Do No Harm. Wie Hilfe den Frieden unterstützt, oder den Krieg


Seminararbeit, 2005
20 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Local Capacities for Peace Project
2.1 Die Geschichte
2.1.1 Phase I: Fallstudien (1994 – 1996)
2.1.2 Phase II: Feedback Workshops (1996-1998)
2.1.3 Phase III: Implementierung (1998-2000)
2.1.4 Phase IV: Mainstreaming (2001)

3. Der Do No Harm-Ansatz
3.1 Warum bewaffnete Konflikte ausgetragen werden
3.2 Verbindende und trennende Faktoren
3.3 Die nicht-intendierten Auswirkungen von Hilfe
3.3.1 Ressourcentransfers
3.3.2 Implizite ethische Botschaften
3.4 Das Do No Harm-Rahmenwerk

4. Die Möglichkeiten und Grenzen von Do No Harm

5. Schlusswort

6. Bibliographie

1. Einleitung

„When international assistance is given in the context of violent conflict, it becomes part of that context and thus also of the conflict.“ Mit dieser Erkenntnis beginnt das 1999 erschienene Buch Do No Harm – How Aid Can Support Peace – or War[1]. Sie kann als Quintessenz eines breit angelegten Denk- und Lernprozesses bezeichnet werden, der 1994 im Local Capacities for Peace Project (LCPP) seinen Anfang nahm und mittlerweile Eingang in die Arbeitsweisen von unzähligen Hilfsorganisationen rund um den ganzen Globus gefunden hat.

Do No Harm (DNH) – sinngemäss zu übersetzen mit „richte keinen Schaden an“ oder „füge kein Leid zu“ – steht dabei für mehr als nur für einen simplen Grundsatz. Im Kontext von Entwicklungspolitik und humanitärer Hilfe steckt in dieser kurzen Formel eine umfassende und systematische Kultur der Gewaltprävention. Dieser kommt im Hinblick auf eine ausgewogene, gerechte und nachhaltige Entwicklung ärmerer Staaten und Gesellschaften eine elementare Bedeutung zu. Die langfristige Beeinflussung oder gar Beseitigung von strukturellen Entwicklungshemmnissen sind nie von den Interessen einzelner Akteursgruppen und den bestehenden Machtverhältnissen zu trennen. Bearbeitung der strukturellen Ursachen von Armut, ungerechter Verteilung oder Rechtlosigkeit ist deshalb immer ein Prozess gesellschaftlicher Veränderung und bleibt als solcher immer umstritten und konflikthaltig. Je gewalttätiger diese Konflikte ausgetragen werden, desto grösser ist der Schaden, den sie den betroffenen Menschen, ihren Lebensgrundlagen und Einrichtungen anrichten. Oft werden langfristige Entwicklungsanstrengungen durch Gewaltkonflikte um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Wie im Zitat am Anfang dieser Arbeit beschrieben, ist es für humanitäre und entwicklungspolitische Akteure nicht möglich, in einem Konfliktgebiet Hilfe zu leisten, ohne selber zu einem Teil des Konfliktkontextes zu werden. Das bedeutet, dass nicht nur die eigene Arbeit vom Konflikt stark beeinträchtigt werden kann, sondern dass man selber als Teil des Kontextes auch Auswirkungen auf den Konflikt hat. Diese können – allen guten Absichten der Hilfswerke zum Trotz – auf direkten und indirekten Wegen problematisch, ja sogar konfliktverschärfend sein. Genau hier setzt der Do No Harm-Ansatz ein.

Durch eine regelmässige, systematische und umfassende Analyse des Konfliktkontextes und der eigenen Programme und Projekte sollen Hilfsagenturen die Auswirkungen ihrer Anstrengungen besser identifizieren können. Nur so lassen sich unerwünschte, negative Einflüsse auf die Konflikte vermeiden.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit geht es um das LCPP. Es wird aufgezeigt, wie es zu diesem Projekt gekommen ist und welches seine einzelnen Etappen waren. Im anschliessenden Teil wird dann der DNH-Ansatz vorgestellt. Dabei werden die einzelnen Elemente des Rahmenwerkes näher beschrieben und aufgezeigt, wie sie im Zusammenspiel zum übergeordneten Ziel der Gewaltprävention beitragen. Im vierten Teil wird die Frage nach den Möglichkeiten und den Grenzen des DNH-Ansatzes gestellt. Im Schlussteil wird dann noch der Frage nachgegangen, welches die Faktoren für die erfolgreiche Verbreitung des Ansatzes in Hilfsorganisationen auf der ganzen Welt waren.

Diese Arbeit stützt sich weitestgehend auf das eingangs erwähnte Werk von Mary Anderson. Daneben werden weitere Quellen herangezogen, die sich mit der Thematik von Do No Harm befassen.

Aus Gründen der Ästhetik und der Leserlichkeit der vorliegenden Arbeit werden die meisten Personenbezeichnungen jeweils nur in der männlichen oder weiblichen Form gebraucht und sind als Kurzform für beide Geschlechter gedacht.

2. Das Local Capacities for Peace Project

In den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges brachen im Zuge der globalen machtpolitischen Veränderungen in vielen der ärmeren Regionen der Welt bewaffnete Konflikte aus. Viele dieser Konflikte waren innerstaatliche, bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen. Oftmals handelte es sich dabei um Regionen und Gebiete, in denen internationale Hilfsorganisationen[2] bereits seit mehreren Jahren tätig waren. Deren Projekte fanden nun oftmals unmittelbar im Kontext von anhaltender Gewalt statt. Für die Arbeitsweise und das Selbstverständnis der Organisationen vor Ort bedeutete diese neue Situation eine enorme Herausforderung. Die internationalen Hilfswerke, die ihrem Mandat gemäss Entwicklungspolitik und nicht Friedensförderung oder Konfliktbearbeitung betrieben, mussten sich jetzt vermehrt auch um Fragen bezüglich Konfliktkonstellationen und -dynamiken kümmern, denn die spürbare Präsenz der Gewaltkonflikte erforderte eine gezielte Anpassung ihrer Programme an die neuen Gegebenheiten. Dabei ging es in erster Linie darum, die eigenen Projekte gegenüber gefährlichen Auswirkungen der Konflikte abzusichern. Man versuchte negative Auswirkungen der Gewalteskalationen auf die eigene Arbeitsweise zu verhindern.

Im Zuge dieser intensiven Auseinandersetzung mit den Arbeitsweisen von Hilfsorganisationen in Konfliktgebieten zeigte sich immer mehr, dass die Auswirkungen von Konflikten auf Projekte gegenseitig sind. Das heisst, dass nicht nur die Arbeitsweisen der Hilfsorganisationen durch die anhaltende Gewalt entschieden beeinflusst werden, sondern dass die Organisationen durch die Erbringung von Hilfeleistung unter schwierigen Bedingungen auch den jeweiligen Konfliktverlauf beeinflussen. Dies kann durchaus positiv und wünschbar sein, nämlich dann, wenn sie dazu beitragen, die Anwendung von Gewalt zu mindern. Problematisch wird es jedoch dann, wenn Konflikte durch die Erbringung von Hilfeleitungen gar verlängert oder verstärkt werden.

2.1 Die Geschichte

1994 wurde von der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Cooperative for Development Action (CDA) das Local Capacities for Peace Project (LCPP) ins Leben gerufen. Am LCPP beteiligten sich von Beginn an eine Vielzahl von Mitarbeiterinnen verschiedener Hilfsorganisationen aus den Industrie-, aber auch aus Entwicklungsländer. Das Ziel des LCPP war es, die wechselseitigen Auswirkungen zwischen Konflikten und Hilfsprogrammen besser zu verstehen. Die meisten der beteiligten Personen haben selber während längerer Zeit im Umfeld von Gewaltkonflikten gearbeitet und erlebt, wie Konflikte durch die Präsenz und die Tätigkeiten internationaler Hilfsorganisationen angeheizt werden können. Alle diese Personen erhofften sich vom LCPP Erkenntnisse darüber, wie diese unerwünschten Auswirkungen zustande kommen und wie sie sich in Zukunft vermeiden lassen.

Das LCPP gliederte sich in vier Phasen, die nachfolgend näher beschrieben werden: In einer ersten Phase wurden die konkreten Erfahrungen verschiedener Personen und Hilfsorganisationen zusammengetragen und die Auswirkungen der Projekte in Fallstudien erarbeitet. Die nächste Phase bestand darin, diese Fallstudien auf wiederkehrende Muster der Auswirkungen hin zu untersuchen und ein Instrument zu entwickeln, mit welchem diese Muster rechtzeitig erkannt werden können. In der dritten Phase wurde dieses Instrument dann in verschiedenen Projekten angewendet und getestet. Die letzte Phase widmete sich der Verbreitung und Implementierung der daraus gewonnen Erkenntnisse in verschiedenen Organisationen auf der ganzen Welt.

2.1.1 Phase I: Fallstudien (1994 – 1996)

Um die wechselseitigen Auswirkungen von Kontext und Hilfsprogrammen besser zu verstehen, war es notwendig eine grosse Menge an Informationen zusammenzutragen, um zu untersuchen, ob in den Erfahrungen verschiedener Agenturen gemeinsame Muster zu erkennen sind. Zu 15 Projekten in 14 verschiedenen Konfliktregionen wurden umfangreiche Fallstudien erarbeitet.[3] Die Verfasser dieser Fallstudien waren allesamt Personen, die Bedenken bezüglich der negativen Auswirkungen von Hilfsprojekten im Kontext von Konflikten geäussert hatten. Durch ein besseres Verständnis davon, wie diese zustande kommen und wie sie sich manifestieren, erhofften sie sich Wege zu finden, wie diese in Zukunft vermieden werden können.

Die Verfasser der Fallstudien hatten sich alle an denselben Aufbau zu halten: Zuerst musste der Konfliktkontext beschrieben werden. Dann hatte eine ausführliche Darstellung aller Projekte des Programms zu erfolgen. Dann folgte die Schilderung der Wechselwirkungen zwischen dem Konflikt und den Hilfeleistungen. Eine spekulative Begründung, weshalb sich die Ereignisse so und nicht anders zugetragen haben, war am Schluss jeder einzelnen Fallstudie sowohl aus der Sicht des Verfassers, als auch aus der Sicht der lokalen Angestellten und der Hilfsempfänger zu schildern.[4]

Die Verfasser der Fallstudien statteten den Projekten mehrere Besuche ab. Dabei führten sie viele Gespräche, sowohl mit lokalen und ausländischen Projektmitarbeiterinnen, als auch mit Personen, die von der Hilfe direkt profitierten und solchen, die keinen direkten Nutzen durch die Projekte hatten. Dies ermöglichte es, verschiedene Perspektiven und Sichtweisen in die Fallstudien zu integrieren. Diese Fallstudien bildeten anschliessend als Rohmaterial den Ausgangspunkt für das weitere Vorgehen des LCCP.

[...]


[1] Anderson, Mary B., Do no Harm – How Aid Can Support Peace – or War, Lynne Rienner Publishers, Inc., Colorado, 1999

[2] Mit dem Ausdruck internationale Hilfsorganisationen sind in dieser Arbeit nur Akteure der Entwicklungspolitk und der humanitären Hilfe gemeint. Organisationen die in erster Linie Konfliktbearbeitung und Friedensförderung betreiben gehören nicht dazu.

[3] Zu folgenden Konfliktregionen wurden Fallstudien erarbeitet: Indien, Kroatien, Somalia (2), Tadschikistan, Afghanistan, Georgien, Burundi, Libanon, Jerusalem, Pakistan, Mosambik, Bosnien, Kambodscha und Guatemala Die einzelnen Fallstudien sind auf www.cdainc.org einsehbar.

[4] Wallace, 2002 S.5

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Do No Harm. Wie Hilfe den Frieden unterstützt, oder den Krieg
Hochschule
Universität Bern  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Organisationen und Konfliktbearbeitung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V72494
ISBN (eBook)
9783638634663
ISBN (Buch)
9783638844772
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harm, Hilfe, Frieden, Krieg, Internationale, Organisationen, Konfliktbearbeitung
Arbeit zitieren
Mike Bucher (Autor), 2005, Do No Harm. Wie Hilfe den Frieden unterstützt, oder den Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72494

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Do No Harm. Wie Hilfe den Frieden unterstützt, oder den Krieg


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden