New Economy Critisism in "Frühling der Barbaren" von Jonas Lüscher


Forschungsarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 10


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Vertreter der Old bzw. New Economy

2. Die Zeit vor dem großen Crash

3. Das Ende einer goldenen Zeit
3.1 Der Mensch wird zum Tier, wenn es an sein Erspartes geht
3.2 Hierarchiestrukturen ändern sich nicht
3.3 Die Krise als Chance zu einem neuen Anfang

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Man spricht über Wirtschaft und wirtschaftliches Handeln seitdem die Menschen zusammenzukommen und sich zu versammeln anfingen, in einem Versuch Gesellschaften zu schaffen. Sogar in der Bibel ist zum Beispiel die Rede von Josef, der wie ein bloßer Manager Pharaos Vermögen verwaltet und es gibt noch weitere Beispiele, die die Anwendung des richtigen oder falschen Wirtschaftens, wie auch die Rolle des Geldes in den Gesellschaften der Zeit thematisieren. Geld, Börse, Banken und weltweiter Handel sind nicht etwas, was man nur in den neuen, so genannten „zivilisierten“ Gesellschaften findet. Die Belege dafür, wie sehr die Menschheit zu allen Zeiten vom Geld fasziniert war, reichen bis zu den Anfängen schriftlicher Überlieferung zurück1. Deshalb sind ganz früh Schriften von Autoren zu finden, die „im Geldhabenwollen das Verhängnis der Menschheit schlechthin sehen wollen“2. Heutzutage gilt aber ihre Rolle als katalytisch für die Funktion und die Weiterentwicklung der Gesellschaft, denn die meisten Gesellschaften basieren sich heute hauptsächlich auf die Zirkulation des Geldes, den Börsenindex, die Zinssätze und das Beförderungsnetz.

Heute lebt man in der so genannten New Economy Epoche, in der es einen vermutlichen immerwährenden Boom gebe3. Die Welt erlebt eine unerhörte Gründerzeit, die Kurse zahlreicher Aktien vervielfachen sich und wie aus dem Nichts kommen an den Finanzmächten Milliarden vor4. Aus winzigen Firmen erscheinen plötzlich Industriekonzerne und die Banken nutzen diesen rapiden Aufschwung der Wirtschaft, um gewaltige Übernahmen zu finanzieren5. Die Menschheit erlebt ein Fusionsfieber wie seit Jahrzehnten nicht mehr, was hauptsächlich von den Investmentbanken gefördert wird6. Das viele Geld bringt immer mehr Geld und gleichzeitig noch neue, machtvolle Spieler hervor, die bereit sind alles zu opfern und zu verkaufen, um einen immer größeren Gewinn für sich selbst und für ihre Firmen zu haben. „Es regiert die Gier, der Glaube an das schnelle Geld. Ein gefährlicher Glaube.“7

Alles das führt aber zur Instabilität, zu Krisen bzw. Wirtschaftskrisen, zum Zusammenbruch des wirtschaftlichen Systems von ganzen Staaten und hauptsächlich zum Zusammenbruch der Moralvorstellungen. So einen Zusammenbruch des englischen Wirtschaftssystems beschreibt auch Jonas Lüscher in seiner Novelle Frühling der Barbaren und gleichzeitig übt er Kritik an diesem System, das so unsicher und brüchig ist. Die literarische Analyse basiert auf dem New Economic Criticism, worum es sich um einen innovativen interdisziplinären Ansatz handelt, dessen Ziel ist es, literarische Methoden mit wirtschaftswissenschaftlichen und historischen Erkenntnissen zu ergänzen, um neue Perspektiven auf die Interaktion zwischen Kultur und Literatur zu gewinnen8. Eine Wirtschaftskrise liegt also im Mittelpunkt dieser Novelle und die daraus folgende zusammenbrechende Währung, die Niedergänge an der Börse, der Arabische Frühling und die Globalisierung überhaupt werden auch thematisiert. Ziel dieser Arbeit ist also einerseits die geübte Kritik an der New Economy Klasse zu behandeln und andererseits zu beweisen, dass der Mensch innerhalb dieses Systems sich nur als Barbar verhalten kann.

1. Die Vertreter der Old bzw. New Economy

Die Hauptfigur der Novelle, der Schweizer Unternehmer Preising, gilt als Vertreter der so genannten Old Economy9. Er übernahm die Führung der Antennen Firma seiner Familie, die aber im Moment nicht so gewinnbringend war und mithilfe von seinem Angestellten Prodanovic wurde Preising nicht nur „vermögender Besitzer“ (FB 9)10 sondern auch „Vorstandsvorsitzender einer Gesellschaft mit tausendfünfhundert Angestellten und Niederlassungen auf fünf Kontinenten“ (FB 9). Gleichzeitig ist er aber Kulturträger und Vertreter des Bildungsbürgertums. Er studierte an einer Pariser Gesangschule, als sein Vater starb und aus diesem Grund war er gezwungen sein Studium zu unterbrechen und die Firma zu übernehmen. Er ist „erklärter Kulturrelativist, und zwar von einer gänzlich unchauvinistischen Sorte“ (FB 13), „Anhänger der aristotelischen Mesoteslehre“ (FB 13) und er las die Bücher, die ihm ein Bekannte schenkte, „weil er gerne las“ (FB 19). Er interessiert sich für Kunst und Literatur und „[z]umindest nach außen hin“ (FB 9) gilt er als erfolgreicher Unternehmer, denn ansonsten hat sein Angestellte Prodanovic „das operative Geschäft des dynamischen Unternehmens“ (FB 9).

Obwohl Preising eine eher merkwürdige und zurückhaltende Figur ist und vielleicht wegen seines Verhaltens her nicht das eigentliche Vorbild eines erfolgreichen Unternehmers, ist Slim Malouch das beste Beispiel dafür. Er gilt auch als Vertreter der Old Economy, denn er ist ein „umtriebiger Kaufmann, der in so unterschiedlichen Branchen wie der Fertigung elektronischer Geräte, dem Phosphathandel und dem gehobenen Tourismus tätig [ist]“ (FB 10). In der letzten Zeit versucht er aber zur Rettung seines Familienunternehmens sogar in Bereichen der New Economy Fuß zu fassen und er wendet sich an den Bereich der Telekommunikation. Zu seinen Gunsten nutzt er Preising und seine Firma aus. Obwohl Preising an ihn „den vollen Preis für kompetente, volljährige Arbeiter“ (FB 123) bezahlte, bestand sein Personal aus kleinen Kindern, aus kleinen Schwarzafrikanern, die unter elenden Umständen arbeiteten und natürlich zu günstig waren.

Andererseits gelten die Freunde bzw. Gäste des Brautpaars und das Paar selbst, das seine Hochzeit in einem superluxuriösen Resort in der tunisischen Wüste feiert, als Vertreter der New Economy. Nach Ulrich Schäfer „[geben] [i]n der New Economy […] nicht Herren in dunklen Anzügen den Takt an, sondern Jungen, die gerade erst die Universität verlassen haben, Turnschuhe tragen und denen keine Idee zu kühn ist“11. Die New Economy entwickelt sich sehr rasant und sie interessiert sich nicht mehr für die traditionellen Bewertungsregeln12. Das Wichtigste ist die Fantasie und „[w]as verkauft wird ist die Hoffnung“13. Im Rahmen der New Economy wird neuer Reichtum so schnell wie nie zuvor geschaffen und Leute, „die an einem Tag ein paar Hunderttausend US-Dollar besitzen und am nächsten Tag ihr Unternehmen an die Börse bringen und Milliardäre sind“14, sind nichts Seltenes. Die so genannten Investmentbanker sind „von sich und ihrem Geschäft überzeugt“15. Sie glauben, dass sie für alles eine Lösung finden können, sogar für die Probleme dieser Welt, was dazu beiträgt, dass sie oft arrogant und selbstherrlich sind16. Das Interessanteste ist aber, dass sie ganz gut verdienen17. „Manch 30-jähriger Banker kassiert mehr Geld als ein altgedienter Vorstand“18.

Die Vertreter der New Economy sind also im Bereich der Investitionen, der Banken und des Handels tätig. Hauptsächlich arbeiten sie als Managers, derer Interesse der große Gewinn ist. Sie sind „junge Leute in ihren späten Zwanzigern und frühen Dreißigern. Laut und selbstsicher. Schlank und durchtrainiert“ (FB 33). Die Gäste der Hochzeit sind junge Engländer, die in „klimatisierten Zelten“ (FB 33) schlafen, „dem Personal selbstsicher Anweisungen [erteilen]“ (FB 34) und „durch die Palmenhaine auf der Suche nach besserem Empfang für ihre Blackberrys [wandern], denn ihre Gehälter rechtfertigten, dass man von ihnen verlangen konnte, immer und überall erreichbar zu sein“ (FB 34). Ihr Aussehen, ihr Verhalten und ihre Haltung den anderen gegenüber, ihre Reaktionen und Gewohnheiten zeigen genau, dass kein Luxus sie überraschen kann und dass alle diese Annehmlichkeiten, die ihnen dieser luxuriöse Ferienort bietet, etwas Gewöhnliches für sie sind. Wahrscheinlich leben sie auch in Reihenhäusern in wohlhabenden Nachbarschaften von London wie das Brautpaar, nämlich Kelly und Marc, selbst, die „sich zum Dreißigsten das Reihenhaus in Barnsbury geschenkt hatten“ (FB 82).

2. Die Zeit vor dem großen Crash

Indem Lüscher in seiner Novelle Frühling der Barbaren das Verhalten einer sozial aber hauptsächlich finanziell gehobenen Klasse beschreibt und gleichzeitig die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung Tunesiens schildert, denen nichts gehört und die für alles sehr hart arbeiten müssen, übt er Kritik nicht nur an dieser Klasse sondern auch an dem globalen politischen bzw. wirtschaftlichen System. Lüscher inszeniert sehr kunstvoll Kontraste zwischen diesen zwei Klassen, was dem Leser die Möglichkeit gibt, die eigentliche Funktion des Kapitalismus besser zu verstehen. In diesem kleinen Land und besonders in diesem Ferienort von Tunesien findet man die zwei Seiten eines kapitalistischen Systems. Einerseits kommt Preising, der Schweizer Unternehmer, vor, der eine Geschäftsreise in Tunesien macht. Er verdient „[f]ünfzehn tausend Franken. Täglich. Nur durch [seine] Firmenanteile. Ohne [sein] Geschäftsführergehalt, ohne [seine] anderen Beteiligungen, [seine] Immobilien und was sonst noch alles Geld abwirft“ (FB 26f). Und praktisch macht er nichts, um dieses Geld zu verdienen. Andererseits ist der Karawanenführer verzweifelt, weil er nach dem Unfall mit dem Reisebus alles verloren hat. „Die Existenz eines Mannes […], die Existenz einer ganzen Familie“ (FB 26) hängt von vierzehn- bzw. fünfzehntausend Franken ab. Preising könnte ihm helfen und ihm das Geld geben. Er verzichtet aber darauf, etwas Größeres mit dem Geld zu tun, nämlich eine Familie zu retten, indem er einfach keine Verantwortung übernimmt.

Der zweite große Gegensatz steht zwischen einer 250.000 Pfund teure Hochzeit und dem armen afrikanischen Land, wo die Hochzeit stattfindet bzw. zwischen den Hotelgästen, aber auch der Führerin des Hotels Saida und den Bediensteten des Hotels, welche die jungen Leute ständig umherkommandieren. Das Geld und der Gewinn steht eigentlich im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung, wie auch die Art und Weise aus welchem Blickwinkel man den Wert des Geldes betrachtet. Interessanterweise wird es ganz einfach aus einer Textstelle die ganze Wahrheit über das Leben der einheimischen Bevölkerung in Ländern wie Tunesien beschrieben, in Ländern nämlich, wo koloniale Strukturen immer noch vorhanden sind, obwohl es theoretisch, um freie Ländern geht. Der Ort also, wo diese Hochzeit gefeiert wird

war zweifellos die Spa-Anlage, die am nördlichen Rand der Oase, wo sich eine steile Sandsteinwand erhob, in Grotten untergebracht war, die einstmals zur Kühlung der Kamelmilch oder Ähnlichem gedient haben mochten, zu einer Zeit mit bloßen Händen gegraben, als an diesem Ort noch Menschen gelebt hatten, die nicht im Urlaub waren oder ihr Geld nicht mit jenen verdienten, die im Urlaub waren. Es kam aber der Tag, an dem sie sich vor die Wahl gestellt sahen, entweder das Bauern- und Hirtendasein zugunsten einer Anstellung in Slim Malouchs Resort aufzugeben oder sich sonstwohin zu verziehen, was in der Regel bedeutete, sich mit der ganzen Familie in einer kleinen Wohnung in den wuchernden Peripherien von Tunis, Sfax oder Gabẻs zusammenzupferchen und darauf zu hoffen, dass zumindest einer der Familie eine Arbeit fand, die zum Beispiel darin bestand, für europäische Firmen mit so dynamisch und exotisch klingenden Namen wie Prixxing elektronische Bauteile zusammenzulöten. Man konnte aber auch sein ganzes Geld zusammenkratzen und alles auf ein Pferd setzen, welches meistens der wagemutigste und frustrierteste der jungen Männer einer Familie zu reiten hatte. Das Pferd war ein Boot, in der Regel nur unzureichend seetüchtig und immer überfüllt. Aber wer die Überfahrt überlebte, der fand vielleicht ein Auskommen in Europa, von dem am Ende des Monats etwas übrig blieb, das man in die Heimat schicken konnte. Und wenn er blieb, eine Frau fand, die ihn an zu Hause erinnerte und Kinder kriegte, dann, ja, dann würde vielleicht eines Tages in der Schule der Kinder einer wie Prodanovic auftauchen und eine kleine Lektion erteilen. Assimilation und Erfolg, wer wagt, gewinnt, du kannst! Ja, selbst du! Preising jedenfalls fand das Spa recht beeindruckend (FB 29f).

In diesem kleinen Abschnitt spiegelt sich das ganze heutige wirtschaftliche System. Ein armes afrikanisches Land und ein Volk, dem keine Alternative geboten wird, sind gezwungen alles zu opfern und auf ihr Land, auf die Hoffnung, auf eine freie Zukunft zu verzichten. Sie müssen arbeiten, um zu überleben, einfach weil sie keine Alternative haben, wenn die andere Seite, also die wohlhabenden Europäer aber auch die Familie Malouch, arbeiten, um mehr Geld zu gewinnen. Obwohl Tunesien jetzt frei ist, gibt es immer noch diejenigen, die das Land und die Leute ausbeuten. Die Ausbeutung der Armen und Schwachen wie auch die Herrschaftsstrukturen werden hier stark kritisiert. Besonders ironisch und sogar zynisch ist genau der letzte Satz, der sich auf den wohlhabenden Schweizer Unternehmer bezieht, der diese ganze Ausbeutung nicht mal sieht. Die Anlage macht ihm einen großen Eindruck und das ist ihm genug.

Diesen armen Menschen liegen, wie schon erwähnt worden ist, Saida bzw. die Familie Malouch wie auch die Engländer Yuppies entgegengesetzt. Saida verhält sich wie ein Profi nach europäischem Standard „mit großen Selbstbewusstsein und einer anerzogenen Autorität“ (FB 23). Wenn die Umstände es verlangen, reagiert sie sehr schnell, um das Vermögen der Familie zu versichern und wenn die Krise ausbricht, beginnt sie „den wirtschaftlichen Schaden für die zweifellos nahende Durststrecke zu begrenzen“ (FB 100) und „zu diesem Zweck [bezahlt] sie den größten Teil der Belegschaft [aus]“ (FB 100) und schickt ihnen „auf unbestimmte Zeit in ihr Dorf am entlegenen Ende der Oase“ (FB 100) zurück. Es gibt keinen Platz für Sentimentalität und deshalb zeigt sie einfach ihr kaltes berufliches Gesicht.

[...]


1 Vgl. Plumpe 2017: 28

2 Ebd.

3 Vgl. Schäfer 2009: 71

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd.

7 Ebd.

8 Vgl. Urbach 2011: 236

9 Dem Cambridge Dictionary zufolge geht es bei Old Economy um “traditional industries such as manufacturing”. Einige Beispiele von Firmen, die dieser Old Economy gehören, sind “the steel, automobile and energy industries”.

10 FB steht für: Lüscher, Jonas (2013): Frühling der Barbaren. München: btb.

11 Schäfer (2009): 73

12 Vgl. Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.: 74

15 Ebd.: 86

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Ebd.

18 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
New Economy Critisism in "Frühling der Barbaren" von Jonas Lüscher
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki
Note
10
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V704236
ISBN (eBook)
9783346183941
ISBN (Buch)
9783346183958
Sprache
Deutsch
Schlagworte
barbaren, critisism, economy, frühling, jonas, lüscher, crash, Hierarchiestrukturen
Arbeit zitieren
Sofia Kokkini (Autor:in), 2017, New Economy Critisism in "Frühling der Barbaren" von Jonas Lüscher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704236

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