1. Vorwort
Unter dem Namen Mahatma Gandhi wurde der Mann berühmt, der Indien
einen friedlichen Weg aus der kolonialen Vorherrschaft Englands
zeigte.
Der Name, mit dem er auf die Welt kam, ist Mohandas Karamchand
Gandhi, unter welchem er auch seine Autobiographie: "Eine
Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der
Wahrheit" veröffentlichte.
Seine Autobiographie ist moralisch, tief geprägt von dem Wunsch,
es anderen Menschen zu ermöglichen, ihm auf seinem Weg zu folgen.
Dieser Eindruck drängt sich bereits nach den ersten Kapiteln des
Buches auf. Und diese pädagogische Absicht ebenso wie
philosophische Betrachtungsweisen über die Moral ziehen sich wie
rote Fäden durch sein gesamtes Werk.
Sein Weg war Ahimsa*, der Weg des Friedens - seine Suche war die
Suche nach der Wahrheit, nach der endgültigen, alles
durchdringenden Wahrheit, die Suche nach Gott. "Was ich erreichen
möchte - wofür ich diese dreißig Jahre hindurch gekämpft und
gelitten habe -, ist Selbstverwirklichung, Gott von Angesicht zu
Angesicht zu sehen, Moksha** zu erlangen."
Mahatma kommt aus dem Indischen "maha atman", die große Seele. Es
ist ein Ehrentitel, der "hochsinnigen" Männern verliehen wird.
"Meine Experimente auf dem Felde der Politik sind heute nicht nur
in Indien, sondern in gewissem Ausmaß in der "zivilisierten" Welt
bekannt. Für mich haben sie keinen besonderen Wert. Und der Titel
Mahatma, den sie mir eingetragen haben, hat deshalb noch weniger
Wert. Oft hat mich dieser Titel tief gepeinigt. Ich kann mich
keines Augenblicks erinnern, in dem es hätte heißen können, er
habe einen Reiz für mich."
So sei es mir denn gestattet, dem Mann mit der großen Seele im
Laufe meiner Arbeit seinen wirklichen Namen zu belassen - Mohandas
K. Gandhi.
Zu Beginn dieser Arbeit werde ich theoretisch erarbeiten, wie
Autobiographien als historische Quellen genutzt werden können. Vor
diesem Hintergrund sollen dann Lebensstationen und Entwicklungen
Gandhis nachvollzogen werden unter dem Gesichtspunkt, wie Gandhi
zu dem Menschen geworden ist, den wir Mahatma nennen und welchen
Einfluß sein kultureller Hintergrund hat.
Aufgrund des Umfangs von Gandhis Autobiographie (422 Seiten)kann
dies nicht erschöpfend geschehen, vielmehr werden Anregungen
gegeben, in welche Richtungen interpretative Gedankengänge möglich
sind. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Historische Quellen
2.1. Über den Umgang mit Quellen
2.2. Die Autobiographie als Quelle
3. Kurzer biographischer Überblick
4. Einleitung zur Autobiographie Gandhis
5. Gandhis Glaube
6. Persönliche Entwicklung
7. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Autobiographie von Mohandas K. Gandhi als historische Quelle, um die persönliche und spirituelle Entwicklung Gandhis nachzuvollziehen sowie den Einfluss seines kulturellen Hintergrunds auf seine Philosophie und sein politisches Wirken zu analysieren.
- Analyse von Autobiographien als historische Quellen nach der geschichtswissenschaftlichen Methodik.
- Biographische Aufarbeitung von Gandhis Lebensstationen von der Kindheit bis zum politischen Wirken in Südafrika und Indien.
- Untersuchung der religiösen Fundierung seines Handelns, insbesondere der Bedeutung von Ahimsa und der Bhagavadgita.
- Reflexion über die Rolle von Prägungen durch das Elternhaus und die Entwicklung zum "Mahatma".
Auszug aus dem Buch
Die Schande meiner fleischlichen Lust
Die schreckliche Nacht kam. Mein Onkel war damals in Rajkot. Ich erinnere mich dunkel, daß er nach Rajkot kam, nachdem man ihn benachrichtigt hatte, dass es meinem Vater schlechter gehe. Die Brüder hingen sehr aneinander. Mein Onkel saß den ganzen Tag an Vaters Bett und bestand darauf, daneben zu schlafen, nachdem er uns alle schlafen geschickt hatte. Niemand hätte es sich träumen lassen, daß dies die verhängnisvolle Nacht werden sollte. Die Gefahr dazu bestand natürlich.
Es war abends halb elf oder elf Uhr. Ich verrichtete die Massage. Mein Onkel erbot sich, mich abzulösen. Ich war froh darüber und ging direkt ins Schlafzimmer. Meine Frau, das arme Ding, war fest eingeschlafen. Doch wie durfte sie schlafen, wenn ich da war? Ich weckte sie auf. Nach fünf oder sechs Minuten jedoch klopfte der Diener an die Tür. Ich fuhr hoch. 'Steh auf, sagte er,' Vater geht es sehr schlecht. Natürlich wußte ich, daß es ihm sehr schlecht ging, daher ahnte ich, was 'sehr schlecht' in diesem Augenblick bedeutete. Ich sprang aus dem Bett.
'Was ist los? Sprich!' - 'Vater lebt nicht mehr.'
So war alles zu Ende. Ich konnte nur die Hände ringen. Ich empfand tiefe Scham und Elend. Ich stürzte in Vaters Zimmer. Ich sah ein, daß ich, hätte nicht tierische Lust mich blind gemacht, meinem Vater in seinen letzten Augenblicken die Qual der Trennung hätte ersparen müssen. Ich hätte ihn weiter massieren sollen, dann wäre er in meinen Armen gestorben. Aber nun war es mein Onkel, der dieses Vorrecht gehabt hatte.(...) Die Schande, auf die ich in einem früheren Kapitel verwiesen habe, war diese Schande meiner fleischlichen Lust selbst in der kritischen Stunde von meines Vaters Tod, die wachsamen Dienst verlangte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einführende Worte zu Mohandas K. Gandhi und dem moralischen sowie pädagogischen Anspruch seiner Autobiographie.
2. Historische Quellen: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Quellenbegriff in der Geschichtswissenschaft und der Eignung von Autobiographien als historische Zeugnisse.
3. Kurzer biographischer Überblick: Darstellung der wichtigsten Eckdaten in Gandhis Leben von der Geburt in Porbandar bis zum Wirken in Südafrika und Indien.
4. Einleitung zur Autobiographie Gandhis: Beschreibung der persönlichen Wahrnehmung Gandhis vor der Lektüre und die Motivation, seine Persönlichkeit und Entwicklung kritisch zu hinterfragen.
5. Gandhis Glaube: Analyse der religiösen Überzeugungen Gandhis, insbesondere des Neohinduismus und der zentralen Rolle von Wahrheit und Ahimsa.
6. Persönliche Entwicklung: Untersuchung der prägenden Einflüsse in der Kindheit, insbesondere durch das Elternhaus und die Rolle von Theaterstücken für seine Ideale.
7. Zusammenfassung: Reflexion über die Ergebnisse der Arbeit und die Aussagekraft von Gandhis Aufzeichnungen für das Verständnis seines Handelns.
Schlüsselwörter
Mohandas K. Gandhi, Autobiographie, Historische Quellen, Ahimsa, Wahrheit, Neohinduismus, Bhagavadgita, persönliche Entwicklung, Erziehungswissenschaft, Indien, Südafrika, Selbstläuterung, Gewaltlosigkeit, Brahmacharya.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Autobiographie von Mohandas K. Gandhi unter erziehungswissenschaftlichen und historischen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der methodische Umgang mit Autobiographien als Quelle, Gandhis religiöse Identität und die prägenden Faktoren seiner persönlichen Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Weg Gandhis zum "Mahatma" durch eine kritische Auseinandersetzung mit seinen eigenen Schriften nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Erarbeitung zur Nutzung von Autobiographien als historische Quellen sowie eine inhaltliche Interpretation der Lebensereignisse Gandhis durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem historischen Kontext, Gandhis Glauben, seiner Erziehung, dem Einfluss seiner Familie sowie seiner Transformation in Südafrika.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wahrheit, Ahimsa, Autobiographie, Erziehung, Neohinduismus und Selbstverwirklichung sind zentrale Begriffe dieser Untersuchung.
Welche Bedeutung misst Gandhi seinem Elternhaus für seine Entwicklung bei?
Obwohl er seine Entwicklung nicht explizit auf das Elternhaus zurückführt, identifiziert die Autorin die tiefe Religiosität der Mutter und die Wahrheitsliebe des Vaters als maßgebliche Einflüsse.
Wie bewertet die Autorin Gandhis Umgang mit seiner Ehefrau Kasturbai?
Die Autorin kritisiert, dass Gandhi seiner Frau in der Autobiographie sehr wenig Bedeutung beimisst und sie vorwiegend als Lehrer und Objekt seiner früheren fleischlichen Wollust thematisiert.
- Arbeit zitieren
- Stefanie Fischer (Autor:in), 1999, Autobiographie: Mohandas Karamchand Gandhi. Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7125