Der technische Fortschritt der 70er Jahre ermöglichte die Verbreitung von elektronischem Equipment wie beispielsweise von Kameras und Videos. In Brasilien eigneten sich Anfang der 80er Jahre die Sozialen Bewegungen, denen der Widerstand gegen die Militärdiktatur gemeinsam war, diese „neuen“ Kommunikationsmittel an und nutzten sie, um ihre Kultur des Widerstandes auszudrücken, um ein alternatives Modell der Gesellschaft vorzustellen oder um mit anderen sozialen Gruppen in Kontakt zu treten. Die Sozialen Bewegungen waren es auch, die den Diskurs zur Öffnung der Medien in die Gesellschaft trugen. Es war die Zeit von Freiem Radio und Freiem Fernsehen. Zeitgleich wurden vermehrt Medienprojekte realisiert, die versuchten die brasilianische Unterschicht in den Produktionsprozess einzubeziehen. Auch diese Projekte sind Teil der Bewegung zur Demokratisierung der Kommunikation Brasiliens. Einige dieser Pioniere der „Comunicação Popular” sind noch tätig und heute institutionalisiert als Organisationen der Zivilgesellschaft. So auch die Associação Imagem Comunitária aus Belo Horizonte. Die Verbindung zwischen den Projekten der „Comunicação Popular” und den Sozialen Bewegungen blieb bis heute eng, wobei auch die Associação Imagem Comunitária keine Ausnahme darstellt. „Comunicação Popular“ lässt sich ins Deutsche mit Volkskommunikation übersetzten. Die Bedeutung des Wortes „Volk“ ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht identisch mit der deutschen Definition und „Popular“ bezieht sich überwiegend auf die lateinamerikanische Unterschicht. „Comunicação Popular“ wird innerhalb der lateinamerikanischen Fachdiskussion der Kommunikationswissenschaften zudem als eigenständiger Begriff verwendet. Der Begriff hat sich aus Paulo Freire und „Educação Popular“ (Volksbildung) entwickelt und impliziert demnach Inhalte und ein Programm. (vgl. Frank, 1994) Innerhalb der Projekte der „Comunicação Popular“ suchte man verstärkt nach den besten Methoden, um den Inhalten und dem Programm, die der Begriff „Comunicação Popular“ impliziert, gerecht zu werden. Es werden Fragen aufgeworfen, darunter beispielsweise die Frage, wie eine effektive Aneignung der Kommunikationsmittel durch die Unterschicht zu gewährleisten sei? (vgl. Frank, 1994) Die Associação Imagem Comunitária hat darauf ganz eigene Antworten gefunden. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel 1: Der Diskurs über die Öffnung der Medien
1.1 Der deutsche Diskurs über die Öffnung der Medien
1.2 Offenen Kanäle in Deutschland und ihre Zielsetzungen
1.3 Der brasilianische Diskurs über die Öffnung der Medien
Kapitel 2: Rahmenbedingungen für den Diskurs über die Öffnung der Medien in Brasilien
2.1 Ein kurzer Exkurs in die Geschichte Brasiliens
2.2 Die Entwicklungsgeschichte der brasilianischen Medienlandschaft
2.3 Charakteristika der brasilianischen Medienlandschaft
2.4 Rechtliche Rahmenbedingungen
2.5 Rechtliche Rahmenbedingungen seit 1988
2.6 Aktuelle Tendenzen bei der Entwicklung der brasilianischen Medienlandschaft
Kapitel 3: Die Bewegung zur Demokratisierung der Kommunikation in Brasilien
3.1 Soziale Bewegungen in Brasilien
3.2 Die Gewerkschaftsbewegung
3.3 Die Stadtteilbewegung
3.4 Die Entwicklungsgeschichte der Rádios Comunitárias
3.5 Die Entwicklungsgeschichte der TV Comunitárias
Kapitel 4: Comunicação Popular
4.1 Begriffsbestimmung der Comunicação Popular
4.2 Projekte der Comunicação Popular
4.3 Die Associação Imagem Comunitária und Comunicação Popular
4.4 Die Associação Imagem Comunitária und Soziale Bewegungen
4.5 Paulo Freire und Educação Popular
4.6 Mario Kaplun und Comunicação Popular
4.7 Offene Fragen innerhalb der praktischen Umsetzung der Comunicação Popular
Kapitel 5: Medienpädagogik bei AIC und im Projekt CuCo
5.1 Die Medienpädagogik bei AIC
5.2 Praktisches Beispiel: der Film Julgamento da Televisão 2
5.3 Das Projekt CuCo
5.4 Die Bedeutung der Schule für das Projekt CuCo
5.5 Der Handlungsplan des Projektes CuCo und seine Umsetzung
5.6 Praktisches Beispiel: die Radioproduktion der Escola Municipal Presidente João Pessoa
5.7 Die Antworten der Associação Imagem Comunitária auf die offenen Fragen innerhalb der praktischen Umsetzung der Comunicação Popular
Kapitel 6: Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die sozialpolitische Medienpädagogik in Brasilien, insbesondere die Praxis der Nichtregierungsorganisation Associação Imagem Comunitária (AIC) und deren Jugendprojekt „CuCo“. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Organisation durch ihre medienpädagogische Arbeit versucht, Antworten auf die praktischen Herausforderungen der sogenannten „Comunicação Popular“ zu finden und inwieweit diese Ansätze zur Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen beitragen.
- Die medienpädagogische Praxis der Organisation AIC und des Projekts „CuCo“.
- Die theoretischen Grundlagen der „Comunicação Popular“ und deren historische Entwicklung.
- Das Verhältnis zwischen sozialen Bewegungen in Brasilien und der Demokratisierung der Kommunikation.
- Methodische Ansätze wie „mídia processo“ und die Bedeutung subjektorientierter Pädagogik in der Medienarbeit.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der brasilianischen Medienlandschaft unter Berücksichtigung von Besitzkonzentration und kommerziellen Interessen.
Auszug aus dem Buch
1.1 Der deutsche Diskurs über die Öffnung der Medien
Der deutsche Diskurs über die Öffnung der Medien lässt sich bis in die Weimarer Republik und zu Bertold BRECHTs zwischen 1927 und 1933 verfassten Schriften „Radio -eine vorsintflutliche Erfindung?“(1927/28), „Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks“(1928/29) und „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks“(1932/33) zurückverfolgen. Seine Schriften werden unter dem Oberbegriff „Radiotheorie“ zusammengefasst. In der zuletzt genannten Schrift „Rede über die Funktion des Rundfunks“ forderte Brecht:
„Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren."(Brecht, 1932, S.134)
Brecht wollte den Rundfunk als Medium nutzen, welches die aktive Mitarbeit und Einbindung der Rezipienten möglich und nötig macht. Er wünschte sich einen Hörfunk, der nicht nur sendet, sondern auch empfängt und bei dem die Hörer sich selbst in Sender verwandeln können. Es handelt sich hierbei um die Forderung nach Verschiebung des herkömmlichen Sender-Empfänger Modells und nach einer Demokratisierung der Kommunikation allgemein.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Der Diskurs über die Öffnung der Medien: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Diskurs über Medienöffnungen, beginnend mit deutschen Ansätzen (Brecht, Enzensberger, Busch) bis hin zur brasilianischen Perspektive, und setzt diese in den Kontext von Demokratisierungsbestrebungen.
Kapitel 2: Rahmenbedingungen für den Diskurs über die Öffnung der Medien in Brasilien: Hier werden die historischen, politischen und medienökonomischen Rahmenbedingungen Brasiliens beschrieben, wobei insbesondere die Konzentration der Medienmacht und die historische Zensur unter der Militärdiktatur beleuchtet werden.
Kapitel 3: Die Bewegung zur Demokratisierung der Kommunikation in Brasilien: Dieses Kapitel widmet sich den sozialen Bewegungen Brasiliens und ihrer Rolle bei der Demokratisierung, einschließlich der Entwicklung von freien Radios (Rádios Comunitárias) und Community-Fernsehen.
Kapitel 4: Comunicação Popular: Hier erfolgt eine begriffliche und inhaltliche Bestimmung der „Comunicação Popular“ im lateinamerikanischen Kontext, unter Einbeziehung der Ansätze von Paulo Freire und Mario Kaplun.
Kapitel 5: Medienpädagogik bei AIC und im Projekt CuCo: Das Kapitel analysiert die konkrete medienpädagogische Praxis der NRO Associação Imagem Comunitária, illustriert durch Fallbeispiele wie den Film „Julgamento da Televisão 2“ und das Projekt „CuCo“.
Kapitel 6: Diskussion: Abschließend wird kritisch reflektiert, inwieweit die Ansätze der AIC erfolgreich zur Demokratisierung und Veränderung gesellschaftlicher Strukturen beitragen konnten.
Schlüsselwörter
Brasilien, Medienpädagogik, Comunicação Popular, Associação Imagem Comunitária, Demokratisierung der Medien, Soziale Bewegungen, Paulo Freire, Medienkompetenz, Radio, Fernsehen, Partizipation, Zivilgesellschaft, Medienmacht, Medienkritik, CuCo.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der „Comunicação Popular“ (Volkskommunikation) in Brasilien als Instrument zur Demokratisierung der Medien und gesellschaftlichen Teilhabe, untersucht anhand der Praxis der Organisation Associação Imagem Comunitária (AIC).
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte der brasilianischen Medien, soziale Bewegungen im Kontext der Demokratisierung, pädagogische Theorien (insbesondere Paulo Freire) und die medienpraktische Umsetzung durch NROs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie medienpädagogische Ansätze wie „mídia processo“ dazu beitragen können, Menschen aus benachteiligten Schichten zu aktiven Medienproduzenten zu befähigen und so bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten zu adressieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse des theoretischen Diskurses, historische Dokumentationen, interne Methodentexte der Organisation AIC sowie qualitative Auswertungen von Film- und Radioproduktionen der beteiligten Jugendlichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische und politische Kontextualisierung der brasilianischen Medienlandschaft, eine Darstellung der Rolle sozialer Bewegungen sowie eine detaillierte medienpädagogische Fallstudie des Projekts „CuCo“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Comunicação Popular, Medienpädagogik, Partizipation, Demokratisierung, soziale Bewegungen und subjektorientierte Pädagogik.
Wie unterscheidet sich das Projekt „CuCo“ von anderen Medienprojekten?
Das Projekt „CuCo“ zeichnet sich durch einen stark subjektorientierten Ansatz aus, bei dem Jugendliche schrittweise zu „Propositoren“ (Vorschlagenden) ausgebildet werden, um eigenständig medienpädagogische Arbeit in Schulen zu leisten, anstatt nur Medienprodukte zu konsumieren.
Warum spielt Paulo Freire eine so große Rolle in der Untersuchung?
Freires Pädagogik des kritisch-transitiven Bewusstseins bildet das theoretische Fundament für die von AIC entwickelte Methode „mídia processo“, da sie Kommunikation nicht als einseitige Übertragung, sondern als dialogischen Prozess der Weltveränderung begreift.
- Arbeit zitieren
- Sarah Becker (Autor:in), 2006, Sozialpolitische Medienpädagogik in Brasilien - untersucht an der Associação Imagem Comunitária und ihrem Jugendprojekt CuCo (Cultura, Juventude, Comunicação), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68969