aufbau der LAG WR in Baden-Württemberg zu unterstützen. Aufgrund der sehr guten Zusam­menarbeit und der persönlichen gegenseitigen Wertschätzung hat sich die Möglichkeit der praktischen Umsetzung mit dem Schwerpunkt der vorliegenden Genogrammar­beit ergeben. Ein Vorstandsmitglied der LAG WR (im Folgenden Herr Meier, Name geändert), der in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet, ist in der vorliegenden Fallgeschichte näher beschrieben. In Kapitel 5 geht es um die Untersu­chung und Darstellung der Fallgeschichte von Herrn Meier, welche Grundlage bieten könnte, in einen Beratungsprozess einzusteigen.

Die Anwendungsfelder von Systemischer Beratung/Therapie sind sehr vielfältig,

z. B. in den Bereichen:

- Kinder- und Jugendhilfe
- Beratungsstellen
- Angehörigenberatung
- Suchtberatung
- Ambulante bzw. stationäre Kinder- und Jugendhilfe,
- Behindertenhilfe
- Altenhilfe
- im psychiatrischen Kontext
- ...

Bei der Gliederung der Arbeit wurde versucht, die theoretischen Grundlagen in ein­zelnen, in sich geschlossenen Kapiteln1-4 darzustellen.

Über die Methode Genogrammarbeit habe ich das System Familie eines Menschen mit psychischer Behinderung genauer betrachtet um der Frage nach der möglichen Ursache seiner psychischen Erkrankung nach zu gehen, aber auch Gründe für sein berufliches Engagement zu finden.

1. Was ist ein System?

Im Lexikon ist unter „System“ folgendes zu finden:

„griechisch Zusammenstellung, ganzheitlich, regelhaft strukturierter Zusammenhang von Einzelheiten, Dingen oder Vorgängen, der entweder in der Natur gegeben oder von Menschen hergestellt ist...“ (dtv Lexikon, 1995)

Das heißt man unterscheidet zwischen lebenden und nicht lebenden Systemen. Der Unterschied besteht darin, dass lebende Systeme in Beziehung zu einander stehen und Regeln innerhalb dieses Systems existieren. Lebende Systeme zeigen Verhalten (z.B. gehen in Beziehung) und tauschen Informationen/Energie aus. Au­ßerdem gibt es in diesen Systemen Subsysteme (verschiedene Ebene). Zum Beispiel in einem Familiensystem: Familie- Eltern-Großeltern-Kinder-Individuum- Ebene.

Ein nicht lebendes System zeigt keine aktive Veränderung; nur von außen einwir­kende (physikalische) Einflüsse können eine Veränderung bewirken.

Im weiteren bezeichnet man als soziales System eine Mehrzahl von sozialen Ele­menten (Individuen, Institutionen), die in einer sozialen Beziehung auf Grund von gegenseitiger, meist kulturell geprägter gesellschaftlicher Rollenerwartungen über längere Zeit regelmäßig aufeinander und miteinander wirken. Das System besitzt eine relativ hohe Integration und ist durch wechselseitige Abhängigkeit (Interdepen­denz) der Elemente und Geschlossenheit (Kohärenz) nach außen gekennzeichnet. Die gegenseitige Wechselwirkung zwischen den einzelnen Systemelementen hat zur Folge, dass eine Veränderung eines Elements zwangsläufig zur Veränderung aller anderen Elemente führt. Das heißt auch, ein System ist mehr als die Summe seiner Teile.

(vgl. dtv Lexikon, 1995)

Z.B. das Kind zeigt sich aggressiv, dies hat zur Folge, dass die Eltern Sanktionen erheben oder der Vater der Mutter Versagen in der Erziehung vorwirft. Dies wie­derum hat zur Folge, dass sich das Kind erneut aggressiv zeigt oder die Mutter sich aus der Beziehung immer weiter herauszieht.

Da jeder Mensch seine Wirklichkeitskonstruktion (Wirklichkeit wird durch Beschrei­bung erzeugt; sie sind „Innere Landkarten“) hat, wird ein System von den einzelnen Systemelementen unterschiedlich betrachtet und bewertet. Ein System wird erst als System erkennbar, wenn es sich von seiner Umwelt abgrenzt. Das heißt es gibt ein „innen“ (im System) und ein „außen“ (Umwelt), welches ein Beobachter zunächst definieren muss.

2. Grundlagen und Haltung der Systemischen Beratung

2.1. Wertschätzung

Jeder Mensch lebt in seiner Wirklichkeitskonstruktion, die nicht beliebig ist, sondern ihren Sinn hat. Das bedeutet Verhalten und Sichtweisen ergeben sich aus gutem Grund/machen Sinn. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass man die Sichtweisen oder Probleme des Klienten erst nehme und würdige. Diese Grundhaltung der Systemischen Beratung; die Würdigung unterschiedlicher Konstruktionen ist nicht zu verwechseln mit „akzeptieren“ der Wirklichkeitskonstruktion.

2.2. Die fünf Säulen der Systemtheorie

Im folgenden wird auf die 5 Säulen des systemischen Ansatzes eingegangen:

2.2.1. Neutralität / „Allparteilichkeit“

Neutralität in vier unterschiedliche Arten aufgeteilt:

(1) Neutralität gegenüber Personen

Der Berater verhält sich gegenüber den einzelnen Personen/Symptomträgern neutral. Er ergreift keine Partei für oder gegen eine bestimmte Seite. Er bewart eine „innere“ Distanz den Personen gegenüber.

(2) Neutralität gegenüber den Problemen oder Symptomen

Das Wertesystem des Beraters muss zurückgestellt werden. Das Symptom darf nicht bewertet werden. Viel mehr geht es um die Frage, was bedeutet das Symptom für die Klienten?

(3) Neutralität gegenüber Ideen

Der Berater hat die Aufgabe eine Unterstützerposition gegenüber Lösungsideen, Wertehaltungen oder Meinungen der Klienten einzunehmen. Es bleibt unklar, ob er die Ideen für richtig oder falsch hält. Zudem „schützt“ es den Berater, die „richtigere“ oder „bessere“ Lösungsstrategie den Klienten anzubieten und hält ein breiteres Spektrum an Lösungen für das System der betreffenden Familie offen.

(4) Neutralität gegenüber Veränderungen

Der Berater muss akzeptieren, wenn der Klient keine Veränderung wünscht und in seiner Sichtweise und seinen Verhaltensmustern verharren will. Die Entscheidung für eine Veränderung bleibt beim Klienten.

In Bereichen wie sexuellem Missbrauch, Gewalt oder anderen strafrechtlichen Delikten muss der Berater seine Neutralität aufgeben und darf nicht zum „Geheimnisträger“ der Familie werden.

Allparteilichkeit ist die Fähigkeit für alle beteiligten Personen Partei ergreifen zu können. Jeder Anwesende soll in seiner Wirklichkeitskonstruktion mit seinen Fähigkeiten vom Berater Wertschätzung erfahren.

2.2.2. Kontextabhängigkeit

In einem Beratungsgespräch wird der Kontext (Bezugsrahmen) zunächst betrachtet, in der das Problemverhalten erscheint. Das heißt Verhalten ist immer kontextabhän­gig, kein Mensch verhält sich immer gleich. Ein gleiches Verhalten wird in unter­schiedlichen Kontexten anders beurteilt. Dabei spielen die gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Herkunft eine bedeutende Rolle. Zum Bespiele: eine Lehrerin berichtet über einen Schüler, der sich in der Schule sehr aggressiv zeige. Her wäre genauer nachzufragen, ob er auch in einem anderen Umfeld aggressiv zeigt. In welchen Situ­ationen zeige sich der Junge aggressiv, in der Pause, gegenüber einer bestimmten Person...? Was müsste passieren, dass sich der Junge weiterhin aggressiv zeigt?

Im Beratungsgespräch fragen wir nach den W -Fragen:

W ann taucht das Problem auf/ nicht auf?

W o taucht das Problem auf / nicht auf?

W er reagiert darauf?

W ie wird darauf reagiert?

W as folgt daraus?

W elchen Sinn macht das Symptom?

(siehe Handout „Einstieg in das Problem“)

Auch in unserem nachfolgenden Fallbeispiel (Kapitel) schauen wir uns den Kontext Werksatt für Menschen mit Behinderung zunächst einmal genauer an.

2.2.3. Ressourcenorientierung

Ressourcenorientiertes Denken ist das Gegenteil von defizitärem Denken. In der systemischen Arbeit geht man davon aus, dass jedes System über alle Ressourcen verfügt, die es zur Lösung seiner Probleme benötigt. Das heißt, um ein Problem zu lösen braucht man nicht das Problem zu verstehen, sondern orientiert sich von Anfang an, an der Konstruktion von Lösungen. Aus diesem Gedanken heraus entstand die „Lösungsorientierte Kurzzeitherapie“.

2.2.4. Zirkularität

Die Zirkularität beschreibt den Versuch das Verhalten der Elemente als Kreislauf zu verstehen. Zirkuläres Denken unterscheidet sich im Gegensatz zu linearem Denken (Ursache-Wirkung). Das heißt Ursache und Wirkung wechseln sich ab.

Das folgende Schema zeigt einen idealtypische Konstruktion eines zirkulären Prozesses: Eine Ursache U1 hat die Wirkung W1. Diese wiederum erzeugt eine Wirkung W2 welche die Ursache U2 zur Folge hat. Dies wird an folgendem Beispiel deutlich:

Eine Frau ist unzufrieden mit ihrem Mann, weil diese ständig Überstunden (U1) macht. Deshalb gibt es häufig Streit in der Beziehung.(W1). Der Mann wiederum will dem Konflikt aus dem Weg gehen und bleibt deshalb gerne länger im Büro (U2). Die Tochter der beiden reagiert darauf indem Sie abends zu spät nach Hause kommt und sich an keine zeitlichen Vereinbarungen hält (W2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten der Sichtveränderung durch den systemischen Ansatz in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V68616
ISBN (eBook)
9783638607162
Dateigröße
1656 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alle persönlichen Angaben wurden anonymisiert.
Schlagworte
Möglichkeiten, Sichtveränderung, Ansatz, Arbeit, Menschen, Behinderung
Arbeit zitieren
Helena Wachter (Autor), 2007, Möglichkeiten der Sichtveränderung durch den systemischen Ansatz in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68616

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