Lange Zeit ging die Militärgeschichtsschreibung von einer prinzipiellen Unterscheidung zwischen der männlichen Militär- und weiblichen Zivilbevölkerung aus. Diese Differenzierung korrespondierte mit dem bürgerlichen Bild der friedfertigen und passiven Frau gegenüber dem aktiven, aggressiven Mann. Dass diese Vorstellung sich auch noch in heutiger Zeit hält, zeigt eine Veröffentlichung Crevelds, der sich zu der Aussage hinreißen lässt, dass „Krieg und Kampf nicht zu der Rolle der Frau“ gehören und dass es Aufgabe des Mannes sei, „die Frau zu beschützen, weil sie schwächer ist, und nötigenfalls für sie zu kämpfen.“ 1 Dabei verkennt diese Haltung vollkommen, dass der fast vollständige Ausschluss der Frauen aus dem Militärwesen erst zu Beginn des 19. Jahr-hunderts nach einem mehr als 150 Jahre andauernden Prozess erfolgte. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Frau integraler Bestandteil des Trosses und auch später praktisch und rechtlich der frühneuzeitlichen Militärbevölkerung zugehörig. Das postulierte Bild des Soldaten als „zwangszölibatäre Person“ 2 muss zurückgewiesen werden. Zwar wurde dem Soldaten in der Frühen Neuzeit die Eheschließung erschwert, aber er musste nicht auf eine Partnerin an seiner Seite verzichten. Die Erforschung der Lebensumstände von Frauen im Umkreis der Armee erlaubte erst das Aufkommen der „New Military History“, die die Militärgeschichte für Fragestellungen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte seit Ende der 1970er Jahre zumindest in der angelsächsischen Forschung, später auch im deutschsprachigen Raum, öffnete. Anstatt weiterhin Kriege, Schlachten und Taktiken in den Mittelpunkt zu stellen, rückten die wechselseitigen Beziehungen zwischen Militär und ziviler Gesellschaft in den Vor-dergrund der Untersuchungen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Soldatenfamilien
2.1 Eheschließungen – Hindernisse und Gründe
2.2 Broterwerb der Soldatenfrauen zu Friedens- und Kriegszeiten
2.2.1 Arbeitsfelder der Frauen im Friedensalltag
2.2.2 Soldatenfrauen im Krieg - „Geschleppe im Felde“?
2.3 Das Leben ehemaliger Soldatenfrauen – Frauen von Invaliden und Abgedankten sowie Witwen
3 Garnisonsgesellschaft versus Zivilbevölkerung?
3.1 Die Unterbringung der Soldatenfamilien
Einquartierung in Bürgerhäuser – Konfliktpotential oder Integration?
3.1.2 Das Leben in der Kaserne
3.2 Wahrnehmung der Soldatenfrau in der bürgerlichen Öffentlichkeit
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert das Alltagsleben, die rechtlichen Rahmenbedingungen und die soziale Rolle der Soldatenfrau innerhalb der Garnisonsgesellschaft des 18. Jahrhunderts, insbesondere im preußischen Kontext, und untersucht das spannungsreiche Verhältnis zwischen dem Militär und der bürgerlichen Öffentlichkeit.
- Rechtliche Restriktionen und ökonomische Bedingungen der Eheschließung von Soldaten.
- Erwerbsmöglichkeiten von Frauen im zivilen Alltag sowie deren Rolle als Trossbegleitung im Krieg.
- Die Auswirkungen der Einquartierungspolitik auf die Integration der Soldatenfamilien in die städtische Gesellschaft.
- Soziale Stigmatisierung und bürgerliche Wahrnehmung der Soldatenfrau als "moralisch randständig".
- Die lebensweltliche Situation von Soldatenwitwen und Invalidenfamilien.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Soldatenfrauen im Krieg - „Geschleppe im Felde“?
Obwohl der Preußenkönig Friedrich der Große wie auch einige seiner Zeitgenossen Frauen im Feld als Hindernis ansahen, bestand der Konsens, dass ihre Dienste für den reibungslosen Ablauf eines Feldzuges nach wie vor unabdingbar waren. Zwar blieben die meisten Frauen, von ihren Ehemännern getrennt, im Verantwortungsbereich der lokalen Obrigkeit zurück, dennoch erforderte der Bedarf an Arbeitskräften die Mitnahme einer reglementierten Anzahl von Soldatenfrauen. Offiziell erlaubt waren zwischen drei und zwölf Frauen je Kompanie, wobei Ende des 18. Jahrhunderts weibliche Personen zunehmend weniger geduldet wurden. Die tatsächliche Anzahl der Frauen entsprach häufig nicht den Richtlinien, die sich erst ab 1770 stärker durchsetzten. Vor allem die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage animierte die Soldatenfrauen, ihren Männern ins Feld zu folgen, daneben verblieben einige Ehefrauen nur für einige Wochen im Lager, um die Männer zu unterstützen.
Musterungslisten der kursächsischen Armee zum Jahreswechsel 1742/43 belegen, dass 59% der Frauen das Regiment nach Böhmen begleiteten. Die Erlaubnis, mit ins Feld zu ziehen, besaßen ohnehin nur familiär verbundene Personen wie die Ehefrau oder auch Soldatenliebste. Dem seit Zeiten des Großen Kurfürsten strikter verfolgten Prostitutionsverbot sollte damit Vorschub geleistet werden. Dass es nicht gelang, Prostituierte vollständig aus dem Feldalltag zu verbannen, zeigen zeitgenössische Aufzeichnungen wie die von Laukhard, der bei der Belagerung von Mainz 1793 über eine „ordentliche Hurenwirtschaft“ berichtet. Wie viele tatsächlich diesem Schattengewerbe im Zuge der Armee nachgingen, ist ungeklärt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert den Forschungsstand zur Militärgeschichte der Frühen Neuzeit und definiert den Fokus der Arbeit auf die Lebensumstände von Frauen im Umkreis des Militärs.
2 Die Soldatenfamilien: Dieses Kapitel behandelt die Heiratsbeschränkungen, die Erwerbsbiographien von Soldatenfrauen in Friedens- und Kriegszeiten sowie die prekäre Situation von Witwen und Invalidenfamilien.
3 Garnisonsgesellschaft versus Zivilbevölkerung?: Hier wird die räumliche und soziale Interaktion zwischen Militär und ziviler Bevölkerung durch Einquartierung sowie die gesellschaftliche Stigmatisierung der Soldatenfrauen analysiert.
4 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert den Transformationsprozess von der Garnisons- zur Kasernengesellschaft und die andauernde soziale Ausgrenzung der Frauen.
Schlüsselwörter
Soldatenfrauen, Militärgeschichte, 18. Jahrhundert, Garnisonsgesellschaft, Preußen, Einquartierung, Tross, Sozialgeschichte, Heiratsreglementierung, Geschlechterverhältnisse, Arbeitswelt, Invalidenfamilien, Stigmatisierung, Lebensunterhalt, Militärverwaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Lebensbedingungen und die soziale Position von Frauen im Umfeld der Armeen im 18. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Heiratsrecht, ökonomische Tätigkeiten, Trossleben, Einquartierungsproblematiken und die bürgerliche Wahrnehmung der Soldatenfamilien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse des Alltagslebens der Soldatenfrau und ihres Verhältnisses zur bürgerlichen Gesellschaft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Analyse auf Basis von zeitgenössischen Reglementen, Quelleneinträgen und moderner Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Soldatenfamilien, ihre Erwerbsmöglichkeiten in Friedens- und Kriegszeiten, die Unterbringungsformen und die gesellschaftliche Wahrnehmung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Soldatenfrauen, Garnisonsgesellschaft, Einquartierung, 18. Jahrhundert und soziale Stigmatisierung.
Welchen Einfluss hatte Friedrich II. auf die Soldatenfrauen?
Der König forcierte einerseits die Heirat zur Bevölkerungszunahme, unterstand aber auch dem Ziel, Frauen aus dem militärischen Umfeld in Kasernen zu verdrängen.
Warum galt das Leben als Soldatenfrau oft als prekär?
Da die Frauen kaum Anspruch auf eigene staatliche Unterstützung hatten, waren sie bei Tod oder Ausscheiden des Ehemannes aus dem Dienst oft auf Armenhilfe oder informelle Tätigkeiten angewiesen.
Wie wurde das Bild der Soldatenfrau in der Öffentlichkeit geprägt?
Das Bild war stark von Vorurteilen geprägt, die Soldatenfrauen pauschal moralische Defizite, Verschwendung oder Prostitution zuschrieben.
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- Corinna Schulz (Author), 2006, Die Rolle der Frau in der Garnisongesellschaft des 18. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69162