Das amerikanische Musical


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der "Schmelztiegel" oder die "American Pizza"
2.1. Die Vorgeschichte der Musikelemente aus denen sich das Musical zusammensetzt
Balladenoper
Burleske
Extravaganza
Minstrel-Show
Vaudeville
Revue
Operette
Jazz
2.2. Das "verschmolzene" Produkt
Bühne
Künstler
Komponisten
Musik
Thema

3. Das Erbe des "Frontier Myth"

4. Protestantische Arbeitsethik, der "American Dream" und das Musical

5. Schlußbemerkung

6. Bibliographie

1. Einführung

Wenn man über amerikanische Kultur spricht, kommt man eigentlich gar nicht umhin an das amerikanische Musical zu denken. Musikwissenschaftler sind sich einig, daß das Musical eine Form der Unterhaltung ist wie sie nur in Amerika entstehen konnte und empfinden das Musical sozusagen als ur-amerikanisch. So wird es oft auch das amerika­nische Musical genannt. Was nun genau bedeutet dies? Es scheint zwei Ansätze zu ge­ben, die leicht miteinander vermischt werden, aber durchaus nicht identisch sind.

Zunächst bezeichnet dieses Attribut das Entstehungsland. Bei diesem Ansatz wird jedoch meistens gleich darauf verwiesen, daß das Musical in New York - und um noch genauer zu sein - am Broadway entstand. So bezeichnet Kortus das Musical als "ein Kind der New Yorker Unterhaltungs- und Kulturlandschaft, des 'Broadway'."[1] Und Schmidt-Joss erläutert dies ausführlich: "Nur in New York konnte das Musical entstehen. Die Theater­landschaft des Broadway [...] waren seine unabdingbaren Voraussetzungen."[2]

Ein anderer Ansatz bezieht sich auf die Wesensart des Musicals als eine typisch ameri­kanische. So behauptet Kortus: "Das Musical will bewußt amerikanisch sein."[3] und Everett Helm bezeichnet das Musical als "eine ausgesprochen amerikanische Form des Musiktheaters und [...] einer der originellsten Beiträge der Neuen Welt zur Musik des 20. Jahrhunderts."[4] Über die Versuche, das Musical der Alten Welt näherzu­bringen schlußfolgert Albrecht Goebel: "Das Musical schien offensichtlich eine amerika­nische Erscheinung zu sein und zu bleiben, [...]."[5]

Die spezielle Wesensart der Amerikaner, amerikanische Werte und Vorlieben ermög-lichten erst die Entstehung des Musicals. Die spezifischen Begebenheiten in Amerika und speziell in New York am Broadway trugen ihren Teil dazu bei. Als Ergeb­nis eines für Amerika anscheinend typischen Entwicklungsprozesses spiegelt das Musical die ameri­ka-nische Mentalität und Kultur. Es scheint eine ganze Reihe von typisch ameri­kanischen Merkmalen und Werten in sich zu vereinigen. In der folgenden Hausarbeit werde ich ver­suchen, diesen Zusammenhang näher zu untersuchen.

Auch wenn sich im folgenden die verschiedenen Punkte unter 2. immer wieder ver­mischen habe ich dennoch versucht eine Unterscheidung vorzunehmen.

2. Der "Schmelztiegel" oder die "American Pizza"

Zu Beginn dieses Jahrhunderts war Amerika ein typisches Einwandererland. Natio­na­li­tä­ten aus aller Welt treffen aufeinander. Kulturen reiben sich aneinander. Oder ver-schmel­zen. Je nachdem, ob eine Synthese möglich ist oder die Gegensätze unüberbrück-bar scheinen, entstehen neue Formen des sozialen oder kulturellen Lebens. Speziell in New York, welches lange Zeit als Hafen für Neuankömmlinge aus der Alten Welt fun-giert, tritt der Verschmelzungseffekt bzw. das Nebeneinander der Gegensätze deut­lich zu Tage.

Musik hat schon immer besonders feinfühlig auf neue Einflüsse reagiert. Als Afrikaner nach Amerika versklavt wurden, veränderte sich ihre Musik. Auf diese Weise - und wahrscheinlich nur auf diese Weise - konnten Musikformen wie Blues oder Jazz ent­stehen. So ist es nicht verwunderlich wenn Kortus über den Jazz von dem "in Amerika originären Musikelement"[6] spricht. Jazz ist nicht nur als das Haupt-Musik­element im Musical hervorzuheben, sondern ganz besonders auch als ein optimales Bei­spiel von Verschmelzung im Bereich der Musik. Auch das Musical ist das Ergebnis eines Verschmelzungsprozesses vieler verschiedenen Einflüsse. Auch wenn Schmidt-Joss z.B. nicht spezifisch auf die unterschiedliche Herkunft der Einflüsse hinweist, wird dies später in der näheren Erörterung dennoch deutlich werden:

Wie fast alle Kunstformen, die in Amerika entstanden und gewachsen sind, ist auch das Musical eine Mischform: das Produkt der Verschmelzung vieler traditionel­ler Elemente unter spezifisch amerikanischen Voraussetzungen und Bedingungen. Operetten und Oper, Balladen und Spottlieder, Revuen und Varietés, Minstrel Shows und Vaudeville, Ballett und Extravaganza, Schlager und Jazz haben Anteil daran. Je­des einzelne Stück des Genres zeichnet sich durch einen besonderen Mischungsgrad der Elemente dieser Ausgangsformen aus.[7]

Das Musical hat von all diesen Musikelementen ein wenig. Um zu verstehen, warum diese Mischung so amerikanisch ist, muß man sich die einzelnen Elemente selbst ansehen.

2.1. Die Vorgeschichte der Musikelemente aus denen sich das Musical zusammensetzt

Balladenoper

Die Balladenoper: 1728 wurde in London die "Beggar's Opera" uraufgeführt und damit das Genre der Balladenoper geschaffen. Im Gegensatz zu den Opern italienischen Stils, waren die Hauptpersonen nunmehr Bettler, Diebe, Dirnen und Zuhälter und nicht mehr Edelleute und Götter. Die Musik bediente sich volkstümlicher Balladen und be­kannter Melodien. So wurden "populäre Motive und Melodien mit zum Teil eindeutig folkloristischem Charakter in parodistischer Absicht als Bühnenmusik eingesetzt und damit in eine städtische Volksmusik umgeschmolzen."[8] Als die "Beggar's Opera" 1751 in New York aufgeführt wurde fand sie großen Zuspruch und "setzte Maßstäbe für volks­tümliches musikalisches Theater."[9] Obwohl die Balladenoper ursprünglich ein englisches Produkt ist, trifft sie in Amerika auf einen sehr empfänglichen Geist. Die Benutzung von volkstümlichen Motiven und Melodien statt des Kunstliedes und die Darstellung von "kleinen" Leuten statt der Aristokratie-Verehrung in einem Theaterambiente entspricht der demokratischen Gesinnung der frisch-eingewanderten Amerikaner. In England wurde 1737 ein Zensurgestz erlassen welches satirische Theaterbelustigungen grundsätzlich verbot und somit die Balladenoper in England von der Bühne fegte. In Amerika entstan­den Anfang des 20. Jahrhunderts Musik-Kommödien in einem der Balladenoper ähn­lichem Stil, die sich gegen die Operetten-Importe aus Europa auflehnten. Die Amerika­ner, oder besser gesagt die amerikanische Musik setzte nationale Akzente. Letztendlich hat der "moderne amerikanische Pop-Song, der späteren Musical-Komponisten als Ma­terial diente, [...] hier seinen Ursprung."[10]

Burleske

Die Burleske: Ursprünglich waren "Burlesque Operas" literarische Travestien mit Musik (Anfang des 19. Jhdts.). Wie jedoch Schmidt-Joss treffend bemerkt, glichen sich "alle Theater- und Show-Business-Formen, die [...] in Amerika gepflegt wurden" den "Bedingungen der Neuen Welt an und entwickelten Charakeristika, die sie deutlich von ihren [europäischen] Vorbildern unterschied."[11] So veränderte sich das Bild der Burleske in Amerika. Zunächst wurden aktuelle Komik und populäre Songs wichtiger als die lite­rarische Vorlage; später sank die Burleske auf das Niveau einer Striptease-Show, als nur noch auf die Sex-Wirkung der "Girl"-Truppe gesetzt wurde. Zwischen diesen beiden Schritten gelangte die Burleske in die "Nähe des Musicals"[12]. In den "Mulligan-Plays" (1879) wurden nunmehr nicht historische oder literarische Motive parodiert, sondern zeitgenössische Themen behandelt und das "New Yorker Kleinbürgertum [erschien zum erstenmal] mit all seinen Vorzügen und Gebrechen auf einer Theaterbühne."[13] Die "Mulligan-Plays" wurden als "Beginn der amerikanischen Komödie" gefeiert. Den Höhe­punkt erlebte die amerikanische Theaterform Burleske 1891 mit "Trip to Chinatown". In den losen Handlungsstrang wurden Songs, die Amerika im Sturm eroberten, und unter­haltsame oder witzige Episoden eingeflochten. Zeitgenössische Parodien, New Yorker Kleinbürger­tum auf der Bühne verkörpert, eingängige Melodien und eine Handlung, die durch unter­haltsame Episoden und Songs aufgefüllt wird: der Schritt zum Musical war nicht mehr weit.

Extravaganza

Die Extravaganza: Die Extravaganza ist ein Zufallsprodukt, wie es wohl nur in Ame­rika entstehen konnte. Als im Jahre 1866 die New Yorker Academy of Music abbrannte und ein französisches Ballett sich seiner Auftrittsmöglichkeit beraubt sah, hatten der Pro­duzent des Melodrams "The Black Crook", W.Weatly, und der Produzent des französi­schen Balletts, H.C.Jarret, die Idee, ein gemeinsames Riesenspektakel auf die Bühne zu­bringen:

Märchenfiguren aus dem Repertoire aller Herren Länder, erotisch aufreizende Songs [...], artistische Sketchs, ein hundertköpfiges Ballett in Netzstrümpfen und durchsichtigen Gaze-Kostümen, gold- und flitterüberladene Dekorationen und Texte mit zahlreichen Zweideutigkeiten.[14]

Es ist fraglich, ob sich in Europa die Spontanität, Experimentierfreude und Risikobe­reitschaft an sich Artfremdes zu einer Mega-Show zu vereinen, in der auf künstlerische Qualität zugunsten publikumswirksamer Quantität verzichtet wird, gefunden hätte. Und selbst wenn jemand dieses Wagnis eingegangen wäre, bliebe immer noch zweifelhaft, ob dieses Spektakel derart begeistert aufgenommen worden wäre wie "The Black Crook" in Amerika. Die Freude der Amerikaner an Superlativen wurde nach der Erbauung des Hippodrome Theatre am Broadway (1905) exessiv ausgeschlachtet. Das Hippodrome faßte 5200 Zuschauer und hatte auf einer 35 Meter tiefen Bühne zwei Zirkusarenen und ein Wasserbecken. In diesem Riesentheater konnten außer Dressurakten mit hunderten von Tieren auch Autorennen, Luftschlachten, Sandstürme, Tornados und Erdbeben in­szeniert werden. Die Ära der Extravaganza ging mit der Wirtschaftskrise 1929 dem Ende entgegen. Die Aufwendigkeit der Extravaganza, ihre ausgefallenen Bühnenbilder und ihre extravaganten Attraktionen flossen in das Musical ein.

[...]


[1] Günter Kortus, "My fair lady", in Schriftenreihe über musikalische Bühnenwerke: Die Oper (Berlin-Lichenfelde: 1977), hier S. 5. Weitere Zitate hieraus mit Nennung des Autors und der Seitenzahl.

[2] Siegfried Schmidt-Joss, Das Musical (München: 1965), hier S. 15.

Weitere Zitate hieraus mit Nennung des Autors und der Seitenzahl.

[3] Kortus: 6.

[4] Everett Helm, "Vom Wesen des amerikanischen Musicals", in Theater und Drama in Amerika, hg. von Edgar Lohner und Rudolf Haas (Berlin: 1978), S.127-135, hier S. 127.

[5] Albrecht Goebel, "My fair lady im Musikunterricht", in Musik und Bildung, Jg. 13 (1981), S. 378-386, hier S. 378.

[6] Kortus: 6.

[7] Schmidt-Joss: 14.

[8] Schmidt-Joss: 34.

[9] Kortus: 10.

[10] Schmidt-Joss: 35.

[11] Schmidt-Joss: 36.

[12] Schmidt-Joss: 37.

[13] Schmidt-Joss: 37.

[14] Schmidt-Joss: 35.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das amerikanische Musical
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Understanding American Culture
Note
1,7
Autor
Jahr
1996
Seiten
21
Katalognummer
V68955
ISBN (eBook)
9783638600835
ISBN (Buch)
9783638955065
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musical, Understanding, American, Culture
Arbeit zitieren
Eva Maria Mauter (Autor), 1996, Das amerikanische Musical, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68955

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