Text- und Satzfunktionen des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen


Magisterarbeit, 1998

124 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Reflexives und nicht-reflexives Possessivpronomen: eine Skizze
1.2 Ziel und Skopus der Arbeit
1.3 Struktur der Arbeit

2 Über Reflexivität und reflexive Possessivpronomina
2.1 Semantische, morphologische und explizite Reflexivität
2.2 Explizite reflexive Konstruktion und reflexives Possessivpronomen
2.2.1 Das Instrumentarium zur Beschreibung
2.2.2 Syntaktische Ähnlichkeiten zwischen possessiven und personalen Reflexivpronomina
2.2.3 Morphologische Ähnlichkeiten zwischen possessiven und personalen Reflexivpronomina
2.3 Reflexive Possessivpronomina in den nordgermanischen Sprachen und in den Sprachen der Welt: ergänzende Hinweise

3 Die Syntax des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen
3.1 Charakterisierung der ausgewerteten Literatur
3.2 Zur Reichweite der reflexiven Possessivpronomina: Bezugsrahmen und Prädikation
3.3 Nicht-prototypische Bezugsrahmen des reflexiven Possessivpronomens
3.3.1 Konstruktionen mit Nomen actionis
3.3.2 Konstruktionen mit Nomen agentis
3.3.3 Konstruktionen mit attributiver Adjektiv- oder Partizipphrase
3.3.4 Konstruktionen mit med -Attribut
3.3.5 Konstruktionen mit Apposition
3.3.6 Konstruktionen mit Komparativausdruck
3.3.7 Konstruktionen mit Infinitivphrase
3.3.8 Konstruktionen mit Prädikativphrase
3.3.9 Konstruktionen mit Nicht-Subjekt-Satzgliedern - ohne Prädikation
3.3.10 Konstruktionen mit „unechten“ Präpositionen
3.3.11 Konstruktionen mit 2 finiten Sätzen
3.4 Ergänzende Beobachtungen zum prototypischen Bezugsrahmen
3.4.1 Präsentierungskonstruktion
3.4.2 Markierte Reihenfolge von Korrelat und reflexivem Possessivpronomen
3.5 Zusammenfassung: syntaktische Präferenzen und Restriktionen
3.5.1 Syntaktische Präferenzen: Zur Effektivität der nicht-prototypischen Bezugsrahmen
3.5.2 Syntaktische Restriktionen: Hierarchien der möglichen Korrelate von reflexiven Possessivpronomina

4 Jenseits der Syntax
4.1 Semantische Faktoren: Belebtheit des Possessors
4.1.1 Hierarchie der möglichen RP-Korrelate vs. Hierarchie der syntaktischen Funktionen
4.1.2 Der Test von Dahl 1980
4.1.2.1 Testaufbau
4.1.2.2 Testergebnisse
4.2 Zur Bedeutung der Textgrammatik
4.2.1 Hellbergs Begriff des Textsubjekts
4.2.1.1 Empathie nach Kuno & Kaburaki 1977 bzw. Kuno 1987
4.2.1.2 Von der Empathie zum Textsubjekt
4.2.1.3 Merkmale von Textsubjekten
4.2.1.4 Auswirkungen von Textsubjekten auf reflexive Possessivpronomina
4.2.2 Prominenter Partizipant
4.3 Weitere nicht-syntaktische Faktoren: die Umstände der Äußerung

5 Ergebnisse und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Übersicht über einige Sprachen, in denen reflexives und nichtreflexives Possessivpronomen unterschieden werden.

Anhang 2: Welche AutorInnen behandeln welche nicht-prototypischen Bezugsrahmen für reflexive Possessivpronomina?

Anhang 3: Statistische Auswertung des Datenmaterials aus dem Test von Dahl 1980.

1 Einleitung

1.1 Reflexives und nicht-reflexives Possessivpronomen: eine Skizze

Im Schwedischen gibt es - im Gegensatz zum Deutschen - zwei Possessivpronomina; sie werden i.a. als reflexives Possessivpronomen [im folgenden: RP] und als nicht-reflexives Possessivpro­nomen [im folgenden: NRP] bezeichnet.

In diesem ersten Abschnitt soll grob skizziert werden, wodurch sich die beiden Possessivpro­nomina unterscheiden. Ausgangspunkt der Überlegung ist der folgende deutsche Satz (1.1):

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Das Possessivpronomen seine in (1.1) hat zwei mögliche Lesarten:

i) Svensson ist das Korrelat von seine; diese ist die bevorzugte Lesart, wenn Satz (1.1) isoliert auftritt. Semantisch bedeutet diese Lesart, daß Svensson auch der Possessor der Blumen (= des Possessums) ist;

ii) seine bezieht sich auf einen anderen Ausdruck, z.B. wie in (1.2) auf eine NP im vorausgehenden Satz (Karlsson); Svensson ist dann nicht der Possessor der Blumen:

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Die Entsprechung von (1.1) im Schwedischen läßt keine Ambiguität hinsichtlich des Possessiv­prono­mens zu. Auch ohne Kontext wird klar, ob Svensson der Possessor ist oder ein an­derer. Hierfür stehen zwei verschiedene Possessivpronomina zur Wahl: Ist im Beispiel Svensson der Possessor der Blumen, steht das RP, ist irgendein anderer, z.B. Karlsson in (1.2), der Possessor, steht das NRP. Satz (1.3) enthält das RP.PL sina. Korrelat des RP ist das Satzsubjekt Svensson, womit eindeutig Svensson als Possessor identifiziert wird.

Die Koreferenz von Possessivpronomen und Korrelat wird hier und im weiteren durch Halbfett­druck markiert.

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In (1.4) kann das Subjekt Svensson nicht das Korrelat des NRP hans sein. Svensson kommt als Possessor der Blumen nicht in Frage, der richtige Pos­sessor muß vom Hörer / Leser im sprach­lichen oder außersprachlichen Kontext außerhalb des Satzes identifiziert werden.

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In (1.3) sind die Ausdrücke Svensson und sina koreferent, sie verweisen auf dieselbe Entität in der Diskurswelt, nämlich auf die Person namens Svensson. Wegen der Koreferenz des Korrelats Svensson, das typischerweise das Subjekt ist, und des Possessivpronomens sina innerhalb des­selben Satzes[1] heißt das Possessivpronomen hier reflexiv. Svensson und hans in (1.4) hingegen haben zwei verschiedene Entitäten (Personen) als Referenten innerhalb des Satzes. Deshalb wird das Possessivpronomen hier als nicht-reflexiv bezeichnet.

Auch im deutschen Satz (1.1) sind Svensson und seine koreferent. Das Possessivpronomen wird hier aber nicht als RP bezeichnet, weil es sich morphosyntaktisch nicht von seine in (1.2), wo keine Korefe­renz vorliegt, unterscheidet. Man könnte das Possessivpronomen seine in (1.1) al­lerdings als reflexiv gebraucht bezeichnen und in (1.2) analog von nicht-reflexivem Gebrauch des Possessivpronomens sprechen.

RP und NRP werden im Schwedischen nur in der 3.Pers. (SG und PL) unterschieden; zu den Paradigmata ist folgendes anzumerken:

Bei den schwedischen Substantiven (und Adjektiven) unterscheidet man zwei Genera: Utrum und Neutrum. Im Utrum (lit. ‘eines von beiden’, im Gegensatz zu Ne-Utrum ‘keines von beiden’) fallen, vereinfacht gesagt, Maskulinum und Femininum älterer Sprachstufen zusammen. Das Utrum wird gele­gentlich auch als „n-Genus“ bezeichnet, weil z.B. der indefinite Artikel des Utrum auf -n endet: en stol ‘ein Stuhl’; im Gegensatz dazu ist das Neutrum als „t-Genus“ durch ein -t markiert: ett bord ‘ein Tisch’.

Bei den Personalpronomina wird zusätzlich innerhalb des Utrum nach Sexus unterschieden (männlich vs. weiblich), vgl. en man - han ‘ein Mann - er (3SG.M)’ vs. en kvinna - hon ‘eine Frau - sie (3SG.F)’, aber en stol - den ‘ein Stuhl - er (3SG.U)’ und ett bord - det ‘ein Tisch - er (3SG.N)’. Im Plural sind alle diese Dis­tinktionen aufgehoben.

Die Formen des NRP sind die Genitive des Personalpronomens.[2] Sie kongruieren im Sin­gu­lar mit der Possessor-NP in Genus bzw. Sexus; grammatische Kategorien des Possessums wie Nu­merus und Genus werden in den NRP’s nicht ausgedrückt.

Schema (1.5) gibt eine Übersicht über das Paradigma des NRP im Schwedischen.

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Das RP hingegen kongruiert wie ein Adjektiv mit dem Possessum in Genus und Numerus, die Kategorien des Possessors bleiben unberücksichtigt. Die Genusdistinktion wird im Plural aufge­hoben; vgl. Schema (1.6):

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Possessivität schließlich ist nicht in einem eingeschränkten Sinn von „Besitz“ zu verste­hen, auch wenn die Bezeich­nung „besitzanzeigendes Fürwort“ für Possessivpronomen in der deut­schen Grammatikterminologie dies mißverständlich nahelegt (vgl. Serzisko 1984:1). Ein Posses­sivpronomen bezeichnet viel allgemeiner eine Zugehörigkeitsbeziehung zwischen einem Posses­sor und einem Possessum. Der Wörterbucheintrag zum RP sin im großen Wörterbuch der Schwedischen Akademie illustriert, wie vielseitig diese Zugehö­rigkeitsbeziehung sein kann (Svenska Akademien 1969:Spalte 2524; meine Übersetzung):

„sin: [...] mit reflexivem Bezug auf ein Subjekt der 3.Pers., Bezeichnung dafür, daß etwas dem Subjekt gehört oder ihm zukommt (oder daß das Subjekt über etwas verfügt) oder ihm obliegt oder von ihm gelei­stet oder hervorgebracht wird (oder geleistet oder hervorgebracht worden ist) oder das Subjekt (speziell) auszeichnet oder auf eine andere Weise mit ihm zusammengehört oder sich auf es bezieht; oder Bezeich­nung dafür, daß jemand auf die eine oder andere Weise mit dem Subjekt zusammengehört oder in einem bestimmten Verhält­nis zu ihm steht; [...]“

Auf die Frage, wie Possessivität zu interpretieren ist, ob als „versteckter“ Relativsatz (Svenssons Blu­men < die Blumen, die Svensson hat) oder als Lokation (Svenssons Blumen < die Blumen bei Svens­son) oder auf andere Weise, braucht an dieser Stelle nicht weiter eingegangen zu werden.[4]

Aus der bisherigen Diskussion kann in erster Annäherung die folgende vorläufige Regel (1.7) zur Verteilung von RP vs. NRP im Schwedischen for­muliert werden:

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Aus (1.7) folgt insbesondere, daß das NRP als Determinans des Subjekts steht, vgl. (1.8); hier muß der Referent des NRP.M hans, nämlich Svensson, außerhalb des finiten Satzes, der das NRP enthält, identifiziert werden:

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Die o.g. Regel ist in dieser oder leicht abweichender Form in den grammatischen Darstellungen zu den schwedischen Pos­sessiva meist als sog. „Subjektsregel“ zu finden (z.B. Lindholm 1986:91; Thorell 1977:87; Holmes & Hinchliffe 1994:152).

Es muß betont werden, daß die Subjektsregel die Verteilung von RP und NRP nicht zufriedenstellend beschreibt, sondern nur eine spezielle, wenn auch recht häufige syntaktische Struktur erfaßt, nämlich den einfachen Satz mit zwei Argumenten. Im Laufe der Arbeit wird die Subjektsregel in ein umfassenderes System von Regelmäßigkeiten integriert werden.

1.2 Ziel und Skopus der Arbeit

Die folgende Äußerung Wellanders gehört zu den Klassikern in der Diskussion um die Pos­sessivpro­nomina der 3.Pers. im Schwedischen (Wellander 1973:122; meine Übersetzung):[5]

„Die Frage nach dem richtigen Gebrauch der possessiven Pronomina sin [= RP] und hans (hen­nes, dess, deras) [= NRP] ist vielleicht die strittigste Frage überhaupt in der ganzen schwedischen Grammatik. In vielen Fällen kann man eine bestimmte Regel geben und ihr folgen, aber in anderen Fällen steht Regel gegen Regel, und das Sprachgefühl ist unsicher. Oft gibt das Sprachgefühl des einen einen bestimmten Ausschlag in die eine Richtung, das des anderen in eine andere Richtung, in Abhängigkeit von irgendei­nem Unterschied im Gedankengang, in bewußten oder unbewußten Analogien, in sprachlicher Ausbil­dung, und im Geschmack.“

Ganz anders ist die Sichtweise von Braunmüller 1991:54ff:

„Die größten Schwierigkeiten im pronominalen Bereich liegen zweifelsohne bei der richtigen Verwen­dung der Possessiva der 3. Person [B.’s Hervorhebung]. Je syntaktisch komplexer die Sätze mit solchen Pronomina werden, desto schwieriger wird es - selbst für manche Schweden - zu bestimmen, ob nun die formal reflexive Form (sin, sitt, sina ‘sein-/ihr-’) oder die formal nicht reflexive Form (hans, hennes, dess, deras ‘sein-/ihr-’) zu verwenden sind.[...]

Im übrigen sind der Sprachgebrauch und die sprachlichen Normen hier sehr schwankend und uneinheit­lich: Wer grammatisch geschult worden ist und es gewohnt ist, Normen der Schulgrammatik strikt einzu­halten, wird bei jeder Satzeinbettung, ja selbst bei jeder Wortbildungskonstruktion, die der Satzverkür­zung dient [...], streng auf die Einhaltung der Koreferenzregel achten. [...]

Die anderen erlauben sich einen freieren Um­gang mit der Norm.“

Mit Perridon 1996:379 halte ich Braunmüllers Ansatz für inadäquat. Es ist Aufgabe der Schulgrammatik, auf der Basis einer möglichst exakten Analyse des Sprachgebrauchs verbindliche Regeln zu formulieren. Wenn die Schulgrammatik aber Regeln formuliert, die vom Sprach­gebrauch deutlich abweichen, sind es nicht die Sprecher, die „Fehler machen“, sondern es sind die Regeln, die die sprachlichen Phä­nomene ungenügend beschreiben, indem sie z.B. aus einer Vielzahl von Variationen eine Alternative her­ausgreifen und für „richtig“ erklären, oder indem sie Veränderungen im Sprachgebrauch durch Sprachwandelprozesse nicht ausreichend berück­sichtigen.

Der Ansatz von Wellander 1973 ist, trotz der ausdrücklich normativen Orientierung (vgl. oben: „Die Frage nach dem richtigen Gebrauch...“), vielversprechender. Er erkennt die Grenzen der Regeln, die, wie die Subjektsre­gel (1.7) deutlich zeigt, zum einen nur auf der Ebene der syntaktischen Funktio­nen operieren und zum ande­ren lediglich die Alternativen „richtig“ - „falsch“ zulassen. Variation im Sprachgebrauch in Fällen, in denen die Regeln nicht ausreichen, führt Wellander 1973 auf indivi­duelle Unterschiede im „Sprachgefühl“ zurück.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diesem etwas nebulösen „Sprachgefühl“ auf die Spur zu kommen. Es ist voreilig und nicht notwendig, in Fällen, in denen die ausschließlich syntakti­schen Regeln nicht zur Be­schreibung ausreichen, gleich ein interindividuell variierendes Sprachgefühl anzunehmen. Mein Ziel ist es, über eine detaillierte Analyse des Vorkommens von RP vs. NRP herauszufinden, welche Faktoren wann dafür entscheidend sind, welches der Pro­nomina von den Sprechern verwendet wird; aus der Perspek­tive der Rezeption formuliert: Wie interpretiert ein Hörer unter welchen Umständen ein RP oder NRP?

Untersucht wird deshalb nicht nur, welche Rolle die syntaktische Funktionen (z.B. Subjekt) spielen, sondern auch, wie sich pragmatisch motivierte Prozesse des „information packaging in the clause“ (Foley & Van Valin 1985), z.B. Topikalisierung und Passiv, auswirken. Außerdem wird der Einfluß semantischer Faktoren und der Textgramma­tik sowie der Umstände der Äußerung (schriftliche oder mündliche, formelle oder private Kommunikation) mit einbezogen.

Die Analyse umfaßt nur den referentiellen und den „frei kombinier­baren“ Gebrauch des RP, es werden also weder der generische Gebrauch noch die Verwendung in Phraseologismen, Idiomen, festen Wendungen etc. be­rücksichtigt.

Die Untersuchung ist auf das Schwedische beschränkt. Zum überwiegenden Teil habe ich bereits vorhandene Literatur verschiedener Art zum schwedischen RP und typologische Literatur zu Reflexivität allgemein verarbeitet, ergänzt um Informantengespräche.[6] Ei­gene Tests wurden nicht durchgeführt.

Die Arbeit folgt keinem speziellen Grammatikmodell, sie ist aber insgesamt funktional orien­tiert.

1.3 Struktur der Arbeit

Die Arbeit ist in 5 Kapitel unterteilt. Nach der Einleitung wird in Kapitel 2 herausgearbeitet, was unter Reflexivität im Zusammenhang mit Possessivpronomina zu verstehen ist und insbesondere, wo die Unterschiede und wo die Gemeinsamkeiten zwischen personalen und possessiven Reflexivpronomina liegen.

Kapitel 3 ist eine ausführliche Darstellung der Syntax der schwedischen RP’s. Der Schwerpunkt liegt auf den zahlreichen „Ausnahmen“ von der Subjektsregel. In diesem Kapitel wird gezeigt, daß es viele Konstruktionen gibt, in denen das Korrelat eines RP nicht eindeutig das Subjekt ist; die Syntax läßt oft verschiedene NP’s als Korrelate zu. Dennoch ist die Möglichkeit einer NP, Korrelat eines bestimmten RP sein zu können, syntaktischen Restriktionen und Präferenzen unterworfen, die in den bisherigen, auch in den jüngsten Darstellungen der Syntax der schwedischen RP’s nicht oder nur unsystematisch berücksichtigt sind.

In Kapitel 4 wird den Faktoren jenseits der Syntax nachgegangen, die oben bereits erwähnt wurden (Textgrammatik usw.).

Kapitel 5 schließlich faßt die Ergebnisse zusammen; an diese Zusammenfassung schließen sich einige weiterführende Überlegungen zu den reflexiven Possessivpronomina und zu ihrem Verhältnis zu Reflexivpronomina und Possessivpronomina insgesamt an, sowohl einzelsprachlich in Bezug auf das Schwedische als auch typologisch.

Um die interlinearen Morphemübersetzungen möglichst lesbar zu gestalten und um sie nicht unnö­tig zu ver­kom­plizieren, wurden in dieser Arbeit verbale und adjektivische Formen nicht seg­mentiert und mor­phemübersetzt. Es wurde lediglich die deut­sche Entsprechung glossiert - so­fern nicht an vereinzelten Stellen besondere Phänomene aufgezeigt werden sollten. Im Bereich der Substantive und Pronomina sind die Glossen detaillierter. Auf eine explizite Morph-für-Morph-Segmentierung dieser Formen, auf die Angabe des Genus von Substantiven sowie auf eine gesonderte Angabe SG für Singularformen habe ich jedoch auch hier verzichtet, weil sie nur unnötig verwirren würde.

2 Über Reflexivität und reflexive Possessivpronomina

Der Ausdruck von Reflexivität ist ein Thema, zu dem es in der Sprachwissen­schaft eine Fülle an Literatur gibt. Reflexive Possessivpronomina scheinen dabei eher ein peri­pheres Phänomen zu sein. In Überblicksdarstellungen der Wortartensysteme in den Sprachen der Welt, z.B. bei Schachter 1985 oder Sasse 1993, werden RP’s nicht angesprochen, weder unter den Reflexiv- noch unter den Possessivpronomina.

In der Überblicksdarstellung zu „Reflexives and reciprocals“ von Lichtenberk 1994 werden die RP’s zwar erwähnt, er konzentriert sich aber auf die (personalen) Reflexivpronomina (sich etc.).

Syntaktische Darstellungen beziehen in die Diskussion von Reflexivität die RP’s nur am Rande mit ein (Givón 1990:639f; Payne 1997:202), andere erwähnen zwar die Existenz von RP’s, schließen sie aber aus der Diskussion von Reflexivierung aus (Van Valin / LaPolla 1997:393).

Bei der Diskussion typischer Subjekteigenschaften demonstrieren Andrews 1985:117 und Comrie 1989:68 die Eigenschaft „Kontrolle der Reflexivität“ allerdings am Beispiel von RP’s und nicht an den (personalen) Reflexivpronomina.

In speziellen Arbeiten zu Reflexivität spielen die RP’s kaum eine Rolle: Faltz 1985 geht nur an ganz wenigen Stellen und nur am Rande (z.B. S. 93, S. 277 (Fußnote)) auf reflexive Possessiva ein, ebenso Genius&iene 1987 (z.B. S. 15).

Zusammenfassend kann man feststellen, daß RP’s in der Literatur deutlich weniger Aufmerk­samkeit erfahren als die (personalen) Reflexivpronomina. Als Gründe hierfür kommen in Frage, daß RP’s in den Sprachen der Welt seltener als andere Ausdrücke für Reflexivität, nämlich (personale) Reflexivpronomina oder verbale Reflexiv-Affixe, anzutreffen sind, und daß die RP’s syntaktisch eine untergeordnete Rolle spielen. Während ein (personales) Reflexivprono­men typischerweise allein ein Satzglied bildet, ist ein RP als Determinans immer Teil eines Satzgliedes, vgl. die Sätze (2.1) und (2.2).

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In beiden Sätzen hat das Verb kammar ‘kämmt’ zwei Argumente. In (2.1) besteht die Objekt-NP nur aus dem REFL sig, in (2.2) ist die Objekt-NP komplex, das RP sin determiniert den NP-Kopf docka ‘Puppe’.

Bevor weitere Überlegungen zu möglichen Beziehungen zwischen RP’s und anderen Mitteln zum Aus­druck von Reflexivität, insbesondere zu (personalen) Reflexivpronomina, angestellt werden können, soll zunächst geklärt werden, was unter Reflexivität zu verstehen ist.

2.1 Semantische, morphologische und explizite Reflexivität

Im Prinzip bestehen zwei Möglichkeiten, die Beschreibung von Reflexivität oder genauer: von reflexiven Konstruktionen, anzugehen. Vgl. die beiden deutschen Sätze (2.3) und (2.4).

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Obwohl die beiden Sätze strukturell an der Oberfläche übereinstimmen, besteht im syntaktischen Status von sich ein grundlegender Unterschied. In Schema (2.5) sind einige syntaktische Opera­tionen für sich zusammengestellt, die in den beiden Sätzen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

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In (2.3) kann sich wie ein „normales“ Objekt behandelt werden: Es kann erfragt und topikalisiert werden, es kann mit anderen Objekten koordiniert werden, und es kann eine Sondernegation er­halten. Diese syntaktischen Operationen führen für sich in (2.4) alle zu ungrammatischen Sätzen. sich in (2.3) hat somit den Status eines Ar­guments zum Verb kämmt, Satz (2.3) ist transitiv, das Reflexivpronomen markiert lediglich den speziel­len Fall, daß das Objekt und das Subjekt den gleichen Referenten haben. Hingegen ist (2.4) ein intransitiver Satz, sich ist als Bestandteil des verbalen Prädikats zu analysieren.

Verallgemeinernd ergeben sich die folgenden Ansätze bei der Beschreibung von Reflexivität:

- Der anti-taxonomische Ansatz (Genius&iene 1987:15) geht semantisch-logisch vor: Er setzt als Bedingung für eine reflexive Konstruktion die Koreferenz zweier Argumente, z.B. von Subjekt und Objekt in einem transitiven Satz, voraus. Diese Art der Reflexivität wird auch „semantische Reflexivität“ genannt (z.B. Genius&iene 1987:27).

Satz (2.3) ist eine semantisch reflexive Konstruktion.

- Der taxonomische Ansatz (Genius&iene 1987:12) geht morphologisch vor: Er versteht unter ei­ner reflexi­ven Konstruktion jede Konstruktion, die eine Reflexivmarkierung enthält. Als Reflexivmarkierungen werden zunächst diejenigen sprachlichen Elemente identifiziert, die in se­mantisch reflexiven Konstruktio­nen die Koreferenz anzeigen wie das Reflexivpronomen sich in (2.3). Hinzu kommen solche Elemente, die, ohne die Funktion der Markierung von Koreferenz zu haben, mit den eben genannten Markierungen für semantische Reflexivität homonym sind, bei­spielsweise sich in (2.4), oder erkennbar aus diesen abgeleitet sind wie das isländische Ver­balsuffix -st. Dieses Verbalsuffix kennzeichnet im modernen Isländisch v.a. mediale Verben. Entstanden ist es durch die Reduzierung eines ehemals freien, nachgestellten Reflexivpronomens sik (AKK.M), das über eine Zwischenstufe der Klitisierung zum Suffix - sk im Altisländischen und schließlich zu - st im modernen Isländisch reduziert ist.[7] Vgl. das folgende isländische Beispiel (2.6):

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Eine reflexive Konstruktion ist demnach morphologisch reflexiv, wenn sie eine Reflexivmarkierung ent­hält.[8]

Satz (2.3) kann nach dem taxonomischen wie nach dem anti-taxonomischen Ansatz als reflexive Kon­struktion gelten: Er enthält die Reflexivmarkierung sich, und er erfüllt die Koreferenzbe­dingung. Als Bezeichnung für solche reflexive Konstruktionen wird hier der Terminus explizit reflexiv eingeführt.

Anders ist die Situation in Satz (2.4), wo zwar ebenfalls die reflexive Form sich vorkommt, aber keine re­flexive Konstruktion im Sinne von Koreferenz zwischen zwei Argumenten vorliegt: Konstruktionen, die zwar eine Reflexivmarkierung enthalten, aber nicht die Koreferenzbedingung erfüllen, werden auch als inhärent reflexiv bezeichnet (z.B. Primus 1989:54).

Die inhärent reflexiven Konstruktionen werden in der Literatur im allgemeinen als Form von Diathese, speziell als ein Prozeß zur Valenzreduktion behandelt (z.B. Wunderlich 1993, Comrie 1985:325f). Be­sonders die Polyfunktionalität der Reflexivmarkierungen und die enge morphosyntaktische und seman­tisch-syntaktische Beziehung zwischen Reflexiv und Medium, Passiv und/oder Antikausativ wird betont (z.B. Kemmer 1993:42, Klaiman 1991:45f, Faltz 1985:13).

Inhärent reflexive Konstruktionen und reflexive Diathese spielen für die weitere Untersuchung der RP’s keine Rolle, weil für die RP’s die Koreferenzbedingung der entscheidende Faktor ist.

In Satz (2.6) wurde gezeigt, daß eine morphologisch reflexive Konstruktion nicht auch seman­tisch reflexiv zu sein braucht. Umgekehrt gilt, daß eine semantisch reflexive Konstruktion nicht zwingend morphologisch reflexiv sein muß. Der folgende Satz (2.7) demonstriert dies. Obwohl Koreferenz zwi­schen zwei Argumenten vorliegt, wird im Fering, der nordfriesischen Varietät auf der Insel Föhr, keine spezielle Reflexivmarkierung verwendet, sondern das Personalprono­men, im Beispiel ham ‘3SG.AKK’. Kontextfrei hat (2.7) also zwei Lesarten, eine reflexive in (2.7) (a) und eine nicht-reflexive in (2.7) (b).

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Der Ausdruck semantischer Reflexivität ohne spezielle morphologische Markierung ist aller­dings ein eher seltenes Phänomen auf der Ebene der Satzglieder, denn „when subject and object of a transitive verb coincide in reference, most languages provide a distinctive treat­ment.“ (Anderson 1985:192). Im Bereich der Possessiva scheint allerdings der Ausdruck von se­mantischer Reflexivität mittels spezieller Reflexivmarkierungen (explizite Konstruktion) in­nerhalb der NP weniger verbreitet zu sein, wie in der Einleitung zu diesem Kapitel deutlich wurde.

2.2 Explizite reflexive Konstruktion und reflexives Possessiv­pronomen

Da meines Wissens umfangreichere funktionale oder typologische Ana­lysen von RP’s bisher fehlen, erscheint es sinnvoll, bei der Untersuchung der RP’s von den Arbeiten zu den persona­len Reflexivpro­nomina auszugehen. Vergleichen lassen sich die syn­taktischen Umgebungen, in denen RP’s vorkommen, nur mit explizit reflexiven Konstruktionen. Denn ausschließlich hier sind die bei­den Bedingungen erfüllt, die auch das RP charakterisieren:

i) semantische Reflexivität: Innerhalb der reflexiven Konstruktion verweisen zwei Ausdrücke auf den gleichen Referenten (Koreferenzbedingung);

ii) morphologische Referenz: Innerhalb der reflexiven Konstruktion kommt eine Reflexivmarkierung vor.

Erfolgt die in ii) geforderte Reflexivmarkierung durch ein spezielles Pronomen, heißt dieses Pronomen Reflexivpronomen. Um sinnvoll von einem personalen Reflexivpronomen (oder reflexiven Personalpronomen) in einer Sprache sprechen zu können, muß es in Opposition zu diesem ein nicht-reflexives Personalpro­nomen geben, das sich formal vom reflexiven Pronomen unterscheidet. Analog zu den Personal­pronomina setzt die Exi­stenz eines RP ein NRP voraus.

Besteht in einer semantisch reflexiven Konstruktion keine Opposition zwischen einer reflexiven und einer nicht-reflexiven Form wie im Falle des Personalpronomens der 3.Pers.SG ham im Fe­ring (vgl. (2.7)) oder des Possessivpronomens sein im Deutschen (vgl. (1.1)), ergibt sich daraus, daß es im Fering (zumindest für die 3.Pers.SG) lediglich ein einziges Personalpronomen gibt, das allerdings refle­xiv oder nicht-reflexiv ge­braucht werden kann. Auf den reflexiven und den nicht-reflexiven Gebrauch beim Possessivpronomen im Deutschen wurde bereits im vorigen Kapitel hingewie­sen.

Für den Vergleich von (personalen) Reflexivpronomina mit RP’s in explizit reflexiven Kon­struktionen sind drei Fragestellungen entscheidend:

- Lassen sich RP’s syntaktisch mit dem gleichen Instrumentarium beschreiben wie personale Reflexiv­pronomina, oder sind andere Kategorien oder Ebenen zur Beschreibung notwendig?
- Unterliegen die RP’s den gleichen Regeln, Tendenzen und Hierarchien wie die personalen Re­flexiv­pronomina, oder gibt es Abweichungen (und wenn ja: welche Abweichungen)?
- Gibt es im morphologischen Bereich Übereinstimmungen und Beziehungen zwischen den RP’s und den personalen Reflexivpronomina?

Im folgenden möchte ich diese Fragestellungen etwas genauer skizzieren.

2.2.1 Das Instrumentarium zur Beschreibung

Eine präzise und eng umrissene Darstellung bestimmter semantisch reflexiver Konstruktionen findet sich bei Mosel 1991. Ausgangspunkt ist auf der semantischen Ebene die transitive Ak­tion, die definiert ist „as an action which involves two distinct participants, an agent and a patient“ (S.176). Die Repräsenta­tion der transitiven Aktion auf morphosyntaktischer Ebene erfolgt prototypisch durch die „cardinal transitive construction“: „a cardinal transitive construction is a clause formed by a bi-valent verb and two obligatory core arguments A and O which refer to the agent and the patient respectively.“ (ebd.)

Eine reflexive Aktion hat, als spezielle Form der transitiven Aktion, nur einen einzigen Partizi­panten, der gleichzeitig die Rolle des Agens und des Patiens einnimmt. Reflexive Konstruktio­nen als syntaktische Einheiten sind „clauses which express reflexive actions and which are mor­pho-syntactically related to transitive con­structions“ (S. 178). Die geforderte Beziehung zwi­schen transitiver Konstruktion (TK) und reflexiver Konstruktion (RK) kann auf verschiedene Weisen deutlich werden:

i) TK und RK haben die gleiche Struktur, die Koreferentialität von A und O wird, zumindest op­tional, durch Partikel ausgedrückt;
ii) RK steht mit TK durch den Gebrauch eines speziellen Pronomens in Relation;[9]
iii) RK steht mit TK durch bestimmte Veränderungen des Verbs, z.B. ein Reflexivaffix, in Re­lation.

Ein solches Affix darf allerdings nicht die Valenz des Verbs reduzieren. Sonst ist die Bedingung für eine transitive Aktion nicht mehr erfüllt. Ein Beispiel von Van Valin / LaPolla 1997:392f aus dem Lakhota il­lustriert ein Reflexivaffix am Verb, das keine Valenzänderung bewirkt (siehe dort für weitere Details).

Ausdrücklich ausgenommen sind bei Mosel 1991 intransitive oder semitransitive Konstruktio­nen, in denen nicht A und O die referenzidentischen Argumente sind, sondern andere Satzglieder wie „Dativ“, „Lokativ“ usw.

Bei der Anpassung dieser Definition der reflexiven Konstruktion als speziellen Fall der transiti­ven Konstruktion an die Besonderheiten der reflexiven Possessivkonstruktion ergeben sich die folgenden Modifikationen:

Ausgangspunkt ist die „normale“, die nicht-reflexive Possessivkonstruktion. Bei der Beschrei­bung von Possessivausdrüc­ken wird zwischen possessiven NP’s und possessiven Sätzen unter­schieden (z.B. Payne 1997:104). Die possessiven NP’s sind dabei als der Kernbereich des Aus­drucks von Possession anzusehen, vgl. Seiler 1981:7:

„Syntactically speaking, POSSESSION is a relation between nominal and nominal, which is not media­ted by a verb. Predication, specifically a verb of possession, does contribute to the expression of POS­SESSION - but only to the extent that such a predication or such a verb refers to the particular mode of the possessive relationship and to nothing else.“

Unter einer Possessivkonstruktion wird im folgenden nur eine possessive NP verstanden. Syn­taktisch ausgedrückt wird die Possession innerhalb der NP z.B. durch Genitivattribute (Nadjas Puppe, die Puppe des Mädchens), PP-Attribute (die Puppe von dem Mädchen), Possessivaffixe (vgl. türkisch: k¢z-¢n bebe-i ‘Mädchen-GEN Puppe-POSS.3’) oder eben Possessivpronomina (ihre Puppe). Eine kardinale Possessivkonstruktion ist eine NP, die nur die Ausdrücke für den Possessor und das Possessum enthält.

Analog zur reflexiven Konstruktion als speziellen Fall einer transitiven Konstruktion oben kann die re­flexive Possessivkonstruktion als spezieller Fall der „normalen“, nicht-reflexiven Posses­sivkonstruk­tion interpretiert werden. Wie bei der oben diskutierten reflexiven Konstruktion nach Mosel 1991 muß auch bei den Possessivkonstruktionen die Beziehung zwischen reflexiver und nicht-reflexiver Konstruktion deutlich sein. Eine solche Beziehung kann sich durch eine spezielle Morphologie innerhalb der possessiven NP manifestieren, z.B. durch spezielle reflexive Possessiv­affixe oder durch spezielle reflexive possessive Pronomina. Die Markierungen für re­flexive Possession verhalten sich syntaktisch / topologisch im Idealfall wie die Markierungen für nicht-reflexive Possession.

Nachdem geklärt ist, was unter einer reflexiven Possessivkonstruktion zu verstehen ist, folgt als nächster Schritt die Anpassung des Instrumentariums zur Beschreibung. Erneut gehe ich von Mosel 1991 aus.

Bei der Beschreibung der reflexiven Konstruktion unterscheidet Mosel 1991, in Anlehnung an Genius&iene 1987, drei Ebenen (S. 177):

1. Die Ebene der syntaktischen Funktionen. NP’s fungieren als zentrale oder periphere Argu­mente auf der Ebene der syntaktischen Funktionen. Anzahl und Form der Argumente sind durch die Verbvalenz bestimmt.
2. Ebene der semantischen Rollen. Die Bedeutung des Verbs bestimmt die semantischen Rollen der Ar­gumente, z. B. Agens und Patiens im prototypischen (oder kardinalen) transitiven Satz.
3. Ebene der Partizipanten. „Participants are all entities which are involved in the state of affairs denoted by the clause.“ (Mosel 1991:177)

In Schema (2.8) ist Satz (2.3) aus dem vorigen Abschnitt auf diesen drei Ebenen beschrieben.

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Am Anfang dieses Kapitels wurde bereits am Beispiel der Sätze (2.1) und (2.2) darauf hingewie­sen, daß das RP allein, im Gegensatz zum personalen Reflexivpronomen, kein Satzglied bil­den kann, son­dern als Determinans immer nur Teil eines Satzgliedes ist.

Diese größere syntaktische Komplexität führt zu Problemen, wenn ein Satz mit RP auf den drei o.g. Ebenen be­schrieben werden soll. In (2.9) wurde dies für Satz (2.2) versucht:

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Auf der Ebene der Partizipanten läßt sich nicht befriedigend verdeutlichen, daß Nadja und das RP sin auf den gleichen Partizipanten verweisen, weil sin Bestandteil der Objekt-NP ist, die als ganzes den Patiens und den Partizipant 2 ausdrückt.

Deshalb wird in Schema (2.10) eine zusätzliche Beschreibungsebene eingeführt, die Ebene der

Possessorrelationen.

Die semantischen Rollen der Argumente sind in Beziehung zur Verbbedeutung definiert (vgl. oben). Der syntaktische Ausdruck der semantischen Rollen erfolgt typischerweise durch NP-Ar­gumente des Verbs. Possessor und Possessum sind in diesem Sinn keine semantischen Rollen, denn sie werden nicht durch die Verbsemantik be­stimmt.[10]

Aus diesem Grund ist die Einführung der Ebene der Possessorrelationen gerechtfertigt und zur Be­schreibung reflexiver Possession zweckmäßig.

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Auch bei einer syntaktisch tieferen Einbettung des RP können mittels der Possessorrelationen die einzel­nen Partizipanten gut analysiert und beschrieben werden, wie (2.11) illustriert:

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Als reflexiv wird eine Possessivkonstruktion dann bezeichnet, wenn durch einen speziellen Possessorausdruck (z.B. ein RP) angezeigt wird, daß dieser spezielle Possessorausdruck densel­ben Referenten wie ein anderes Nominal des Kotextes hat. Ein solcher spezieller Possessorausdruck heißt reflexiv.

Der Umfang und die Form des Kotextes kann zwischen den Sprachen variieren. Die typische Kotexteinheit, in welcher der spezielle, reflexive Possessorausdruck zur Anzeige der Koreferenz verwendet wird, ist der Satz. Es kann auch eine größere oder kleinere Einheit sein, z.B. ein komplexer Satz oder eine NP.

2.2.2 Syntaktische Ähnlichkeiten zwischen possessiven und personalen Reflexivpronomina

Die Kontrolle des Reflexivums zählt zu den wichtigen Eigenschaften des prototypischen Sub­jekts (vgl. z.B. Keenan 1976:315; Comrie 1989:68; Andrews 1985:117; Dik 1997:260). Aber nicht nur Subjekte können ein Reflexivum kontrollieren, sondern unter bestimmten Bedingungen auch Satzglieder, die andere syntaktische Funktionen erfüllen.

Primus (1989) hat für das (personale) Reflexivpronomen im Deutschen einen Akzeptabilitätstest durchgeführt. Ca. 80 Versuchspersonen sollten verschiedene Sätze, die das Reflexivpromonen sich enthielten, mit Noten von 1 (sehr gut akzeptabel) bis 5 (inakzeptabel) versehen. Sowohl An­tecedens als auch Reflexivum kamen in den Sätzen in verschiedenen Kombinationen als Nomi­nativ-, Dativ- und Akkusativargument sowie in präpositionalen Satzgliedern (d.h. Argumenten und Adjunkten des Satzes, die die Form einer PP haben) vor.

Ein wesentliches Ergebnis in Primus’ Untersuchung, die einem generativen Grammatikmodell folgt, ist die folgende Hierarchie (2.12), die von Primus für „die Ebene der ‘morphologischen’ Kasusrelationen“ aufgestellt worden ist (sog. m-Hierarchie, S. 66):

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Die Überführung der m-Hierarchie in eine Hierarchie von grammatischen Relationen für das Deutsche ist möglich, „wenn man [...] grammatische Relationen als Kasusrelationen definiert“ (ebd.). Daraus ergibt sich (2.13):

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Primus untersucht darüber hinaus u.a. im Bereich der Wortstellung den Einfluß von Topikalisierungen auf die Bewertung der Sätze. Dabei zeigt sich, daß Abweichungen von der unmarkierten Satzgliedfolge durch Topikalisierung eines Nicht-Subjekts mit einem schlech­teren Akzeptabilitätswert einhergehen. Satz (2.14) (= Primus’ Satz (3a)) erhielt den Akzepatabili­tätswert 1, Satz (2.15) (Primus’ Satz (29a)) mit einem topikalisierten präpositiona­len Satzglied hingegen nur den Wert 3:

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Bemerkenswert ist auch, daß der folgende Satz (2.16) (= Primus’ Satz (4)) den guten Akzeptabilitätswert 2 erreicht, obwohl das Korrelat des Reflexivpronomens, Peter, syntaktisch auf der Hierarchie (2.13) sehr weit hinten rangiert: Mit der Präposition von bildet es ein Adverbial.

Auf die Problematik der Verwendung der Partikel selbst wird weiter unten noch genauer eingegangen.

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Primus notiert diese Besonderheit als sog. Agens-Effekt (S. 62ff) und bezieht somit in gewissem Umfang die semantischen Rollen („Q-Rollen“) in ihre Betrachtung mit ein. Worauf sie jedoch nicht eingeht, ist der Unterschied der beiden Referenten bezüglich des Grades an Belebtheit: Peter ist [+hum], Brief ist [-anim].

Es gibt also einige Hinweise darauf, daß die Syntax und insbesondere die Hierarchie der syntaktischen Funktionen nicht der einzige Faktor ist, der Einfluß auf das Vorkommen des Reflexivpronomens im Deutschen hat.

Bei der Analyse der Syntax der schwedischen RP’s in Kapitel 3 wird sich eine Hierarchie zei­gen, die (2.13) ziemlich ähnlich ist; weiterhin wird deutlich, daß auch im Schwedi­schen Topikalisierungen oder Konstruktionen, in denen der Agens nicht im Subjekt enkodiert ist (Passiv), einen bedeutenden Einfluß haben und mit der Subjektsregel kollidieren können.

Die Bedeutung des Faktors „Belebtheit“ wird in Abschnitt 4.1 ausführlicher diskutiert.

Zu kritisieren ist an Primus’ Test, daß nur gerundete Durchschnittsnoten der Bewertung ange­geben werden, detaillierte Angaben über die Variation in der Bewertung fehlen. Überhaupt ent­hält Primus dem Leser das gesamte Material an Rohdaten vor wie auch die Einzelheiten der Da­tenerhebung; so wird z.B. nicht deutlich, nach welchen Gesichtspunkten die Sätze variiert wur­den und an welchen Stellen sie konstant blieben.

Bezüglich der Datenerhebung muß man Primus’ Hinweisen nach davon ausgehen, daß den Pro­banden lediglich eine Liste einzelner Sätze, die das Reflexivpronomen sich enthalten, zur Bewer­tung vorgelegt wurde. Die Frage nach der Akzeptabiliät wurde nicht gecovered. Primus’ Vorgehensweise hat sicherlich den Vorteil, daß so sehr viele untersuchungsrelevante Daten in kurzer Zeit erhoben werden können, der Nachteil ist aber - und dieser Nachteil ist nach meiner Auffassung als schwerwiegend zu beurteilen -, daß durch die Menge an isolierten Sätzen, die zudem häufig eben nicht eindeutig akzeptabel oder eindeutig inakzeptabel sind, sondern sich in der „Grauzone“ von mehr oder weniger akzeptabel bewegen, und durch die eindeutige Konzen­tration auf Reflexiva die Probanden in ihrer Bewertung wahrscheinlich soweit verunsichert wur­den, daß sich Abweichungen von der unmittelbaren, „natürlichen“ Einschätzung der Akzeptabili­tät ergeben haben könnten.

Zweifel am Ergebnis der Bewertungen, hervorgerufen durch die methodischen Mängel, sind z.B. bei den beiden Sätzen (2.14) (Primus’ Beispiel (3a)) und (2.17) (Primus’ Beispiel (2c), siehe unten) angebracht. Sie sind nach meiner Einschätzung und auch nach der einiger anderer Muttersprachler, denen ich die Sätze vorgelegt habe, keinesfalls als sehr gut akzeptabel zu bewerten, wie dies in Primus’ Untersuchung geschieht.

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(2.17) ist noch aus einem anderen Grund interessant. Primus’ Corpus enthält zwei weitere Sätze gleicher Struktur, (2.18) (Primus’ Beispiel (2a)) und (2.19) (Primus’ Beispiel (2b)), in denen je­weils der Antecedens ein Akkusativargument bzw. Objekt ist und die Reflexiv-NP ein Dativar­gument bzw. indirektes Objekt ist. Diese beiden Sätze wurden ebenfalls als sehr gut akzeptabel bewertet.

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Zu den Sätzen (2.17) bis (2.19) ist anzumerken, daß die Partikel selbst in jedem Fall stehen muß, andernfalls werden die Sätze inakzeptabel oder kaum akzeptabel. Primus geht jedoch nicht nä­her auf die Bedingungen ein, weshalb hier selbst obligatorisch ist. Immerhin gilt die Verwen­dung von selbst eher als pragmatisch oder semantisch gesteuert; z.B. Eisenberg 1989:192 nimmt an, „daß selbst [E.s Hervorhebung] ziemlich unrestringiert zu Nominalen hinzutreten kann und dabei allgemein eine emphatische und möglicherweise auch bestimmte semantische Funktionen hat“.

Die Sätze (2.17) bis (2.19) sind als markierte Konstruktionen anzusehen, weil die Refe­renzidentität von Rezipiens und Patiens bei ditransitiven Verben ungewöhnlich ist. Ihre Rele­vanz für weitergehende Verallgemeinerungen ist m.E. fraglich, zumal sie noch an die besondere Bedingung geknüpft sind, daß die Partikel selbst stehen muß.

Die Konsequenz aus den geäußerten Bedenken ist, daß die Hierarchisierung von Objekt > indi­rektes Objekt (bzw. Akkusativargument > Dativargument) gründlicher untersucht werden muß.

Zu fragen ist nun, ob in Sprachen, die über sowohl (personale) Reflexivpronomina als auch über RP’s verfügen, z.B. eine Hierarchie von grammatischen Relationen für beide Pronomina in ver­gleichbarer Weise gilt, oder ob Unterschiede bestehen; weiterhin ist von Interesse, welchen Einfluß Faktoren jenseits der Syntax, wie sie oben angedeutet wurden, auf die beiden Pronomina haben.

Eine umfassende Analyse der Verhältnisse in diversen Einzelsprachen kann dann in einem näch­sten Schritt Hinweise darauf geben, welche Verallgemeinerungen sich für das Verhältnis von RP’s und (personalen) Reflexivpronomina ergeben.

2.2.3 Morphologische Ähnlichkeiten zwischen possessiven und personalen Reflexivpronomina

Sasse (1993:674f) unterscheidet morphologisch fünf Möglichkeiten für ein Reflexivpronomen: „Besides being expressed by a special verb form, reflexivity can also be expressed in the langua­ges of the world by one of the following means:“

- ein unveränderliches Reflexivpronomen, z.B. Somali is;
- ein veränderliches Reflexivpronomen, in dem verschiedene grammatische Kategorien wie Per­son, Genus, Kasus, Numerus usw. ausgedrückt werden; z.B. lettisch sev-, das nach Kasus und Numerus flektiert;
- ein nominales Element mit der Bedeutung ‘selbst’, mit oder ohne Possessivpronomen oder Possessivsuffix, z.B. türkisch kendi- (+Possessivsuffix);
- ein nominales Element mit „more general meaning“ wie z.B. ‘Kopf’, ‘Körper’ oder ‘Seele’, beispielsweise arabisch nafs ‘Seele’;
- andere Konstruktionen, auf die ich nicht näher eingehe.[11]

In Anlehnung an Sasses Typologie lassen sich für die reflexiven Possessivpronomina zunächst die folgenden Möglichkeiten finden:

- ein veränderliches RP, in dem verschiedene grammatische Kategorien wie Person, Genus, Ka­sus, Numerus usw. ausgedrückt werden; z.B. lettisch sav -, das nach Genus, Kasus und Numerus flektiert wird;

- ein adjektivisches Element mit der Bedeutung ‘eigen’, z.B. estnisch oma;

Ähnlich der speziellen verbalen Morphologie zum Ausdruck von Reflexivität im Satz findet sich in manchen Sprachen eine spezielle nominale Morphologie zum Ausdruck der reflexiven Pos­session, z.B. im Westgrönländischen. Hier wird die Possessum-NP durch Possessivsuffixe für den Possessor gekennzeichnet. Bei reflexiver Possession wird das Possessivaffix der sog. 4.Pers. verwendet. Vgl. (2.20) mit reflexiver und (2.21) mit nicht-reflexiver Possession (Beispiele aus Janussen 1987:21):

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Für die RP’s ist neben dieser allgemeinen Typologie insbesondere das Verhältnis zu den personalen Reflexivpronomina einerseits und zu den nicht-reflexiven Possessivpronomina andererseits von Interesse. Drei Möglichkeiten sind zu unterscheiden:

- das RP ist eine spezielle Form „Genitiv“ des personalen Reflexivpronomens, z.B. Kannada tanna (3.Pers.SG) bzw. tamma (3.Pers.PL);

- das RP ordnet sich als spezielle Form in das Paradigma der Possessivpronomina ein, z.B. is­ländisch sín (nur 3.Pers.);
- das RP ist morphologisch unabhängig von sowohl personalen Reflexivpronomina als auch von nicht-reflexiven Possessivpronomina, z.B. estnisch oma.

Genauere Analysen zum Verhältnis von RP’s und personalen Reflexivpronomina stehen, so­weit ich weiß, noch aus.

2.3 Reflexive Possessivpronomina in den nordgermanischen Sprachen und in den Sprachen der Welt

Eine Unterscheidung von RP vs. NRP wird nicht nur im Schwedischen getroffen, sondern in vielen an­deren Sprachen auch, z.B. in allen nordgermanischen Sprachen. Haugen 1984:105 bemerkt in seinem kurzen „kontrastivem Abriß“ der Syntax der nordgermanischen Sprachen:

„Das reflexive Possessivpro­nomen sin ist charakteristisch für die skandinavischen[13] Sprachen. Es unterscheidet sich vom deutschen sein dadurch, daß es sich nur auf das Subjekt des Satzes beziehen kann.“

Haugens Aussage ist im Kern richtig, sie vereinfacht aber die Verhältnisse deutlich (was Haugen sicher­lich bewußt war, als er diesen „Abriß“ schrieb). Auf die folgenden vier wichti­gen Punkte möchte ich mit Haugen als Ausgangspunkt hinweisen:

i) Koreferenz mit dem Subjekt wird, wie auch oben in der Subjektsregel (1.7), von Haugen als Grund­bedingung für das Vorkommen des RP genannt. Dadurch wird jedoch lediglich der ein­fachste und pro­totypische Fall beschrieben. Im Schwedischen können bestimmte Nicht-Subjekte ebenfalls Korrelat eines RP sein, vgl. beispielsweise (2.22) und (2.23):

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In (2.22) ist vi ‘1PL’ Satzsubjekt, Svensson als Korrelat des RP ist einerseits Objekt zu erinrade ‘erinnerten’, fungiert aber andererseits auch als Subjekt des Infinitivs vattna ‘gießen(INF)’. Die gesamte Infinitivphrase, gekennzeichnet durch die eckigen Klammern [ ], ist zusammen mit der Präposition om ‘an’ präpositionales Objekt zu erinrade.

In (2.23) ist Svenssons ein pränukleares Genitivattribut zum Kopf besök ‘Besuch.PL’ in einer von mot ‘gegen’ regierten Präpositionalphrase, die ihrerseits Komplement zum Kopulakomplement misstänksamma ‘mißtrauisch.PL’ ist. Subjekt des Satzes ist aber vi ‘1PL’.

Eine ausführliche Darstellung und Diskussion dieser und weiterer „Ausnahmen“ von der Sub­jektsregel erfolgt in Kapitel 3.

ii) Die Unterscheidung von RP vs. NRP gibt es, wie Haugen feststellt, in allen nordgermani­schen Spra­chen. Im großen und ganzen stimmen die syntaktischen Umgebungen überein, in de­nen entweder das RP oder das NRP vorkommt. Es sind aber auch zwischen den verschiedenen Sprachen gewisse Unterschiede festzustellen, vgl. das Vorkommen des NRP im Schwedischen gegenüber dem RP im Isländischen in den folgenden beiden Sätzen (2.24) und (2.25):

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Das NRP hans im Komplementsatz ist trotz der Koreferenz mit dem Subjekt Svensson dadurch be­gründet, daß der Bezug des RP auf das Subjekt nur für den einfachen Satz gilt. Svensson ist Subjekt im Matrix­satz, im Komplementsatz aber ist grannen ‘Nachbar.DEF’ das Subjekt, und mit die­sem Subjekt ist das Possessivpronomen nicht koreferent.

Anders ist die Situation im Isländischen. Dort kann das RP in einem Konstituentensatz wie in (2.25), wo es das Objekt des Konstituentensatzes determiniert, das Matrixsatzsubjekt (und nicht das Subjekt des Konstituentensatzes) als Korrelat haben:

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Solche sog. „long-distance anaphora“ kommt insbesondere vor „in a clause that [is] viewed from the perception of the antecedent - that is, in a logophoric context“ (Napoli 1993:15); sie ist aber nicht auf logophorische Kontexte beschränkt.

Auch für norwegische Dialekte, v.a. im Westen des Landes, ist der Gebrauch von reflexiven Pronomina bei Koreferenz in bestimmten komplexen Sätzen über die Satzgrenzen hinweg belegt (z.B. Nørstebø Moshagen & Trosterud 1990). Weder auf die norwegischen Beispiele noch auf die umfangreiche Lite­ra­tur der satzübergreifenden Reflexivpronomina zum Isländischen (z.B. Holmberg & Platzack 1995) werde ich im weiteren näher eingehen.

Nicht nur zwischen dem Schwedischen und dem Isländischen, sogar zwischen dem Schwedi­schen und dem noch enger verwandten Dänischen lassen sich Unterschiede im Gebrauch von RP vs. NRP finden, nämlich bei der Topikalisierung eines Nicht-Subjekts mittels Cleft. (2.27) zeigt den pragmatisch neutralen Satz mit regelmäßigem, satzintern auf das Subjekt bezogenem RP. Ergebnis der Topikalisierung ist der Cleftsatz (2.28), in welchem die NP Svensson und das RP in zwei verschiedenen Sätzen zu stehen kommen. Svensson steht formal als Subjekt in einem Rela­tivsatz, das RP in der Kopulakomplement-NP im Matrixsatz.

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In (2.28) ist das Relativpronomen som eingeklammert, weil im Schwedischen ein Relativpronomen, das nicht Subjekt im Relativsatz ist, oft nicht realisiert wird.

Im Dänischen steht erwartungsgemäß in der Entsprechung zum schwedischen, pragmatisch un­markierten Satz (2.27) ebenfalls das RP, in der Entsprechung zum Cleftsatz (2.28) jedoch, im Ge­gensatz zum Schwedischen, das NRP. Vgl. (2.27) mit (2.29) und (2.28) mit (2.30), wo ebenfalls das Relativpronomen ausgefallen ist:

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Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, daß im Dänischen die Unter­scheidung RP vs. NRP nur für Possessoren der 3.Pers.SG getroffen werden. Im Plural ist diese Distink­tion aufgehoben: deres als Possessivpronomen der 3.Pers.PL wird reflexiv und nicht-re­flexiv gebraucht.

Für das RP sín im Färöischen notieren Barðdal et al. (1997:312), daß es „ziemlich selten vor­kommt“, ohne jedoch näher auf Einzelheiten einzugehen. Lockwood 1964:118 stellt fest, daß für Possessoren der 3.Pers.PL häufig das NRP teirra anstelle des RP sín verwendet wird und in­terpretiert dies als „Danismus“, d.h. als Interferenzerscheinung, die durch die starke Präsenz des Dänischen in der färöischen Sprachgemeinschaft bewirkt wird.

Aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich, daß Beobachtungen, die in der einen skandinavi­schen Sprache gemacht werden, nicht ohne weiteres auf die nächste übertragen werden können, trotz der en­gen Ver­wandtschaft und der großen Ähnlichkeit besonders der festlandskandinavi­schen Sprachen; alle Beobachtungen müssen gesondert überprüft werden.

iii) Haugens Aussage impliziert, daß es im Deutschen keinen Unterschied zwischen RP und NRP gibt; durch die Wahl der Beispielsätze (1.1) und (1.2) am Beginn des einleitenden Kapitels habe ich diese Auf­fassung unterstützt. Eine differenziertere Betrachtung der Verhältnisse im Deutschen führt allerdings zu dem Ergebnis, daß das oben gesagte zwar für die Standardvarietät des Deutschen zutrifft, nicht aber für alle regionalen und/oder lokalen Varietäten. Beispielsweise in der Nürnberger Stadtmundart (Ostfränkisch) gibt es zwei morphosyntaktisch verschiedene Ausdrücke für reflexive und für nicht-refle­xive Possession, wie (2.31) und (2.32) als Entspre­chungen der standardsprachlichen Sätze (1.1) und (1.2) demonstrieren.

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Es spricht nach meiner Auffassung nichts dagegen, seine aus (2.31) und demmseine aus (2.32) als RP re­spektive NRP zu bezeichnen. demmseine ist phonetisch ein einziges Wort. Werden zwei Wörter artikuliert, demm seine, ist demm als freier Dativ zu analysieren („dativus commodi“, vgl. Engel 1988:193). Das RP seine hat dann nicht das Subjekt als Korrelat, sondern das direkt vorausgehende Satzglied.

Eine ähnliche Unterscheidung von RP vs. NRP scheint nach den Hinweisen, die ich erhalten habe, auch z.B. im Niederalemannischen (Ravensburg), Mittelfränkischen / Ripuarischen (Köln), Rheinfränkischen / Pfälzischen (Kaiserslautern) und im (Mittel)Bairischen (Passau) vorzuliegen.

Genauere Analysen dieser Possessivpronomina stehen, soweit mir bekannt ist, allerdings noch aus.

Der Blick auf die deutschen Nicht-Standardvarietäten zeigt, daß es nicht ausreicht, Grammatiken zu konsultieren, die auf eine Standardvarietät beschränkt sind. Denn einerseits zeigt das Beispiel des Deutschen, daß in einer Sprache, die „eigentlich“, d.h. in ihrer Standardvarietät RP und NRP nicht unterscheidet, in den Varietäten außerhalb dieser Standardvarietät durchaus diese Unterscheidung durchaus vorgenommen werden kann. Und umgekehrt muß damit gerechnet werden, daß die für eine Sprache doku­mentierte Unterscheidung von RP vs. NRP von der Sprechergemeinschaft nicht oder kaum (mehr) getroffen wird wie z.B. im Finnischen.

iv) Als letzte Anmerkung zu Haugens Aussage oben ist festzustellen, daß die Unterscheidung von RP vs. NRP für die nordgermanischen Sprachen möglicherweise charakteristisch ist, sie ist aber keineswegs exklusiv nur in diesen Sprachen anzutreffen, wie bereits angedeutet wurde. Ich habe Hinweise auf die Unterscheidung von RP vs. NRP in ungefähr 40 Sprachen gefunden. Eine Übersicht findet sich in Anhang 1. Diese Sprachen sind genetisch verschiedenen Familien und areal verschiedenen Weltgegenden zuzuordnen. Die Unterschei­dung von RP vs. NRP ist demnach keineswegs ein Phänomen, daß genetisch auf (bestimmte) indoeuro­päische Sprachen und/oder areal auf die Ostseeregion beschränkt ist, wenn auch eine besondere Vorkommensdichte in diesen Bereichen festzustellen ist. Berücksichtigt sind Sprachen, in denen RP und NRP in irgendei­ner Form unterschieden werden können, wobei nicht vermerkt wird, für welche Kategorien (z.B. Person) der Unterschied RP vs. NRP gemacht wird, ob nur Subjekte oder auch andere syn­taktische Einheiten Korrelat eines RP sein können und unter welchen Bedingungen dies möglich ist, ob und/oder wann die Differenzierung von RP vs. NRP obligatorisch ist usw. Entscheidend ist allein der Hinweis darauf, daß die Differenzierung von RP vs. NRP getroffen werden kann.

Die erste oberflächliche Betrachtung der Sprachdaten legt zwei Implikationen als universelle Tendenzen nahe:

- Wenn eine Sprache über possessive Reflexivpronomina verfügt, verfügt sie auch über personale Reflexivpronomina.
- Wenn eine Sprache über RP’s für die 1./2. Person verfügt, verfügt sie auch über RP’s für die 3.Pers. (vgl. hierzu auch Lichtenberk 1994:3505).

Nicht berücksichtigt wurden bei der Auswahl der Sprachen Ausdrücke wie eigen als Kriterium für eine Unterscheidung von RP vs. NRP. Im folgenden sollen zum Abschluß der allgemeinen Diskussion von Reflexivität und RP’s die wesentlichen Unterschiede zwischen RP’s und Wörtern wie eigen, own etc. herausgearbei­tet werden.

Die Ausdrücke eigen, own etc. stellen in erster Linie Intensifikatoren zur Betonung des Possessi­onsver­hältnisses dar, d.h. sie sind auf der Ebene der Pragmatik wirksam und nicht auf der Ebene der Syntax, wo die Reflexivität im Kern anzusiedeln ist. Satz (2.33) zeigt, daß eigen keineswegs mit Reflexivität ge­koppelt sein muß. Vielmehr wird der Kontrast zwischen Svenssons und den anderen Blumen betont.

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Auch engl. own ist primär pragmatisch gesteuert, wie Givón 1990:639 zeigt. own kann demnach nur in „emphatic or counter-normative situations“ wie (2.34) (c) vorkommen. Dies impliziert, daß own in einer Situation, die nichts Ungewöhnliches beinhaltet, kaum akzeptabel ist, vgl. (2.34) (a) und (2.34) (b) (= Givón 1990:639, Bei­spiel 142):

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Das schwedische egen ‘eigen’ wird ebenfalls zur pragmatischen Markierung gebraucht. Östergren 1919:Spalte 1092 nennt die „Verstärkung“ eines Possessivpronomens (oder eines „Genitivs“) als erste Bedeutung. Die Ausschließlichkeit der Possessivbeziehung ergibt sich als weitere zentrale Bedeutungs­komponente: Mit egen wird ein Possessum bezeichnet, das dem Possessor alleinig oder ausschließlich zukommt (vgl. Östergren 1919:Spalte 1093; Svenska Akademien 1925:Spalte E297; Allén 1986:3205).

egen ‘eigen’ ist nicht an das Vorkommen des RP gebunden, vgl. die beiden Sätze (2.35) und (2.36):

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(2.35) ist die Antwort auf die Frage „Wer hat den alten Svensson ermordet?“ Die NP hans egna barn ‘NRP.M eigen.PL Kind.PL’ ist also Subjekt, weshalb das NRP hans steht. Objekt ist den gamle Svensson ‘DEF alt Svensson’. Der Intensi­fikator egen steht, weil die Situation zwischen Possessor und Possessum vom Normalen und Erwart­baren abweicht (Kinder ermorden normalerweise nicht ihren alten Vater) und deshalb das Possessionsverhältnis beson­ders herausgehoben werden soll.

In (2.36) als Antwort auf die Frage „Wen hat der alte Svensson ermordet?“ ist die NP sina egna barn das topikalisierte Objekt, Subjekt ist den gamle Svensson. Folglich steht das RP sina in der Objekt-NP. Auch hier betont egen das Possessionsverhältnis wegen der Ungewöhnlichkeit der Situation (auch alte Väter ermorden normalerweise nicht ihre Kinder).

Analog zum englischen Beispiel (2.34) zeigt sich für das schwedische egen, daß in einer normen- bzw. erwartungskonformen Situation die Sonderbetonung des Possessionsverhältnisses kaum ak­zeptabel ist, vgl. Satz (2.37). Der Kontrastakzent als pragmatische Markierung in (2.38) macht den In­tensifikator egen hingegen voll akzeptabel.

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3 Die Syntax des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen

In diesem Kapitel wird die Syntax des RP im Schwedischen ausführlich dargestellt. Wichtige Beschreibungseinheiten in diesem Kapitel sind z.B. syntakti­sche Funktionen wie Subjekt, Objekt, Adverbial und Attribut sowie die morphosyntaktische Form von Phrasen, z.B. Nominalphrase, Präposi­tionalphrase, Adjektivphrase oder Infinitivphrase.

Meine Beschreibung stützt sich auf die umfangreiche Literatur zu diesem Thema und auf die Arbeit mit InformantInnen. Systematisch aus­gewertet werden v.a. Darstellungen aus dem Bereich der deskriptiven Grammatik; Literatur, die mehr modellorientiert auf transformationeller und/oder generativer Basis arbeitet, wird nur verein­zelt mit einbezogen.

Die wichtigste Darstellung und für viele Aspekte in diesem Kapitel der Ausgangspunkt ist die zur Zeit umfangreichste und aktuellste Grammatik, die von Teleman et al. (in Vorb.). Mit ihr wird eine ganze Reihe anderer syntaktischer Beschreibungen jüngeren Datums (ab ca. 1970) verglichen mit den Zielen,

- die Distribution von RP vs. NRP möglichst umfassend und detailliert zu beschreiben;
- die häufigeren, eher zentralen syntaktischen Umgebungen von den selteneren, eher peripheren zu differenzieren;
- die Akzeptabilität des RP bzw. der NRP in verschiedenen Umgebungen durch die Einschät­zungen verschiedener AutorInnen differenziert zu erfassen.

Im folgenden Abschnitt soll zunächst die Literatur, die systematisch ausgewertet wurde, kurz charakterisiert werden.

3.1 Charakterisierung der ausgewerteten Literatur

Die Literatur, auf die die Beschreibung der Syntax des schwedischen RP in diesem Kapitel im wesentlichen aufbaut, läßt sich in vier Gruppen einteilen:

i) Grammatiken für schwedische Muttersprachler;

ii) Grammatiken für Fremdsprachenlerner des Schwedischen oder andere Nicht-Muttersprachler;

iii) Sprach- und Stilratgeber;

iv) andere.

zu i):

Wie oben bereits erwähnt wurde, findet sich die wichtigste und umfangreichste Beschreibung der reflexiven Pronomina, die derzeit verfügbar ist (bzw. in Kürze allgemein verfügbar sein wird), in Svenska Akademiens grammatik [Grammatik der Schwedischen Aka­demie] unter der Federführung von Teleman et al. (in Vorb.). Diese große Grammatik soll in diesem Jahr (1998) erscheinen.

Der Standpunkt der Darstellung bei Teleman et al. (in Vorb.) ist überwiegend deskriptiv, direkte Empfeh­lungen, welche Möglichkeit im Falle von Alternativen der Sprecher bevorzugen soll, werden nicht gegeben. An wenigen Stellen wird eher indirekt ein normativer Aspekt sichtbar (z.B. §96 Anm.1).[14] Als Beispiele verwenden die Autoren zum Teil eigene Sätze, zum Teil authentische Belege. Für die Sprachbelege weisen Teleman et al. leider keine Quellen aus, sondern kennzeichnen nur das Medium der Äußerung (schriftlich, mündliche Kommunikation, Ra­dio).

Von den Autoren habe ich freundlicherweise den Abschnitt über die reflexiven Pronomina (§§82-97) vorab zur Verfügung gestellt bekommen. In diesen Paragraphen werden das personale und das possessive Reflexivpronomen gemeinsam behandelt. Ich werde mich dem Thema dieser Arbeit folgend auf das RP beschränken.

Es ist nicht auszuschließen, daß die betreffenden Paragraphen an manchen Stellen noch Detail­änderun­gen erfahren. Die Version, auf die ich mich im folgenden stütze, ist auf den 02.07.97 datiert.

Als weitere Grammatik für schwedische Muttersprachler verwende ich Svensk grammatik [Schwedische Grammatik] von Thorell 1977. Svensk grammatik ist in erster Linie als Lehrbuch in der universitären Ausbildung gedacht und geht ebenfalls über­wiegend deskriptiv vor. Häufiger als z.B. bei Teleman et al. wird jedoch eine normative Orientierung deutlich. RP und personales Reflexivpronomen werden auch hier gemeinsam behandelt. Die Darstellung ist allerdings ziemlich knapp und durch unnötige Auslassungen in den Beispielsätzen gelegent­lich sogar irreführend.

zu ii)

Echte Lerner-Grammatiken sind deskriptiv svensk grammatik [deskriptive schwe­dische Grammatik] von Nylund-Brodda & Holm 1972, die bis heute in der mittlerweile 19. Aufl. im universitären Schwedischunterricht verwendet wird, und Svensk grammatik [Schwedische Grammatik] von Lindholm 1986. In den Lernergrammatiken liegt das Schwergewicht der Dar­stellung von RP vs. NRP auf der Subjektsregel. Auf Abweichungen von der Subjektsregel gehen Nylund-Brodda & Holm 1972 nur sehr knapp ein, während Lindholm 1986 reichlich Bei­spiele solcher Abweichun­gen anführt, die er jedoch kaum kommentiert.

Swedish: A comprehensive grammar von Holmes & Hinchliffe 1994 ist teilweise eine Refe­renzgramma­tik, teilweise aber auch „unashamedly comparative in nature“ (S. ix), und zwar komparativ zum Engli­schen. Die Darstellung ist sehr übersichtlich, jedoch nicht frei von Unge­nauigkeiten und Widersprüchen.

In den Lernergrammatiken wird man damit zu rechnen haben, daß nur die wichtigen und häufigen „Ausnahmen von der Subjektsregel“ erwähnt werden.

zu iii)

Zwei Ratgeber wurden ausgewertet: Wellanders Riktig svenska [Richtiges Schwedisch] in der Auflage von 1973 und Modern svenska [Modernes Schwedisch] von Åkermalm 1972.

Die Verwendung von eindeutig normativ ausgerichteten Sprach- und Stilratgebern in einer de­skriptiven Arbeit muß begründet werden. Schließlich geht es in Åkermalm 1972 und Wel­lander 1973 um Sprach­richtigkeit und Sprachpflege, möglicherweise auch um ein eher kon­servatives Stilideal, aber nicht um deskriptive Linguistik. Wenn ich trotzdem diese Ratgeber mit einbeziehe, hat dies v.a. zwei Gründe. Zum einen läßt sich gerade in solchen Ratgebern eine Fülle an authentischen Beispielen finden, im Gegensatz zu den i.a. konstruierten „Linguistensätzen“ in Grammatiken. Zum anderen kann man, wie ich meine, davon ausgehen, in Ratgebern wie diesen bevorzugt solche Phänomene zu finden, bei denen eine gewisse Unsicher­heit und/oder Variation im Sprechen oder Schreiben von Seiten der Sprachbenutzer zu beobach­ten ist - aus der Sicht der präskriptiven Grammatik formuliert: Es werden Bereiche behandelt, in denen die Muttersprachler selbst „Fehler“ machen. Da die Verteilung von RP vs. NRP eindeutig zu diesen Phänomen gerechnet werden muß, sind Sprach- und Stilratgeber nach meiner Auffassung sogar besonders interessant für die vorliegende Fragestellung.

Insbesondere Wellander 1973 ist ein „Klassiker“. Die Bedeutung von Riktig svenska liegt v.a. darin, daß es der Ausgangspunkt und das Vorbild für viele spätere schwedische Darstellungen war: z.B. Anward 1974, Hellberg 1980 und Perridon 1996 gehen in ihrer Diskussion des RP bzw. NRP zu einem großen Teil zunächst von Wellander 1973 bzw. dessen Material aus - auch wenn sie zu anderen Ergebnissen gelangen als er.

Wie die Titel bereits vermuten lassen, ist Åkermalm 1972 etwas weniger normativ als Wellander 1973, der ein insgesamt eher konservatives Stilideal vertritt.

zu iv)

Unter den „anderen“ sind v.a. solche Beschreibungen zu verstehen, die in kurzer Form eine Ein­führung in oder einen Überblick über die Syntax oder Grammatik des Schwedischen geben und sich deshalb in jeweils auf die wichtigsten und typischen Phänomene konzentrieren.

Kontrastiv minigrammatik [Kontrastive Minigrammatik] von Tingbjörn 1979 ist als knappe grammati­sche Skizze Bestandteil eines Handbuchs, das für zukünftige und bereits tätige Lehr­kräfte für Schwedisch als Fremdsprache konzipiert ist. Tingbjörns Beitrag ist kontrastiv zu ei­nigen der wichtigsten Einwanderersprachen in Schweden angelegt.

Allmän grammatik [Allgemeine Grammatik] von Ljung & Ohlander 1988 soll schwedischen Studierenden grammatische Grundkenntnisse vermitteln, die sie dazu befähigen, selbständig Re­ferenzgrammatiken an­derer Sprachen zu verwenden. Dies soll durch den Vergleich des Schwe­dischen mit dem Englischen, Französischen und Deutschen erreicht werden.

E. Anderssons Grammatik från grunden [Grammatik von Grund auf] von 1993 (= E. Andersson 1993a) ist eine Einfüh­rung in die Syntax des Schwedischen. Zielgruppe sind auch hier Studierende mit Schwedisch als Muttersprache.

Svenska. Vårt språks byggnad [Schwedisch. Der Bau unserer Sprache] von Collinder 1971 schließ­lich ist eine Darstellung der Grundzüge des Schwedischen, die auch für sprachinteres­sierte Laien ge­dacht ist.

3.2 Zur Reichweite der reflexiven Possessivpronomina: Bezugsrahmen und Prädikation

In der Einleitung wurde in (1.7) die Subjektsregel vorgestellt, welche besagt, daß in einem einfa­chen Satz mit einem Subjekt und einem weiteren Argument X das RP als Possessivpronomen das Argument X determiniert, wenn der Possessor von X koreferent mit dem Subjekt ist. Andernfalls steht das NRP.

Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, daß die Subjektsregel lediglich die Distribution von RP vs. NRP im einfachen Satz beschreibt, d.h. in einer bestimmten, allerdings ziemlich häufigen syntaktischen Struktur unter vielen an­deren.

[...]


[1] Satz wird hier und im folgenden verwendet in der Bedeutung von einfacher Satz (wie engl. clause oder schwed. sats). Die Strukturen, die entstehen, wenn mehrere Sätze durch Bei- oder Unterordnung zusammengefügt werden, bezeichne ich als komplexe Sätze (engl. sentence, schwed. mening). In einem komplexen Satz mit Unterordnung heißt der übergeordnete Satz Matrixsatz.

[2] Es ist möglicherweise nicht unproblematisch, diese Genitivformen als Possessivpronomina zu bezeichnen. Da es in der vorliegenden Arbeit aber nicht um die Klassifizierung von Pronomina oder um die Systematisierung des gesamten Pronomen-Inventars geht, sondern um das reflexive Possessivpronomen - oft im Kontrast zu seinem nicht-reflexiven Pendant -, halte ich die Bezeichnung NRP für zweckmäßig.

[3] Die Form dess ist das Ergebnis einer regressiven Assimilation in den Genitivformen des Personalpronomens für sexuslose Substantive, im Utrum den-s bzw. im Neutrum det-s. Der Genusunterschied ist z.B. im Dänischen und im norwegischen Bokmål erhalten (dens bzw. dets).

[4] Ein guter Überblick hierzu findet sich bei Serzisko 1984.

[5] Zitiert auch z.B. bei Dahl 1980:22, Perridon 1996:379.

[6] Zu besonderem Dank für ihre Geduld und Hilfsbereitschaft bei meinen zahlreichen Detailfragen zum Schwedischen bin ich Camilla Håkansson und ihrem Mann Arne verpflichtet. Danken möchte ich darüber hinaus Michael Barz für die Hilfe bei den dänischen Beispielen, Jón Bjarni Atlason für das Isländische, Elin Hinrichsen für das Fering und Ismet Ramm für das Türkische.

[7] Braunmüller 1982:230

[8] Für das Deutsche ist die Terminologie für die Unterscheidung semantischer vs. morphologischer Reflexivität sehr uneinheitlich und zum Teil sogar widersprüchlich: morphologisch reflexive Konstruktionen heißen z.B. „echt reflexiv“ (Heidolph, Flämig & Motsch 1981, Helbig & Buscha 1994), „obligatorisch reflexiv“ (Engel 1988, Weinrich 1993) und sogar „semantisch reflexiv“ (Ru*z&ic&ka, Steube & Walther 1983); die semantisch reflexiven Konstruktionen werden u.a. folgendermaßen bezeichnet: „unecht reflexiv“ (Helbig & Buscha 1994), „partimreflexiv“ (Engel 1988), „fakultativ reflexiv“ (Weinrich 1993) oder „syntaktisch reflexiv“ (Ru*z&ic&ka, Steube & Walther 1983).

[9] Zu den verschiedenen Formen der Reflexivpronomina vgl. Abschnitt 2.2.3.

[10] Außer eben bei den Possessiv-Sätzen, vgl. oben Seiler.

[11] Beispiele bei Sasse 1993:675.

[12] Westgrönländisch ist morphologisch ergativisch: REL = ‘Relativ’, die in der grönländischen Grammatik übliche Bezeichnung für den Ergativ; ABS = Absolutiv.

[13] „Skandinavisch“ meint hier nicht nur diejenigen nordgermanischen Sprachen, die auf der skandinavischen Halbinsel gesprochen werden, sondern tatsächlich alle nordgermanischen Sprachen.

[14] Im folgenden werden Teleman et al. (in Vorb.) nach Paragraphen und nicht nach Seiten zitiert, weil anzunehmen ist, daß sich die endgültige Seitenzählung gegenüber meinem Vorab-Ausdruck stärker verschieben wird als die Zählung der Paragraphen.

Ende der Leseprobe aus 124 Seiten

Details

Titel
Text- und Satzfunktionen des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophische Fakultät)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
124
Katalognummer
V7146
ISBN (eBook)
9783638144926
Dateigröße
1670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Text-, Satzfunktionen, Possessivpronomens, Schwedischen
Arbeit zitieren
Dr. Klaus Geyer (Autor), 1998, Text- und Satzfunktionen des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7146

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