Die Minne-Monologe in Veldekes Eneasroman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Untersuchung: Minnemonologe im `Eneasroman´
a. Didos erster Minnemonolog
b. Didos zweiter Minnemonolog
2. Lavinia
a. Lavinias erster Minnemonolog
b. Lavinias zweiter Minnemonolog
c. Lavinias dritter Minnemonolog
d. Lavinias vierter Minnemonolog

III. Schlussbetrachtung

IV. Bibliographie

I. Einleitung

Heinrichs von Veldeke ` Eneasroman ´ stammt aus dem 12. Jahrhundert und wurde vermutlich (in den Jahren) um 1185 geschrieben. In diesem Jahrhundert dominierte überwiegend Frankreich das kulturelle Leben. Dort entstand auch der um 1160 anonym verfasste mittelalterliche Roman d‘Eneas, welcher Veldeke wohl als Vorlage für seine Dichtung diente.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Heinrichs von Veldeke ` Eneasroman ´, vor allem im Hinblick auf die zahlreichen Monologe, die in ihm zu finden sind. Das Hauptaugenmerk wird dabei jedoch ausschließlich auf den zahlreichen Minnemonologen liegen, die einen großen Teil des Werks einnehmen.

Die Minnemonologe werden von Dido, Lavinia und Eneas gesprochen. Diese Charaktere sind im Werk eng miteinander verknüpft: die beiden Frauen – Dido und Lavinia – empfinden Minne für Eneas. Dieser wiederum hat ausschließlich Gefühle für Lavinia.

In dieser Arbeit werden daher die Monologe von Dido und Lavinia untersucht und analysiert. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den Konflikten, in welchen sich beide Sprecherinnen befinden, zukommen. Um einen chronologischen Ablauf der Untersuchung gewährleisten zu können, werden zu Beginn Didos klagende Minnemonologe untersucht. Ihnen folgen die vier Minnemonologe der Lavinia. Im Anschluss an diese Untersuchung geschieht eine kurze Gegenüberstellung der Monologe, in welcher deren wichtigste Eigenschaften verglichen werden.

II. Untersuchung: Minnemonologe im `Eneasroman´

Wie oben bereits erwähnt, nehmen die Minnemonologe einen Großteil des Romans von Veldeke ein. Hauptsächlich werden dabei Eneas und Lavinia Monologe in den Mund gelegt. Diese beiden stellen die „eigentlichen Träger der Minnehandlung“[1] dar. Aber auch Dido äußert sich zur Minne, wenn auch nur in zwei klagenden Minnemonologen, die keinesfalls ein „vorbildliches Minneverhalten“[2] darstellen. Während bei ihren Monologen

jedoch das Pendant, nämlich Eneas‘ monologische Äußerungen, fehlt, ist dies bei den Monologen Lavinias nicht der Fall. Bereits in diesem äußeren Aufbau zeigt sich daher die „Gegenseitigkeit der Minneerfahrung“[3].

1. Dido

a. Didos erster Minnemonolog

Dido beginnt ihren Monolog mit den Worten „waz sal werden/der armen frouwen Dîdôn?[4]. Bereits diese erste Aussage macht deutlich, dass es sich bei ihrem Monolog um eine Klage handelt, aus welcher bereits eine Prophezeiung dessen, was womöglich folgen wird, abzulesen ist. Nach der Beschreibung Veldekes über Didos Minnequal, setzt Dido ihren Monolog fort, indem sie folgendes ausruft: „wan wârez tach!“ (V. 1384). Der Grund für diesen Ausruf liegt darin, dass „vil unsanfte si lebete“ (V. 1385) in der Nacht und sogar „switzete unde bebete“ (V. 1386), kurz „sie leit michel ungemach“ (V. 1387) aufgrund ihrer Minne zu Eneas.

Erst nach dieser Beschreibung (V. 1364 – 1388) setzt der eigentliche Minnemonolog Didos ein. In diesem Monolog sucht sie in erster Linie Gründe für ihr Leid („waz hân ich dem tage getân?“, V. 1390). Es scheint sogar, als würde sie ihre Minneleiden als Strafe ansehen, die sie für etwas büßen muss, von dem sie nicht weiß (siehe V. 1390), denn sie sagt: „wie lange sal ez sus stân?“ (V. 1389). Im weiteren Verlauf ihres Monologs schiebt sie Paris die Schuld für ihr Leiden zu (V. 1400f), weil „Pâris Elenam nam“ (V. 1397) und „dar umbe Troie wart zebrochen“ (V. 1399).

Doch es wird bereits viel früher deutlich, dass es zu einer Klage der Dido kommen wird. Als sie erfährt, dass Trojaner in ihr Land gekommen sind, zeigt sie sofort Mitgefühl und versucht so „ihre eigene Existenz in den Ablauf des trojanischen Geschicks einzubringen“[5] ; dies wird in folgenden Zeilen deutlich:

ich hân ez allez wol vernomen

umbe Troie, wiez dâ quam,

wie Menelaus den sige nam.

Ich weiz es wol die wârheit:

Ir habet michel arbeit

Irliden nu vil manegen tach,

des man gelouben wole mach,

wande ich weiz wol ein teil

umb ellende und umb unheil

und umbe solhe schifvart,

sint daz ich vertriben war,

êr danne mich got hie beriet.“ (V. 520 – 531)

Diese Aussage Didos zeigt allerdings nicht nur ihr Mitgefühl den Trojanern gegenüber, sondern macht auch deutlich, wie ihr eigenes Schicksal ausgesehen hat. Dies hat zur Folge, dass sie nun ihr Schicksal mit dem der Trojaner verknüpft[6]. Durch diese Verknüpfung lässt sich auch Didos Liebe zu Eneas erklären: psychologisch gesehen ist es nämlich das „gemeinsame Schicksal der schuldlosen Vertreibung aus der Heimat, der Flucht und der Existenz in der Fremde“[7], welche verantwortlich für die aufkommende Liebe sind; denn Dido will auf diese zahlreichen Gemeinsamkeiten eine Zukunft aufbauen und Eneas heiraten. Doch nicht nur die Gemeinsamkeiten sondern auch der Kuss der Venus führen zur Liebe zu Eneas. Demnach sind es zwei Bereiche, die unterschiedlicher nicht sein könnten, welche zur Minne führen: nämlich der psychologische und der mythologische Bereich.

Diese beiden Aspekte, die zur Minne und schließlich zum Minnemonolog führen, machen offensichtlich bereits zu Beginn des Romans den weiteren Verlauf der Handlung deutlich, denn bereits vor der ersten Begegnung mit Eneas scheint Dido Zukunftspläne geschmiedet zu haben; diese wiederum werden in ihrem Minnemonolog wieder aufgenommen und `zerplatzen´ dort wie eine Seifenblase. Nach Gosen findet diese „schicksalhafte Gemeinschaft“[8], welche wie eben beschrieben bereits vor der ersten Begegnung stattfindet und in Didos Monolog Anklänge findet, ihren Höhepunkt „im Abschiedsdialog mit Eneas“[9], wenn Dido folgendes sagt:

jâ ne was ez niht mîn rât,

daz man Troie zerbrach,

dâ mir sô grôz ungemacht

ane was gehalden.

waz sal des nû gewalden?

hazzet den der ez geriet.

ichn slûch ouch ûwern vater niet.“ (V. 2077 – 2082)

An dieser Stelle versucht Dido erneut, Gründe für ihr Leiden zu suchen wie es in ihrem ersten Minnemonolog der Fall ist. Doch erscheinen die Gründe hier (u.a. „ichn slûch ouch ûwern vater niet“, V. 2082) wohl eher sinnlos und haben nichts mit der Realität zu tun. Vielmehr verweisen „diese Kausalverknüpfungen [...] bereits auf mangelnde Einsicht in die Vorsehung“[10].

Des Weiteren beklagt Dido in ihrem Minnemonolog den Verlust ihrer Tugenden, nämlich ihrer Ehre („êre“, V. 1402), ihres Verstandes („rât“, V. 1403) und ihrer Intelligenz („sin“, V. 1403). Es sind nämlich genau diese Tugenden, die sie als Königin ausgezeichneten, die sie jedoch aufgrund ihrer Minne zu Eneas verlor. Dennoch scheint sie sich auf eine Art darüber im Klaren zu sein, dass diese Fähigkeiten, vor allem „rât“ (V. 1403) und „sin“ (V. 1403) ihr nicht aus ihrer Situation helfen können, so dass ihr Schicksal bereits vorgezeichnet zu sein scheint. Eben wegen der Tatsache, dass die Minne zu Eneas zum Zeitpunkt des Monologs nicht fruchtbar sein wird, bleiben für Dido nur zwei Auswege: entweder „daz sich Vênûs mîn erbarme“ (V. 1406) oder „ich mûz schiere tôt wesen“ (V. 1404).

Nach Gosen sind es diese zwanzig Verse, in welchen bereits „alle wesentlichen Elemente der Dido-Minne mitformuliert“[11] werden, nämlich „die Verkennung der eigenen Rolle, Verlust der Ehre und Tod“[12], denn sie kann sich ihrer „sinne“ (V. 2373) nicht mehr bedienen.

b. Didos zweiter Minnemonolog

Erst in ihrem zweiten Monolog und im Angesicht des Todes kann Dido ihre Situation wieder rational erklären und findet wieder zu ihren Fähigkeiten, wenn sie folgendes beschreibt:

ouwî êre unde gût,

wunne unde wîstûm,

gewalt unde rîchtûm,

des hete ich alles mîn teil“ (V. 2378 – 2381)

Trotz der Tatsache, dass sie weiß, dass Eneas sie „verlâzen / vil unfrô in mîme hûs“ (V. 2366f) hat, kann sie ihm verzeihen und ihn von einer möglichen Schuld freisprechen, denn „ichn wil ûch niht schelden / wande ir sît es âne scholt“ (V. 2362f). Erst an dieser Stelle versteht sie, dass Eneas sie eigentlich auch mag („ir wâret mir genûch holt“, V. 2364), er jedoch andere Pläne verfolgen muss, die keinen Platz für die Minne haben. Des Weiteren erkennt sie, dass sie selbst und ihr Handeln das eigentliche Problem darstellt, wenn sie folgendes einsieht: „ich minnete ûch zunmâzen“ (V. 2365). Doch von Einsicht allein ist Dido nicht getrieben; vielmehr versucht sie ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen und klagt die Liebesgötter Cupido und Venus an, wenn sie

ûwer mûder Vênûs

und ûwer brûder Cupidô

die macheten mich vil unfrô“ (V. 2368 – 2370)

sagt und macht diese schließlich auch dafür verantwortlich, ihre Sinne verloren zu haben, denn

die mir daz herze habent genomen,

daz mir mogen niht gefromen

alle mîne sinne“ (V. 2371 – 2373).

Laut Gosen ist dies „wohl weniger als Eingeständnis moralischer Schuld anzusehen, als vielmehr als Zugeständnis an ihre Schwäche und Kapitulation vor der Übermacht der Minne“[13]. Ihr ist recht zu geben, schließlich scheint sich Dido keineswegs für irgendetwas verantwortlich zu fühlen, schiebt sogar die Verantwortung – wie oben bereits erwähnt auf andere – und stellt schließlich fest, dass die Minne eine weitaus größere Macht besitzt als sie selbst:

„ouwê, unsenfte minne,

wie dû mich hâst bedwungen“ (V. 2375f).

Als letzte Konsequenz ihrer Situation sieht sie ihren eigenen Tod. Dieser Freitod Didos ist allerdings nicht als „Konsequenz einer schuldhaften Verfehlung“[14] zu sehen, wie man vielleicht annehmen könnte, wenn man Didos Monolog untersucht; vielmehr ist ihre Entscheidung damit zu begründen, dass es bei ihr zu einer „tragische[n] Zuspitzung einer unheilvollen Liebeskonstellation“[15] kam. Schließlich gibt sie folgendes zu verstehen:

daz is ein michel unheil,

daz ich ez sus mûz enden

ze mînen missewenden

und alsus grôzem mînem schaden“ (V. 2382 – 2385)

Für diese Zuspitzung, genauso wie den tragischen Ausgang, ist Dido jedoch selbst verantwortlich. Sie erkennt schließlich, dass sie zu Unrecht Eneas zu einer Heirat bringen wollte, weil er andere Pläne verfolgen muss, so dass ihr nur noch eines bleibt:

ich mûz dorchstechen

daz herze, daz mich verriet“ (V. 2306f).

Am Ende ihres Monologs wird ihr nun auch ihre wahre Schuld deutlich:

nû is after lande

mîn laster vile mâre,

und mûz ouch offenbâre

mîn schade vile grôz wesen

wand ich ne will niht genesen“ (V. 2418 – 2422).

Es ist also nicht die Minne „zunmâzen“ (V. 2365), welcher sich Dido schuldig gemacht hat, sondern die Vernachlässigung ihrer Pflichten als Königin, weil sie durch ihr Verhalten das Ansehen ihres Landes aufs Spiel gesetzt hat. Nach Gosen sind es der „Verlust der Ehre, die Schande, nicht nur die höfischen Konventionen verletzt, sondern auch ihr Wort gebrochen zu haben“[16], welche es ihr unmöglich machen, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren; diese Einsicht geschieht jedoch erst durch den Verlust des Geliebten.

Didos zweiter Minnemonolog steht einerseits im Gegensatz zu ihrem ersten Monolog, in welchem sie unter anderem über den Verlust ihrer Sinne klagt und andererseits zum Abschiedsdialog mit Eneas (V. 2018 – 2229). In diesem Dialog wirft sie Eneas vor, „genâden nehein teil“ (V. 2211) bei ihm zu finden, „geboren von trachen“ (V. 2218) zu sein und alle „barmecheit verloren“ (V. 2220) zu haben.

[...]


[1] R. von Gosen, Das Ethische, S. 114.

[2] R. von Gosen, Das Ethische, S. 114.

[3] R. von Gosen, Das Ethische, S. 114.

[4] D. Kartschoke, Heinrich von Veldeke: Eneasroman, V. 1362; die Zitate sind alle demselben Werk entnommen, daher im Folgenden nur noch: V. ...

[5] R. von Gosen, Das Ethische, S. 114.

[6] vgl. auch R. von Gosen, Das Ethische, S. 115.

[7] R. von Gosen, Das Ethische, S. 115.

[8] R. von Gosen, Das Ethische, S. 115.

[9] R. von Gosen, Das Ethische, S. 115.

[10] R. von Gosen, Das Ethische, S. 115.

[11] R. von Gosen, Das Ethische, S. 116.

[12] R. von Gosen, Das Ethische, S. 116.

[13] R. von Gosen, Das Ethische, S. 117.

[14] R. von Gosen, Das Ethische, S. 117.

[15] R. von Gosen, Das Ethische, S. 117.

[16] R. von Gosen, Das Ethische, S. 118.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Minne-Monologe in Veldekes Eneasroman
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V71830
ISBN (eBook)
9783638685504
ISBN (Buch)
9783638948593
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minne-Monologe, Veldekes, Eneasroman, Minne, Mittelalter
Arbeit zitieren
Manuela Kistner (Autor), 2006, Die Minne-Monologe in Veldekes Eneasroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71830

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