„When international assistance is given in the context of violent conflict, it becomes part of that context and thus also of the conflict.“ Mit dieser Erkenntnis beginnt das 1999 erschienene Buch "Do No Harm – How Aid Can Support Peace – or War ". Sie kann als Quintessenz eines breit angelegten Denk- und Lernprozesses bezeichnet werden, der 1994 im Local Capacities for Peace Project (LCPP) seinen Anfang nahm und mittlerweile Eingang in die Arbeitsweisen von unzähligen Hilfsorganisationen rund um den ganzen Globus gefunden hat.
Do No Harm (DNH) – sinngemäss zu übersetzen mit „richte keinen Schaden an“ oder „füge kein Leid zu“ – steht dabei für mehr als nur für einen simplen Grundsatz. Im Kontext von Entwicklungspolitik und humanitärer Hilfe steckt in dieser kurzen Formel eine umfassende und systematische Kultur der Gewaltprävention. Dieser kommt im Hinblick auf eine ausgewogene, gerechte und nachhaltige Entwicklung ärmerer Staaten und Gesellschaften eine elementare Bedeutung zu. Die langfristige Beeinflussung oder gar Beseitigung von strukturellen Entwicklungshemmnissen sind nie von den Interessen einzelner Akteursgruppen und den bestehenden Machtverhältnissen zu trennen. Bearbeitung der strukturellen Ursachen von Armut, ungerechter Verteilung oder Rechtlosigkeit ist deshalb immer ein Prozess gesellschaftlicher Veränderung und bleibt als solcher immer umstritten und konflikthaltig. Je gewalttätiger diese Konflikte ausgetragen werden, desto grösser ist der Schaden, den sie den betroffenen Menschen, ihren Lebensgrundlagen und Einrichtungen anrichten. Oft werden langfristige Entwicklungsanstrengungen durch Gewaltkonflikte um Jahrzehnte zurückgeworfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Local Capacities for Peace Project
2.1 Die Geschichte
2.1.1 Phase I: Fallstudien (1994 – 1996)
2.1.2 Phase II: Feedback Workshops (1996-1998)
2.1.3 Phase III: Implementierung (1998-2000)
2.1.4 Phase IV: Mainstreaming (2001)
3. Der Do No Harm-Ansatz
3.1 Warum bewaffnete Konflikte ausgetragen werden
3.2 Verbindende und trennende Faktoren
3.3 Die nicht-intendierten Auswirkungen von Hilfe
3.3.1 Ressourcentransfers
3.3.2 Implizite ethische Botschaften
3.4 Das Do No Harm-Rahmenwerk
4. Die Möglichkeiten und Grenzen von Do No Harm
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie internationale Hilfe in Konfliktgebieten ungewollt zur Verschärfung von Gewalt beitragen kann und stellt den Do No Harm-Ansatz als Instrument zur konfliktsensitiven Programmgestaltung vor.
- Historische Entwicklung des Local Capacities for Peace Project (LCPP)
- Analyse von Ursachen bewaffneter Konflikte
- Identifikation von verbindenden und trennenden Faktoren (capacities for peace vs. capacities for war)
- Nicht-intendierte negative Auswirkungen durch Ressourcentransfers und implizite ethische Botschaften
- Möglichkeiten und Grenzen des Do No Harm-Rahmenwerks
Auszug aus dem Buch
3.3 Die nicht-intendierten Auswirkungen von Hilfe
Der Ausgangspunkt für das LCCP war die Feststellung, dass die Bereitstellung von Hilfeleistungen oder bloss die Präsenz von Hilfsorganisationen sich oft negativ auf Konflikte auswirkt. Die Erlebnisse und Schilderungen von hunderten von Projektmitarbeiterinnen aus Konfliktgebieten rund um den ganzen Erdball haben gezeigt, dass es grundsätzlich zwei Arten solcher negativen Auswirkungen gibt: Die nicht-intendierten Auswirkungen durch Ressourcentransfers und die nicht-intendierten Auswirkungen durch implizite ethische Botschaften.
3.3.1 Ressourcentransfers
Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe sind fast immer mit der Lieferung physischer Hilfsgüter verbunden. Diese Hilfsgüter haben einen materiellen Wert und ihre Kontrolle bedeutet politische Macht. Das humanitäre Prinzip besagt zwar, dass Hilfsgüter Opfern auf beiden Seiten eines Konfliktes zukommen sollen. Dieses Prinzip wird jedoch in Konfliktsituationen nicht von allen Akteuren respektiert und unterstützt, und ist oft schon allein aus logistischen und organisatorischen Gründen nicht ganz einzuhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Erkenntnis ein, dass humanitäre Hilfe in Konfliktkontexten nie neutral ist und stets Auswirkungen auf den Konflikt hat.
2. Das Local Capacities for Peace Project: Dieses Kapitel zeichnet den vierphasigen Entstehungsprozess des LCPP nach, der von Fallstudien bis zur Implementierung in Hilfsorganisationen reicht.
3. Der Do No Harm-Ansatz: Hier wird das Rahmenwerk erläutert, welches dazu dient, Hilfsprogramme durch eine systematische Analyse von Ressourcenflüssen und ethischen Botschaften konfliktsensitiv zu gestalten.
4. Die Möglichkeiten und Grenzen von Do No Harm: Dieses Kapitel reflektiert, dass der Ansatz zwar Hilfsorganisationen zur Verantwortung zieht und Professionalität fördert, jedoch keine Kriege an sich beenden kann.
5. Schlusswort: Das Schlusswort bilanziert den Erfolg und die weite Verbreitung des Do No Harm-Ansatzes in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit über die letzten zehn Jahre.
Schlüsselwörter
Do No Harm, Konfliktbearbeitung, Hilfsorganisationen, Gewaltprävention, Local Capacities for Peace Project, Ressourcentransfers, Konfliktkontext, humanitäre Hilfe, Entwicklungspolitik, Konfliktsensitivität, capacities for peace, capacities for war, nicht-intendierte Auswirkungen, ethische Botschaften, Krisengebiete.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Hilfsorganisationen in Konfliktregionen durch ihre Präsenz und Ressourcen ungewollt Einfluss auf Konfliktdynamiken nehmen und stellt Ansätze vor, um dies zu vermeiden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Konfliktanalyse, das Zusammenspiel von humanitärer Hilfe und Gewalt, sowie die praktische Anwendung von Methoden zur Vermeidung von Konfliktverschärfung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Do No Harm-Ansatz vorzustellen und aufzuzeigen, wie Hilfswerke ihre Programme systematisch anpassen können, um den Frieden zu unterstützen statt den Krieg anzuheizen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven Analyse, die sich primär auf das Werk von Mary Anderson sowie auf die Fallstudien und Ergebnisse des Local Capacities for Peace Project (LCPP) stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Entstehung des LCPP, die theoretischen Grundlagen der "capacities for peace", die Risiken von Ressourcentransfers sowie das operative "Do No Harm"-Rahmenwerk detailliert beschrieben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Do No Harm, Konfliktkontext, Gewaltprävention, Ressourcentransfers und konfliktsensitive Programmgestaltung.
Was sind laut Autor die "capacities for war"?
Dies sind Faktoren, die eine Gesellschaft entlang von Identitätsmerkmalen trennen und zur Eskalation oder Aufrechterhaltung von Gewalt beitragen.
Warum können laut der Arbeit auch Hilfsgüter problematisch sein?
Da Hilfsgüter materiellen Wert besitzen und Kontrolle über sie politische Macht bedeutet, können sie durch Diebstahl, Markteffekte oder ungleiche Verteilung unbeabsichtigt Kriegsparteien stärken.
Welche Rolle spielen implizite ethische Botschaften?
Hilfsorganisationen senden durch ihr Handeln – etwa durch die Bewaffnung von Personal oder den Umgang mit lokalen Mitarbeitern – Signale, die von der lokalen Bevölkerung als Bestätigung für Gewalt oder Ungleichheit interpretiert werden können.
- Quote paper
- Mike Bucher (Author), 2005, Do No Harm. Wie Hilfe den Frieden unterstützt, oder den Krieg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/72494