Die Darstellung und Darstellungsperspektivität des Wahnsinns in Georg Heyms Werk 'Der Irre'


Hausarbeit, 2005

19 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Typus des Irren im Expressionismus
2.1 Die Darstellung des Wahnsinns im Expressionismus
2.2 Die Darstellungsperspektiven des Wahnsinns in expressionistischer Literatur

3. Die Darstellung des Wahnsinns in Georg Heyms “der Irre”
3.1 Gewalt als Ausdrucksform des Wahnsinns
3.2.2 Die Übertragung der Aggressionen
3.2 Die Rauschzustände
3.2.1 Ist das Handeln und der Wahnsinn des Irren zielgerichtet ?

4. Die Darstellungsperspektivität in Georg Heyms “Der Irre”

5. Schluss

6. Literatur

1. Einleitung

Der 1911 von Georg Heym verfasste Kurzprosatext „Der Irre“ steht nicht im Kontext der um 1920 herum populären Darstellung von Verbrechen und deren Genese in der literarischen Reihe der „Außenseiter der Gesellschaft“[1]. Denn Heym schockiert in seiner Beschreibung des Amoklaufs eines Irren nicht durch die Authentizität der Geschehnisse, sondern durch willkürlich erscheinende Grausamkeit und der Norm des beginnenden 20. Jahrhunderts stark entrückte Denk- und Verhaltensprozesse seiner Figur.

Entladung und Erlösung also. Ekstase und Untergang. Rausch und Rettung. Raserei und Gericht. Traum und Tod. Brutalste Gewalt und „unermeßliche Seligkeit“. Wobei das Wer und Wann und Wo keine Rolle spielt.[2]

Die Erzählung „Der Irre“ bündelt in den dargebotenen Ausdrucksformen des Wahnsinns die expressionistischen Motive der Heimatlosigkeit, des Orientierungs­verlusts in der Gesellschaft und der Vorstellung eines unkonventio­nalisierten höheren Geisteszustandes.

Diese Arbeit stellt zunächst diese Motivik des Wahnsinns im Expressionismus vor. Dabei wird auf die utopische und die existentpathologische Darstellungsperspektive des Wahns eingegangen und der Irre als literarischer Typus vorgestellt.

Der Hauptteil der Betrachtungen untersucht den Text Georg Heyms auf darin auftretenden Ausdrucksformen des Wahnsinns, die in ihren Haupterscheinungs­formen, in den einzelnen Unterkapitellen gegliedert, erläutert werden. Diese spezifische Betrachtung der Gewalt und der Rauschzustände soll klären welches Verständnis des Wahnsinns hier vorliegt. Existiert ein dem Wahnsinn immanentes System, ist Wahnsinn von willkürlicher Natur, oder stellt er sich als psychologisch deutbare Reaktion auf Vorausgegangenes dar? Verläuft der Wahnsinn linear, oder erfährt er eine Entwicklung? Diese Fragestellungen gilt es im dritten Kapitell dieser Arbeit in einer chronologisch funktional ausgerichteten Darstellung zu diskutieren.

Im letzten Kapitell soll die Darstellungsperspektivität näher beleuchtet werden. Die Figur des Irren wird auf ihre existenzpathologischen und utopischen Züge hin betrachtet. Es werden zu dieser Thematik verschiedene Stellungnahmen der Sekundärliteratur gegeneinander abgewogen.

2. Der Typus des Irren im Expressionismus

2.1 Die Darstellung des Wahnsinns im Expressionismus

Der Typus des Irren in der Literatur um 1910 manifestiert sich als äußerst kontrastär zum bürgerlichen Ideal der wilhelminischen Gesellschaft. Unter Verwendung der expressionistischen Literaten fungiert er als Identifikationsfigur der sozial Geächteten und Ausgestoßenen. Die Angehörigen des fünften Standes [3], sahen in dem Wahnsinn der Irren ein Gegenbild „zu den [verhassten] bürgerlichen Tugenden wie Selbstdisziplin, Arbeitsfreude, soziale Anpassungsfähigkeit, Pflichtbewusstsein [und] Affektkontrolle (kurz: Vernünftigkeit)“[4]. Im 18.- und 19. Jahrhundert noch als abschreckendes Beispiel für menschliche Entgleisung suggeriert, entwickelte sich der Wahnsinn für die Expressionisten zu einer inspirierenden und bewundernswerten Daseinsform. Die expressionistische Literatur konstatiert den Wahnsinn ihrer pathologischen Figuren auf zweierlei Weise. Einerseits wird dem Irren ein positiver Wahnsinn attribuiert, der sich durch die damit verbundene Schöpfung eines neuen Menschen[5] im Expressionismus manifestiert.

Der Geisteskranke ist sicher fähig, glücklicher zu sein, als wir es vermögen: denn er ist natürlicher und menschlicher als wir. Ihn treibt Gefühl zum Handeln, nicht Logik. Sein Tun ist machtvoll, unmittelbar. [Er ist] künstlerisch begabt, [hat] ehrlichen Sinn für das Schöne und Bezeichnende, [er arbeitet] schöpferisch und mit Hingabe [und] nimmt nur in sich auf, was mit seinen seelischen Wallungen in Einklang steht, nichts Wesenfremdes.[6]

Dieser neue Mensch stellt eine Entfremdung des starren Bürgertums dar. Er erscheint unbelastet von allen gesellschaftlichen Konventionen und frei von jeglicher Rationalität, lebt seine Triebe in befreiter, der Natur naher Weise aus, wie sonst nur ein Kind oder Tier dies vermag. Der Irre löst sich aus konventionalisierten Denkstrukturen, er lebt und denkt affektgesteuert und flexibel, kombiniert unzusammenhängend, teilweise Irreales mit Realem und löst alle Grenzen der gesellschaftlichen Norm.

„Verrückt oder Normal ist eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptation“[7], „der Irre ist die inkarnierte Negation der theoretischen und praktischen Vernunft des Bürgers.“[8]

Die dargestellten Symptome stehen aus der Perspektive der bürgerlichen Norm ambivalent zum 1911 eingeführten Begriff der Schizophrenie und stellen zugleich eine Beschreibung gängiger expressionistischer Stilmerkmale dar.[9]

Eine solche Parallelität zeigt die Faszination der für die expressionistische Bewegung reizvollen Eigenschaften des Wahnsinns, doch andererseits bilden „die Erfahrungen existenzieller Heimatlosigkeit, Desorientierung, Entfremdung und Angst“[10] eine stark ausgeprägte Opposition zu diesem utopischen Idealzustand. Diese existenzpathologische Blickweise skizziert den Irren als ein an der Gesellschaft erkranktes Individuum, das mit den veränderten Lebensbedingungen der modernen Industriegesellschaft nicht mehr Schritt halten kann.

2.2 Die Darstellungsperspektiven des Wahnsinns in expressionistischer Literatur

Die bereits dargestellte entfesselte Daseinsform des Irren eröffnet dem expressionistischen Literaten eine neuartige literarische Ausdrucksmöglichkeit. Durch die Darstellung eines pathologischen Falls wird eine deutliche Distanz zur Identität des Autors geschaffen, die ihm ermöglicht eine abnorme, tabubrechende Wahrnehmungsform zu skizzieren, ohne dass der Autor selbst als Wirt dieser Gedanken und Taten in Regress genommen werden könnte.[11] Es ist dem Literaten somit möglich die Welt aus einer entrückten Perspektive zu zeigen, die alle Varianten der Anklage und Kritik bietet und jeglicher Logik und Versuchen der Psychologisierung der Handlungsabschnitte entgleitet.

[…] je mehr Psychologie und Logik ausgeschaltet werden, desto mehr entfernt sich der Held von der Normalität. Erst mit dem Wahnsinnigen als Held ist der Autor frei, alle konventionellen Handlungssequenzen fallen zu lassen.[12]

Die fiktive Figur des Irren dient zudem als garstiges Spiegelbild für den angepassten Bürger, in dem die grotesken Darstellungsweisen der Welt, wie der Irre sie sieht, eine Entfremdung der Realität darstellen, die nach ihren eigenen Mechanismen funktioniert. Diese, im Expressionismus meist hässliche Welt, soll erschrecken und dadurch den Leser aus seinem bürgerlichen Schlaf reißen. Sie soll ihn anregen die Dinge der Welt von verschiedenen Seiten zu betrachten. Flexibilität soll wieder Einzug in Denken und Handeln finden.

[Durch die Literatur des Expressionismus ist] der Wahnsinn zu etwas geworden, […] was man anschauen kann, nicht mehr ein Monstrum im Inneren des Menschen, sondern ein Lebewesen mit eigenartigen Mechanismen, eine Bestialität, in der der Mensch seit langem beseitigt ist.[13]

Die existenzpathologische Betrachtung des Irren wirkt als Kritik an der Gesellschaft. Dem Leser suggeriert diese Leseart das gesellschaftliche Umfeld als bedrohliches Szenario, dass durch seine rücksichtslosen Mechanismen in der Lage ist einen normalen Menschen zum pathologischen Irren zu machen.

3. Die Darstellung des Wahnsinns in Georg Heyms “der Irre”

Das 1911 entstandene Werk “Der Irre” fügt sich nicht in die historische Tradition der Pitavalromane als eine kriminalistische Fallbeschreibung mit Tat, Aufklärung und Bestrafung ein. Vielmehr richtet sich das Geschehen auf die inneren Vorgänge des Protagonisten und auf welche Weise er seine Taten im Nachhinein deutet.[14]

[...]


[1] In der Reihe „Die Außenseiter der Gesellschaft“ werden um 1920 im Verlag „Die Schmiede“ spektakuläre und prekäre juristische Fälle literarisch aufbereitet dargestellt.

[2] Schwarz, Waltraut (1979): Von Wittenau ins Kaufhaus Wertheim. „Der Irre“ von Georg Heym. Expressionismus durch Weglassen. In: Neue Deutsche Hefte. 26. Jg., Bd. 161, H.1, S. 72.

[3] Vgl.: Anz, Thomas (Hg.) (1980): Phantasien über den Wahnsinn. Expressionistische Texte. München: S. 149. Anz beschreibt den so genannten fünften Stand als Prostituierte, Dichter, Unterproletarier, Liebespaare, Säufer, Süchtige, Kritiker, Gesindel und andere von der Gesellschaftlichen Norm entrückte Lebensformen.

[4] Anz, Thomas (2002): Literatur des Expressionismus. Stuttgart: Metzler, S. 83.

[5] Vgl. zur Thematik des neuen Menschen: Anz, T.: Literatur des Expressionismus. S. 44 – 49.

[6] Anz, Thomas (1977): Literatur der Existenz. Literarische Psychopathographie und ihre soziale Bedeutung im Frühexpressionismus. Stuttgart: Metzler, S. 40f, zitiert nach Wieland Herzfelde (1982): Die Ethik des Geisteskranken. In: Thomas Anz und Michael Stark (Hrsg.): Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910 – 1920. Stuttgart: Metzler.

[7] Ihekweazu, Edith (1982): Verzerrte Utopie. Bedeutung und Funktion des Wahnsinns in expressionistischer Prosa. In: Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Eberhard Mannack. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang, S. 22, zit. nach Walter Vogt (1977): Die Schizophrenie der Kunst. Eine Rede. In: Literatur und Schizophrenie. Theorie und Interpretation eines Grenzgebiets. Hrsg. von W. Kudzus. Tübingen, S. 166.

[8] Anz, Thomas: Phantasien über den Wahnsinn. Expressionistische Texte. München: 1980, S. 150.

[9] Anz, T.: Literatur des Expressionismus. S. 86.

[10] Vgl.: Ebd. S. 86.

[11] Vgl.: Anz, T.: Literatur der Existenz. S. 41.

[12] Ihekweazu, E.: Verzerrte Utopie. S. 29.

[13] Foucault, Michel (1989): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. 8. geringfügig gekürzte Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 140.

[14] Vgl.: Schönert, Jörg (1990): „Der Irre“ von Georg Heym. Verbrechen und Wahnsinn in der Literatur des Expressionismus. In: Der Deutschunterricht. Beiträge zu seiner Praxis und wissenschaftlichen Grundlegung, 42. Jg., H.2, S. 84 – 94.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung und Darstellungsperspektivität des Wahnsinns in Georg Heyms Werk 'Der Irre'
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für deutsche Philologie )
Veranstaltung
Naturalismus, Ästhetizismus, Expressionismus
Note
2,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V71064
ISBN (eBook)
9783638630924
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Darstellungsperspektivität, Wahnsinns, Georg, Heyms, Werk, Irre, Naturalismus, Expressionismus
Arbeit zitieren
Florian Dülks (Autor), 2005, Die Darstellung und Darstellungsperspektivität des Wahnsinns in Georg Heyms Werk 'Der Irre', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71064

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Darstellung und Darstellungsperspektivität des Wahnsinns in Georg Heyms Werk 'Der Irre'



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden