Groteske Charaktere in Sherwood Andersons Winesburg, Ohio


Magisterarbeit, 2006

95 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Sherwood Anderson - Eine kurze Biographie
1. Die Zeit vor dem Schreiben
2. Seine Schriftstellerlaufbahn

III. Der Begriff des Grotesken 11
1. Allgemeine Begriffsbestimmung
2. Darstellung grotesker Charaktere in der Literatur

IV. Winesburg, Ohio - Das Werk
1. Allgemeines zum Werk
2. Der Zyklus als Ganzes
3. Eine Revolte gegen die Gesellschaft

V. Die grotesken Charaktere in Winesburg, Ohio
1. „The Book of the Grotesque“
2. „Hands“
2.1 Die Geschichte
2.2 Das Physisch-Groteske
2.3 Das Psychisch-Groteske
2.4 Die Ursache - Die Vertreibung
2.5 Die Kritik an der Gesellschaft - Die Ängste der Menschen
2.6 Fazit
3. „The Philosopher“
3.1 Die Geschichte
3.2 Das Physisch-Groteske
3.3 Das Psychisch-Groteske
3.4 Die Ursache - Seine Familie
3.5 Die Kritik an der Gesellschaft - Die Folgen der Modernisierung
3.6 Fazit
4. „Adventure“
4.1 Die Geschichte
4.2 Das Physisch-Groteske
4.3 Das Psychisch-Groteske
4.4 Die Ursache - Eine verlorene Liebe
4.5 Die Kritik an der Gesellschaft -
Die „Victorian Gender Codes“
4.6 Fazit
5. „Respectability“
5.1 Die Geschichte
5.2 Das Physisch-Groteske
5.3 Das Psychisch-Groteske
5.4 Die Ursache - Der Vertrauensbruch
5.5 Die Kritik an der Gesellschaft - Die hohen Ansprüche
der Gesellschaft an jeden Einzelnen
5.6 Fazit
6. „Queer“
6.1 Die Geschichte
6.2 Das Physisch-Groteske
6.3 Das Psychisch-Groteske
6.4 Die Ursache - Die Konfrontation mit der Gesellschaft
6.5 Die Kritik an der Gesellschaft - Der Druck auf
wirtschaftlichen und sozialen Erfolg
6.6 Fazit

VI. Interpretativer Blick auf die Geschichten und Resümee

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem amerikanischen Autor Sherwood Anderson und seinem bekanntesten Werk, dem Kurzgeschichtenband Winesburg, Ohio. Sherwood Anderson spielt in der Entwicklung der Kurzgeschichte, die man als einen bedeutenden Bestandteil der amerikanischen Literatur bezeichnen kann, als Begründer der modernen amerikanischen Kurzgeschichte eine wichtige Rolle.[1]

Als Basis für den erfolgreichen Einzug der amerikanischen Kurzgeschichte in die Haushalte der Bevölkerung der Vereinigten Staaten diente im 19. Jahrhundert die Gründung von hunderten von literaturwissenschaftlichen Zeitschriften, wie North American Review oder Knickerbocker Magazine. Diese Zeitschriften machten es sich zum Ziel, einheimische Schriftsteller zu unterstützen und veröffentlichten aus diesem Grund hauptsächlich Auszüge aus deren Werken.[2] Kurzgeschichten erfreuten sich damals steigender Beliebtheit. Das lag daran, dass sie nur wenige Seiten lang waren und man sie, im Vergleich zum Roman, in recht kurzer Zeit lesen konnte. Durch ihren geringen Umfang eigneten sie sich auch besonders zu einer Veröffentlichung in literaturwissenschaftlichen Zeitschriften.[3] Die meisten Autoren von Kurzgeschichten zogen es in der Regel vor, ihre Geschichten zunächst als Einzelstücke in einem literarischen Magazin zu veröffentlichen, bevor sie diese in einem Sammelband zusammen mit anderen Erzählungen publizierten.[4] Auf diese Weise konnten die Werke einer breiten Leserschaft vorgestellt werden und erhielten dadurch mehr Aufmerksamkeit. Die ersten amerikanischen Autoren von Kurzgeschichten, wie Washington Irving, ließen sich beim Schreiben zunächst noch stark von ihren europäischen Kollegen inspirieren und imitierten dabei die literarische Form der europäischen Romantiker. Dabei griffen sie bevorzugt Themen auf, wie deutsche und europäische Legenden, und versuchten, sie in amerikanische Themen umzuwandeln. Bald aber begannen einige Autoren, wie Nathaniel Hawthorne und Edgar Allen Poe, sich von der europäischen Tradition zu lösen. Sie entwickelten einen eigenen Schreibstil, der den Sketchen und den regelmäßigen Aufsätzen des 18. Jahrhunderts ähnelte und Elemente des Romans enthielt.[5] Um 1920 erfolgte schließlich der Umbruch der Kurzgeschichte zur Modernität, der durch die Rezeption der Erkenntnisse der modernen Psychologie und durch die Weltkriegserfahrung angetrieben wurde.[6] Die neue Art der Kurzgeschichte war gekennzeichnet durch:

[…] die Überwindung der in sich abgeschlossenen „formula-story“, durch die unabgeschlossene Offenbarungsgeschichte, durch die Abkehr vom Element der Handlung bei gleichzeitiger Hinwendung zur Bewusstseinsdarstellung und durch die verstärkte Verwendung der „short story“ als Medium der Sozialkritik.[7]

Sherwood Anderson war einer der ersten, der die neuen Erkenntnisse und Erfahrungen in seinen Geschichten umsetzte. Er wurde damit zum Vorbild für viele andere Schriftsteller wie Ernest Hemingway, William Faulkner oder Henry Miller.[8] In seinen Werken lässt Anderson eine Neigung zu den grotesken, den seltsamen und den sozial abnormalen Menschen verspüren, die Gefühle, Sensibilität und Menschlichkeit erkennen lassen.[9] Er beschreibt den modernen Menschen, dem die Identität fehlt, dessen Sinne anästhesiert sind, und der am Ende zu einer geistlosen Hülse wird, die nicht in der Lage ist zu lieben und zu kommunizieren.[10]

Diese Elemente verwendet Anderson besonders in seinem Werk Winesburg, Ohio. Dieses Buch besteht aus einem Prolog und vierundzwanzig thematisch verbundenen Geschichten und Beschreibungen, in denen entscheidende Momente aus dem Leben ausgewählter Einwohner der fiktiven Stadt Winesburg dargestellt werden, die meist mit Einsamkeit oder Frustration verbunden sind. Der Autor zeigt in diesen Geschichten Menschen, die Gefangene ihrer Lebensumstände sind. Sie sind körperlich und seelisch deformiert, haben meist ihre Fähigkeit zur Kommunikation verloren und können selbst elementare Bedürfnisse nicht befriedigen.[11]

Da Winesburg, Ohio schon 1919 erschien und als ein Meilenstein in der amerikanischen Literatur gilt[12], haben sich bereits einige Schriftsteller in Aufsätzen und Büchern mit diesem Werk und vor allem mit dem Autor Sherwood Anderson auseinandergesetzt. Allerdings gehen die wenigsten dieser Analysen auf die spezielle Herausarbeitung der grotesken Eigenschaften der Charaktere in Verbindung mit deren Ursachen ein. Dieser Aspekt soll daher in der vorliegenden Arbeit genauer untersucht werden. Dabei werden aus fünf Winesburg, Ohio -Geschichten die sowohl physisch als auch psychisch grotesken Eigenarten der Protagonisten herausgearbeitet, die Ursache dieser Besonderheiten durchleuchtet und schließlich deutlich gemacht, warum der Autor die Charaktere auf diese Weise darstellt. Um die Gemeinsamkeiten sowie den sehr ähnlichen Aufbau der Kurzgeschichten in Winesburg, Ohio besser herausarbeiten zu können, wird die Analyse dieser fünf Geschichten immer auf die gleiche Weise erfolgen. Ziel dieser Arbeit soll sein, an Textbeispielen zu belegen, dass alle Charaktere durch Einwirkungen von Menschen aus der unmittelbaren Umgebung und auch durch die Einwirkung der Gesellschaft zu physisch und psychisch grotesken Figuren geworden sind. Bevor ein bestimmtes Ereignis im Leben dieser Personen stattgefunden hat, waren sie normale Menschen, die auf der Suche nach Liebe, Zuneigung und Anerkennung waren. Weil sie diese nicht erhalten haben, wurden sie zu grotesken Charakteren und lebten seit dem zurückgezogen und einsam.

Um diese These belegen zu können, erfolgt zunächst einmal ein kurzer Einblick in das Leben Sherwood Andersons, durch den deutlich werden soll, warum der Autor sich mit den beschriebenen Themenkomplexen auseinandersetzte. Dann folgt eine möglichst präzise Klärung des Begriffs „Grotesk“, um bestimmen zu können, welche Merkmale eine groteske Person ausmachen. Anschließend wird eine kurze Übersicht über das Werk als Ganzes gegeben, um die auslösenden Faktoren, den formalen Aufbau und die Zielsetzung der Publikation besser verstehen zu können, bevor mit der Interpretation der fünf Geschichten begonnen wird. Am Ende erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Arbeit in einem Resümee.

II. Sherwood Anderson - Eine kurze Biographie

Um die Materie, über die Sherwood Anderson in seinen Werken schreibt, besser verstehen zu können, ist es hilfreich, wenn man seine Biographie näher betrachtet. Aus seiner Lebensgeschichte geht hervor, dass er zum einen viel Zeit in Kleinstädten verbrachte und dort das typische Leben in einer solchen Stadt kennen lernen konnte. Zum anderen kann an Hand seiner Lebensdaten festgestellt werden, dass er zur Zeit der Modernisierung und somit zu einer Zeit der Veränderung lebte. Diese Erlebnisse spiegeln sich in seinen Werken wider. Andersons Leben kann in zwei Abschnitte unterteilt werden: die Zeit vor dem Schreiben, in der er sein Geld zunächst mit Gelegenheitsjobs und später als Werbetexter in Agenturen verdiente, und die Zeit, in der das Schreiben für ihn das Wichtigste war.

1. Die Zeit vor dem Schreiben

Sherwood Anderson wird am 13. März 1876 in Camden, Ohio als drittes von insgesamt sieben Kindern von Irwin, einem Geschirrmacher und späteren Malermeister, und Emma Smith Anderson, einer Wäscherin, geboren.[13] Das kleine Geschirrmachergeschäft des Vaters scheitert recht bald nach Sherwoods Geburt, und die Familie zieht mehrfach um. 1884 lässt sie sich in der Kleinstadt Clyde, Ohio nieder. Hier besucht Sherwood unregelmäßig die High School und geht ohne seinen Abschluss zu machen von der Schule ab. Stattdessen verrichtet er alle möglichen Gelegenheitsarbeiten und wird deshalb „Jobby“ gerufen[14]: „During his teens he worked as a newsboy, errand boy, water boy, cow-driver, stable groom, and perhaps printer’s devil, not to mention assistant to Irwin Anderson, Sign Painter.”[15]

Nach zwölf Jahren verlässt Sherwood Anderson seine Heimatstadt Clyde und folgt seinem Bruder Karl nach Chicago, wo er sich als Fabrikarbeiter durchschlägt. 1899 reist er abermals seinem Bruder Karl nach, diesmal nach Springfield, Ohio. Dort schließt er nach einem Jahr seine formale Ausbildung an der Wittenberg Academy ab. Im Anschluss daran kehrt er nach Chicago zurück und wird ein erfolgreicher Werbetexter in der Werbeagentur Long-Critchfield.[16] Von 1906 bis 1907 ist er Präsident der United Factories, einer Versandfirma in Cleveland, Ohio. Anschließend macht er sich selbstständig und leitet eine eigene Versandfirma für Dachlacke in der Kleinstadt Elyria, Ohio.[17] Durch Andersons Talent für das Verfassen von überzeugenden Werberundschreiben ist seine Firma eine zeitlang auch recht erfolgreich. Da ihn die Arbeit im Betrieb aber künstlerisch nicht ausfüllt, beginnt Anderson nebenbei mit dem Schreiben von Romanen.[18]

Im November 1912 erleidet Sherwood Anderson einen mentalen Zusammenbruch, der wohl auf eine Anhäufung ehelicher[19], künstlerischer und geschäftlicher Sorgen zurückzuführen ist. Nachdem er vier Tage ziellos durch die Gegend geirrt ist, erkennt man ihn in Cleveland und bringt ihn in ein Krankenhaus, wo man feststellt, dass er an Erschöpfung und Aphasie, Sprachlosigkeit, leidet.[20] Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wird, kehrt er nach Elyria zurück, um seine geschäftlichen Angelegenheiten zu klären. Anschließend verlässt Anderson die Firma und die Kleinstadt und zieht zurück nach Chicago.[21] Seinen mentalen Zusammenbruch bezeichnet er später als Auslöser für seine Entscheidung sich ganz der literarischen Arbeit zu widmen.

2. Die Schriftstellerlaufbahn

Nachdem Sherwood Anderson 1913 dem Leben in der Kleinstadt den Rücken gekehrt hat, beginnt er in Chicago erneut bei verschiedenen Agenturen als Werbetexter zu arbeiten. In dieser Zeit beschäftigt er sich aber nicht mehr nur mit dem Erstellen von Werbetexten, er beginnt überdies auch, sich intensiver um seine schon länger existierende Leidenschaft für die Literatur zu kümmern. Er lernt zum Beispiel den Kreis der „Chicago Renaissance“ kennen, in dem unter anderem der Schriftsteller Theodore Dreiser und der Lyriker Carl Sandburg Mitglieder sind. 1914 veröffentlicht Anderson erstmals Kurzgeschichten und literarische Artikel in der Reihe Little Magazines. Ein Jahr später beginnt er mit dem Schreiben der Geschichten für Winesburg, Ohio. Dieses Werk, ein Zyklus von romanhaft miteinander verwobenen Erzählungen, kommt schließlich 1919 heraus und wird Andersons berühmtestes Buch.[22] Zunächst hat der Schriftsteller allerdings Probleme, das Buch zu publizieren, und die ersten Kritiken sind nicht sehr aufbauend. Doch nach einiger Zeit erhält das Werk viel Beifall[23] und wird sogar als Revolution der amerikanischen Literatur angesehen.[24] Sein einziger finanzieller Erfolg aber bleibt der Roman Dark Laughter, der 1925 erscheint. Dieser ermöglicht ihm den Kauf einer Farm in Troutdale bei Marion, Virginia, auf der er sein Landhaus ‚Ripshin’ bauen lässt. Hier verbringt er, von einigen Reisen abgesehen, den Rest seines Lebens. In diesen Jahren interessiert sich Anderson aber nicht nur für das Schreiben von Büchern und Geschichten, er erwirbt auch, mit Unterstützung seines Freundes und Gönners Burton Emmett, die beiden Wochenzeitungen in Marion, die Smyth County News und die Marion Democrat, und fungiert für zwei Jahre als deren Herausgeber.[25]

1941 unternimmt Sherwood Anderson eine Schiffsreise nach Südamerika. Der Autor verschluckt dabei den Rest eines Hölzchens, mit dem die Olive in einem Martini durchstochen ist, und stirbt am 8. März 1941 in Colon, Panama an einer Bauchfellentzündung.[26]

III. Der Begriff des Grotesken

Sherwood Andersons Winesburg, Ohio beschäftigt sich mit ungewöhnlichen Menschen und ihrem Leben in der Gesellschaft. Die Verhaltensweise dieser Charaktere wird im Allgemeinen in der Literatur als grotesk bezeichnet. Damit in den späteren Interpretationen der einzelnen Geschichten das Groteske der Charaktere besser herausgearbeitet werden kann, werden im nun Folgenden zunächst der Ursprung und die Definition dieses Begriffs betrachtet.

1. Allgemeine Begriffsbestimmung

Das Wort „Grotesk“ leitet sich von dem italienischen Wort „grotta“ (die Höhle, Grotte) ab. Es wurde erstmals Ende des 15. Jahrhunderts gebraucht und bezeichnete zunächst nur antike Ornamente:

In der Renaissance wurden in Höhlen aus spätrömischer Zeit merkwürdige Wandverzierungen gefunden, dekorative Elemente, in denen die Vermischung von Nichtzusammengehörendem zum Stilprinzip geworden war […].[27]

Diese Wandverzierungen zeigen „[…] fantastic representations of human and animal forms often combined into formal distortions of the natural to the point of absurdity, ugliness, or caricature.”[28] Erst ab dem 18. Jahrhundert wird der Begriff auch für die Literatur verwendet: „Modern critics use “the grotesque” to refer to special types of writing, to kinds of characters, and to subject matters.”[29]

Eine genaue Definition der literarischen Nutzung von „Grotesk“ zu finden ist allerdings schwierig. Verschiedene Handbücher und Wörterbücher bieten auch variierende Definitionen des Begriffs an. Um einen Einstieg in die Thematik zu geben, soll hier eine kurze, sehr allgemeine Definition von „Grotesk“ aus A Multicultural Dictionary of Literary Terms gegeben werden:

a shocking, unforeseen, dehumanizing, distorted, or ridiculous motif or situation characterized by fantasy, diabolic shapes, caricatures, absurdity, ugliness, and freakishness, elements contained in the works of Edgar Allan Poe, Sherwood Anderson, Emile Zola, Franz Kafka, Jean Genet, Flannery O’Connor, Eudora Welty, William Faulkner, and T. Coraghessan Boyle.[30]

Eine ausführlichere Erläuterung des Wortes findet sich in Philip Thomsons Buch The Grotesque. In diesem Werk stellt der Autor die verschiedenen Elemente dar, die den Begriff des Grotesken ausmachen. Diese Elemente von Thomson sollen in der später erfolgenden Interpretation der einzelnen Geschichten immer wieder als Grundlage der Definition des Grotesken herangezogen werden.

Die Disharmonie ist Thomsons Meinung nach das bedeutendste Merkmal des Grotesken. Diese Disharmonie resultiert bei einer grotesken Darstellung aus einem Konflikt, einem Zusammenprall, einer Mischung von Verschiedenartigem oder auch aus einer Verbindung von Ungleichheiten. Die Disharmonie manifestiert sich aber nicht nur in dem Werk des Künstlers an sich. Die Reaktion die sie hervorruft, also das kreative Temperament und die psychologische Veranlagung des Künstlers, müssen hier ebenso betrachtet werden.[31] In der Definition aus A Dictionary of Literary Terms and Literary Theory wird ebenfalls deutlich, dass die Disharmonie ein wichtiger Aspekt des Grotesken ist: „[…] it was commonly employed to denote the ridiculous, bizarre, extravagant, freakish and unnatural; in short, aberrations from the desirable norms of harmony, balance and proportion.”[32]

Desgleichen spielt eine Rolle, dass Schriftsteller des Grotesken dazu neigen, eine Verbindung des Grotesken zum Komischen oder auch zum Schrecklichen herzustellen. Das Groteske kann somit einerseits als eine Unterform der Komik gesehen werden und mit der Übertreibung und dem Vulgär-Komischen klassifiziert werden. Andererseits kann auch seine schreckliche Art betont werden, wodurch es häufig dem Bereich des Unheimlichen, des Mystischen oder auch des Übernatürlichen zugeordnet wird.[33] Nach Thomsons Ansicht geht die Tendenz dahin, dass man das Groteske als eine Mischung zwischen dem Komischen und dem Schrecklichen sieht.[34] Einer ähnlichen Meinung ist man in A Dictionary of Modern Critical Terms und fügt noch hinzu, dass das Verfehlen des Realen durch soziale oder persönliche Unzulänglichkeiten bedingt ist:

The grotesque, in works of art, usually makes us laugh. It does so by presenting the human figure in an exaggerated and distorted way. […] There is a strong critical tendency to regard the grotesque as in opposition to realism. Grotesque art, such arguments run, is failed realism, its failure determined by social or personal inadequacies.[35]

Ein weiteres Element des Grotesken ist die Abnormität. Thomson ist der Meinung, dass das Erlebnis des Vergnügens und der Empörung, des Lachens und des Horrors, der Fröhlichkeit und des Abscheus zumindest teilweise eine Reaktion auf das Abnormale sind.[36] Die tatsächlich abnormale Natur des Grotesken und die direkte und oft radikale Art und Weise in welcher die Abnormität sich präsentiert, sind wahrscheinlich mehr als alles andere für die nicht seltene Verurteilung des Grotesken als anstößig und unzivilisiert, als ein Affront gegen den Anstand und ein Verstoß gegen die Realität und die Normalität zu sehen.[37] Auch in A Dictionary of Literary Terms and Literary Theory wird der Begriff der Abnormität mit dem Grotesken in Verbindung gebracht:

Grotesque: characterized by bizarre distortions, especially in the exaggerated or abnormal depiction of human features. The literature of the grotesque involves freakish caricatures of people’s appearance and behaviour, as in the novels of Dickens. A disturbingly odd fictional character may also be called a grotesque.[38]

Das Handbook to Literature erwähnt in seiner Definition ebenfalls den Begriff des Abnormalen: „By extension, grotesque is applied to anything having the qualities of grotesque art: bizarre, incongruous, ugly, unnatural, fantastic, abnormal.”[39]

Allgemein betrachtet ist das Groteske demzufolge etwas disharmonisches, etwas, das sich im Bereich des Komischen und des Schrecklichen bewegt und das einen Hang zu Übertreibungen und zum Übernatürlichen hat. Es ist eine Art der Darstellung, die das wiedergibt, was nicht gewöhnlich oder normal ist. Die Welt wird dabei als wunderlich, überspannt und verzerrt wiedergegeben.[40]

2. Darstellung grotesker Charaktere in der Literatur

Die Art der Darstellung des Grotesken, die sich, nach dem im vorhergehenden Kapitel Erklärten, vom Normalen und Gewohnten unterscheidet, bezieht sich sowohl in der Malerei als auch in der Literatur auf die Illustration von Menschen:

Das Groteske als Kategorie der Wirklichkeit oder – im Hinblick auf das Ästhetische – als Kategorie des Inhalts bezeichnet die zugelassene oder ins Werk gesetzte Verunstaltung des Menschen, d.h. jeden Fall der gesellschaftlichen Verhältnisse, der ein ethischer und zugleich anschaulich logischer Widerspruch ist.[41]

Charaktere in der Literatur werden als grotesk bezeichnet, wenn sie sich von anderen, durchschnittlichen Personen abgrenzen. Jan Finkel beschreibt in seinem Buch groteske Individuen und ihre Art zu Leben recht genau. Er macht zudem deutlich, dass diese Menschen Opfer ihrer Gesellschaft und ihrer Kultur geworden sind. Nach seiner Definition sind groteske Menschen,

[…] physical, mental, and spiritual cripples, more sinned against than sinning, victims of their society and culture. They live in wastelands ruled by dull conformists who impose a rigid and repressive conformity on their ‘subjects’ and turn sensitive, idealistic individuals into grotesques by thwarting, misunderstanding, and ostracizing them. The grotesques will rot from disuse, as the normal people shun them or ridicule them, and force them deeper into their psychological foxholes.[42]

Groteske Charaktere sind somit Menschen, die sich von anderen Menschen in ihrem Umfeld mental und teilweise auch physisch unterscheiden. Sie werden in der Gesellschaft nur leidlich anerkannt und leben daher meist ein einsames und abgeschiedenes Leben. Kurz zusammengefasst kann gesagt werden, „[…] a grotesque is a person who is psychically unfulfilled and a misfit in his society.”[43]

IV. Winesburg, Ohio - Das Werk

Nach dem kurzen Einblick in die Biographie Sherwood Andersons und der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Grotesk“ wird, bevor die eigentliche Interpretation von Andersons Winesburg, Ohio beginnen soll, in den folgenden drei Abschnitten ein Überblick über das Buch gegeben. Dabei wird zunächst das Werk allgemein beleuchtet, anschließend der Kurzgeschichtenband als Zyklus dargestellt und schließlich der Grund für die groteske Darstellung der Figuren genannt werden.

1. Allgemeines zum Werk

1915 beginnt Anderson, neben seiner Arbeit als Werbetexter, an Winesburg, Ohio zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt ist sein Kopf voller Fantasien, die er bislang aber noch nicht auszudrücken vermochte.[44] Durch das Schreiben des Buches hofft er, diesen verdeckten Emotionen endlich freien Lauf lassen zu können.[45] Inspiriert wird er dabei von Edgar Lee Masters Gedichtsband Spoon River Anthology, den er kurz zuvor gelesen hatte.[46] In diesem Band bestehen die Gedichte aus Grabinschriften von Personen einer fiktiven Stadt im Mittleren Westen der USA. Durch diese Grabinschriften konstruiert Masters ein Bild des Lebens, wie es hinter den Fassaden der Stadt stattfindet. Ebenso beflügelt hat Anderson Iwan Turgenjews A Sportsman’s Sketches. [47] In diesem Buch kritisiert Turgenew die politischen und sozialen Verhältnisse in Russland indem er Geschichten von individuellen Figuren erzählt. Angeregt durch seine Fantasien, die Werke von Masters und Turgenjew und seine eigenen Erlebnisse zur Zeit der Modernisierung[48] beschließt Anderson, selbst über ein ähnliches Thema zu schreiben: „With Winesburg, Ohio Anderson made possible the exploration of the unusual, the bizarre, the outré, the decadent, and the grotesque that for him made up the most interesting and wonderful examples of human characters.“[49]

Das Resultat, Winesburg, Ohio, besteht aus vierundzwanzig Kurzgeschichten und einem Prolog. In jeder dieser Geschichten wird ein Bewohner der fiktiven Stadt Winesburg, für die Andersons Heimatstadt Clyde als Vorbild diente,[50] und seine Besonderheit beschrieben: „Winesburg, Ohio is full of insights into the buried life, into the thoughts of the repressed, the inarticulate, the misunderstood. Most frequently frustrated is the desire to establish some degree of intimacy with another person.”[51] Als Vorbilder für diese einsamen und missverstandenen Protagonisten der einzelnen Geschichten dienen Anderson dabei entweder Personen aus seiner Erinnerung aus Clyde oder Menschen, die er während seiner Zeit in Chicago gekannt oder auch nur beobachtet hat[52]:

Like the old writer in „The Book of the Grotesque“, he had his bed raised to window level so that he might observe the street below and then ponder his relationship to the people espied from this perch or encountered as he roamed the city.[53]

Im Mittelpunkt des Buches steht die Entwicklung des jungen George Willard, den man als Sherwood Anderson selbst in seiner Jugend sehen kann.[54] Die Entwicklung dieser Figur von einem Jungen zu einem Mann zieht sich durch fast alle Geschichten:

Now to me it seems that the theme of the Winesburg book, the thing that really makes it a book – curiously holding together from story to story as it does – is just that there is a central theme. The theme is the making of a man out of the actual stuff of life.[55]

Dabei wird George Willard in den einzelnen Geschichten entweder als Protagonist erwähnt, oder nur am Rande oder als Zuhörer, dem die meisten Charaktere Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit anvertrauen. Bei der Darstellung seiner Figuren geht es Anderson um „[…] human loneliness, isolation, and failure lurking behind the deceptive façade of the bland American small town.”[56] Außerdem gelingt es dem Autor beim Beschreiben der Charaktere, jeweils einen Moment, eine Stimmung oder ein Geheimnis, das tief in seinem eigenen Leben verwurzelt ist zu enthüllen und es anschaulich zu beschreiben.[57] An Waldo Frank, vom Seven Arts Magazine, schreibt er in einem Brief über sein Buch:

I made last year a series of intensive studies of people of my home town, Clyde, Ohio. In the book I called the town Winesburg, Ohio. Some of the studies you may think pretty raw, and there is a sad note running through them. One or two of them get pretty closely down to ugly things of life. […] It is my own idea that when these studies are published in book form, they will suggest the real environment out of which present-day American youth is coming.[58]

2. Der Zyklus als Ganzes

Um einen Einstieg und eine Gesamtübersicht des Inhalts des Buches zu geben, soll nun eine Darstellung des Werkes als Zyklus erfolgen. Wie bereits erwähnt ist Winesburg, Ohio ein Buch, das aus mehreren Kurzgeschichten besteht. Man kann jede dieser Geschichten einzeln betrachten und wird das darin erlebte dennoch erfassen, denn sie sind in sich geschlossen und verständlich. Alle Geschichten können aber zusammen ebenso als einen Zyklus gesehen werden, denn allen Erzählungen sind bestimmte Aspekte gemeinsam. Verbunden werden die Geschichten zunächst einmal durch einen gemeinsamen Schauplatz: alle Charaktere, die in den Erzählungen beschrieben werden, leben in der Kleinstadt Winesburg. Die Familien einiger Personen leben bereits seit mehreren Generationen dort, wie die Familie Bentley aus „Godliness“: „The Bentley family had been in Northern Ohio for several generations before Jesse’s time. They came from New York and took up land when the country was new and land could be had at a low price.”[59] Gleiches gilt für die Familie von George Willard, dem zentralen Charakter der Winesburg Geschichten, dessen Großvater das New Willard House gehörte, bevor es seine Mutter Elizabeth und ihr Mann Tom übernahmen. Andere Einwohner sind wiederum erst später nach Winesburg gezogen, leben nun aber schon seit mehreren Jahren dort. Ein Beispiel dafür ist Wing Biddlebaum aus „Hands“, der vor ungefähr zwanzig Jahren nach Winesburg kam: „In his youth Wing Biddlebaum had been a school teacher in a town in Pennsylvania.“[60]

Neben dem Schauplatz ist fast allen Geschichten gemeinsam, dass der junge Zeitungsreporter George Willard eine Rolle in ihnen spielt. Die von der Gesellschaft isoliert lebenden Bewohner Winesburgs vertrauen diesem jungen Mann und erzählen ihm die meist weniger angenehmen Ereignisse aus ihrer Vergangenheit. Sie erhoffen sich davon, dass George in der Lage ist, ihnen zu helfen und sie wieder mit der Menschheit in Verbindung bringt: „All the grotesques hope that George Willard will some day speak what is in their hearts and thus re-establish their connection with mankind.“[61] Die grotesken Charaktere sehen in George einen Schlüssel, mit dem sie sich aus dem Gefängnis ihrer Abnormität befreien und ein normales Leben fortsetzen können.[62] Sie glauben, in ihm die Verbindung mit dem Geist des gesellschaftlichen Lebens in Winesburg zu erkennen und wollen durch die Beziehung mit ihm wieder Kontakt zur Stadt und damit zum realen Leben erhalten.[63] Gleich in der ersten Geschichte „Hands“ wird gezeigt, dass Wing Biddlebaum, der sonst ein sehr abgeschiedenes Leben führt, sich außerordentlich auf die Besuche von George freut und sich in seiner Gesellschaft wohl fühlt:

Now as the old man walked up and down on the veranda, his hands moving nervously about, he was hoping that George Willard would come and spend the evening with him. […] With the young reporter at his side, he ventured in the light of day into Main Street or strode up and down on the rickety front porch of his own house, talking excitedly.[64]

Die Interdependenz der Winesburg Geschichten wird besonders dadurch deutlich, dass ihre Anordnung die fortlaufende Entwicklung von George Willard aufzeigt. In den ersten Geschichten wird, neben den Beschreibungen der Hauptfiguren der jeweiligen Geschichten, sein scheinbar unbekümmertes Leben in Winesburg gezeigt: George hat gerade die Schule abgeschlossen, arbeitet für die Zeitung Winesburg Eagle und trifft sich mit verschiedenen Mädchen aus der Stadt. In den späteren Geschichten wird schließlich immer deutlicher, dass er, durch seine Erlebnisse mit den grotesken Charakteren, die ihn Mitgefühl und Einfühlungsvermögen lehren, reifer geworden ist.[65] Am Ende des Buches, in der Geschichte „Death“, beschließt er am Sterbebett seiner Mutter, die Stadt zu verlassen, um etwas aus seinem Leben zu machen: „He again thought of his own affairs and definitely decided he would make a change in his life, that he would leave Winesburg. ‘I will go to some city. Perhaps I can get a job on some newspaper,’ […].”[66] George verlässt die Stadt „[…] with what seems to be the promise that, after leaving Winesburg, he will become the voice of inarticulate men and women in all the forgotten towns.”[67]

Neben dem einheitlichen Schauplatz und der zentralen Figur des George Willard ist der Aufbau der einzelnen Geschichten in Winesburg, Ohio häufig ähnlich. Viele beginnen mit einer physischen und später psychischen Beschreibung der darin vorkommenden Hauptfigur, wobei die Betonung hier auf grotesken äußeren Merkmalen und grotesken Charaktereigenschaften liegt.[68] Bei Wing Biddlebaum sind es seine Hände, die er nicht unter Kontrolle halten kann und die als Einzelmerkmal, das physisch Groteske bilden:

Wing Biddlebaum talked much with his hands. The slender expressive fingers, forever active, forever striving to conceal themselves in his pockets or behind his back, came forth and became the piston rods of his machinery of expression.[69]

Wash Williams aus „Respectability“ hebt sich dagegen durch seine gesamte äußere Erscheinung hervor:

Wash Williams, the telegraph operator of Winesburg, was the ugliest thing in town. His girth was immense, his neck thin, his legs feeble. He was dirty. Everything about him was unclean. Even the whites of his eyes looked soiled.[70]

Ein Beispiel für eine Person, bei der das Groteske nicht in so sehr in der äußeren Erscheinung, sondern eher in seiner Psyche hervortritt, ist der ruhige und sehr nachdenkliche Seth Richmond aus „The Thinker“: „In Winesburg, Seth Richmond was called the ‚deep one.’ ‘He is like his father,’ men said as he went through the streets. ‘He’ll break out some of these days. You wait and see.’”[71]

Nach dieser ersten Beschreibung der jeweiligen Hauptfigur folgt in den Geschichten, normalerweise in Kontakt zu George Willard als Zuhörer, die Offenbarung von Ereignissen aus der Vergangenheit der Personen.[72] Durch diese Erzählungen erhält der Leser einen Hinweis auf die möglichen Ursachen für die Entstehung des Grotesken. So geschieht es zum Beispiel in „Loneliness“, wo Enoch Robinson George Willard von seinem früheren Leben berichtet:

It was past eleven o’clock that evening when old Enoch, talking to George Willard in the room in the Heffner Block, came to the vital thing, the story of the woman and of what drove him out of the city to live out his life alone and defeated in Winesburg.[73]

Auch Doktor Parcival erzählt George gern von seiner Vergangenheit: „’I was a reporter like you here,’ Doctor Parcival began. ‘It was in a town in Iowa – or was it Illinois?’”[74]

Gegen Ende der Geschichten begehen die jeweiligen Hauptfiguren manchmal eine verzweifelte Tat.[75] Ein Beispiel dafür ist Alice Hindman in „Adventure“. Alice führt ein sehr ruhiges und zurückgezogenes Leben, während sie schon seit Jahren auf die Rückkehr ihres Freundes wartet, der nach Cleveland gegangen ist, um sich dort eine Anstellung bei einer Stadtzeitung zu suchen. Eines Tages hält sie die Einsamkeit nicht mehr aus, und eine leidenschaftliche Ruhelosigkeit überkommt sie:

Without stopping to think of what she intended to do, she ran downstairs through the dark house and out into the rain. As she stood on the little grass plot before the house and felt the cold rain on her body a mad desire to run naked through the streets took possession of her.[76]

Auch Elmer Cowley aus „Queer“ weiß sich aus lauter Verzweiflung darüber, dass er sich nicht ausdrücken kann, nicht anders zu helfen, als George Willard zu schlagen: „With a snarl of rage he turned and his long arms began to flay the air. Like one struggling for release from hands that held him he struck out, hiding George Willard blow after blow on the breast, the neck, the mouth.”[77]

Einige Charaktere würden Winesburg gern für immer verlassen, um etwas aus ihrem Leben zu machen, aber nur wenige schaffen es.[78] Seth Richmond möchte aus der Stadt fortgehen und erzählt dies Helen White: „’I’m going to get out of town. I don’t know what I’ll do, but I’m going to get out of here and go to work. I think I’ll go to Columbus.’”[79] Ob er es letztendlich macht, bleibt aber offen. Auch Elizabeth Willard hat als junges Mädchen davon geträumt, Winesburg zu verlassen: „She dreamed of joining some company and wandering over the world, seeing always new faces and giving something out of herself to all people.“[80] Letzten Endes ist nur von drei Protagonisten bekannt, dass sie es geschafft haben, die Stadt zu verlassen: Elmer Cowley, der nach einem Streit mit George Willard auf einen Zug aufspringt, der die Stadt verlässt, George selbst, der nach dem Tod seiner Mutter aus der Stadt weggeht , und David Hardy, der in der Geschichte „Terror“, der nach einem Streit mit seinem Großvater aus der Stadt flüchtet.

Abgesehen vom ähnlichen Aufbau lassen sich im Inhalt der Geschichten noch weitere Gemeinsamkeiten finden. So sind fast alle Charaktere nicht in der Lage, ein normales gesellschaftliches Leben zu führen. Sie leben teilweise abgeschieden und isoliert von den restlichen Bewohnern. Wing Biddlebaum lebt sogar nicht direkt in der Stadt, sondern am Stadtrand: „Upon the half decayed veranda of a small frame house that stood near the edge of a ravine near the town of Winesburg, Ohio […].“[81] Die anderen Hauptfiguren leben zwar in der Stadt, haben aber trotzdem nur wenig Kontakt zu ihren Mitmenschen, wie Doktor Reefy in „Paper Pills“: „Winesburg had forgotten the old man […]. Alone in his musty office in the Heffner Block above the Paris Goods Company’s store, he worked ceaselessly, building up something that he himself destroyed.”[82]

Den meisten grotesken Charakteren fällt es außerdem schwer sich zu artikulieren. Sie haben Probleme damit, sich anderen mitzuteilen. Elmer Cowley versucht, George Willard in „Queer“ etwas zu sagen, schafft es aber nicht:

He wet his lips with his tongue and looked at the train that had begun to groan and get under way. “Well, you see,” he began, and then lost control of his tongue. “I’ll be washed and ironed. I’ll be washed and ironed and starched,” he muttered half incoherently.[83]

Selbst George Willard, der nicht als grotesk beschrieben wird und als Zeitungsreporter recht wortgewandt ist, hat manchmal Schwierigkeiten damit sich auszudrücken, vor allem, wenn es um Frauen geht, wie in „Sophistication“: „At the gate he tried to say something impressive. Speeches he had thought out came into his head, but they seemed utterly pointless.“[84]

Was die Charaktere in den Geschichten überdies vereint, sind die Sehnsüchte, die sie alle haben, die sie aber nicht im Stande sind zu verwirklichen. Enoch Robinson zum Beispiel hat versucht, in der Großstadt als Maler erfolgreich zu sein, ist letztendlich aber gescheitert und nach Winesburg zurückgekehrt:

When he was twenty-one years old Enoch went to New York City and was a city man for fifteen years. He studied French and went to an art school, hoping to develop a faculty he had for drawing. In his own mind he planned to go to Paris and to finish his art education among the masters there, but that never turned out.[85]

Alice Hindman wartet schon seit Jahren darauf, dass ihr früherer Freund Ned Currie wieder zu ihr zurückkommt und plant deshalb die gemeinsame Zukunft: „’Some day when we are married and I can save both his money and my own, we will be rich. Then we can travel together all over the world.’“[86]

Die Erzählungen in Winesburg, Ohio bilden ganz offenbar einen Zyklus, weil alle Schilderungen ganz wesentliche Gemeinsamkeiten aufweisen, wie den Aufbau der Geschichten, den zentralen Charakter George Willard und die äußerliche und charakterliche Analyse der Hauptfiguren. Wichtig ist Anderson bei der Darstellung der Figuren, dass er ihr Inneres enthüllt und die Ursachen der physischen und psychischen Störungen aufdeckt, so dass deutlich wird, warum die Personen zu grotesken Charakteren geworden sind.[87]

3. Eine Revolte gegen die Kleinstadt

Am Ende dieses Überblicks über das Werk soll nun der Grund genannt werden, warum Sherwood Anderson seine Figuren so grotesk darstellt. Bevor Edgar Lee Masters 1915 Spoon River Anthology herausbrachte und damit das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt kritisierte, wurde das Dasein in diesen Städten in der Literatur als etwas sehr attraktives und angenehmes beschrieben:

For nearly half a century native literature had been faithful to the cult of the village, celebrating its delicate merits with sentimental affection and with unwearied interest digging into odd corners of the country for persons and incidents illustrative of the essential goodness and heroism which, so the doctrine ran, lie beneath unexciting surfaces.[88]

Die Kleinstadt wurde als ein gemütlicher Mikrokosmos, gepflegt, kompakt, organisiert und traditionell, dargestellt.[89] Im Gegensatz zu den Großstädten wurde das Leben hier als in Harmonie mit der Natur und mit sich selbst beschrieben.[90] Auch zu Beginn der Industriellen Revolution, als Fabriken in unmittelbarer Nähe der Städte gebaut wurden, die diese mit Rauch und Benzin verschmutzten, und viele Fremde in die Städte kamen, wurde in der Literatur immer noch versucht, die Kleinstadt als eine Idylle zu sehen.[91]

Aus Andersons Biographie geht hervor, dass er einen Großteil seines Lebens in Kleinstädten verbracht hat. Die Jahre in diesen Städten prägten ihn sehr, und er hat dadurch viel über den typischen Ablauf des Lebens in einer solchen Stadt gelernt. Damals hat Anderson die Modernisierung der Wirtschaft, die Rationalisierung der Kultur und die damit verbundene Veränderungen genau beobachten können: „Accordingly, he knew firsthand how individuals are affected by work on an assembly line, how human relations changed in a mechanized and commercial world.”[92] Durch die Industrielle Revolution änderte sich die Sozialstruktur, und es verstärkte sich die Gliederung in verschiedene soziale Schichten. Aufgrund dessen wandelten sich auch die Lebens- und Denkgewohnheiten der einzelnen Menschen. Der Ausbau der Verkehrsanbindung sowie der Vertrieb von Büchern, Magazinen und Zeitungen resultierten in einer zunehmenden Überfremdung der Anschauungen und Verhaltensweisen des Kleinstadtbürgers durch die Großstadtzivilisation.[93] Zwar war Anderson nicht unbedingt ein Gegner der Modernisierung, er richtete sich aber dennoch gegen die Mechanisierung des Lebens und gegen den Materialismus, den sozialen Wandel und den zivilisatorischen Fortschritt.[94] In Winesburg, Ohio verarbeitete er schließlich das zu der Zeit Erlebte[95] und wollte damit die Auswirkungen darstellen, die diese Veränderungen auf das Leben der Menschen und die amerikanische Kultur im Allgemeinen hatte.[96]

[...]


[1] Günther Ahrends, Die amerikanische Kurzgeschichte (Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 1992) 133.

[2] Eugene Current-Carcía and Walton R. Patrick, American Short Stories (Glenview: Scott, Foresman and Company, 1976) 4.

[3] Current-Carcía and Patrick 3.

[4] Ahrends 57.

[5] Current-Carcía und Patrick 4.

[6] Ahrends 132.

[7] Ahrends 132.

[8] Malcolm Cowley, Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio (New York: Penguin Twentieth Century Classics, 1992) 1.

[9] James T. Farrell, “A Memoir on Sherwood Anderson”, Sherwood Anderson: Erzähler des amerikanischen Traums, Jürgen Dierking (Ed.) (Hamburg/Berlin: Argument-Verlag, 1990) 33.

[10] Brom Weber, Sherwood Anderson (Minneapolis: University of Minnesota Press, 1964) 6.

[11] Ahrends 139.

[12] Hans Erich Nossack, „Das hohe Lied der Kleinstadt“, Sherwood Anderson: Erzähler des amerikanischen Traums, Jürgen Dierking (Ed.) (Hamburg/Berlin: Argument-Verlag, 1990) 35.

[13] Jürgen Dierking, „Sherwood Anderson: Zeittafel“, Sherwood Anderson: Erzähler des amerikanischen Traums, Jürgen Dierking (Ed.) (Hamburg/Berlin: Argument-Verlag, 1990) 8.

[14] Dierking 8 / Weber 8.

[15] Irving Howe, Sherwood Anderson (Stanford: Stanford University Press, 1966) 16.

[16] Howe, Sherwood Anderson 33.

[17] Weber 13.

[18] Cowley 9.

[19] Seit 1904 war Sherwood Anderson mit Cornelia Lane verheiratet.

[20] Cowley 9-10.

[21] Cowley 10.

[22] Dierking 8.

[23] Robert Allen Papinchak, “Four Letters”, Sherwood Anderson: A Study of the Short Fiction, Robert Allen Papinchak (Ed.) (New York: Twayne Publishers, 1992) 70-71.

[24] Nossack 35.

[25] Dierking 9.

[26] Dierking 10.

[27] Jens Malte Fischer, „Groteske“, Moderne Literatur in Grundbegriffen, Dieter Borchmeyer und Viktor Zmegac (Ed.) (Frankfurt: Athenäum Verlag, 1987) 169.

[28] “Grotesque”, A Handbook to Literature, 1992 ed.

[29] “Grotesque”, A Handbook to Literature, 1992 ed.

[30] “Grotesque”, A MulticulturalDictionary of Literary Terms, 1999 ed.

[31] Philip Thomson, The Grotesque, The Critical Idiom (London: Methuen & Co Ltd, 1972) 20.

[32] “Grotesque”, A Dictionary of Literary Terms and Literary Theory, 1998 ed.

[33] Thomson 20.

[34] Thomson 20-21.

[35] “Grotesque”, A Dictionary of Modern Critical Terms, 1995 ed.

[36] Thomson 24.

[37] Thomson 26.

[38] “Grotesque”, Oxford Concise Dictionary of Literary Terms, 2004 ed.

[39] “Grotesque“, A Handbook to Literature, 1992 ed.

[40] „Grotesk“, Duden, 2004.

[41] Arnold Heidsieck, Das Groteske und das Absurde im modernen Drama (Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag 1969) 18.

[42] Jan Monroe Finkel, Techniques of Portraying the grotesque character in selected writings of Nathaniel Hawthorn, Sherwood Anderson, and Joseph Heller (Phil. Diss., Indiana University 1974) 60.

[43] William Vaughn Miller, The Technique of Sherwood Anderson’s Short Stories (Ann Arbor, Mich.: University Microfilms Int., 1969) 101.

[44] John W. Crowley, “Introduction”, New Essays on Winesburg, Ohio (New York: Cambridge University Press, 1990) 1.

[45] Cowley 11.

[46] Weber 23.

[47] Glen A. Love, “Introduction”, Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio, Glen A. Love (Ed.) (Oxford: Oxford University Press, 1997) x.

[48] Sherwood Andersons Leben in den Kleinstädten und die Jahre als erfolgreicher und hart arbeitender Werbetexter und später Fabrikbesitzer.

[49] Ray Lewis White, Winesburg , Ohio : An Exploration (Boston: Twayne Publishers, 1990) 10.

[50] White 26.

[51] Charles Child Walcutt. “[Naturalism in Winesburg, Ohio]”, Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio. Text and Criticism, John H. Ferres (Ed.) (New York: Penguin Books, 1966) 437.

[52] Cowley 13.

[53] Crowley 9-10.

[54] Maria Jacobson, “Winesburg, Ohio and the Autobiographical Moment”, New Essays on Winesburg, Ohio, John W. Crowley (Ed.) (New York: Cambridge University Press, 1990) 56.

[55] Charles E. Modlin und Ray Lewis White, Winesburg , Ohio : Authoritative Text, Backgrounds and Contexts Criticism (New York: Norton & Company, 1996) 145.

[56] Alan Steven Berkowitz, „Twisted apples: Sherwood Anderson’s grotesque America and the literature of dysfunction“, Dissertation abstracts international, 85:5 (Ann Arbor, Mich.: University Microfilms, 1997) 1705.

[57] Cowley 13.

[58] Modlin und White 141.

[59] Anderson, Winesburg , Ohio 64.

[60] Anderson, Winesburg , Ohio 31.

[61] Cowley 15.

[62] David D. Anderson, “[The Grotesques and George Willard]”, Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio. Text and Criticism, John H. Ferres (Ed.) (New York: Penguin Books, 1966) 429.

[63] Love xx.

[64] Anderson, Winesburg , Ohio 28.

[65] Anderson, “[ The Grotesques and George Willard]” 430.

[66] Anderson, Winesburg , Ohio 230.

[67] Cowley 15.

[68] David Stouck, “Anderson’s Expressionist Art”, New Essays on Winesburg, Ohio, John W. Crowley (Ed.) (Cambridge: Cambridge University Press, 1990) 39.

[69] Anderson, Winesburg , Ohio 28.

[70] Anderson, Winesburg , Ohio 121.

[71] Anderson, Winesburg , Ohio 133.

[72] Stouck 39.

[73] Anderson, Winesburg , Ohio 175.

[74] Anderson, Winesburg , Ohio 51.

[75] Stouck 39.

[76] Anderson, Winesburg , Ohio 119.

[77] Anderson, Winesburg , Ohio 201.

[78] Stouck 39.

[79] Anderson, Winesburg , Ohio 138.

[80] Anderson, Winesburg , Ohio 46.

[81] Anderson, Winesburg , Ohio 27.

[82] Anderson, Winesburg , Ohio 35.

[83] Anderson, Winesburg , Ohio 200.

[84] Anderson, Winesburg , Ohio 237.

[85] Anderson, Winesburg , Ohio 167.

[86] Anderson, Winesburg , Ohio 115.

[87] Stouck 39.

[88] Carl Van Doren, Contemporary American Novelists 1900-1920 (New York: The Macmillan Company, 1922) 146.

[89] Doren 147.

[90] White 14.

[91] Doren 147.

[92] Stouck 32.

[93] Ahrends 140.

[94] Ahrends 140.

[95] Thomas Yingling, “Winesburg, Ohio and the End of Collective Experience”, New Essays on Winesburg, Ohio, John W. Crowley (Ed.) (Cambridge: Cambridge University Press, 1990) 113-114.

[96] Yingling 108-109.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Groteske Charaktere in Sherwood Andersons Winesburg, Ohio
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
95
Katalognummer
V70832
ISBN (eBook)
9783638617239
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Groteske, Charaktere, Sherwood, Andersons, Winesburg, Ohio
Arbeit zitieren
Nadja Heinz (Autor), 2006, Groteske Charaktere in Sherwood Andersons Winesburg, Ohio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70832

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