Wie gebildet müssen die Bürger sein, damit man ihnen Volksabstimmungen zumuten kann? Wie ungebildet müssen Beherrschte bleiben, damit sie nicht aufbegehren? Wie hoch ist der Zusammenhang von Alphabetisierung und Demokratisierung in Entwicklungs- bzw. Trans-formationsstaaten? Wie sind das dreigliedrige Schulsystem oder Elitenförderung mit den demokratischen Idealen der Gleichheit und Freiheit zu vereinbaren?
Es lassen sich eine Vielzahl von Fragen denken, die alle unter dem Titel ‚Die bildungsmäßigen Voraussetzungen des demokratischen Verfassungsstaates’ ihren Platz fänden. In dieser Arbeit soll jedoch noch eine andere Fragestellung untersucht werden:
Wenn Ernst Wolfgang Böckenförde den Zerfall des Wertekonsens in der Gesellschaft durch die Säkularisation statuiert, eine ‚Einigkeit über das Unabstimmbare’ aber als Voraussetzung für den freiheitlich säkularisierten (demokratischen) Verfassungsstaat ansieht, dann stellt sich die Frage, wodurch diese Einigkeit noch hergestellt werden kann. Angesichts der aktuellen Debatte um den Berliner Werteunterricht - aufgrund von ‚Defiziten in der Wertevermittlung’ soll ein für alle Schüler verbindlicher, nicht religiös oder konfessionell gebundener Unterricht geschaffen werden, in dem ‚Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz vermittelt werden’ sollen - liegt die These nahe, dass der Staat nun versucht, den früher durch die Religion vermittelten und nun durch die Säkularisation des freiheitlich demokratischen Staates aufgelösten Konsens selber herzustellen und gleichsam den Gegenbeweis zu Böckenförde anzutreten, der sagt, der Staat könne die Voraussetzungen, von denen er lebt, nicht selber garantieren. Um diese These angemessen überprüfen zu können, soll in dieser Arbeit bei der antiken Philosophie angeknüpft werden, der der Gedanke einer Erziehung durch den Staat zum Zwecke der Erhaltung des Staates durchaus nicht fremd war. Dass die (antike) politische Philosophie Maßstäbe zur Analyse von aktuellen politischen Problemen bieten kann, denken auch andere, da „[...] es für die politische Philosophie so etwas gibt wie die heuristische Relevanz ‚ewiger Fragen’ aufgrund der ‚inneren’ Kontinuität der Herausforderungen auch unter wechselhaften Zeitumständen.“
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Funktion und Gestaltung der Erziehung in der antiken Staatsphilosophie
a. Platon
b. Aristoteles
c. Platon und Aristoteles im Vergleich
III. Die Entwicklung der politischen Bildung und Erziehung in Deutschland
a. Zur Unterscheidung von Bildung und Erziehung
b. Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes
c. Die Geschichte der politischen Bildung anhand von Bürgerleitbildern
d. Neue Bereiche der politischen Erziehung
i. Demokratieerziehung
ii. Werteunterricht in Berlin
IV. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die bildungsmäßigen Voraussetzungen des demokratischen Verfassungsstaates und analysiert, inwieweit politische Bildung in Deutschland als Instrument zur Systemstabilisierung dient. Dabei wird hinterfragt, wie staatliche Erziehung zwischen der Homogenisierung des Bürgers und der Förderung individueller Mündigkeit abwägt.
- Historische Perspektiven der antiken Staatsphilosophie (Platon und Aristoteles)
- Entwicklungslinien der politischen Bildung in Deutschland seit 1945
- Analyse des staatlichen Bildungsauftrags gemäß Grundgesetz
- Das Konzept der Bürgerleitbilder und der Beutelsbacher Konsens
- Aktuelle Herausforderungen wie Demokratie-Lernen und der Berliner Werteunterricht
Auszug aus dem Buch
II.a. Platon
Zentral bei Platons Suche nach der Konstitution des idealen Staates ist die Frage nach der Gerechtigkeit. Der Begriff der Gerechtigkeit als auf individueller Ebene waltendes Prinzip ist ihm noch fern, vielmehr ist die „[...] Gerechtigkeit der einzelnen [...] für ihn erst durch die gerechte Leitung des Staates und die gerechte Struktur seiner Gesellschaftsordnung gesichert.“ Orientierungen bieten Gott und die göttliche Ordnung. Der gerechte Staat lässt sich vom Göttlichen leiten und entspricht der kosmischen Seinsordnung, denn hier wie dort sind Hierarchien angelegt bzw. bestehen qualitative Unterschiede in der Aufgabe einzelner Glieder (Stände). So müssen dann auch die Menschen nur soviel können, wie sie zur Ausübung dessen, was ihnen am meisten liegt, benötigen. „Denn wir haben ja festgestellt und oftmals gesagt [...], daß jeder sich nur auf eines befleißigen müsse von dem, was zum Staate gehört, wozu nämlich seine Natur sich am geschicktesten eignet. [...] Dieses also [...] scheint die Gerechtigkeit zu sein, daß jeder das Seinige verrichtet.“ Durch diese Ausübung der ihnen zugedachten Rollen durch die Bürger wird die gerechte Ordnung widergespiegelt. Stehen die drei Stände (Philosophen, Wächter, Händler) in gerechtem Verhältnis zueinander, so ist der Staat als Ganzes gerecht geordnet. Individuelle menschliche Beziehungen spielen keine Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie politische Bildung zur Stabilität des demokratischen Verfassungsstaates beitragen kann und welche Rolle dabei die antike Philosophie sowie aktuelle politische Debatten spielen.
II. Die Funktion und Gestaltung der Erziehung in der antiken Staatsphilosophie: Dieses Kapitel erläutert die Erziehungsansätze von Platon und Aristoteles, um einen heuristischen Analysemaßstab für das Verhältnis von Staat, Demokratie und Erziehung zu gewinnen.
III. Die Entwicklung der politischen Bildung und Erziehung in Deutschland: Dieser Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der politischen Bildung in Deutschland, von den Grundlagen des Grundgesetzes über verschiedene Bürgerleitbilder bis hin zu modernen Programmen.
IV. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die aktuelle Tendenz der politischen Bildung im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Systemerhaltung und der Förderung individueller Mündigkeit.
Schlüsselwörter
Politische Bildung, Demokratie, Verfassungsstaat, Platon, Aristoteles, Erziehung, Grundgesetz, Bürgerleitbilder, Beutelsbacher Konsens, Demokratieerziehung, Werteunterricht, Systemstabilisierung, Mündigkeit, politische Partizipation, politische Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den bildungsmäßigen Voraussetzungen des deutschen demokratischen Verfassungsstaates und analysiert, wie politische Erziehung genutzt wird, um Bürger in einem pluralistischen System handlungsfähig zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die antike Staatsphilosophie, die Geschichte der politischen Bildung in Deutschland seit 1945, das Konzept der Bürgerleitbilder sowie aktuelle Initiativen wie die Demokratieerziehung und der geplante Berliner Werteunterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob politische Bildung in Deutschland eher der Stabilisierung des demokratischen Systems dient oder ob sie das Ziel verfolgt, das Individuum zur kritischen Mündigkeit zu befähigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine ideengeschichtliche und politikdidaktische Analyse, wobei sie platonische und aristotelische Konzepte als Maßstab verwendet, um moderne pädagogische Ansätze einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die definitorischen Abgrenzungen zwischen Bildung und Erziehung, der verfassungsrechtliche Rahmen des Bildungsauftrags und die historische Entwicklung politischer Leitbilder (vom reflektierten Zuschauer zum Aktivbürger) untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Politische Bildung, Demokratie, Bürgerleitbilder, Beutelsbacher Konsens, Platon, Aristoteles, Erziehung, Systemstabilisierung.
Wie unterscheidet sich Platons Erziehungsmodell von dem des Aristoteles?
Platon zielt auf eine homogene Ordnung und Systemerhaltung durch zugewiesene Rollen ab, während Aristoteles die Vielfalt betont und staatliche Erziehung als Mittel zur tugendhaften Selbstentfaltung des Einzelnen sieht.
Welche Bedeutung hat der Beutelsbacher Konsens für diese Arbeit?
Der Beutelsbacher Konsens dient als zentraler Maßstab für die heutige Politikdidaktik, insbesondere im Hinblick auf das Überwältigungsverbot und die Kontroversität, um Indoktrination in der politischen Bildung zu vermeiden.
Wie wird der geplante Berliner Werteunterricht kritisch hinterfragt?
Die Arbeit stellt in Frage, ob der Werteunterricht tatsächlich der mündigen Entwicklung des Individuums dient oder ob er eine staatlich verordnete Verinnerlichung von Werten darstellt, die den demokratischen Konsens künstlich herstellen soll.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2005, Bildungsmäßige Voraussetzungen des demokratischen Verfassungsstaates. Die Entwicklung politischer Bildung und Erziehung in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69717