Antisemitismus im Deutschland der Nachkriegszeit - antisemitische Skandale und ihre Rezeption in der Bundesrepublik nach 1945


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die Sonderstellung der germanischen Geschichtsschreibung Ursprung des Antisemitismus?

2 Die Frage der Meinungsfreiheit im Kontext antisemitischer Skandale
2.1 Politische Zusammenstellung im Nachkriegs-Deutschland
2.2 Rezeption von Verfahrensskandalen und der Renazifizierung
2.2.1 In der Ö ffentlichkeit 7
2.2.2 In der Justiz und politischen R ä ngen 10

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„ Wir Deutschen sind das st ä rkste und kl ü gste Volk. Unsere F ü rstengeschlechter sitzen auf allen Thronen Europas, unsere Rothschilds beherrschen alle B ö rsen der Welt, unsere Gelehrten regieren in allen Wissenschaften, wir haben das Pulver erfunden und die Buchdruckerei . . . “

(HEINRICH HEINE, ZUR GESCHICHTE DER RELIGION UND PHILOSOPHIE IN DEUTSCHLAND, 1834)

Die deutsche Geschichte reicht bis weit in die Vergangenheit hinein und ist auf besondere Weise mit der Europas verknüpft. Mit dieser historischen Basis begründet sich die Frage nach dem Antisemitismus. War er schon immer Teil des 'deutschen' Wesens, wenn er auch als globales Phänomen zu verstehen ist? Um dies zu klären, erfolgt zunächst ein kleiner Exkurs in die ältere Geschichte der Germanen bis in die frühe Neuzeit. Aber wie kann es nach einem Extrem des Antisemitismus, wie er im Zweiten Weltkrieg geschah, nach einem solchen Schock noch immer zu antisemitischen und rechtsextremistischen Ausschreitungen kommen? Und wie geht die Umwelt, also die Öffentlichkeit damit um? Was lernt die Politik und Justiz und was schlussfolgert sie aus den Vorfällen? „Nach der totalen Niederlage des Dritten Reiches gingen die Siegermächte daran, das deutsche Volk vom Ungeist des Nazismus oder Faschismus zu kurieren.“1 Dass es dabei immer wieder zu Problemen kam und die NS-Vergangenheit näher und vor allem immer noch präsenter war, als man glaubte, behandelt diese Hausarbeit. Zu Zeiten des Kalten Krieges spielte der Umgang mit antisemitischen Erscheinungen in der jungen Bundesrepublik Deutschland eine nicht unbedeutende Rolle in der politisch-ideologischen Auseinandersetzung in einer neuen Demokratie. Da solch eine Staatsform unter anderem von der Meinungsfreiheit lebt, wird an nächster Stelle versucht, die eng verflochtene Problematik des Widerspruchs zum Verbot antisemitischer und rechtsextremistischer Aussprüche zum Thema gebracht. Denn wenn einerseits jeder seine Meinung offen vertreten darf, man diese Meinung jedoch an anderer Stelle wieder einschränkt, kommt es gezwungenermaßen zum Konflikt und somit zu juristischen Grenzfällen einer Grauzone. Die dabei eine Rolle spielenden Rezeptionen seitens der Öffentlichkeit, sowie der Umgang mit den, teilweise eklatant ausartenden Skandalen umgehende Politik und Justiz, soll dazu untersucht werden. Besonders interessant sind hierbei die 1950er bis zum Ende der 1970er Jahre, da in ihnen gesetzgeberisch am stärksten debattiert wurde. Natürlich ist es leider immer noch ein aktuelles Streitthema, bei dem ebenso neue Gesetzesentwürfe vorgelegt werden. Dies würde jedoch im Rahmen dieser Hausarbeit zu weit führen. Die Literaturliste gibt dazu aber die Möglichkeit, sich weiter in das Thema zu vertiefen und auch spätere Jahrzehnte zu betrachten. Sehr hilfreich und übersichtlich ergab sich das Buch „Vergangenheitsbewältigung in Deutschland“ von Peter Reichel, das kontextual zu Politik und Gesellschaft auf die wichtigsten antisemitischen Fälle eingeht. Dieses sollte auch als zentrale Literatur, wenn auch nicht Primärliteratur, gesehen werden.

1 Die Sonderstellung der germanischen Geschichtsschreibung - Ursprung des Antisemitismus?

Jede Nation betreibt eine eigenständige Geschichtsschreibung, welche einen individuellen Charakter besitzt und somit niemals auf andere Nationen übertragbar sein kann. Die deutsche Geschichte jedoch, kontrastiert sich besonders von denen anderer Nationen, was im europäischen Kontext deutlich wird. Sie geht stets außerhalb des 'germanischen Territoriums' aus, da es innerhalb dieses nie eine Nation der Germanen (per definitionem) gab. Aufgrund dessen spricht man im Allgemeinen von der Ausbreitung der Germanen, wenn man einen Beginn der deutschen Geschichte festsetzen will. Durch diese Tatsache bestand schon immer (vor allem im 19. Jahrhundert) ein starkes Interesse für die Ahnen anderer Völker, da man genau dort seine Wurzeln erahnte. Geht man von der germanischen Mythologie aus, erkennt man auch hier, dass sich diese eher noch bei den (sozusagen entgermanisierten2 ) Völkern zu finden war, die außerhalb des vermeintlich germanischen Territoriums siedelten (Goten, Langobarden, Burgunder, Angeln und Sachsen). Ein weiterer Faktor, um ein eigenständiges Volk auszumachen, neben der Religion, ist die Sprache. Überliefert ist in diesem Punkt eine Aussage des Mönchs Notker Balbulus aus St. Gallen, zu Beginn des 10. Jahrhunderts: „uns, die wir die theutische Sprache sprechen“3. Damit wird deutlich von den anderen Sprachkulturen abgegrenzt und die Grundlage zumindest einer eigenständigen Lebensgemeinschaft gelegt, wenn man an dieser Stelle auch noch nicht von einer 'Nation' sprechen kann. Von der Auffassung einer Schülerin Hildegards von Bingen anfangs des 12. Jahrhunderts kann man fast einen expansorischen Willen des germanischen Kultes vermuten, in dem behauptet wird, dass Adam und Eva deutsch gesprochen hätten.4 Schon damals unterschied man von sogenannten „Anti-Rassen“ innerhalb des Territoriums und „germanischen Rasse- Elementen“ in den anderen europäischen Ländern. Außerhalb dieses idealisierten Schemas liegende Rassen5 galten von jeher als minderwertig. Somit wurde aus einem Gemeinschaftsgefühl, welches zu Anfang durch eine gemeinsame Sprache definiert wurde, nun zu einer Differenzierung durch Rassenelemente umformuliert. Da der deutsche Humanismus sich besonders an den antiken Schriften der Germanen orientierten, deuteten sie natürlich auch stets die dargestellten Dinge in positivem Sinne für das germanische Geschichtsbild. Eine Idealisierung der eigenen Nation durch große Erfindungen (und deren Erfinder als Nationalhelden) blieb durch die deutschen Humanisten nicht aus. Mit der Bibelübersetzung Luthers wurde im 16. Jahrhundert die deutsche Sprache gleichsam als vierte heilige Sprache erhoben. Nach der französischen Revolution (ab 1789) wurden in fast allen europäischen Ländern die Juden emanzipiert, was den Deutschen viele emotionale Argumente brachte.6 Damit war der Grundstein für einen Ausbruch des Antisemitismus von enormen Ausmaß in Europa gelegt.

2 Die Frage der Meinungsfreiheit im Kontext antisemitischer Skandale

Der Nationalsozialismus wurde nach Kriegsende, wie auch heute als „Negativfolie für den Nachweis eines definitiven und unumkehrbaren politischen Systemwandel[s]“7 gesehen. Genau diesen Nachweis hat die Bundesrepublik fest in ihre Bündnissysteme integriert. Ziel war es, eine neue, demokratische politische Kultur mit neuer politischer Herrschaftsordnung zu schaffen. Dabei zeigte sich offenbar ein doppeltes Misstrauen. Einerseits erkannte man, dass Volksmassen unter krisenhaften Bedingungen leicht manipulierbar sind (was auf Volksmassen jeder Epoche übertragbar ist, also auch auf die heutige!) und zum Anderen ein Misstrauen gegenüber den unberechenbaren Volkshelden und Volksführern. Diese wurden problematisch, im Kontext der Entnazifizierung behandelt, da dieser Punkt sehr strittig war und oft subjektiv gewertet, bei Verfahren sogar zwischen subjektiver und objektiver Schuldfähigkeit unterschieden wurde (oder werden musste).

[...]


1 Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute. Verlag C.H. Beck, München 2001, S. 287.

2 Poliakov, Léon, in: Silbermann, Alphons; Schoeps, Julius H. (Hg.): Antisemitismus nach dem Holocaust, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1986, Seite 92.

3 Ebd., Originaltext: „Nos vero, qui Teutonica sive Thutisca lingua loquimur“

4 Ebd.: „Adam et Eva Teutonica lingua loquebantur, que in diversa non dividitur ut Romana.“

5 Rasse: im 16./17. Jh. aus ital. „razza“ (Rasse, Sippe, Familie) entlehnt. Zoolog. ohne Wertung, erst in Verbindung mit der Tierzucht (Rassehund vs. Promenadenmischung) und vor allem dem Menschen tritt eine Wertung auf und macht den Begriff durch seinen diskriminierenden Charakter problematisch.

6 Die jüdische Emanzipation erzeugte erhebliche Proteste unter der Bevölkerung, aufgrund der historischen Vergangenheit und der somit entstandenen Abgrenzung und negativen Wertung jüdischer Volksstämme.

7 Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute. Verlag C.H. Beck, München 2001, S. 126.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Antisemitismus im Deutschland der Nachkriegszeit - antisemitische Skandale und ihre Rezeption in der Bundesrepublik nach 1945
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V71733
ISBN (eBook)
9783638635240
ISBN (Buch)
9783638769358
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Deutschland, Nachkriegszeit, Skandale, Rezeption, Bundesrepublik, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Mathias Seeling (Autor), 2007, Antisemitismus im Deutschland der Nachkriegszeit - antisemitische Skandale und ihre Rezeption in der Bundesrepublik nach 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71733

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