Die romantische Gesellschaft in Joseph Freiherr von Eichendorffs "Die Freier"


Seminararbeit, 2001

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Ausgangssituation

3. Die sozialen Schichten

4. Die Figuren
4.1 Die Gruppe um Leonhard
4.1.1 Leonhard
4.1.2 Hofrat Fleder
4.1.3 Flitt und Schlender
4.1.4 Knoll
4.2 Die Gruppe um Adele
4.2.1 Adele
4.2.2 Flora
4.2.3 Friedmann
4.2.4 Victor
4.3 Der Präsident
4.4 Der Bote und Marie
4.5 Die sozialen Schichten der Figuren

5. Aufbau der Handlung
5.1 Der erste Handlungstrang
5.2 Der zweite Handlungsstrang
5.3. Der weitere Handlungsverlauf

6. Die Schlußszene

7. Zusammenfassung

8. Schlußbemerkung

Literaturliste

Anhang 01: Die Figurenkonstellationen

Anhang 02: Das sukzessive Auftreten des Blankverses

1. Einleitung

Eichendorff’s 1883 veröffentlichtes „Lustspiel in drei Aufzügen“ Die Freier wird oft, weil am Ende der Geschichte der romantischen Komödie stehend,[1].als Bilanz der Romantik gesehen gesehen; daraus ergibt sich die Erwartung, daß darin nicht nur die typischsten Elemente dieser Epoche enthalten sein müßten, sondern auch, aufgrund des Publikationsjahres des Stückes (1833)[2], eine Bewertung dessen, was die Romantik in ihrer Spätphase war, was von den verschiedenen Strängen und Ansätzen der Frühromantik geblieben ist und welchen Zeitgeist das Stück widerspiegelt.

Romantik als Gegenbewegung zur und Weiterführung der Aufklärung auf nicht-rationaler Ebene, das meint vor allem die Ebene der Gesellschaft, der Menschen, des Volkes und nicht zuletzt, des Publikums. In Anlehnung an die politische, soziale und gesellschaftliche Bedeutung der Französischen Revolution ergibt sich automatisch die Frage, wie sich die romantische Gesellschaft konstituiert, und genau diese Frage soll für die Gesellschaft der Freier untersucht werden.

Um sie zu beantworten, werde ich im Folgenden die gesellschaftlichen Strukturen zu Beginn des Stückes betrachten, die Entwicklung und das Zusammenspiel der Personen und Gesellschaftsschichten im Verlauf des Stückes sowie die Eigenschaften der Gesellschaft, die sich zum Ende hin konstituiert. Dabei werden Bezüge zu anderen Dramen der Romantik in diesem Zusammenhang ebenso hergestellt wie zu verschiedenen literarischen und historisch-sozialen Kontexten, die das Stück berührt. Eine genaue Auseinandersetzung nicht nur mit den Figuren, sondern auch den sozialen Schichten, denen diese Figuren angehören, zusammen mit einer detaillierten Analyse der Schlußszene und den darin enthaltenen Botschaften, soll schließlich die Frage nach dem Wesen der romantischen Gesellschaft beantworten, so, wie sie sich anhand des hier betrachteten Textes präsentiert.

2. Die Ausgangssituation

Zu Beginn des Stückes ergibt sich zunächst die Ausgangssituation zweier unabhängiger Gruppen mit jeweils fünf Personen. Die eine Gruppe bildet sich um Leonhard. Diese Gruppe macht sich auf dem Weg zum Waldschloß und umfaßt außer Leonhard noch Fleder, Flitt, Schlender und Knoll. Die zweite Gruppe befindet sich bereits im Waldschloß und besteht aus Adele und ihrer Dienerschaft in den Personen Flora, Victor, Friedmann und Marie.

Die ersten drei Szenen des ersten Aufzuges werden entsprechend nur von den Figuren der ersten Gruppe bestritten, während die zweite Gruppe erst in Erscheinung tritt, als die ersten Vertreter von Gruppe eins das Waldschloß erreichen (Vgl. dazu Anhang 2: Szenenübersicht).

3. Die sozialen Schichten

Betrachtet man die auftretenden Figuren des Dramas, so lassen sich auf den ersten Blick drei soziale Schichten erkennen (vgl. dazu auch die graphische Darstellung unter 4.5):

- den Adel, vertreten durch Adele[3] und Leonhard
- die bürgerliche Dienerschaft des Adels, vertreten durch die Kammerzofe Flora, den Jäger Victor[4] sowie den Gärtner Friedmann[5] und dessen Nichte Marie
- das niedere Bürgertum, vertreten durch die fahrenden Sänger Flitt und Schlender, den Wirt Knoll und den Boten.

Hofrat Fleder, der, was die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht betrifft, isoliert auftritt, nimmt in diesem Figurenkanon eine Sonderstellung ein, denn er vertritt das Beamtentum (das grundsätzlich dem gehobenen Bürgertum zugerechnet werden kann) in der Figur des „ griesgrämigen Philisters “, der durch seine Unfähigkeit zu Spontaneität nicht wirklich am Spiel teilnimmt.[6] Darüber hinaus stellt diese Figur einen sehr direkten Bezug zu Eichendorffs eigener Biographie her, denn gerade die Auseinandersetzung mit den Beamten-Philistern ist ein zentrales Thema seines Lebens und seiner schriftstellerischen Arbeit[7].

4. Die Figuren

4.1 Die Gruppe um Leonhard

4.1.1 Leonhard

Zum ersten Mal erfahren wir von Leonhard durch den Brief seines Onkels. Darin wird er beschrieben als jemand, der sich dem ewigen, zwecklosen Umherschweifen hingibt, die Weiber verachtet, wütend Phantasten verfolgt und selbst der größte ist, und, so zeigt es seine Reaktion auf den Vorschlag des Onkels, die Gräfin zu besuchen, offensichtlich von sehr impulsiv-spontaner Natur ist (I,1; S.514-516)[8].

Seine adlige Herkunft manifestiert sich bereits bei seinem ersten Auftritt (I,3) anhand seiner Sprache, denn er spricht in der typischen Blankversform des klassischen Dramas. Dem Standesunterschied zu Schlender trägt er aber dann dadurch Rechnung, dass er von dieser Sprachform etwas abrückt, als er auf Schlender trifft.

Im Dialog mit Adele (II,1), in dem beide inkognito auftreten, behält er diese, seinen Adel reflektierende Sprachebene zwar grundsätzlich bei, verfärbt sie allerdings durch das unstandesgemäße „Du“, daß er auch Adele anbietet und das als Konzession an die durch die Maskerade suggerierte Situation zu werten ist.

Seine nächsten beiden Auftritte (III,2 und III,4) sind wiederum geprägt durch die hohe Sprachebene in Versform, die ihn als Mitglied des Adelsstandes ausweist.

Leonhard ist die Figur, von der man am ehesten erwarten kann, daß sie bestehende gesellschaftliche Grenzen überschreitet, beispielsweise durch eine nicht standesgemäße Heirat, denn die Gedanken, die sich Adele während ihres Monologes (III,2; S.561f) macht, macht sich Leonhard nicht; er zieht es vor, sich aus freien Stücken unter das „fahrende Volk“ zu mischen und alleine dadurch schon klare (Standes)Grenzen zu überschreiten.

4.1.2 Hofrat Fleder

Hofrat Fleder stellt sich gleich in der ersten Szene dar als Inbegriff des unterwürfigen Staatsdieners, eine komische Figur, die sich selbst aber für sehr wichtig, diszipliniert und geschätzt hält und dabei nicht bemerkt, daß sie lediglich benutzt wird, Werkzeug ist des Präsidenten. Seine Sprache unterstreicht diese Haltung durch eine sterile Beamtensprache, geschmückt mit vielen Floskeln, die samt und sonders dazu dienen, den Sprecher in das jeweils rechte Licht zu rücken, und zwar abhängig vom Gegenüber.

Im Vergleich zu dem Boten, der mit ihm die erste Szene bestreitet, ist der Hofrat tatsächlich der Überlegenere; im Vergleich zum Präsidenten zeigt sich aber sehr schnell seine Einfalt, was durch seine Einwürfe beim Lesen des Briefes (I,1; S.514-516) sehr deutlich wird. Er läßt sich leicht manipulieren, fühlt sich sehr geschmeichelt von dem vermeintlichen Vertrauen, das ihm der Präsident entgegenbringt und ist sofort auf dessen Seite (Gott, ja wohl… o armer, würdiger Oheim!), läßt sich becircen durch den Hinweis auf sein vermeintlich „charmantes Flötenspiel“(In der Tat …) und reagiert indigniert, als der Präsident ihn in einem Postkript ermahnt, nicht noch größere Verwirrung zu stiften (Hält er mich für einen Jungfernknecht, wie den gemeinen Haufen ?). „ … noch in dieser Stunde “ macht er sich in der Verkleidung eines Flötenspieler auf, „… zwei verwilderte Herzen für die allgemeine Sache der Menschheit zu erwärmen ….“, ein wahrhaft kühnes Unterfangen, dem er sich aber durchaus gewachsen fühlt.

Seinen nächsten (kurzen) Auftritt erleben wir drei Szenen später (I,4; S.533/ 534), als Fleder sich am Hof der Adele vorstellt, nicht ohne einen verächtlichen Blick auf Flitt zu werfen, den er kurz zuvor kennengelernt hat. Die Maskerade um ihn herum durchschaut er nicht und es wird auch sehr schnell klar, daß er in seinem gradlinigen Beamtendenken verharren wird, denn „Das komische […] war niemals mein Fach …“ und sich dadurch endgültig als der bereits erwähnte „ griesgrämige Philister “ zu erkennen gibt.

Mit dieser Unfähigkeit zu Spontaneität und Improvistation ist es nicht weiter verwunderlich, daß die weiteren Auftritte des Hofrates (ab I,4 jede zweite Szene) immer unpassender und blamabler werden, denn er ist ernst, wo kein Ernst vonnöten ist und verstrickt sich immer weiter und ohne sich dessen bewußt zu sein in die Rolle des unfreiwilligen Komikers.

[...]


[1] Vgl. dazu Kluge, S.198.

[2] Erste Entwürfe sind bereits ab 1810 entstanden, eine frühere Fassung von 1820 trägt den (interessanten!) Titel “Wider Willen”.

[3] Der Name Adele verweist nicht nur auf die adelige Herkunft der Protagonistin, sondern impliziert auch, was sich in ihrem Monolog (III,2) bestätigt: eine innere Haltung, die sich im Moment der Entscheidung durchsetzt und kein Durchbrechen der sozialen Ordnung zuläßt.

[4] Victor: lat . Der Sieger, Besieger, Überwinder. Der Jäger hat in der Tat etwas von einem Sieger, denn er ist nicht nur aktiv am Intrigenspiel beteiligt, sondern “gewinnt” auch die Kammerzofe Flora für sich.

[5] Der Gärtner erscheint tatsächlich als “Mann des Friedens”, der die bestehende Ordnung nicht nur nicht stören, sondern im Gegenteil erhalten und festigen möchte, und seinen Beitrag in Form eines geschickten Plans leistet, von dem aber kaum jemand etwas weiß, sodaß er am Schluß in stiller Freude alleine bleibt.

[6] Vgl. dazu Kluge, S. 194. Nach Kluge haben nur diejenigen Figuren des romantischen Lustspiels Charakter, die selbst spielen oder zu spielen bereit sind.

[7] Auf eine weitergehende Auseinandersetzung mit diesem sehr komplexen Thema muß im Rahmen dieser Arbeit leider verzichtet werden. Verwiesen sei hierzu exemplarisch auf den Aufsatz von Paul Stöcklein: Eichendorffs Persönlichkeit.

[8] Zitiert wird mit der Seitenangabe der in der Literaturliste angegebenen Werkausgabe. Zur besseren Übersicht wird der Seitenangabe die Angabe von Akt (römische Zahl) und Szene (arabische Zahl) vorangestellt.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die romantische Gesellschaft in Joseph Freiherr von Eichendorffs "Die Freier"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V72083
ISBN (eBook)
9783638632492
ISBN (Buch)
9783638641746
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit deckt die gesellschaftlichen Strukturen der dargestellten Welt und deren Entwicklung auf und, beobachtet das Zusammenspiel der Figuren sowie die Eigenschaften der Gesellschaft, die sich zum Ende hin konstituiert. Eine detaillierte Analyse der Schlußszene und der darin enthaltenen Botschaften soll schließlich die Frage nach dem Wesen der romantischen Gesellschaft beantworten, so wie sie sich anhand des hier betrachteten Textes präsentiert.
Schlagworte
Gesellschaft, Joseph, Freiherr, Eichendorffs, Freier, Proseminar
Arbeit zitieren
Magister Artium Clarissa Höschel (Autor), 2001, Die romantische Gesellschaft in Joseph Freiherr von Eichendorffs "Die Freier", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72083

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